Judith Enders Wie war das für euch?

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Inhaltsangabe zu „Wie war das für euch?“ von Judith Enders

Fast drei Jahrzehnte nach der Wende sucht die Dritte Generation Ost ? 2,4 Millionen in der DDR geborene Menschen ? den Dialog mit den Eltern. Sie stellen die Fragen, die sie schon immer stellen wollten, für die es bisher keinen Raum oder keine Gelegenheit gab: Wolltet ihr auch weg? Habt ihr eigene Erfahrungen mit der Stasi gemacht? Wie ging das mit der Vereinbarkeit von Kindern und Karriere? Wie war das, wenn man studieren wollte und nicht durfte, oder religiös war? Wie habt ihr die Umbruchzeit erlebt? Seht ihr euch als Gewinner oder Verlierer der Einheit? Die Autorinnen und Autoren berichten von ihren Gesprächserfahrungen, von Hürden und Bereicherungen, von der anhaltenden Suche nach Antworten. Und sie beschreiben, wie es ist, wenn geschwiegen wird. Ein vielstimmiges Lesestück ? authentisch, aufwühlend, anregend!

Die schönste Geschichte im Buch gelingt Maike Nedo. “Das Foto” handelt von einem Streit, der aus Unsagbarem im Verhältnis der Tochter ...

— jamal_tuschick

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    Wie war das für euch?

