Dies war, schätzungsweise 1995, mein allererster True-Crime-Roman, den ich gelesen habe. Über 30 Jahre später habe ich das Buch noch einmal hervorgeholt. Die Tragik dieses Verbrechens lässt einen auch noch nach so vielen Jahren erschaudern. Die Autorin konnte so viele Fakten zu dem Verbrechen sammeln, wie es eigentlich die Polizei und die Staatsanwaltschaft hätte tun sollen, damit die Mörderin der kleinen Kristie ihre gerechte Strafe erhält. Wie viel Macht einen Fall zu drehen und den Tatsachen zu widersprechen die Presse damals schon hatte, ist schier unglaublich und macht einen fassungslos. Joyce Eggenton hat in ihrem Buch, aber nicht nur die Fakten aneinander gereiht, sondern auch versucht die Gefühle der Familie Fischer zu beschreiben und die Hintergründe beleuchtet. Einen Stern Abzug gibt es von mir lediglich, weil ich es als sehr anstrengend empfand, die zu klein gewählte Schriftgröße, zu lesen. Aber vielleicht war das in den 90ern Standard ;)
Joyce Egginton
Lebenslauf
Alle Bücher von Joyce Egginton
Es geschah nebenan
Es geschah nebenan,
Es geschah im Kinderzimmer
Neue Rezensionen zu Joyce Egginton
EIn Zeitraum von 14 Jahren .... und 9 tote Kinder...
Mein Gott, wie ist das möglich???? Kriegt das denn keiner mit???? Was ist mit dem Ehemann???
Es begann Anfang der 70er Jahre. Die Mutter Marybeth verliert kurz nach der Geburt ihre Tochter. Sehr traurig, aber kann vorkommen.
Aber auch ihre nachfolgenden Kinder werden nur einige Monate, maximal ein paar Jahre alt.
Marybeth ist eine unscheinbare Frau, geht ihrer Arbeit nach und kommt auch sauber daher. Ihre Babys liebt sie, eigentlich fehlt ihnen nichts.
Man geht von einem Erbfehler aus. Kindstod. Keiner kann was nachweisen. Selbst dann nicht, als auch ein Adoptivkind den Tod findet.
Warum? Marybeth zog mit ihrem Mann öfters um, jedesmal ein Neuanfang. Neue Kollegen, neue Freunde, neuer Kinderarzt. Keiner kennt die ganze Geschichte, immer nur einen Teil.
Das Krankenhaus wird gewechselt. Kindstod erscheint nicht in den Polizeiakten, ist damals auch noch relativ unerforscht gewesen.
Autopsien wurden nicht gemacht.
Jeder Tod ist an und für sich plausibel.
Erst nach dem 9. Tod kam es zu Nachforschungen und zur Verurteilung.
Aber doch sicher nur in Amerika... dachte ich. Und leider, zwei Tage nachdem ich das Buch durch hatte, kam in den Nachrichten: 2 Kinder in der Kühltruhe gefunden... 10 km von mir entfernt.
Fazit: man kann nicht in die Menschen hineinschauen, leider. Deshalb umso mehr die Augen offen halten und nicht alles einfach hinnehmen.
Was mich so nachhaltig an das Buch gebunden hat, war nicht nur die Thematik, sondern auch die Art und Weise wie es aufgebaut ist. Es beginnt mit dem entscheidenden und letzten Mord an Tami Lynne, für den Marybeth am Ende auch verurteilt wird. Wir lernen sie, genau wie ihre neue Freundin Cynthia, neu kennen und arbeiten uns von der Schale, bis nahe zum Kern vor. Das fesselt von der ersten bis zur letzten Buchseite und lässt einen auch danach nicht so ohne weiteres los.
Das Buch ist in vier große Abschnitte gegliedert und folgerichtig aufgebaut. Das erleichtert das Verstehen dieser Tragödie und bildet den roten Faden, der den Leser auch sicher durch die vielen Interviews von Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen, den Behördenmitarbeitern, der Polizei und dem medizinischen Personal führt. Anhand dieser kurzen Aufzählung wird schon deutlich, dass sich die Autorin große Mühe bei der Betrachtung des Ganzen gegeben hat. Ihr kam es definitiv nicht darauf an abzuurteilen, sondern die Umgebung zu erfassen, in der neun Kinder ihr Leben ließen.
Auch wenn die Autorin über die meiste Zeit sehr sachlich bleibt, sind die Gespräche mit den Betroffenen stark emotional geprägt, was an mir nicht vorbei ging. Manches Mal muss man sich auch selber dazu anhalten, nicht alles gleich als Fakt aufzufassen – denn am Ende gab es nicht nur die realistische Beschreibung von Marybeth, sondern auch eine menge Tratsch und Klatsch, worauf die Autorin an wenigen Stellen auch hinweist.
