Juan S. Guse

 2,8 Sterne bei 16 Bewertungen

Lebenslauf von Juan S. Guse

Junges Blut: Juan S. Guse, geboren 1989 in Seligenstadt, ist ein deutsche Autor mit argentinischer Abstammung. Er studierte an der Universität Hildesheim Kreatives Schreiben. Anschließend studierte er Neuere Deutsche Literatur und Soziologie an der Universität Hannover. Nach seinem Abschluss wurde er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Bella triste und engagierte sich auch als Teil der künstlerischen Leitung für Literaturfestivals. 2014 arbeitete er dann im Lektorat des Suhrkamp Verlags und schrieb zeitweise für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Für seine Werke gewann er 2012 den Berliner Literaturwettbewerb als jüngster Teilnehmer. Außerdem gewann er den Hallertauer Debütpreis und den Literaturpreis des Landeshauptstadt Hannover.

Alle Bücher von Juan S. Guse

Cover des Buches Miami Punk (ISBN: 9783103973938)

Miami Punk

 (8)
Erschienen am 27.02.2019
Cover des Buches Lärm und Wälder (ISBN: 9783100024343)

Lärm und Wälder

 (8)
Erschienen am 23.07.2015

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Neue Rezensionen zu Juan S. Guse

Cover des Buches Miami Punk (ISBN: 9783103973938)C

Rezension zu "Miami Punk" von Juan S. Guse

Zog sich endlos hin
Countofcountvor 2 Jahren

Leider war das für mich überhaupt nicht „der große Wurf“. Ich war durch die außerordentlich positiven Rezensionen von Spiegel, Zeit, SZ... doch sehr positiv gestimmt, doch die 600 Seiten waren für mich größtenteils eine ziemliche Tortur. Irgendwie hatte ich immer gehofft, das „Puzzle“, das in den Buchbesprechungen so beschworen wurde, würde sich zu einem für mich akzeptablen Bild fügen, letztlich blieben es aber nur lahme Fragmente. Die Spielbeschreibungen, die Beobachtungen des Kongresses, die eingefügten Stücke waren für mich einfach ermüdend und irgendwann dann nur noch nervig. Das ist eigentlich schade, denn die Grundstory ist ja ganz klasse angelegt. Auch die Protagonisten bieten eigentlich viel Entfaltungsmöglichkeit. Sogar die Eintönigkeit und Orientierungslosigkeit der Bewohner bietet eine Menge Potenzial. So ist das Ganze aber für mich nur elendig langatmig durchdekliniert. Schade.

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Cover des Buches Miami Punk (ISBN: 9783103973938)Ignos avatar

Rezension zu "Miami Punk" von Juan S. Guse

Eine Herausforderung an die Geduld
Ignovor 2 Jahren

Was geschieht mit einer Metropole, wenn sich eine ihrer Konstanten plötzlich radikal verändert? Miami findet das seit einiger Zeit heraus, denn das Wasser des Atlantiks ist über Nacht verschwunden. Von einem Tag auf den anderen verschwinden ganze Berufssparten, die Politik verliert ihren Einfluss, Bürgerwehren formieren sich, Alligatoren streifen durch die Stadt und eine wachsende Gruppe formiert sich zum basisdemokratischen Kongress. Andere zieht es in die zunehmend abgeriegelte Wüsten- und Berglandschaft, die der Atlantik hinterlassen hat.
Durch dieses Miami schlagen sich Indieprogrammiererin Robin, ihre Freunde und Familie und ein alterndes, halbprofessionelles eSports-Team aus Wuppertal.

Miami Punk erschien 2019 bei FISCHER. Der experimentelle Gesellschaftsroman erzählt mit unterschiedlichen Sprach- und Textformen auf 640 Seiten Episoden aus den Leben der Protagonisten sowie einiger Nebencharaktere.

Ich beginne positiv, damit das nicht ganz in den Hintergrund rückt. Denn die Grundannahme des Buches gefällt mir beispielsweise wirklich gut. Guse nimmt einen gesellschaftlichen Mikrokosmos, verändert eine seiner Konstanten und spielt die Konsequenzen durch – und das wirklich fantasievoll. Dass Ringer, die sportlich trotz Erfolgen bisher ein Schattendasein führten, beispielsweise nun ihre Profession darin finden, die Alligatoren, die in Massen verwirrt durch die Stadt wandern und zur Gefahr für ihre Bewohner werden, mit ihren Fähigkeiten zu bekämpfen, das nötigt mir ein Grinsen ab. Auch die Idee des Kongresses, mit dem Guse die typische linksaktivistische Plenumskultur ein Stück weit auf den Arm nimmt, gefällt mir sehr.

