Die Gestalt der Ruinen

von Juan Gabriel Vásquez 
3,6 Sterne bei8 Bewertungen
Die Gestalt der Ruinen
Bestellen bei:

Neue Kurzmeinungen

krimielses avatar

Großartig geschriebener Einblick in kolumbianische Geschichte

A

Die Gestalt der Ruinen

Alle 8 Bewertungen lesen

Auf der Suche nach deinem neuen Lieblingsbuch? Melde dich bei LovelyBooks an, entdecke neuen Lesestoff und aufregende Buchaktionen.

Inhaltsangabe zu "Die Gestalt der Ruinen"

Kolumbien 1948: Der liberale Politiker Jorge Eliécer Gaitán wird in Bogotá auf offener Straße ermordet. Sein Tod stürzt Kolumbien in die tiefste Krise seiner Geschichte. Jahrzehnte später wird ein Mann verhaftet, als er versucht, den Anzug Gaitáns aus einem Museum zu stehlen. Überzeugt von einer Verschwörung und besessen von der Suche nach der Wahrheit hinter der Ermordung Gaitáns bedrängt er auch den Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez. Hängt das Attentat auf Gaitán mit dem auf John F. Kennedy zusammen? Und welche Verbindung gibt es zu den Attentaten auf Erzherzog Ferdinand in Sarajevo und Rafael Uribe Uribe in Kolumbien?
'Die Gestalt der Ruinen' deckt ein komplexes Geflecht von Anhängern und Gegnern der Demokratie auf und fragt nach dem Spielraum der Literatur zwischen Investigation und Skepsis. In seinem schonungslosen Roman verknüpft Juan Gabriel Vásquez die leidenschaftliche Erforschung all dessen, was unsere Freiheit gefährdet, mit klugen autobiografischen Reflexionen: Geschichte und Politik spiegeln sich im eigenen Leben und Schreiben.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783895610172
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:528 Seiten
Verlag:Schöffling
Erscheinungsdatum:04.09.2018

Rezensionen und Bewertungen

Neu
3,6 Sterne
Filtern:
  • 5 Sterne0
  • 4 Sterne5
  • 3 Sterne3
  • 2 Sterne0
  • 1 Stern0
  • Sortieren:
    Orishas avatar
    Orishavor 11 Tagen
    Historische (Un-)Wahrheiten Kolumbiens

    Als der Anzug des ermordeten Politikers Jorge Elicier Gaitan vermeintlich gestohlen werden soll, beginnt sich Vasquez zu erinnern: an längst vergangene Ereignisse und Begegnungen. An die Geburt seiner Töchter, an die Bekanntschaft mit dem Arzt Benavides und einen Mann namens Carballo. Besonders letzterer wühlt sein Leben auf und Vasquez beginnt sich mit den Geschichten seines Landes auseinandersetzen

    Juan Gabriel Vasquez hat ein gutes Buch geschrieben. Ein Buch, das die Geschichte Kolumbiens im 20. Jahrhundert durchkämmt und zwei Ereignisse ans Licht bringt, die Kolumbien umwälzten: die Ermordung von Rafael Uribe Uribe 1914 und den Mord an Jorge Elicier Gaitan 1948. Beide Männer standen für ein liberaleres Kolumbien,  beide wurden getötet. Und bei beiden ranken sich Mythen um ihren Tod. Diese nimmt sich Vasquez vor und nimmt den Leser mit in die Welt der Verschwörungstheorien. ‚Wer sind die?/ Quienes son?‘ das ist die zentrale Frage.

    Dabei bedient sich Vasquez historischer Fakten, die er geschickt mit diesen Theorien verknüpft. Das erzeugt einen Sog, dem ich mich als Leserin nicht entziehen konnte. Man kann nun sicher über Verschwörungstheorien denken, was man mag – sie faszinieren und bergen gleichzeitig Gefahr sie für die Wahrheit zu halten.  Und das nutzt Vasquez für sich. Für mich – subjektiv – war das Buch sprachlich und inhaltlich ein Vergnügen, das mir die Geschichte eines Landes näher brachte, mit dem ich mich nur bedingt auskannte und das hat Spass gemacht. Das tröstet auch über ein paar Längen hinweg, die das Buch aufweist.

    Fazit: Ein tolles Buch, spannend, gut geschrieben, mit Lerneffekt und ein paar Längen. 4 Sterne. Lesenswert.

