Wie wäre das, wenn im Jahr 2021 von einem Tag auf den anderen das Internet abgestellt werden würde? Nicht aus Versehen, wie in dem Witz über den Google-Mitarbeiter, der betrunken auf der Weihnachtsfeier an die falsche Taste kommt und dann vergeblich auf die Rückgängig-Funktion klickt – sondern per Beschluss durch die Regierungen der Nationen.
Die Digitalisierung ist den meisten staatlichen Verwaltungsinstanzen in den letzten Jahren davongaloppiert, so abwegig ist es nicht, dass jemand darauf kommt, die Reißleine zu ziehen – und obgleich das Internet sich scheinbar vollständig und unwiderruflich etabliert hat: es ist eigentlich nur ein Haufen Server und Kabel. Eine profane Utopie, an die wir uns gewöhnt haben, die aber keineswegs gesichert ist. Und wenn das alles, das ganze Internet weg wäre? Was würden wir verlieren, wie würde sich das Weltbild verändern? In welchem Ausmaße hat das Internet die Menschen geprägt, die mit ihm leben? Meist kann man so etwas ja erst im Rückblick sagen.
In Josefine Rieks Debütroman ist der Shutdown des Internets schon eine Weile vorbei und die Embleme unseres digitalen Zeitalters sind nur noch Elektroschrott, der bei Trödlern herumliegt. Hardware, Software, alles mehr oder weniger nicht mehr von Interesse. Der Protagonist Reiner, Mitte Zwanzig, ist einer der letzten, denen die Obsession mit dem Digitalzeitalter und seinen Accessoires noch nicht abhandengekommen ist: er sammelt Laptops, Computerspiele, Festplatten, Zubehör. Seine ganze Freizeit scheint mehr oder minder davon in Beschlag genommen – er ist so etwas wie der letzte lebende Nerd.
Eines Tages sucht ihn aus heiterem Himmel ein Schulkollege auf, den er eher flüchtig zu kennen scheint. Er fährt ihn zu einer Lagerhalle mit Servern, auf denen immer noch Daten aus der Internetzeit gespeichert sind. Der Freund, Meyer, will diesen digitalen Friedhof plündern und die Videos und Profile verhökern. Reiner ist dagegen erstmal nur von den Möglichkeiten fasziniert, seiner Leidenschaft zu frönen. Kurz darauf fahren sie gemeinsam nach Holland: Meyer weiß von noch einer Lagerhalle, größer, ehemals im Besitz von Google. Dort treffen sie auf eine Gruppe von Leuten, die eine ähnliche Obsession mit den digitalen Medien zu haben scheint …
Bei aller Begeisterung für die Idee und unter dem Vorbehalt, dass das Folgende sicher auch ein Geschmacksurteil ist: es hapert doch leider bei der Umsetzung an allen Ecken und Enden. Das fängt schon bei den Figuren an: abgesehen von einigen nicht ganz nachvollziehbaren Gefühlsschwenken, bleiben sie sehr blass und es ist, trotz der straighten Erzählweise, nicht wirklich möglich, einen Eindruck von ihrem Innenleben oder ihren Motivationen zu bekommen. Selbst Reiner, der mit der Zeit ein Profil bekommt – schüchterne Existenz mit Kommunikationsproblem – bleibt auf irritierende Weise unberechenbar und ziellos. Beziehungen unter den Figuren finden vor allem in Andeutungen und plötzlichen, im Anschluss anscheinend schon wieder unwichtigen, Interaktionen statt – was aber keine ambivalenten Stimmungen und Konstellationen erschafft, sondern schlicht irritiert. Als ginge das Buch dem Problem der Figurenzeichnung einfach konsequent aus dem Weg. Und wenn dann doch eine Figur ein Profil bekommt, ist es oft ein klar umrahmtes, aus dem diese Figur nie richtig ausbricht, als müsse sie eine bestimmte Rolle, eine bestimmte Funktion erfüllen.
So erscheinen fast alle auftretenden Figuren entweder als Mitglieder einer Null-Bock-Generation, kiffend und trinkend, oder einer idealistischen Minderheit. Der manchmal sprunghafte, dann oft wieder dahintröpfelnde und fast versiegende Handlungsbogen tut das Übrige; immer wieder hat man das Gefühl, jetzt gleich würde die Geschichte vielleicht endlich Fahrt aufnehmen. Aber sie tut es nicht; Konflikte verpuffen, interessante Fragen werden fallengelassen. Auch der Rest der Welt ist kein großes Thema und scheint sich nicht verändert zu haben, obgleich wir uns ja einige Jahre in der Zukunft befinden. Strom, Benzin, Billiglebensmittel, anscheinend alles kein Problem. Und erweiterte Umstände der zukünftigen Lebenswirklichkeit bekommen wir erst gar nicht zu Gesicht.
Das ganze Buch wirkt wie ein Versuchsaufbau, ein Gedankenspiel. Und in dieser Hinsicht funktioniert es auch: es stellt die Fragen nach der Wirkung und dem Sinn digitaler Vernetzung und digitaler Medien, ihrem Hype- und Sucht- und Attraktionscharakter, und führt die fast schon magische Bedeutung von YouTube-Videos und der Masse gespeicherter Daten deutlich vor Augen. Dieser Aspekt, diese Idee scheint durch, nur leider steckt sie in einem Roman fest, der damit nirgendwo hingelangt. Vielleicht ist das die Botschaft: die Aussichtslosigkeit im Angesicht der riesigen Datenmengen, der damit festgehaltenen, weltbewegenden Ereignisse, der großen Möglichkeiten, die doch daran scheitern, dass eine Gesellschaft nie so gut ist wie das Potenzial ihrer Utopie. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Interpretation den Roman irgendwie „retten“ würde – und tendiere, persönlich, eher zu einem Nein.
