Joseph Wittlin

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Das Salz der Erde

Das Salz der Erde

 (8)
Erschienen am 27.03.2014

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Rezension zu "Das Salz der Erde" von Joseph Wittlin

Von Krieg und Entmenschlichung
Wortweltenvor 4 Jahren


Jeder Mensch hat etwas, wovon er sich trennen muß.
(S. 21)

Für einen altersschwachen Kaiser bedeutet Krieg nicht mehr als eine Unterschrift. Ein paar Buchstaben auf einem beschrifteten Blatt Papier, und für seine Untertanen, für die Bevölkerung der gesamten Welt, verändert sich von einem Moment auf den nächsten alles. Familien werden auseinandergerissen, Blut tränkt den Boden. Auch wenn Joseph Wittlin mit Das Salz der Erde einen Roman über den Ersten Weltkrieg geschrieben hat, schildert er doch sehr präzise die sich immer wiederholende Mechanerie, die hinter solchen Kriegen steht, die Bedeutungslosigkeit des einzelnen Lebens. Eines dieser Leben ist das des Protagonisten Peter Niewiadomski, ein einfacher Bahnwärter vom Land. Einerseits zufrieden mit seiner Arbeit, seinem Hund, seiner Geliebten, strebt er doch nach etwas Höherem, nach etwas von Bedeutung, und so erscheint ihm anfangs die Einberufung als Soldat im Auftrag der k. u. k. Armee als Auszeichnung, darf er doch auf diese Weise direkt dem Kaiser dienen. Doch gleichzeitig beschleichen ihn auch Zweifel, spürt er schon, wie bedeutungslos der einzelne Mensch ist auf dem Weg in den Krieg.

Dies scheint das Schicksal aller Menschen zu sein, die ihr Leben immer an einem Ort verbracht haben. Wenn irgendeine höhere Gewalt sie unerwartet aus dem Mutterboden reißt, werden sie sich fremd. (S. 153)

Wittlin entfaltet die Handlung des Romans sehr langsam. Überaus detailliert erfährt man Hintergründe und Alltag von Peter Niewiadomskis Leben, den Beginn des Krieges und die Auswirkungen auf das Huzulendorf, in dem er lebt, dann den Vorgang der Musterung, die Reise und die Ankunft im Ausbildungslager, all das eingewoben in die realen historischen Ereignisse, in Siege und Niederlagen, in den Tod des Papstes. Hierbei schwenkt der namenlose Ich-Erzähler auch immer wieder auf andere Figuren, auf andere Perspektiven, sodass die Auswirkungen der Ereignisse nicht nur auf den einfachen Mann vom Land, sondern auf viele Persönlichkeiten dargelegt werden, sei es der jüdische Militärarzt, der entscheidungsüberforderte Pfarrer, der linientreue Stabsfeldwebel oder andere Menschen, denen Peter im Laufe des Romans begegnet. Mitunter wirkt der Text sehr ausführlich in den Details, an einigen Stellen redundant, doch dafür entschädigt die dezente Poesie und der sehr fein gezeichnete ironische Humor, der trotz des ernsten Themas immer wieder hervorblitzt.

In Friedenszeiten zählt die Gemeinde jedem Menschen vor, daß er das einundzwanzigste Lebensjahr vollendet hat, und jeder muß sich beim Militär melden. Blind, hinkend, taub, buckelig – einerlei: einmal im Leben muß sich jeder stellen. Beim Militär ist es nämlich wie in der Heiligen Schrift: alle sind berufen, aber nicht jeder ist auserwählt. (S. 48)

Aus der Perspektive eines einfachen Landbewohners schildert Joseph Wittlin in seinem 1935 erstmals erschienenen Roman die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf die Menschen, die ihn für die Mächtigen austragen mussten. Auch wenn der Roman kein Frontbericht ist, sondern vor allem die langsame Bewusstwerdung eines einzelnen Menschen nachzeichnet von der Ausrufung des Krieges bis zur Einberufung und Ankunft im Ausbildungslager, zeugt er von klarer Beobachtungsgabe und vielseitiger Reflexion. Letztlich ist es vor allem ein Roman, der den Weg eines einfachen Mannes auf der Suche nach Bedeutung hin zur Wandlung zum Soldaten beschreibt, der als Individuum jegliche Bedeutung verliert.

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Rezension zu "Das Salz der Erde" von Joseph Wittlin

Am Anfang war.....
vielleser18vor 4 Jahren

Peter Niewiadomski ist Anfang vierzig, etwas naiv und weltfremd und Analphabet, aber er hat seine eigenen Gedanken,  er beobachtet seine Umgebung auf seine ihm eigene Art.
Man schreibt das Jahr 1914, Peter ist Bahnwärter in den Karpaten und eigentlich strebt er nur nach einer ganz besonderen Beförderung: er möchte auch Träger einer Eisenbahnerkappe sein. Doch dann verändert ein Ereignis ganz Europa: der erste Weltkrieg bricht aus.