    Kommentare: 1
    17
    Teilen
    A
    ArnoZischofskyvor 13 Tagen
    Kurzmeinung: Die Gestalt der Ruinen
    Die Gestalt der Ruinen

    Carlos Carballo ist ein seltsamer Mann, der eines Tages durch einen Museumseinbruch Schlagzeilen macht. Sein Leben hat er der Aufklärung politischer Morde gewidmet. Ein Thriller mit autobiographischen Zügen. Leider sehr langatmig geschrieben. Dadurch geht die Spannung verloren, und das lesen wird mühsam.

    Kommentieren0
    0
    Teilen
    Filip2806s avatar
    Filip2806vor 21 Tagen
    Kurzmeinung: Ein recht spannender Roman, welcher sich aber teilweise in die Länge zieht.
    Lateinamerikanischer Roman mit spannender Handlung

    Liebe Lovelybookscommunity,
    Inhaltlich gesehen spielt die Handlung in Kolumbien, wodurch auch die Geschichte Kolumbiens hauptsächlich zur Thematik der Handlung wird. Der Protagonist setzt sich mit zwei Attentaten an zwei Persönlichkeiten (General und Politiker) auseinander. Positiv anzumerken ist, dass Vasquez der Autor ist, aber zugleich eine fiktive Person im Roman darstellt. Das macht das Lesen viel abwechslungsreicher und spannender. Viele der Charakterzüge sowie Merkmale aus der Biographie von Vasquez stimmen hundertprozentig überein. Da ich auch teilweise an Verschwörungen glaube (9/11 … ) fand ich schön, dass Verschwörungen zu einer Nebenthematik durch Carlos Carballo wurden. Dies hat mich noch mehr angereizt, den Roman schneller fertig zu lesen. Die Nebenthematik wurde durch Vasquez gut umgesetzt. Was man am Ende doch glauben soll, wie etwas geschehen ist, ist jedem selbst überlassen. Selten kommt es in Romanen vor, dass mit Bildern wie hier gearbeitet worden ist, wodurch dies das Lesen lockerer macht trotz der kleinen Schrift. Manche Situationen werden zu sehr in die Länge gezogen wodurch man sich durchquälen muss. Da würde sich empfehlen diese Passagen kürzer zu fassen. Der Schreibstil ist angenehm, auch wenn man paar Sätze paar mal mehr lesen muss. Zusammengefasst ein ordentlicher Roman mit paar Makel.

    Kommentieren0
    3
    Teilen
    Beusts avatar
    Beustvor einem Monat
    Kurzmeinung: Eine Anregung zum Nachdenken und Mitdenken mit erzählerischen Macken auf einem Niveau, das andere nie erreichen.
    Die Vergangenheit in der Gegenwart - und warum es wehtut

    Juan Gabriel Vásquez gehört zur jungen Generation erfolgreicher südamerikanischer Schriftsteller. Er stammt aus Kolumbien und legt mit „Die Gestalt der Ruinen“ erneut einen Roman vor, der sich mit der gewalttätigen Vergangenheit seines Landes und der Beschädigung ganzer Generationen befasst. Im Zentrum stehen politische Morde - an General Rafael Uribe Uribe 1914 und Jorge Eliécer Gaitán 1948 - und die anschließenden revolutionären Revolten, der Bomben- und Drogenkrieg bis hin zum verlorenen Jahrzehnt des Drogenbarons Pablo Escobar und seines Medellin-Kartells. Alle Gewalt Kolumbiens hatte mit der Ungleichheit der Vermögensverhältnisse im Land zu tun - und mit jenen, die sie brechen oder daraus ausbrechen wollten. Aber: „Hier kommt niemand unversehrt davon.“ (S. 294) Die Vergangenheit entlässt keinen ohne ihre Prägung in die Zukunft. Manchmal hinterlässt die Vergangenheit nur Ruinen.

    Vásquez schreibt eine Abrechnung mit der gewalttätigen und zum Teil unaufgearbeiteten Vergangenheit seines Heimatlandes, er legt den Finger auf die Wunden der Zeit - oder lässt sie durch seine Figuren legen, ohne selbst endgültige Stellung zu beziehen. „Der Roman wird zu einem mächtigen Instrument der historischen Spekulation“ (S.134), und der Roman darf es, muss es sogar sein. Vásquez nimmt sich fast ein ganzes Jahrhundert kolumbianischer Geschichte vor, ein komplexes Thema, das er auch komplex erzählt: In der Rahmenhandlung ist es sein literarisches Alter Ego, der Schriftsteller ‚Vásquez‘, der auf Vermittlung des gut vernetzten Arztes Benavides von Carlos Carballo aufgefordert wird, die Geschichte der politischen Morde in Kolumbien neu zu schreiben. Ja: als Erster richtig und wahr zu schreiben. Ohne in die diegetische Interpretation einzusteigen, inwiefern der Autor-Vásquez mit ‚Vásquez‘ überlappen, wie viel Autobiographisches in ihm steckt, wie viel Authentisierungsstrategie des scheinbar autofiktionalen Anteils, wird zumindest deutlich, wie personal Vásquez die Erzählhaltung gestaltet, weil ihm die Geschichte offenbar so nahe geht; er nimmt sie buchstäblich persönlich.