Leider – und fast alles, was jetzt kommt, ist Geschmackssache – leidet vieles in Miami Punk sehr unter der jeweiligen Sprach- oder Textform. Den Handlungsstrang des CS-Teams finde ich beispielsweise grundsätzlich wirklich schön, er wird mir aber sehr oft durch seitenlanges Fachgesimpel und quasi transkribierte CS-Matches verdorben. Das ist schade und müsste nicht sein. Ich war selber mal recht aktiver Gamer (nicht CS, sondern UT) und bin mit Vokabular und Maps durchaus vertraut, aber selbst mit dem Vorwissen wurde mir das zu viel. Ähnliches gilt für Vorträge im Kongress, die teils fast wortprotokollarisch ganze Kapitel füllen.

Das Problem hierbei ist für mich, dass ich nicht wirklich einordnen kann, ob das wirklich so gedacht oder Auswuchs von Berufskrankheiten ist (ich darf das sagen, ich habe auch mal mit viel Freude Soziologie studiert). Vieles liest sich in Sprach- und Textform wie sozialwissenschaftliche Arbeiten – und wenn Sozialwissenschaftler eins können, dann ist das unheimlich furchtbar zu schreiben. Sätze, die sich bald über ganze Seiten ziehen – wer braucht zehn Verschachtelungen, wenn man auch noch eine elfte schafft – seitenlange Aufzählungen, damit auch wirklich jeder Punkt genannt ist. Ein Großteil der soziologischen Texte, die ich durcharbeiten durfte, zeichneten sich in hohem Maße durch Schreiben um des Schreibens Willen aus. Das ist leider in den seltensten Fällen angenehm lesbar.

Zudem braucht das Buch wirklich sehr lange, bis eine Ahnung von Story zwischen den einzelnen Erzählsträngen erkennbar wird. Ich hatte kurz vor der Hälfte des Buchen langsam das Gefühl, Zusammenhänge zu erkennen, die sich gegen Ende aber wieder als wahrscheinlich falsch herausstellten. Bis dahin musste ich schon mehrfach mit mir kämpfen, das Buch abzubrechen. Spätestens beim ersten der drei ›Domainkapitel‹ – Guse schreibt die Geschichte dort über mehrere Seiten in Domainform, also ohne Interpunktion geschweige denn Leerzeichen – war ich erstmals kurz davor. Selbst als Stilmittel ist das in der Länge einfach unnütz, weil jedenfalls mir nichts von diesen Kapiteln hängen bliebt. Man ist viel zu sehr damit beschäftigt, den Text irgendwie in verständliche Sprache zu bringen. Um das noch zu verkomplizieren, kommen insgesamt nicht gerade wenige Sprach- und Rechtsschreibfehler dazu. Was mich etwas amüsiert hat (im Sinne von ›das habt ihr jetzt davon‹), weil die vor allem da auftreten, wo Text- oder Sprachform nur noch unter größter Anstrengung lesbar sind.

Den Einstieg, der ein AoE2-Match zwischen Robin und einer fremden Spielerin minutiös beschreibt, fand ich schon nicht besonders gelungen, weil er durch die Detailliebe einfach unheimlich langatmig wird. Ich denke, viele Leser wird alleine das schon abschrecken, weil man wirklich leicht den Eindruck bekommt, bei Miami Punk handele es sich um Nerdlektüre – von Nerds, für Nerds. Dem ist nicht so, finde ich. Das Buch könnte als große Gesellschaftskritik durchaus Potential haben, ist dafür aber wahrscheinlich zu massenuntauglich geschrieben, auch wenn ich einsehe, dass die Sprach- und Textformen durchaus ihren Sinn haben. Es ist für mich nur einfach in jedem Punkt too much. Man hätte das Buch problemlos um mindestens ein Drittel kürzen können und hätte an Story und Message wahrscheinlich nichts eingebußt, dafür das Lesevergnügen massiv gesteigert.