Joseph Wittlin beschreibt in diesem Buch, das eigentlich ein Auftakt einer Trilogie werden sollte, die aber nie weitergeführt worden ist, nur vier Wochen. Vier Wochen von Ende Juli bis Ende August. Einschneidende Wochen, nicht nur für Peter Niewiadomski, dem Huzulen aus den Karpaten.
Peter bekommt Post von "seinem Kaiser", er wird einberufen, einberufen in den Krieg. Ein Krieg, bei dem Peter glaubt, dass er nach sechs Wochen vorbei sein würde. Dennoch , die Gedanken über Tod und Leben sind allgegenwärtig. 

Wittlin lässt uns durch Peters Augen sehen. Er beschreibt die Einberufung, die Musterung, die lange Fahrt ins weite Ungarn, dorthin verschlägt es Peter. Dort wird er eingekleidet und ausgerüstet werden und dort wird er zum Soldaten werden. Hier - im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarns - treffen Welten aufeinander. Und dann ist auch der Krieg noch da. Die Angst.

Im Lager treffen wir auf einen weiteren Protagonisten, den Berufssoldaten Bachmutiak, der mit Leib und Seele nach Zucht und Ordnung und seinen Dienstvorschriften lebt - bis auf einen Tag in der Woche, an dem er alles hinter sich lässt. Für ihn sind nur Soldaten Menschen. Die neuen Rekruten möchte er formen, zu "Menschen machen".


In diesem Buch kommt es zu keiner einzigen Kampfszene. Alles ist nur die Vorbereitung, der Beginn. Das Buch ist keine leichte Kost, keine leichte Lektüre. Es ist eine Erzählung. Eine Welt, die sich verändern wird, in diesem Juli 1914, nicht nur für diesen Huzulen, verändert sich vor unseren (Leser)Augen. Wie der Zug, der Peter von seinem Heimatort nahe Lemberg nach Ungarn bringt, wie die Landschaft, die sich währende seiner Reise verändert, so verändert sich auch Peter, so verändert sich draußen die Welt.
Aus dem Bahnhofswärter wird ein Soldat geformt, das Individuum wird zu einem Teil einer großen Truppe.

Wittlin gelingt es die Stimmung, die Gefühle in Worte zu packen, anschaullich zu erzählen  - auch für uns Leser, die dieses Buch 80 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung vielleicht zum ersten Mal lesen.

Wittlin wurde 1896 im galizischen Podolien geboren. Bis 1918 ist Galizien Kronland des Kaisertums Österrreich-Ungarn, Ostgalizien ist heute Teil der Ukraine. 1935 erschien "Salz der Erde". 1976 starb Joseph Wittlin in New York.

2014 wurde das Buch "Salz der Erde" vom Fischer Verlag in einer neuen Taschenbuchausgabe mit einem Nachwort von Martin Pollack erneut veröffentlicht.

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Rezension zu "Das Salz der Erde" von Joseph Wittlin

Der Weg zum Soldaten
Schreibschnegelvor 4 Jahren

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs trifft Peter Niewiadomski völlig unvorbereitet. Der huzulische Bahnwärter lebt in den Karpaten und hat zwei Leidenschaften: die Eisenbahn und seinen Hund Bass. Beide muss er hinter sich lassen, als er an die Front gerufen wird. Nach seiner Ankunft in einem Ausbildungslager erlebt er mit, wie aus ahnungslosen Bauern Soldaten geschmiedet werden.
Joseph Wittlins Jahrhundertroman „Das Salz der Erde“ war ursprünglich als erster Band einer Trilogie geplant, doch der Autor stellte die Folgebände nie fertig. So umfasst der Roman auch nur die ersten Kriegsmonate und endet mit Peter im Kader, noch ehe er zum Soldaten ausgebildet wurde, geschweige denn an der Front angekommen ist. Wittlin widmet sich stattdessen ausführlich der Darstellung der Zeit: dem Leben im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn, der Stimmung zu Beginn des Krieges, den Denkmustern des Protagonisten. Was langweilig klingen mag, liest sich erstaunlich kurzweilig. Wittlin ist ein Sprachkünstler, der die alltäglichsten Verrichtungen bildreich, lebendig und humoristisch beschreiben kann. Peters naive Perspektive, die im Roman überwiegt, ermöglicht es dem Autor, die bedrückenden Geschehnisse ins Lächerliche zu ziehen, so dass die Lektüre nicht halb so belastend ist, wie sie es hätte sein können.
Das Buch hat dennoch Längen – bis Peter an die Front gerufen wird und auch tatsächlich abreist, verbringt der Leser sehr viel Zeit in seinem Heimatdorf und in Peters eingeschränkter Weltsicht. Dass dieser Protagonist nicht sonderlich sympathisch ist, kann auch Wittlins erzählerische Finesse nicht völlig ausgleichen. Spannend wird es wieder, als Peter im Lager ankommt, in dem er zum Soldaten ausgebildet werden soll. Hier führt Wittlin einen neuen Charakter ein, durch dessen Augen der Leser das Militär nochmal neu sehen lernt: den Stabsfeldwebel Bachmatiuk. Für diesen sind Disziplin und Ordnung die höchsten Güter auf der Welt. Seine Sichtweise des Prozesses, wie aus Zivilisten Soldaten werden, ist höchst einprägsam und fesselnd und liefert eine willkommene Abwechslung zu Peters Gedankengängen.
„Das Salz der Erde“ ist unterhaltender, als man bei der Thematik erwarten könnte, aber dennoch keine leichte Lektüre für zwischendurch. Dass der Roman vor dem Kampf an der Front endet, legt den Fokus weniger auf Action und Handlung als vielmehr auf die Schilderung der Umstände und der Stimmung. Wittlins scharfsichtige Schilderung der Unmenschlichkeit des Militärs ist zeitübergreifend und lässt den Leser nachdenklich zurück. 