    Carballo, Benavides und ‚Vásquez‘ haben alle familiäre und persönliche Beziehungen zum Mord an Gaitán. Auf dessen Ermordung folgte in Stadt und Land die blutige Bogoteza und ein Jahrzehnt des Bürgerkrieges - jedoch niemals die Aufklärung der Hintergründe jener angeblichen Tat eines verwirrten Einzelgängers. Nicht zufällig webt Vásquez auch zwei andere Einzeltäter in die Erzählung ein, deren politischer Attentate die Welt verändert haben: Lee Harvey Oswald und Gavrilo Princip, die Mörder Kennedys und Franz Ferdinands. Wenn die Tat eines Einzelnen oder weniger Personen zum Angelpunkt der Geschichte wird, dann öffnet sich stets die Frage: War er allein? Wer stand hinter dem Täter? Wer profitiert von dem Verbrechen? Wer sind sie?

    Diese Fragen stehen am Beginn nicht nur der historiografischen Erklärung, sondern auch von Verschwörungstheorien, insbesondere dann, wenn die Antworten scheinbar nicht die ganz Wahrheit enthüllen. Carlos Carballo hat sein ganzes Leben der Wahrheitsfindung verschrieben - oder womöglich an Verschwörungstheorien vergeudet, weil er mi den Antworten der offiziellen Geschichtsschreibung nicht einverstanden war. Weil zu viele Fragen offen blieben. Weil ihm vor allem keiner beantworten konnte, warum diese Einzeltat so viel Einfluss auf seine eigene Herkunft und Person hatte. Er stößt auf einen Bruder im Geiste, den Rechtsanwalt Marco Tulio Anzola, der sich ähnlich manisch an der Ermordung des Generals Uribe Uribe abgearbeitet hat. Anzola, eine reale Person, zweifelte an der Tätertheorie, zwei arme Handwerker hätten spontan zur Axt gegriffen, um Uribe in eigenem Auftrag zu erschlagen - und scheiterte spektakulär. Von ihm blieb nur das politische Pamphlet „Wer sind sie?“, das wie eine Bibel der Verschwörungstheorien die Zeiten überdauert. Die zersetzenden Fragen an die Ungereimtheiten der einfachen Erklärung zersetzen das Vertrauen in die Wirklichkeit und lassen die Verschwörungstheorien blühen. Carvallo ist so voll davon, dass er ‚Vásquez‘ damit (fast) ansteckt, denn „eine Verschwörung ans Licht zu bringen. Das ist eine Aufgabe, der man sich widmen kann, Vásquez, eine Lüge von der Größe einer ganzen Welt zu enttarnen.“ (S. 278) Das Problem mit Verschwörungstheorien ist, dass sei die Form einer Ersatzreligion annehmen können, in der nur noch Wahrheiten gelten, die zur Theorie passen. ‚Vásquez‘ lässt das für sich nicht zu und schreibt den großem Enthüllungsroman nicht, um den Carballo fleht, aber es entsteht „Die Gestalt der Ruinen“, in der weder ‚Vásquez’ noch Vasquez eindeutig Stellung beziehen, wohl aber das Erbe ihrer Heimat annehmen, mit „ihren Irrtümern, ihrer Unschuld und ihren Verbrechen.“ (S. 519)