Kaum erwartbar, aber ich tue mich schwer mit einem Fazit. Die Idee gefällt mir, einzelne Charaktere auch. Allerdings habe ich mich auch gewaltig durch das Buch gequält – ambivalent zwar, weil ich einerseits wissen wollte, wie es weiter geht, andererseits aber endlich wieder lesbare Sprache lesen wollte, aber eine Qual war es doch recht oft. Mit geistes- oder sprachwissenschaftlichem und Gamer-Hintergrund mag Miami Punk leichter runter gehen, aber wie gesagt, die habe ich auch. Wie es da Lesenden ohne diese Hintergründe geht, will ich mir gar nicht ausmalen.

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Cover des Buches Lärm und Wälder (ISBN: 9783100024343)L

Rezension zu "Lärm und Wälder" von Juan S. Guse

Guses "Lärm und Wälder" oder die Verfehlungen der Angst
ltrtrpunktdevor 5 Jahren

Kurz und knapp: Es geht um die in einem südamerikanischen Land gelegene gated community „Nordelta“, in der die Eltern Hector und Pelusa mit ihren Kindern leben. Der Vater gibt sich in lustvoller Paranoia Gedanken à la „I am legend“ hin und würde am liebsten wie Will Smith mit Gewehr und Schutzanzug durch tote Städte rennen, die Mutter sucht ihrerseits Ablenkung in einer religiösen Gemeinde, die sich einer windigen Predigerin anheimelt, und einer der Söhne, der verkrüppelte Henny, wird als verschrobener Gewalttäter mit Erlöserphantasien skizziert. In den Großstädten rundherum rumort es, von Aufständen und Plünderungen ist die Rede, davon, dass die Sicherheit von „Nordelta“ auf dem Spiel stünde. Bestes Personal und Setting also, um eine literarische Simulation zu starten.

Gleich auf Seite 14 stirbt dann der „einzigartige Labrador“ der Familie, dieser „so gute[.] und liebe[.] Hund, derart treu“, siecht mit herausgeschissenem Darm auf den Terrassenfliesen vor sich hin, damit eines unmissverständlich klar ist: Hier, lieber bzw. blöder Leser, wird tatsächlich alles vor die Hunde gehen. Nun ist bei Guse noch nicht alles kaputt, aber bald schon, alarmiert uns jede der 317 Seiten, bald schon wird es soweit sein. Dann wird die Kaputtheit Einzug halten in die adretten gated communities, bis zu dem Tag, an dem „die angst gewaltsam / Auf meinem geneigten schädel ihr banner pflanzt.“ So endet eines von Baudelaires Spleen-Gedichten, und tatsächlich sind die Textlogiken in beiden Fällen ähnliche: Erst das Kümmernis über die Gefährdung bzw. Unmöglichkeit von Zukunft setzt die Produktionsenergien frei, die den jeweiligen Text hervorbringen.

Der Spleen und die Schrulle von Guses Roman, das ist das Wörtchen „noch“: Noch sind wir sicher, noch können wir spazieren und einkaufen gehen, noch können wir Romane lesen, Schweinefleisch grillen und Klimaanlagen bedienen. Bald aber werden wir umherstreunen und plündern, morden, fressen und unter einer brühenden Sonne verrecken. Das wird freilich nicht ausbuchstabiert, sondern als klaffende Lücke dem Leser und seiner latent panischen Jetzt-Stimmung überantwortet. Das ist ein Trick, der so einfach wie billig ist. Dafür muss man nicht schreiben können, sondern nur wissen, wo der Leser des Jahres 2015 seinen panic button hat.

Es ist überdies ein Trick, der nötig ist, um den Leser zu bannen. Denn die Sprache dieses Romans ist oft dermaßen ungenau, dass nur jene vor visionärer Angst zittrigen Leser sich nicht an ihr stören. Beispiele:

„Auch die Häuser und Autos, alle Spuren menschlicher Zivilisation verschwinden und man fährt zwischen brachen und von altem Mauerwerk umzäunten Feldern.“ (S. 130) (Jegliche zivilisatorische Reste hat man hinter sich gelassen, und dann fährt man an „altem Mauerwerk“ vorbei.)

„Um das Terrarium der Großen Anakonda hat sich eine Menschentraube gebildet, die Fotos macht.“ (S. 173). (Eine fotografierende Traube?)

