Die Wunden unserer Brüder

von Joseph Andras 
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Die Wunden unserer Brüder
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Ein schmales Büchlein mit enormer Wucht. Andras überzeugt mit einer eindringlichen Geschichte über das wahre Schicksal von F. Iveton.

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Inhaltsangabe zu "Die Wunden unserer Brüder"

Fernand Iveton ist dreißig, als er im November 1956 für die algerische Unabhängigkeitsbewegung in einem verlassenen Gebäude eine Bombe legt. Der Algerienfranzose will ein Zeichen setzen, ohne Opfer zu riskieren. Doch Iveton wird verraten und noch vor der Detonation verhaftet. Nach tagelanger Folter verurteilt ein Militärgericht in Algier ihn zum Tode, und unter Mitterrand, dem damaligen Justizminister Frankreichs, wird er am 11. Februar 1957 hingerichtet. Ein Franzose auf Seiten der Algerier ist nicht tragbar. Joseph Andras erzählt diese wahre, ungeheuerliche Geschichte in all ihrer Aktualität. Sein gefeiertes Debüt ist ein literarisches Kunststück, „kurz und dicht birgt es eine unerhörte Kraft.“ (Le Monde)

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783446256415
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:160 Seiten
Verlag:Hanser, Carl
Erscheinungsdatum:24.07.2017

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    leseleas avatar
    leseleavor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Ein schmales Büchlein mit enormer Wucht. Andras überzeugt mit einer eindringlichen Geschichte über das wahre Schicksal von F. Iveton.
    "man sagt ja, Algerien sei auch Frankreich, aber das ist nicht dasselbe, das muss man schon sagen."

    Ich gestehe, dass mich dünner Bücher häufig abschrecken. Zum einen ist es meiner Meinung nach eine hohe, nicht von vielen Autoren beherrschte Kunst, in wenigen Worten und auf wenigen Seiten eine packende Geschichte zu erzählen, die den Leser über die kurze Dauer der Lektüre hinaus fesselt und beschäftigt; zum anderen habe ich einfach einen Faible für dicke detailliert erzählte Wälzer, in deren Kosmos ich über viele Lesestunden verschwinden kann. Daher ist es schon häufiger vorgekommen, dass ich potentiell interessant klingende, aber nur wenige Seiten umfassende Bücher in der Buchhandlung zurückgelassen und stattdessen ein anderes, umfangreicheres Buch gekauft habe. Glücklicherweise haben mich dieses Mal die mageren 160 Seiten von Joseph Andras Debütroman Die Wunden unserer Brüder nicht davon abgehalten, mir das Büchlein zuzulegen – andernfalls wäre mir nämlich eine literarische Perle verborgen geblieben, die nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch auf ganzer Linie überzeugt!

    Joseph Andras erzählt in Die Wunden meiner Brüder die wahre Geschichte des Algerierfranzosen Fernand Iveton, der sich in den 1950er Jahren dem Befreiungskampf der FLN anschloss und am 11. Februar 1957 vom französischen Staat – als einziger Europäer während des Algerienkriegs – hingerichtet wurde. Andras nimmt dieses tatsächlich gelebte Schicksal zum Ausgangspunkt seiner Erzählung und gibt es einer höchst gelungenen literarischen Verformung bei: Er schildert nicht nur Ivetons politische Aktivitäten, seine Verhaftung und Verurteilung, sondern rekonstruiert auch sein Leben vor und neben der Politik, erinnert an die Liebe zu seiner Frau Hélène und an seine Kindheit in Algerien – einem Land, in dem Araber und Europäer, Moslems und Juden durchaus friedlich und respektvoll miteinander leben konnten. Er kreiert so nicht nur ein Denkmal für das politische Opfer Iveton, sondern darüber hinaus auch einen höchst intensiven, mitreißenden und auf unbestimmte Weise packende Text – auch wenn das Ende der Geschichte schon mit Beginn der Lektüre unumkehrbar ist.