Insgesamt gelingt es ihr gut, dieses soziale Gefüge an den Leser zu bringen. Mithilfe der Ärzte und den Autopsieberichten, zeichnet sie ein recht genaues Bild von den Taten. Was nicht im einzelnen beschrieben ist, setzt sich in der eigenen Fantasie mühelos zusammen. Daher stimme ich absolut darin überein, dass kein Krimi spannender und aufwühlender sein könnte, als dieser Bericht. Denn auch wenn das Ergebnis, die Verurteilung von Marybeth, bereits feststeht, ist es so aufgebaut, dass man sich in die jeweils aktuellen Geschehnisse hineinversetzt und wie ‚live‘ miterlebt. Durch diesen Erzählstil und die tadellos eingefügten Augenzeugenberichte, kommt man gar nicht umhin, dieselben Emotionen zu durchleben, wie die Personen zur damaligen Zeit.
Was mir persönlich gut gefallen hat ist die Tatsache, dass Marybeth auch psychologisch beleuchtet wird und sie nicht nur als Monster in Erscheinung tritt. Die fehlende psychologische Behandlung nach dem Tod ihres Vaters und des dritten Kindes, hat nach Einschätzung aller Experten, eine folgenschwere Kettenreaktion ausgelöst. Der Selbsthass, die Minderwertigkeitskomplexe und die angedeutete traumatische Kindheit von ihr, werden soweit möglich mit bedacht und ergeben am Ende ein stimmiges Bild von der Person Marybeth Tinning. Etwas schwierig ist sicherlich die Tatsache, dass Marybeth selber nichts zu diesem Buch beigetragen hat und auch ihre Mutter, die durchaus vom gestörten (und evtl. vom Missbrauch zerstörten) Verhältnis zum Vater hätte berichten können, sich bedeckt hielt. Klar wird nur, dass sie eine sehr ambivalente Beziehung zu ihren Eltern und insbesondere zu ihrem Vater hatte. Die Möglichkeit, dass sie mit ihrem einzigen Schwangerschaftsabbruch, dass Kind ihres Vaters wegmachen ließ (damals noch illegal), wird vorsichtig in Erwägung gezogen, eine handfeste Aussage gibt es dazu nicht.
Sehr gut dargestellt ist auch das Versagen des ganzen Systems und im Nachhinein kann man wirklich nicht sagen, was hätte anders laufen müssen, damit Marybeth ihre Kinder nicht hätte umbringen können. Angefangen vom Ehemann, dem Krankenhauspersonal/ der Ärzteschaft, der Missbrauchsstelle für Kinder über die Polizei/ Staatsanwaltschaft über die Familie/ Verwandte und Bekannte – einfach alle haben zu wenig miteinander kommuniziert und die Fälle immer losgelöst voneinander betrachtet. Auch sehr wichtig fand ich die Anmerkung der Autorin, dass Marybeth nie ernst genommen worden ist. Ihre auffälligen Verhaltensweisen haben die meisten mal genervt und mal gutmütig ungeduldig zur Kenntnis genommen, dass ein tiefliegendes Problem dahinter steckte, hat niemand sehen können/ wollen. Und obwohl man heute in psychologischer Sicht schon sehr viel weiter ist als zu jener Zeit, geschieht das noch viel zu oft. Daher kann man auch diese tragische Geschichte wieder als mahnendes Beispiel dafür nehmen, dass es sich lohnt genauer hinzusehen und nicht selbstverständlich die einfachste Lösung anzunehmen, nur weil es bequemer ist. In diesem Fall, hätte es vielen Kindern das Leben gerettet.
Am Ende des Buches war ich, wie die Geschworenen, sehr ausgelaugt und geschafft. Trotz des Urteils stellt sich keine wirkliche Erleichterung ein. Wie könnte sie auch, wenn am Ende so viele Babys betrauert werden müssen. Als Leser kommt man zu dicht an die Abläufe heran, als dass es möglich wäre, sich dieser Dramatik zu entziehen. Dieses Buch übertrifft nicht den Horror-Roman weil es besonders grausam ist, sondern weil es real ist. Und sich das bewusst zu machen, ist Horror genug.
Joyce Egginton gelingt ein sehr vielschichtiges und bemüht alle Aspekte beleuchtendes Buch, was die Geschehnisse der 14 Jahre nicht nur zusammenfasst, sondern auch die Missstände der damaligen Zeit toll aufarbeitet.
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