Und hier noch ein schnell zusammengestellter Mix aus floskelhaftem Jargon und sprachlichen Defiziten: Mal sind die Leute „sichtlich berührt“ (S. 122), Geschenke werden „prompt“ (S. 86) verteilt, ein Spielball ist „hart umkämpft“ (S. 84), Hände „riechen intensiv“ nach irgendwas (S. 70), Kinder werden am Beginn des Satzes mit „mongolische[n] Reiter[n]“ verglichen, um eine Zeile später „wie Ameisen“ zu sein, die „ein feuchtes Bonbon“ überfallen (S. 167), Enten flattern „wie vom Teufel besessen“ umher (S. 212), der pubertäre Henny stellt Meta-Gedanken über „einen der schönsten Momente seiner Kindheit“ an (S. 212), irgendwann hört Pelusa Hectors Atem „im Nacken“ (S. 219), obwohl sie ihn dort spüren müsste, ein Volleyball wird zurückgeschossen, „so wie man eine Mücke vor dem Gesicht mit der Hand verscheucht“ (S. 277), und ein Schnarchender „sägt ganze Wälder ab“ (S. 274).

Das alles ist umso verwunderlicher, als Guse Mitherausgeber der bella triste war, in Hildesheim studiert, ein Praktikum im Lektorat von Suhrkamp abgelegt und mit einem Auszug aus „Lärm und Wälder“ 2012 den open mike gewonnen hat. Mehr Kaderschmiede geht kaum. Und dann diese Schludersprache?

Ähnlich misslungen wie die Sprachpräzision ist auch die Figurenzeichnung. Der hedonistischen Angst der Protagonisten vor der Endzeit hat der Erzähler nichts entgegenzusetzen; ihrem Alarmismus hält er keine souveräne, bestenfalls gewinnbringend andersartige Haltung entgegen. Für seine Figuren wie auch für ihn gilt: Ihre jeweilige narrative Existenz rechtfertigt sich erst dadurch, dass sie ständig auf das Zukommende gefasst sind, darüber nachdenken, darüber schreiben. Es gibt in „Nordelta“ kein Denken außerhalb des Ausnahmezustands, und selbst der Erzähler gewinnt keine analytische Souveränität über seinen Beschreibungsgegenstand.

Ein Blick in die Literaturkritik offenbart weiteres Elend. In der Welt stolpert Rezensent Peter Praschl als übereifriger Hesse-Debütant in seine eigene Kritik:

„Seltsam, Juan S. Guses Roman “Lärm und Wälder” zu lesen, während immer mehr Flüchtlinge ins Leben einer Gesellschaft geworfen werden, die darauf nicht vorbereitet war und ihre Unsicherheit auch durch Abwehr zu bannen versucht.“[1]

Zack, gleich mal eine Knallerbse vor die Visage geschmissen, damit auch jeder weiß, um was es hier geht: um die Flüchtlinge natürlich, um deren Flucht und Elend und um unseren Wohlstand. Verflucht nochmal, die gated communities, das ist Europa! Es gibt keinen Gegenstand mehr, der nicht politisierbar wäre. Ansätze, die nicht das neue F-Wort nutzen, sind irrelevant. Wie so oft, hat die große (und dabei lustige!) Apokalyptikerin, Frau Sibylle, Recht:

„Die Welt, die mich umgibt, scheint gerade in ein schwarzes und ein weißes Lager geteilt zu sein. Das verbindende Glied ist die politische Korrektheit, die ängstlich eingehalten oder bewusst übertreten wird. Keine Zeit für Zwischentöne, keine Zeit, um andere Probleme zu sehen, keine Zeit, um einen anderen Gedanken zuzulassen als den, wie man den angenommenen Gegner niederargumentiert.“[2]

Dementsprechend ist „Lärm und Wälder“, schenkt man Praschls Artikel Glauben, auch kein Roman, sondern ein kulturkritisches Dokument, keine Literatur, sondern Mentalitätsrealie des Westlers. Nirgendwo, in keinem der knapp 1200 Wörter von Praschls Artikel, wird über Guses (recht biedere) Erzähltechnik und den Perspektivwechsel zwischen Er- und Ich-Passagen gesprochen; nirgendwo die Architektur der Kapitel und die dazwischengeschobene, analeptisch organisierte Erzählung hervorgehoben, die Pelusas Vorleben skizziert. Die Fiktion von „Nordelta“ ist für Praschl nichts als die diffus ins Zukünftige verlegte Wahrheit, der wir entgegenstraucheln. Peinlich und pathetisch dann auch das Ende seiner Literaturkritik: „Gnade uns Gott oder wer immer im Universum für Gnade zuständig ist.“