Das klingt nun alles sehr hart und es ist natürlich auch so, dass ich diesen Roman von einem Standpunkt aus beurteile, den man nicht teilen muss. Vielleicht hat Rieks ja wirklich auf ihre Weise den Spirit einer Generation eingefangen und vielleicht ist die Unterschwelligkeit ihrer Atmosphären, in denen nichts richtig an die Oberfläche kommt, sogar eigentlich ein großer Geniestreich, den ich einfach nicht als solchen würdigen kann. Trotzdem komme ich mit der Beliebigkeit und den unmotivierten Tendenzen in diesem Buch nicht zurecht.
Vielleicht ist es am Ende so, dass Rieks eigentlich eine Art Remix schreiben wollte, zu einem Buch, das ebenfalls ein großer Desillusionierungsroman und auch eine Generationsdiagnose war; es ist ja kein weiter Sprung vom Faserland ins Serverland. Und tatsächlich könnte ich mir gut vorstellen, dass Fans von Kristian Krachts vor 23 Jahren erschienenem Debüt durchaus auch von Josefine Rieks Buch begeistert wären. Da ich von Kracht nie sonderlich begeistert war, bin ich vielleicht schlicht der falsche Leser, der falsche Rezensent.
Josefine Rieks
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Serverland
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Neue Rezensionen zu Josefine Rieks
Es gibt so Bücher, bei denen kann man lediglich sagen: Ich habs versucht. Und auf Seite 204 entschieden, dass ich diesen Roman von Josefine Rieks nicht zu Ende lesen werde.
Ich habe nicht mal das Gefühl, dass ich ihm damit Unrecht tue. Es wirkt fast so, als wolle dieser Roman einen lediglich bis an die eigene Schmerzgrenze eskortieren. Als würde er sagen: Bleibst du noch oder wars das? Im (unterstellten) Unterton: Kannst du die Wahrheit (nicht) ertragen?
Diese "Wahrheit" beinhaltet wenig Neues und lässt sich bei aller Vielfalt der Handlungen eindampfen auf Obsessionen und die darin schlummernde, hervorbrechende Gewalt. Spannende Themen, die Rieks auch mustergültig (geschult an Werken wie American Psycho?) und mit enervierender Präzision, mit blendendem Bliss durchdekliniert. Faszinierend auch, wie in ihrem Buch die Spielarten der Sexualität nichts gegen oder lediglich ein Spiegel der Perversionen sind, die der Lifestyle enthält/darstellt.
Dies sei also betont: Handwerklich ist das famos, konsistent. Als "ultimative Provokation", wie Mara Delius Blurb sagt, würde ich das Buch aber nicht bezeichnen. Dafür sind Plot und Figuren in meinen Augen zu klinisch codiert, zu nachdrücklich an Erwartungen geknüpft und dann ein kleines bisschen gegen den Strich gebürstet. Dieses Taktile überzieht diese Prosa mit einer dünnen, dichten Schicht an Künstlichkeit und mündet in Vorhersehbarkeit (was sich beim Überfliegen der letzen hundert Seiten bestätigt). Und das ist dann meine Schmerzgrenze und mein Problem mit Exzess in der Literatur: nicht arrousing, provokativ, entlarvend, sondern ermüdend. Okay, entlarvend schon. Das muss man dem Buch zugestehen, neben seiner Konsequenz, Konsistenz.
Eine Welt ohne Internet? Der Klappentext klang total spannend. Aber leider weiß ich auch nach knapp 170 Seiten nicht, wie es dazu kam geschweige denn was die Autorin uns mit dem Buch sagen wollte.
Das fängt schon mal damit an, dass das Buch weder ein wirklich Anfang noch ein Ende hat. Man wird in die "Story" reingeschmissen und dort dann gefangen halten. Denn eine wirkliche Entwicklung gibt es nicht. Reiner sitzt mit den jungen Menschen in der niederländischen Pampa und zieht von alten Google-Servern Youtubevideos herunter. Mehr passiert die knapp 170 Seiten nicht. Weder erfährt man warum das Internet abgeschalten wurde, noch was das Ziel dieser "Community" ist.
Das einzige was man als Kritik betrachten könnte, ist die Beschreibungen von welchen Videos die Menschen dort angezogen werden. Allesamt Bullshit-Videos mit null Inhalt, wo man sagen könnte warum Menschen so einen Schrott drehen und andere sich das ansehen.
Aber auch die Figuren bleiben alle blass. Ich weiß bis jetzt nicht was Reiners Beweggründe sich der Bewegung anzuschließen, geschweige denn sein Motiv dort zu bleiben oder was er bewegen will. Auch die Nebenfiguren sind eine nur eine verschwimmende Masse, wo man schon 3 Seiten später sich nicht mehr an den Namen erinnern kann.
Mein Fazit: Die Idee des Buches klang wirklich vielversprechend und interessant, was dann aber herauskam war ein großes Nichts. Schade.