    Bis zu diesem letzten Satz hat Vásquez eine komplexe Geschichte komplex erzählt. In er Rahmenhandlung mit ‚Vásquez‘ und Benavides steckt die Binnenerzählung Carballos und insbesondere die Binnenerzählung von Anzolas Schicksal, die großen Raum einnimmt und zudem noch Anzolas eigenen Text „Wer sind sie?“ enthält. Die zeitlichen Ebenen verschränken sich häufig, oft gekonnt, manchmal verwirrend, wie um zu zeigen, dass die gesamte Vergangenheit zu jeder Zeit gegenwärtig ist. Auch wechselt dadurch ständig die Erzählperspektive und bleibt nicht ausf jeder Ebene in sich konsistent. Das ist anstrengend zu lesen und nicht immer nachzuvollziehen. Vásquez variiert das Erzähltempo mit den Zeiten und zieht etwa die Ermordung General Uribes unnötig in die Länge. Mit dem Eintritt in Anzolas Binnenerzählung längt sich überhaupt der ganze Roman, weil man beim Lesen nicht darauf vorbereitet wurde, dass Uribes Attentat dieses Gewicht und diesen breiten Raum erhalten würde. Das Attentat an Gaitán erscheint zum Ende hin fast nur wie ein Tor, durch das man zu Uribes Mord scheiten musste, fast. Einzelne Figuren, die anfangs wichtig erschienen, bleiben hingegen völlig auf der Strecke. Das bleibt unverständlich und erscheint mir eine Fehlkonstruktion des Romans - oder eine Entscheidung zugunsten der Arbeitsökonomie, um nämlich den Roman nicht über noch mehr Seiten zu dehnen.

    Der Roman ist dennoch unbedingt lesenswert, auch wenn er Längen und Schwächen hat, weil er nämlich auf einem erzählerischen Niveau Macken hat, das andere Romane niemals erreichen. Vásquez‘ zentrales Thema - was nämlich die historische Wahrheit ist - beschäftigte ihn schon in „Die Reputation“ und in „Die Informanten“, und es ist immer noch nicht verbraucht. Im Gegenteil! Auch die Geschichtswissenschaft arbeitet sich an der historischen Wahrheit seit Thukydides ab, da alle historische Deutung … Fiktion ist. Dass Verschwörungstheorien, die „das Establishment“, „das System“ oder den „Deep State“ hinter monströser Geschichtsfälschung vermuten, ihren unbestreitbaren Charme haben, zeigt die Faszination, die von Carballos und Anzolas Beispielen ausgeht. Dass die offizielle Wahrheit Fehlstellen hat, die beunruhigen, ist ebenso unbestreitbar. Dazwischen bewegt sich der Mensch, bewegt sich Vásquez mit den Mitteln des Romans und regt zum Nachdenken und Mitdenken an. Wie tief das gehen kann, zeigt sich, wenn man den Titel des Romans betrachtet: „Die Gestalt der Ruinen“.

    Die als Ruinen bezeichneten Gegenstände im Roman sind Knochen. Überreste der beiden Attentatsopfer Uribe und Gaitán. Sie stehen für den Rest Lebendigens im Tode, wie auch in allen Ruinen der Rest der Unversehrtheit steckt, „die Vergangenheit ist in der Gegenwart enthalten“ (S. 176) - oder mit William Faulkners Worten: „The past is never dead. It'‘s not even past.“ Ruinen sind aber die Zeugen dafür, dass die Zeit an nichts vorübergeht, ohne ihre Spuren zu hinterlassen, bis nur noch Ruinen bleiben. Im Gegenwärtigen steckt also die Ruine von morgen. An Carballo und Anzola kann man gut ablesen, wie sie von den Ereignissen ihrer Gegenwart aufgesaugt und ruiniert werden. Sie sind ruinöse Gestalten, die aus der Gewalt ihres Lebens entstanden sind.

    Vor allem aber fordern uns Ruinen stets auf, uns ihrer ursprünglichen Form zu erinnern: Wie passt Uribes Kalotte in seinen Schädel? Wie der Wirbel Gaitáns in seinen Körper? Jeder Ruine wohnt die Aufforderung inne: Stell dir vor, wie ich früher ausgesehen habe! Das kennt jeder, der einmal eine Burgruine oder Reste römischer Thermen besucht hat: Welche Gestalt mochten sie gehabt haben? Sich mit Ruinen zu beschäftigen, überbrückt die Zeiten und stellt eine Verbindung von ursprünglicher Gestalt zum gegenwärtigen Zustand her, birgt also auch stets den Prozess vergehender Zeit: Wie wurde die Ruine eigentlich durch die Zeit umgestaltet? Warum verlor sie ihre ursprüngliche Form? Und endlich: Was wäre, wenn dieses oder jenes nicht auf die heutige Ruine eingewirkt hätte?

    Wie sähe Carballo ohne die Attentate aus? Wie Kolumbien? Vásquez eröffnet mit dem Nachdenken über den Titel womöglich einen Schlüssel für den Roman, in dem es auch um emotionalen Schaden geht, den das historische Erbe der Heimat über einen bringt, und um die Frage nach einer Alternative, zumindest für die Zukunft.