Praschl käut dann auch einfach jene Reizwörter wieder, die auch Guse wiederholt und variiert, als läge hierin der Kniff von Schreiben überhaupt: die eigene Botschaft nämlich so oft zu modulieren, bis sie sich in unser Hirn hineingewunden hat. Als Beispiel die alarmistischen Vokabeln auf den Seiten 18 und 19 von Guses Roman: „Verweigerung der Angst“, „stürzt mit dem Flugzeug ab“, „als Überlebender“, „scheinbar menschenleeren Welt“, „in ihr zu überleben“, „Unterschlupf“, „Fallen aufgestellt“, „weitere Überlebende des Absturzes“, „sofort angreifen“, „der Tod“, „primitiven Holzspeer“, „Es regnete nicht, als Noah die Arche baute!!“, „Bug-Out-Haus“, „Sprengkopf“, „Alarm“, „Lärm der Sirenen“, „Würgegriff“, „Vielleicht kommt er doch schneller als erwartet, der große Aufstand“, „die Eskalation der Gewalt“, „Durchsage der Behörden“, „die Kapitulation der Polizeikräfte“, „Würde er überleben, wenn er das Gebäude jetzt unbewaffnet verließe?“. Wer jetzt, nach diesen zwei Seiten, keinen Plan hat, was vor sich geht, der wird es auch auf den nachfolgenden 300 Seiten nicht kapieren. Derjenige aber, der jetzt Bescheid weiß, wird auf den restlichen 94% des Buches nichts Überraschendes oder Kühnes finden.

Geht es anders? Ja. Besser? Auch. Dann nämlich, wenn Autoren nicht ausschließlich in katastrophischen Kategorien (vor, mitten in bzw. nach der Krise) denken, sondern genuin literarische Weltentwürfe vorlegen, die keine Zeitstimmungen ausschlachten. Die den unterkomplexen Sichtweisen qua Fiktion souverän gestaltete Szenarien entgegenhalten, Szenarien, die nicht nach der Matrix „Glückliche Tage“ vs. „Endspiel“ funktionieren. Ein Beispiel wären die Romane von Leif Randt. In Schimmernder Dunst über Coby County (2011) geht es um die happy few, die, jung und schön und reflektiert, in einer merkwürdig glänzenden Gemeinde leben, an ihren Kleiderprofilen feilen, Veggie-Shakes trinken und mit sachte vibrierenden Smartphones in ihren Händen herumlaufen. Irgendwann ist von einem Waldbrand die Rede, der die paradiesische Lifestyligkeit bedroht, Angst geht um, Kameras werden auf lodernde Berghänge in der Ferne gehalten. Aber das Feuer erreicht Coby County nicht. Später zieht ein Gewitter auf, das erneut die Angst der Behüteten schürt. Aber alles bleibt beim Alten.

Die Settings bei Randt und Guse sind vergleichbar – und damit ihr jeweiliges Gelingen bzw. Scheitern. Randt hat einen uneindeutigen Roman vorgelegt, seine Welt ist die Bejahung von Oberfläche und Zufriedenheit, eine Welt, die gerade deswegen brüchig wird, weil sie so straff und poliert wirkt. Ob Coby County nun die beste oder schlechteste aller Welten ist, ob ein Leben dort lohnt und ob wir das Szenario als dystopische oder utopische Allegorie auf uns zu lesen haben – das ist Sache des Lesers. Als Zitat nur das Ende des Romans:

„Doch wenn ich CarlaZwei’s sachlich-kühles Profil betrachte, dann habe ich gegenwärtig das Gefühl, dass wir uns eigentlich vor nichts zu fürchten brauchen. Wir spazieren über einen stabilen Strand, es ist ein dunstiger Nachmittag, und bald wird es Abend.“

Beim jungernsten Guse, der sich – Jahrgang 1989 – als seherischer Dystopiker in die Gegenwartsliteratur implantieren will, ist alles eindeutig und endzeitlich. Letztens saßen im Zug im Vierer vor mir zwei Männer. Der eine las einen Krimi mit dem Titel „Ich bin die Angst“, der andere ein Handbuch über „Wirtschaft und Gastronomie“. Das ist in etwa auch die (sehr deutsche) Quintessenz von „Lärm und Wälder“: medial aufgeputschte Angstpsychosen mit dem Hildesheimer Schreibapparat ausschlachten.

[1] http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article146146697/Warten-Sie-auch-auf-den-Weltuntergang.html

erweiterte Fassung erschienen auf: www.ltrtr.de

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