    jamal_tuschick

    10. October 2016 um 17:02

    Was wäre gewesen wenn? Wenn es keinen ostdeutschen Anschluss gegeben hätte. Wenn die Hoffnungsüberschüsse der Revolutionäre von Neunundachtzig einer sozialistischen Erneuerung zugeführt worden wären. Man stelle sich die transformierte DDR als einen Hort des Plebiszits (als Lohn einer umsturzbereiten Mündigkeit) - so eigen wie die Schweiz vor. Im kulturellen Dissens der Nachgewachsenen steckt die Schmach vorzeitiger Kapitulation. Die letzte Generation mit Originalostprägung kämpft um ihre Identität. Verliert sie den Kampf um die Deutungshoheit über ihre Geschichte? Die transgenerationelle Weitergabe ihrer Wiedervereinigungsbauchschmerzen tradiert eine Mentalität, die bald vielleicht nur noch als Abweichung wahrgenommen werden wird. Vielleicht ordnet man sie aber auch Landstrichen zu, dem Protestantismus und anderen Verbundenheiten, in denen sich frühe Anpassungen gegen spätere Forderungen durchsetzen. Ein DDR-Erbe könnte für die letzten in der DDR erzogenen Bundesbürger ein aufgegebenes Erziehungsideal sein. Was für die amerikanischen Vietnamverlierer das Kino war, wo ihre Niederlage in Siege umgedichtet wurde, ist für die letzten echten Ostdeutschen die Erziehungsfront. Auf den Betreuungs- und Ausbildungsschlachtfeldern konnte ihr Staat auftrumpfen. Zweifellos ergab sich so eine weitreichende Selbstverständlichkeit in den Verknüpfungen von Familie und Arbeit. Manches erscheint vorbildlich und wirkt entkrampfend auf westdeutsche Frauen und Paare. Man wird noch feststellen, dass eine größere gesamtdeutsche Familiengründungsbereitschaft im Osten angestoßen wurde. Diesen Ausflug regt eine von Judith Enders, Mandy Schulze und Bianca Ely herausgegebene Anthologie an - “Wie war das für euch? Die Dritte Generation Ost im Gespräch mit ihren Eltern.” Für die Beiträge, die vom Titel erklärt werden, gibt es ein Rahmenprogramm, in dem es zum Themenkollaps kommt. Offensichtlich versteht sich die “Dritte Generation Ost” als Sammelstelle, Netzwerk und Forum, heißt es doch im Vorwort, sie sei für solche, “die ihre Kindheit in der DDR verbracht haben ... zu einem wichtigen Streitraum und Bezugsrahmen geworden, um die eigene Herkunft zu reflektieren”. Die Initiative “schuf einen Ort zur Selbstvergewisserung”. Solche Assoziationsbehauptungen ploppen auf den gesellschaftlichen Bildschirmen ständig auf, sie transportieren die Verwunderung, dass ein allgemeines Interesse nicht größer ist. Ein Gespräch zwischen der 1973 in Schwerin geborenen Journalistin Lydia Heller und dem älteren Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz liefert dem Reservatcharakter jedweder Lokalisierungen von Selbstvergewisserungen ob im Buch oder in der Kneipe eine Erklärung. Nicht stattgefunden habe “die Auseinandersetzung ... mit der Frage “nach einem ... dritten Weg. Der ist ja in der Wendezeit grundsätzlich abgeschmettert worden. Aber heute stehen wir wieder vor der Frage, ob es nicht einen dritten Weg geben muss, angesichts der Umwelt- und Finanzprobleme”. Anja Staemmler, Ostberlinerin des Jahrgangs 1982, bekennt von der Generationsfahne gegangen zu sein. “Schließlich kam für viele noch ein weiteres Gefühl dazu: die Scham über unsere ... Herkunft. Mir persönlich war es in den 1990er Jahren wichtig, nicht als Ostdeutsche erkannt zu werden.”An anderer Stelle: “Die Gegenwart wurde für viele zur andauernden Kränkung.” In einem die Alterssegregation aufhebenden Briefwechsel zwischen Ingrid Miethe, 1962 in Plauen -, und Bianca Ely, 1979 in Ostberlin geboren, taucht Birgit Rommelspachers Dominanzkulturbegriff auf - “Die Deutung unseres Lebens aus einer Westperspektive”, in der “wir defizitär erscheinen”. Erziehungswissenschaftlerin Miethe beschwört die 89er-Euphorie: “Wir waren so glücklich ... Aber es blieb nicht unsere Revolution, es kamen die Westparteien mit ihren Vorstellungen.” Das ist die Lightversion einer Dolchstoßlegende. Übernahme und Ohnmacht bestimmen die Schilderungen, soweit sie Gemeinschaftserfahrungen überliefern. Selbstbehauptung und Eigeninitiative verkoppelt die Veteranin allein mit dem individuellen Lebenslauf: “Ich habe heute eine Position, wie sie nur wenige Wessis - in der Regel unter viel günstigeren Startbedingungen - erreichen. Warum sollte ich diesen Status riskieren, indem ich mich als Ossi oute. Ich wäre ja verrückt, das zu machen!”Miethe ist “Teil der Dominanzkultur” und ihr eigener Forschungsgegenstand. “Genauso funktiert (es), dass die Angehörigen marginalisierter ... Gruppen versuchen, die Normen der dominanten Gruppen zu imitieren und damit die eigene Identität zu verleugnen.” Die Autorin will vom Nachwuchs nicht in die Pflicht genommen werden, Ostdeutsche zu sein. Lieber “polstert sie ihre Nische” und lässt sich bitten. Doch bemerkt auch sie immer wieder, dass Identität vor Effizienz kommt und ihr das Ossikuscheln eine Wohligkeit mit Suchtpotential verschafft. Auch Jakob Prings stellt die Differenz zwischen persönlichem Erfolg und einem bedürftigen Selbstgefühl aus. Neunundachtzig “zerfetzte mein Koordinatensystem”. Eine “harmonische Selbigkeit” verbindet er mit dem Geruch “verfeuerter Braunkohle in kalter Winterluft”. Bei ihm ist “wir” ostdeutsch geblieben, in stärksten Formulierungen. Prings bestimmt den Quotienten aus maximaler und minimaler Brennweite mit einem ostdeutschen Objektiv. Ein Vorwurf kurz vor Verrat verbirgt sich in der Feststellung: Du stellst schon Fragen wie ein besserwisserischer Wessi. Dann wehrt sich eine Autorin, als habe man sie beworfen: “Nach meinem Verständnis bin ich deutlich dichter dran an den Erfahrungen von Irritation, Orientierungslosigkeit und Verwerfungen” als Westdeutsche. Da wird eine vom Mangel geadelte Zugehörigkeit zum Lebensnerv. Wo diese Zugehörigkeit bestritten wird, herrscht Atemnot. Die schönste Geschichte im Buch gelingt Maike Nedo. “Das Foto” handelt von einem Streit, der aus Unsagbarem im Verhältnis der Tochter zum Vater in einen Himmel der Eltern als verliebtes Paar aufsteigt. Das Foto zeigt junge Leute in dem bedrohten Augenblick äußerster Vorzüglichkeit und Selbstverzückung ... “träumerisch, rebellisch, die Köpfe aneinandergelehnt”. Der Vater entwickelte es in einer geheimen Dunkelkammer. Die Tochter sucht die Dunkelkammer in den lichten Räumen ihrer Erinnerungen.

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