    Und darum ist „Die Gestalt der Ruinen“ lesenswert.

    Kommentare: 3
    8
    Teilen
    Greedyreaders avatar
    Greedyreadervor einem Monat
    Die Wurzeln der Gewalt

    In seinem neuen Roman “Die Gestalt der Ruinen“ setzt sich Juan Gabriel Vásquez mit der Geschichte Kolumbiens und der bis heute anhaltenden Instabilität auseinander. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen zwei Attentate, die das Land entscheidend geprägt haben: die Ermordung von General Rafael Uribe Uribe im Oktober 1914 durch zwei Handwerker und der Tod des liberalen, oft mit John F. Kennedy verglichenen Politikers Jorge Eliécer Gaitán am 9. April 1948, auf den der Bogotazo genannte Volksaufstand und später der blutige Bürgerkrieg “Violencia“ zwischen den Anhängern der liberalen und der konservativen Partei folgten. Die Taten des grausamen Drogenbarons Pablo Escobar und seiner paramilitärischen Einheiten in den 80er Jahren haben den Staat weiter destabilisiert und gespalten und sein Ansehen in der Welt nachhaltig beschädigt (“Narco-Republik“).
    Die zentrale Figur des Romans ist der Schriftsteller Vásquez, der zweifach in Erscheinung tritt: als realer Autor und als fiktive Figur, der eine Fülle von autobiografischen Details, z.B. die Jahre im Exil in Barcelona, die zu früh geborenen Zwillingstöchter, seine eigenen Bücher samt literarischen Einflüssen Authentizität verleihen. Die Romanfigur Vásquez wird von dem ihm bekannten Arzt Doktor Benavides mit Carlos Carballo, einem paranoiden Verschwörungstheoretiker, zusammengebracht. Carballo hat sein Leben der Aufklärung des Mordes an Gaitan gewidmet und möchte Vásquez als Autor eines Buches gewinnen, das endlich die offizielle Version des Einzeltäters Joan Rosa Sierra widerlegt und die Wahrheit über eine nie aufgedeckte Verschwörung offenlegt. Für Carlos Carballo hängen die Morde an General Uribe und Gaitán zusammen, folgen sie nach seiner Überzeugung doch demselben Muster von sichtbaren Tätern und verdeckt agierenden Verschwörern. Auch andere Ereignisse und Morde an Prominenten gehören für ihn in dieselbe Kategorie: 9/11, die Ermordung von John F. Kennedy, der Tod von Lady Di usw. sind für ihn ebenfalls anders verlaufen, als die offizielle Version uns glauben machen möchte. Die “wirkliche“ Wahrheit muss erst noch aufgedeckt werden. Nach anfänglicher wütender Ablehnung lässt sich Vásquez immer mehr in die Sache hineinziehen, nicht zuletzt um in Benavides´ Auftrag die aus seinem makabren Privatmuseum gestohlenen Knochenreste von Uribe und Gaitán zurückzuholen, die für alle Beteiligten allmählich den Status von Reliquien annehmen.
    Juan Carlos Vásquez liefert zwar eine gründliche Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien und ihren Vertretern, zeigt das undurchdringliche Geflecht von nicht beweisbaren Theorien, Gerüchten und Anekdoten, muss aber letztlich schlüssige Beweise für Verschwörungen schuldig bleiben - genauso wie der Jurist Marco Tulio Anzola, der im Fall Uribe mit seinen Aussagen und Veröffentlichungen u.a. des Buches “Wer sind sie?“ sein Leben in Gefahr brachte und notgedrungen ins Exil ging. Vásquez´ Buch ist eine sogenannte Autofiktion, in der sich autobiografische Bezüge und die fiktionale Handlungsebene vermischen. Es ist außerdem ein historischer Roman, der sich mit einer Fiktion verbindet. So führt der Autor den Leser in ein verwirrendes Labyrinth. Unscharfe Fotos und Dokumente scheinen den Wahrheitsgehalt der Darstellung zu belegen, und dennoch ist es ein Werk der Fiktion.
    Mir hat der nicht leicht zu lesende, zu epischer Breite und ungeheurer Detailfülle neigende Roman insgesamt gefallen, thematisiert er doch die Frage nach Realität und Fiktion genauso wie das Leiden der Kolumbianer an der von Generation zu Generation vererbten Geschichte von Gewalt und Tod. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.

