Joseph Hanimann

 4 Sterne bei 3 Bewertungen
Autor von Allez la France!, Antoine de Saint-Exupéry und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Joseph Hanimann

Antoine de Saint-Exupéry

Antoine de Saint-Exupéry

 (1)
Erschienen am 01.11.2013
Allez la France!

Allez la France!

 (1)
Erschienen am 08.09.2017
Vom Schweren

Vom Schweren

 (1)
Erschienen am 22.02.1999
Der Unzeitgenosse

Der Unzeitgenosse

 (0)
Erschienen am 13.03.2017

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Rezension zu "Allez la France!" von Joseph Hanimann

"Intellektuellendämmerung"
R_Mantheyvor einem Jahr

So heißt eine Kapitelüberschrift in diesem Buch. In diesem Abschnitt, der mit zu den besten in diesem Buch gehört, beschreibt sein Autor endlich auch einmal ein wesentliches Problem. Allerdings zählt es nicht zu den spezifisch französischen Besonderheiten, um die es eigentlich in diesem Text gehen soll, sondern trifft auf ganz Westeuropa zu. Mit der ihm eigenen intellektuellen Weitschweifigkeit beschreibt Hanimann, wie sich die französische Elite vom angeblichen einstmaligen "Ethos des Staatsdienstes" in die Logik des eigenen Vorteils aufmachte und sich auf diese Weise von den breiten Massen der Gewöhnlichen zunehmend entfernte. Über die Verachtung, die ihnen dabei nun entgegenschlägt, muss man sich also nicht weiter wundern.

Doch diese Entfremdung besitzt auch einen Aspekt, den Hanimann entweder nicht sieht, nicht sehen will oder nicht sehen kann: es ist die zunehmende Entfremdung der angeblichen Eliten von der Lebensrealität der Gesellschaft. Man kann dies übrigens (von Hanimann sicher ungewollt) auch an diesem Buch miterleben. Sein Autor spart einfach viele essentielle Baustellen der französischen Gesellschaft aus, entweder aus Unkenntnis oder aus Unwillen oder aber, weil sie von den Eliten tabuisiert werden. Stattdessen beschäftigt er sich (ähnlich wie die auch von ihm gescholtenen Leute) mit Randproblemen oder mit den geistigen Ausflüssen anderer Intellektueller über Frankreich, seine Geschichte, über die Mentalität seiner Bürger und über seine Kultur. Dass man das Buch dennoch gut finden kann, liegt allein daran, dass man in ihm viele wirklich interessante Details findet. Liest man es jedoch mit dem Wunsch, die französische Misere verstehen zu wollen, dann wird man dabei nicht glücklich. Offenbar befindet sich auch Hanimann in der Phase der Dämmerung oder der Verblendung.

Frankreich scheint nicht reformierbar zu sein, weshalb man gespannt sein darf, wie der aus dem Nichts gekommene und plötzlich mit absoluten parlamentarischen Mehrheiten ausgestattete französische Präsident sein Land umwälzen wird. Übrigens hinterfragt auch Hanimann dieses Ereignis nicht wirklich. Wenn man sein Buch liest, so bekommt man einen gewissen Eindruck von Frankreichs Geschichte und manchen Traditionen. Meist unter dem Gesichtspunkt einer intellektuellen Literaturrecherche und weniger aus dem Blickwinkel des ganz gewöhnlichen Franzosen. Sie kommen zwar auch vor, beispielsweise, wenn Hanimann über die französische Familie und rituelle Vorgänge im Alltagsleben erzählt, aber das sind eher Randerscheinungen in diesem Buch, die jedoch gleichzeitig die erheblichen (aber offenbar vom Autor nicht wahrgenommenen) Widersprüche zwischen seinen Wahrnehmungen und seiner Geisteshaltung zeigen.

Wie die meisten Medienintellektuellen hält Hanimann beispielsweise die Nation für nicht mehr besonders zeitgemäß. Das kann man zwischen den Zeilen und gelegentlich auch direkt bei ihm lesen. Andererseits zeigen seine Beschreibungen zum Beispiel des Familienalltags und seiner französischen Besonderheiten oder auch von Ereignissen aus der französischen Geschichte, wie gerade nationale Eigenheiten, eine gemeinsame historische Erfahrung und unausgesprochene, aber wesentliche Grundlagen des Zusammenlebens im Alltag den Kitt bilden, den eine Gesellschaft zusammenhält. In Frankreich und überall auf der Welt. In Frankreich leben jedoch inzwischen verschiedene Volksgruppen separat nebeneinander. Zwischen ihnen fehlt eben genau das, was jeweils innerhalb dieser Gruppen vorhanden ist. Natürlich ist das kein Thema in diesem Buch.

In ihm fehlt auch jede Beziehung zur französischen Wirtschaft und ihren enormen Problemen. Oder zum Euro, unter dem Frankreich leidet, weil er kein Ausgleichsventil für die schwächelnde Ökonomie mehr bietet. So lange es auf diesem Gebiet keine radikalen Änderungen geben wird, bleibt alles Geschwätz über eine "radikale Nation" fruchtlos, weil letztlich alles vom Erfolg oder Misserfolg Frankreichs auf den Weltmärkten abhängen wird. Ein Sozialstaat muss dauerhaft finanzierbar sein. Und das geht, wenn überhaupt, nur mit einer konkurrenzfähigen Wirtschaft, die Frankreich zunehmend abhandengekommen ist. Im Buch spielt das jedoch keine Rolle. Frankreichs intellektuelle Elite (oder das, was sich dafür hält) spielt lieber auf anderen Gebieten, etwa der Geschlechtergleichheit oder im Extremfall bei der Abschaffung der irgendwie nicht ins Gleichheitskonzept passenden Familie. Dass das nicht die Alltagswelt normaler Franzosen ist, dürfte wenigstens unter nicht gar so elitären Menschen verständlich sein.

Zur Alltagswelt der Franzosen gehört zum Beispiel auch der zunehmende Verfall von kleineren Städten. Das ist jedoch kein Thema in diesem Buch. Warum, so kann man fragen, beschäftigt sich Hanimann nicht mit den Wählern von Le Pen, die schließlich einen Grund für ihre Wahl gehabt haben werden? Warum spart er die Rolle der französischen Gewerkschaften aus, die seit Jahren jeden sinnvollen und nötigen Reformversuch in Frankreich verhindern? Zwar erwähnt Hanimann die problematische Separiertheit innerhalb der französischen Gesellschaft, geht aber nicht weiter auf sie ein, obwohl gerade dort die Zündschnur erheblicher Konflikte immer noch glimmt. Man könnte noch manch andere Frage stellen, die zeigt wie kulturlastig und einseitig dieses Buch ist. Frankreich kommt nur wieder auf die Beine, wenn es sich mit den wirklichen Problemen befasst und sie löst. Allerdings kann man auch nach dem Lesen dieses Buches sehr skeptisch sein, ob das vor einem offenen Ausbruch der Konfliktpotentiale überhaupt möglich sein wird.

Den Gewöhnlichen dürfte auch aus eigenem Erleben klar sein, dass Wohlbefinden auch und vor allem eine Frage des ökonomischen Erfolgs ist und nichts mit irgendwelchen hochtrabenden Diskussionen über alles Mögliche zu tun hat. Intellektuellen, die in ihrer ganz eigenen Blase leben, entgehen diese trivialen Zusammenhänge leider oft. Dieses Buch ist dafür auch ein Beleg. Andererseits kann man aus ihm eine Menge lernen, nur eben nicht zum Kern des Problems.

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