    Dies liegt vor allem an Joseph Andras großartigem Erzählstil. Abwechselnd stellt er in aufeinanderfolgenden Kapitel Ivetons Gerichtsprozess und seine Haft im Gefängnis Szenen seiner Vergangenheit – primär der Beginn seiner Liebesbeziehung mit Hélène – gegenüber. Die so erstehende Geschichte besticht nicht nur durch ihren Kontrastreichtum, sondern auch durch eine hohe Erzähldynamik. Das Geschilderte wirkt so ungemein dicht und eindringlich auf den Leser, als wäre jede Szene mit mehreren unsichtbaren Ausrufezeichen und Unterstreichungen versehen, die die Wichtigkeit jedes Wortes, jeder Beschreibung, jedes Erzählmoments hervorheben. Dieses Gefühl wird durch Andras lakonische und verkappte Sprache noch verstärkt: Hier wird kein Wort zu viel gesetzt, sondern auf weitschweifende Erklärungen und Überleitungen verzichtet, sodass Szenen ineinanderfließen, Dialogpartner manchmal im Unbestimmten bleiben und Interpretationen vom Leser selber, ohne Unterstützung des Textes, unternommen werden müssen. Gleichzeitig sind die von Andras gewählten Worte von so einer Zartheit und Klarheit, dass Die Wunder unserer Brüder immer wieder Züge von Lyrik annehmen: Neben der interessanten und lehrreichen Thematik wartet der Roman also auch mit einer ansprechenden, ja begeisternden sprachlichem Umsetzung auf.

    Ohne langes Nachdenken kann ich Die Wunden unserer Brüder als erstes Lesehighlight 2018 bezeichnen. Joseph Andras hat mich mit seinem anspruchsvollen und einnehmenden Debütroman vollends überzeugt, gelingt hier doch nicht nur, was erzählt, sondern auch wie erzählt wird. Ich wünsche dem Buch viele Leser und hoffe, dass nur wenige ein ähnlich zweifelhaftes Verhalten wie ich aufzeigen und dünne Büchlein unbeachtet im Bücherregal liegen lassen. Hier entgeht einem sonst ein sattmachender Literaturhappen, von dem man auch nach der Lektüre noch lange zehrt!

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    Die wahre Geschichte des einzigen Europäers, der 1957 im algerischen Unabhängigkeitskrieg hingerichtet wurde – ein preisgekröntes, poetisches Debüt

    „Einprägsam, doch ohne jede Rührseligkeit" Peter Burri, Basler Zeitung, 28.11.17
    „Unbedingt lesen!" Anja Weigmann, Nürnberger Nachrichten, 11.10.17
    „Ein schmales Buch mit großer Wucht." Matthias Zimmermann, Augsburger Allgemeine, 07.10.17
    „Der Algerienkrieg ist mit Joseph Andras´ Roman über die Verhaftung und Hinrichtung Fernand Ivetons in der Literatur angekommen … Claudia Hamm hat diesen gekonnt übersetzt und mit einem nützlichen historischen Glossar versehen.“ Joseph Hanimann, Süddeutsche Zeitung, 28.09.17
    „Aus dem Nichts tritt ein Debütant mit einem fulminanten Debüt hervor. … Das Ganze ist so packend und meisterhaft erzählt und komponiert, dass man kaum an einen Erstling glauben mag.“ Jürgen Ritte, Neue Zürcher Zeitung, 23.09.17
    „Ein atemberaubendes Kammerstück“ Cornelia Zetzsche, Bayern 2, 17.09.17
    „Ein kurzes Kapitel aus der französischen Kolonialherrschaft in Algerien. das in der Strenge der Erzählung unter die Haut geht." Martin Oehlen, Frankfurter Rundschau, 24.08.17
    „ 'Die Wunden unserer Brüder" ist nicht nur ein politisch wichtiges Buch, sondern auch sehr feine Literatur. Ein kleines, wichtiges, starkes Buch." Dina Netz, DLF Kultur, 22.07.17
    „Es ist ein Buch, das kann man dem deutschen Leser noch mit auf den Weg geben, über ein hierzulande immer noch wenig bekanntes Kapitel französischer Nachkriegsgeschichte - sehr lesenswert." Jochen Kürten, Deutsche Welle, 24.07.17

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