    Kommentieren0
    3
    Teilen
    KirstenWilczeks avatar
    KirstenWilczekvor einem Monat
    Kurzmeinung: Ein gutes, wichtiges, herausforderndes Buch über die Wahrheit und das Ringen um die Deutungshoheit.
    Wie Chemnitz zum Stadtteil von Bogotá werden könnte

    Sie treibt ihn um, die unheilvolle Geschichte seines Heimatlandes Kolumbien, gezeichnet von Gewalt, Terror und Bürgerkrieg. Juan Gabriel Vásquez begibt sich in seinem ambitionierten Roman „Die Gestalt der Ruinen“ auf Spurensuche. Was sind die Wurzeln für die immer wieder aufflammenden blutigen Unruhen? Vásquez verortet sie in den Morden an zwei polarisierenden liberalen Politikern: Rafael Uribe Uribe, in 1914 von zwei sozial abgehängten und darob frustrierten Handwerkern mit Äxten erschlagen, und Jorge Eliécer Gaitán, in 1948 von Juan Roa Sierra, einem geistig verwirrten Einzeltäter, so hieß es, mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Auf das Attentat auf den populären Präsidentschaftskandidaten Gaitán, der es sich auf die Fahne geschrieben hatte, Kolumbien aus den Klauen der Oligarchen und korrupten Machteliten zu befreien, folgte der Bogotazo, die Verwüstung Bogotás, und die Violencia, ein zehn Jahre währender Bürgerkrieg. Dieser Bürgerkrieg entzündete sich im Kern, so die von Vásquez nahegelegte Interpretation, an der unaufgelösten Diskrepanz zwischen offizieller Wahrheit, die ihren Eintrag in die Geschichtsbücher beansprucht, und der von Zweifeln geschürten Spekulation, dass es eine andere - die wirkliche - Wahrheit dahinter gibt. Wer sich um die Wahrheit betrogen fühlt, misstraut der Macht, die er für die Manipulation verantwortlich macht. Und wenn sich dieses Misstrauen gegen die Machthaber richtet, desavouiert es alsbald das politische System und fordert seine Überwindung, notfalls mit Gewalt, die Gegengewalt auslöst.
    Die offenen Fragen nach Ermordung Uribe Uribes und Gaitáns boten den Humus für zersetzende Verschwörungstheorien, denen Vásquez in „Die Gestalt der Ruinen“ nachgeht.

    Willkommen in der kolumbianischen Version von Don DeLillos „Sieben Sekunden“, in dem die Ermordung von John F. Kennedy in einem raffinierten Spiel aus Fakten und Fiktion literarisch hinterfragt wird. Statt der Hauptfigur des Nicholas Branch, einem CIA-Archivar, der gewissermaßen den Leser selbst in DeLillos Klassiker darstellt, lässt Juan Gabriel Vásquez sein literarisches Alter Ego unter seinem Namen als Ich-Erzähler auftreten.

    Ein Vexierspiel beginnt. Der Autor Vásquez lässt sein Roman-Ich (nachfolgend kurz: Vásquez), das viele biografische Details mit dem Autor teilt, auf Dr. Franciso Benavides treffen, einen renommierten kolumbianischen Chirurgen und Sammler mit dem Hang zum Speziellen. Bei einem Abendessen im Hause Benavides stellt der Arzt Vásquez einen Freund der Familie vor. Carlos Carballo entpuppt sich im Gespräch als Verschwörungstheoretiker, der hinter jedem Attentat oder Tod eines Prominenten einen Plan unsichtbarer Kräfte wittert. So mutmaßt Carballo, dass die Twin Towers am 9. September 2001 gesprengt worden seien. Der Mord an John F. Kennedy, die Todesfälle von Lady D. und Marilyn Monroe sind für ihn auch ungeklärt. Geradezu besessen ist er von der These, dass die Ermordung Jorge Eliécer Gaitáns nicht das Werk des Einzeltäters Juan Roa Sierra war. Von Vásquez erhofft er sich Informationen, schließlich war dessen Onkel seinerzeit in die Ermittlungen im Mordfall Gaitán eingebunden. Vásquez erkennt nun den wahren Grund für seine Einladung. Liefern kann er jedoch nicht. Es kommt zum Streit. Vásquez wirft Carballo ein Whiskyglas an den Kopf. Benavides setzt ihn wider Erwarten nicht vor die Tür, sondern zeigt ihm seine krude Sammlung von Erinnerungsstücken, darunter ein Teil der Wirbelsäule des ermordeten Gaitán, eingelegt in einem Weckglas. Vásquez ist von den aufbewahrten Memorabilien und den Theorien fasziniert, die sich daran knüpfen, fängt aber nicht Feuer. In der Folgezeit unternimmt Carballo trotz der kassierten blutigen Nase einen perfiden Versuch, Vásquez in seine Recherchen einzubinden. Vásquez erkennt die Täuschung. Jahre später, Vásquez ist mit seiner Familie aus Spanien nach Bogotá zurückgekehrt, beklagt Benavides den Diebstahl des Wirbels Gautáns und der Schädelkalotte Uribes. Vásquez versucht Carballo als Täter zu überführen und geht zum Schein auf dessen Vorschlag ein, ein Enthüllungsbuch über die wahren Drahtzieher des Mordes an Gaitán zu schreiben.