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abas avatar
Ich freue mich, eine für die Teilnehmer der Romane-Challenge exklusive Leserunde zu dem Klassiker "Das Salz der Erde" von Joseph Wittlin eröffnen zu dürfen.

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Peter Niewiadomski lebt zufrieden als Bahnwärter in den Karpaten. Er hat sein Auskommen, eine Geliebte, einen Hund. In diese Ruhe bricht die Nachricht: Der Thronfolger wurde erschossen, Peter wird an die Front einberufen. Die Schrecken des Weltkrieges vermag sich zu diesem Zeitpunkt noch niemand ausmalen. Dunkle Bedrohung und Hilflosigkeit lassen Peter klarer sehen, was ihm Heimat, Zukunft und Europa bedeuten.

Mit einem Nachwort von Martin Pollack.

Mit Daten zu Leben und Werk.

Über Joseph Wittlin

Joseph Wittlin wurde 1896 in Dmytrów bei Radziechów (heute Ukraine) geboren und starb 1976 in New York. Er studierte Philosophie und moderne Philologie in Wien und Lemberg (heute Lwiw, Ukraine), diente von 1916-1918 in der österreichisch-ungarischen Armee. In den zwanziger Jahren arbeitete er als Lehrer, Dramaturg und Kritiker, wurde dann freier Schriftsteller. 1941 emigrierte er in die USA. Der Roman "Das Salz der Erde" ist der erste Teil der nicht vollendeten Trilogie "Die Geschichte vom geduldigen Infanteristen" und gilt als sein literarisches Hauptwerk. Außerdem übertrug er u.a. Homers "Odyssee", Joseph Roths "Hiob" und "Kapuzinergruft" sowie Hermann Hesses "Der Steppenwolf" ins Polnische.

Zusammen mit den S. Fischer Verlagen lade ich euch zu einer Leserunde zu diesem Klassiker ein.

Für die Leserunde werden vom Verlag 5 Freiexemplare zur Verfügung gestellt. Diese werden nur unter den Interessenten verlost, die an der Romane-Challenge teilnehmen. Jeder kann aber auch mit eigenem Exemplar teilnehmen!

Wer ein Exemplar gewinnen möchte, kann sich bis zum 30.09.2014 unter der Rubrik "Bewerbung/Ich möchte mitlesen" mit Angabe des Links zum jeweiligen Sammelbeitrag im Thread der Romane-Challenge bewerben.
Die Bücher werden verlost, das heißt, der Zufall entscheidet und alle Bewerber haben die gleiche Chance, ein Leseexemplar zu gewinnen.

Nichtdestotrotz würde ich mich sehr freuen, wenn ihr bei eurer Bewerbung auch einen Kommentar oder eine Meinung zum Thema dieses Buches schreiben würdet. So entsteht schon vor Beginn der Leserunde ein Austausch.

Ich bin gespannt auf eure Bewerbungen!

Eine Bitte: Benutzt die Spoiler-Funktion bei euren Bewerbungen nicht. Danke!

Wichtig:
Im Gewinnfall verpflichten sich die Teilnehmer der Leserunde, innerhalb von ca. vier Wochen zum Austausch in allen Abschnitten sowie zum Schreiben einer Rezension.

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Letzter Beitrag von  Wortweltenvor 4 Jahren
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