    Carballo erstaunt Vásquez mit den von ihm zusammengetragenen Fakten. U.a. gibt er ihm Einsicht in die Schrift „Wer sind sie?“ von Marco Tulio Anzola, der seinerzeit im Fall Uribe Uribe im Auftrag der Familie des Mordopfers eigene Nachforschungen - mit beunruhigenden Ergebnissen - angestellt hat. Und dann spannt Carballo den großen Bogen zwischen den Attentaten auf Uribe Uribe und Gaitán, der nicht minder überraschend ist. Gibt es ein Muster, das sich wiederholt? Was hat der Vater von Carballo damit zu tun? Und wird Vásquez das Buch schreiben? Die letzte Frage scheint durch Vorlage des Romans "Die Gestalt der Ruinen" beantwortet zu sein. Aber entsprechen sein Inhalt und seine Quintessenz den Vorstellungen Carballos?

    Der Autor Vásquez erzählt prall, spannend und trotz der Fülle der vermittelten Details sehr übersichtlich, sodass sich vor den Augen des Lesers ein kleinteiliges Puzzle zu einem wandausfüllenden Diptychon zusammensetzt. Die Bildhälften fallen asymmetrisch aus, da die Darstellung der Ermordung Rafael Uribe Uribes überbordend Raum beansprucht. Ein lässlicher Schönheitsfehler in der Konstruktion des Romans.

    Vásquez verwebt geschickt Fakten und Fiktion, unterfüttert sie mit im Text abgedruckten Fotos, erweckt durch den Kunstgriff, sich selbst zum Helden seines Romans zu machen, den Anschein einer autobiografischen Erzählung. Er zeigt dadurch auf: die Wahrheit changiert durch Überlieferung zwischen Wahrsein und Wahrhabenwollen. Im Kleinen wie im Großen, ob Autobiografie oder Geschichtsschreibung, am Ende ist Wahrheit nichts anderes als ein durch Übereinkunft zur Wahrheit erhobenes Narrativ. Dies gilt umso mehr, je weiter die Geschehnisse zurückliegen. Auslassungen und Ausschmückungen eröffnen Räume, in die Verschwörungstheorien und ihre Lightversion, „die einfachen Wahrheiten“, wie Schlingpflanzen hineinkriechen können. Und wenn der gesellschaftliche Konsens und das Vertrauen in die politische Elite - aus welchen Gründen auch immer - schwindet, schwindet auch die Bereitschaft an dem gemeinsamen Narrativ festzuhalten. Dann ist sie da, die hohe Zeit der Verunsicherer, die Sicherheit versprechen; der Lügner, die endlich sagen wollen, was die Wahrheit ist; der Aufklärer, die mit Tatsachen so umgehen, als handele es sich um bloße Meinungen; der Heilsbringer, deren Grad ihrer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sich erst nach ihrem Wirken im angerichteten Leid messen lässt.

    Wir Menschen sind - frei nach Albert Camus - immer Opfer unserer Wahrheiten, ob gestern in Bogotá, heute in Chemnitz und morgen in Irgendwo.

    Uns dies ins Bewusstsein zu rufen, hat sich Juan Gabriel Vásquez mit seinem Roman „Die Gestalt der Ruinen“ angelegen sein lassen. Wir erzählen uns Menschheitsgeschichte u.a. als Interpretation ausgegrabener und aufbewahrter Körperruinen, als Folge von Ereignissen, als Summe einer auslösenden Kausalität, anders formuliert: als Gestalt der Ruinen. Aber ist sie das wirklich? Oder setzt unsere individuelle Entscheidung, einem Narrativ zu folgen, die Ursache für Geschichte? Laden wir Ereignisse, indem wir sie in Bezug zueinander setzen, erst mit Sinn auf? Und was ist, wenn diese Ereignisse doch nur zufälligen Charakters und ihre Verknüpfung im Dienst einer Idee, Ideologie gewillkürt sind? Das bleiben und sind die existenziellen Fragen, die Juan Gabriel Vásquez aufwirft. Darüber nachzudenken, lohnt gerade jetzt.

    Ein gutes Buch, ein wichtiges Buch, ein herausforderndes Buch. Es kommt zur rechten Zeit. Bei Licht besehen kommt es immer zur rechten Zeit. Denn irgendwo ist immer Kolumbien. Und irgendwo marschieren sie immer. Mal mit orangefarbenen Tüchern um den Hals, mal mit dauererigiertem Arm uswusf.

    Kommentare: 2
    34
    Teilen
    krimielses avatar
    krimielsevor 7 Tagen
    Kurzmeinung: Großartig geschriebener Einblick in kolumbianische Geschichte
    Kommentieren0
    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor 13 Tagen

    Gespräche aus der Community zum Buch

    Neu
    Schoeffling_und_Cos avatar

    Liebe LovelyBooks-Freunde,

     

    wir laden Euch herzlich ein, an unserer Leserunde zu Juan Gabriel Vásquez’ neuen Roman Die Gestalt der Ruinen teilzunehmen!

     

    Carlos Carballo ist ein seltsamer Mann, der eines Tages durch einen Museumseinbruch Schlagzeilen macht. Doch hinter seiner Tat, so stellt sich heraus, steckt eine besessene Logik: Sein ganzes Leben hat er der Aufklärung politischer Morde gewidmet, unter denen das Attentat auf einen liberalen Politiker im Jahr 1948 eine zentrale Rolle spielt. Es hat Kolumbien in eine bis heute anhaltende Krise gestürzt. Überzeugt von einer Verschwörung, bedrängt Carballo den Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez, seine Recherchen fortzusetzen.

     

    Teils Politthriller, teils Autobiographie, deckt Die Gestalt der Ruinen die Wurzeln der Gewalt auf, die Kolumbiens Geschichte bis heute prägt, und stellt zugleich die Frage nach der Wahrheit der Literatur.

     

    Wenn Ihr an intellektuellen Romanen interessiert seid, dann bewerbt Euch bis zum 26. August 2018 für die Leserunde und gewinnt mit etwas Glück eines von 10 Exemplaren! Beantwortet dafür einfach folgende Frage:

     

    Welche/n lateinamerikanische/n Autor/in habt Ihr zuletzt gelesen?

     

    Eine Leseprobe findet Ihr hier.

     

    Viel Erfolg wünscht Euer

     

    Verlag Schöffling & Co.

    Orishas avatar
    Letzter Beitrag von  Orishavor 11 Tagen
    Zur Leserunde

    Weitere Informationen zum Buch

    Pressestimmen

    'Ein lateinamerikanisches Jahrhundertwerk, ein großartiger Roman, ohne Zweifel der beste von Juan Gabriel Vásquez.'
    New York Times

    'Dieser Roman ist ungeheuer vielschichtig, präzise und poetisch geschrieben, und er endet mit einer klugen Wendung und überraschender Wucht.'
    El Espectador

    'Vásquez macht uns in beeindruckender Weise zu Komplizen seiner Detektivarbeit und beschwört das unausweichliche Vermächtnis von Schuld, Zweifel und Angst.'
    El País

    'Ein Werk, in dem alles auf vollkommene Weise harmoniert und ineinandergreift: Die Nachforschungen in Dokumenten und Fotografien, die Autobiografie des Autors als Gegenpart zur Geschichte einer Nation. Absolut hypnotisierend, eine Demonstration fesselnder, geschickter und intelligenter Erzählweise, die Verschwörungstheorien eine ganz neue Dimension verleiht.'
    El Cultural

    'Mit Juan Gabriel Vásquez hat die lateinamerikanische Literatur eine neue, ungewöhnliche Stimme gewonnen.'
    Paul Ingendaay, Frankfurter Allgemeine Zeitung

    '›Die Gestalt der Ruinen‹ ist voller Anspielungen auf Shakespeare, García Márquez und Borges. Ein Roman auf der Suche nach der Wahrheit darüber, wer wir sind.'
    ABC Cultural

    'Der kolumbianische Autor beschwört in ›Die Gestalt der Ruinen‹ seine Dämonen und die seines Landes und setzt der Gewalt und dem Drogenkrieg die Macht der Literatur entgegen.'
    El Norte de Castilla

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks