Judith Gruber-Rizy Der Mann im Goldrahmen

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Inhaltsangabe zu „Der Mann im Goldrahmen“ von Judith Gruber-Rizy

„Die Vorstellung, dass ich anfange, Stephan Stück für Stück zu vergessen, erschreckt mich. Jetzt habe ich vergessen, wie sich sein Arm anfühlte, dann werde ich seine Oberschenkel vergessen, später seine Hände, seinen Bauch, und irgendwann werde ich seinen Kopf vergessen, sein Grübchen am Kinn, seine Augen. Nein, die Augen werde ich nicht vergessen, die nicht, nehme ich mir vor. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Und irgendwann wird es nur mehr das Foto geben, wie er dort auf dem Stein am Seeufer sitzt und nur ein Schatten ist.“ Eine Frau, nicht mehr ganz jung und Fotokünstlerin von Beruf, zieht sich ein Jahr lang aufs Land zurück, um dort in der Einsamkeit ein ganz spezielles Projekt zu verwirklichen: Jeden Morgen um exakt dieselbe Zeit will sie aus dem Kabinettfenster ein Foto schießen, das den Blick auf einen Kirschbaum, ein Gartenhäuschen, einen Kirchturm freigibt. Ihr erwachsener Sohn David, der in der Stadt zurückbleibt, ist dabei ihre wichtigste Bezugsperson, die Beziehungen zu anderen Menschen dagegen werden sporadisch und verblassen nach und nach. In der intensiven Beschäftigung mit der physischen Außenwelt und dem fotografischen Blick auf minutiöseste Veränderungen in der Natur stellt sich die Frau ihren Erinnerungen an einen Mann, den sie für kurze Zeit einmal geliebt hat. Sie selbst hat diese Beziehung beendet, und doch lässt die Geschichte sie nicht los. Ein packender, sensibel und präzise geschriebener Roman, der von der Idylle der Oberflächen in die Abgründe menschlichen Daseins führt.

Die Geschichte einer fast erfüllten Sehnsucht - traurig schön und bewegend

— Bernadette35
Bernadette35

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  • Die Geschichte einer fast erfüllten Sehnsucht

    Der Mann im Goldrahmen
    Bernadette35

    Bernadette35

    15. May 2016 um 21:28

    Ich bin bei einer Lesung von Judith Gruber-Rizy auf dieses Buch aufmerksam geworden, von dessen Inhalt ich vorher keine Ahnung hatte. Doch irgendwie zogen mich bereits die ersten Sätze in ihren Bann, was nicht nur am guten und präsenten Lesestil der Autorin lag, sondern vielmehr am Gefühl einer riesengroßen Sehnsucht, die das Buch von den ersten Seiten an verkörpert.Dabei beginnt es ganz schlicht: Ein Kirschbaum, ein Gartenhäuschen, ein Apfelbaum, ein Haus mit Dachfenster und zwei Tannen. Dies ist der Blick aus dem Haus, von dem die Ich-Erzählerin im folgenden Jahr jeden Morgen ein Foto machen soll - als Teil eines Kunstprojektes, das ihr sehr gelegen kommt, weil sie sich vom Leben in "W" (einer Stadt in Österreich) erholen und zurückziehen möchte. Der Leser weiß anfangs noch nicht, warum; dass sie Gründe dafür hat, wird erst nur angedeutet, und man meint, beim Lesen selbst in eine Erholung mit Entschleunigung an einem Ort mit frischer Luft zu verfallen. Die Beschreibung des Blickes (Kirschbaum, Gartenhäuschen, Dachfenster) wird öfters wiederholt, so dass man meint, die ruhigen Tage am Land mitzuerleben, die nur vom Besuch des Sohnes unterbrochen werden. Nach und nach wird die Idylle jedoch von den Gedanken der Erzählerin durchbrochen, die um ein Ereignis kreisen, dessen Nachwirkungen erst vor kurzem zu Ende gegangen sind und das ihr Leben von Grund auf geändert hat. Vom Vater ihres Sohnes getrennt, hat die Protagonistin viele Jahre lang, halbwegs zufrieden mit Sohn und Beruf (bei dem sie jedoch kinderbedingte Einschränkungen in Kauf nehmen musste), gelebt. Bis ihr eines Tages bei einem Spaziergang ein unerwartetes Objekt vor die Linse kam, nämlich ein Mann namens Stephan, der am Ufer eines Sees saß und sich von ihr fotografieren liess. Und so, wie der Leser von der schlichten, aber gebirgsseeklaren Sprache in seinen Bann gezogen wird, so wurde auch die Ich-Erzählerin von dem viel jüngeren Stephan in ihren Bann gezogen. Eines der Sätze, die mich tief berührt hatten, gibt dann auch den Konflikt der Hauptperson wunderbar zusammengefassst wider: "Und ich fragte mich oft, was in ihm vorgegangen ist, als ich nicht aufhörte ihn zu fotografieren, und warum er plötzlich lächelte und mich durch die Mauer, die er um sich gebildet hatte, eindringen ließ zu sich, in seinen Kreis."Dieser Satz war es, bei dem mir bei der Lesung unvermittelt die Tränen kamen, da sie eine Saite in mir anklingen liess, die vielleicht in jedem Menschen vorhanden ist - das Gefühl, dass sich hier eine Möglichkeit auftut, von der man jedoch weiß, dass sie höchtwahrscheinlich nie Wirklichkeit werden wird. Auf das Gegenteil hoffend, konnte ich nicht umhin, mir das Buch gleich danach zu kaufen, um mehr über diesen Stephan zu erfahren. Den die Protagonistin kurz darauf bei der Geburtstagsfeier einer ihrer Freundinnen in "W" traf. Und eine Affäre begann, von der sie niemals gedacht hätte, dass sie sie erleben würde: Die zu einem wesentlich jüngeren Mann, den sie ihrem Sohn und auch all ihren Freundinnen verschwieg, weil sie tief drinnen dachte, der Liebe eines so jungen und gutaussehenden Mannes doch nicht würdig zu sein. So verbrachten sie bloß einige schöne Wochen miteinander, bevor sie die Beziehung wieder beendete, von sich aus, und immer noch ohne jemandem davon erzählt zu haben. In den weiteren Monaten und Jahren folgten einige vage Lebenszeichen, die sie einander zukommen ließen... und nach einigen Jahren hörte die Ich-Erzählerin von einer Freundin, dass Stephan geheiratet habe, ein Baby habe, und sie sieht dies als Bestätigung ihrer damaligen Entscheidung, sich komplett zurückgezogen zu haben.Über diese vergangenen Geschehnisse nachdenkend, verbringt sie nun ein ganzes Jahr mit dem täglichen Fotomachen von Kirschbaum, Gartenhäuschen und Apfelbaum, duldet den Besuch ihres Sohnes und dessen Freundin, obwohl sie lieber in Ruhe gelassen worden wäre, denn obwohl sie ihren Sohn immer sehr geliebt hat, beginnt sie sich zu fragen, ob sie nicht seinetwegen auf die kurze späte Liebe verzichtet hat - völlig unnötigerweise, denn David, den sie sehr früh bekommen hat, war zum Zeitpunkt ihrer Beziehung mit Stephan bereits erwachsen und hätte seine Mutter vielleicht sogar verstanden. Doch das Nachdenken, das sie an den langen Abenden und Spaziergängen überkommt, ist müßig, denn die Geschichte hat bereits geendet, und dies sehr, sehr überraschend: Die Tatsache, dass Stephan geheiratet und ein Kind bekommen habe, entpuppte sich als ein großes, akustisches Mißverständnis. In Wirklichkeit war viel Schlimmeres eingetreten: Er hatte einen Autounfall gehabt, war gegen einen Brückenpfeiler gerast, wie sie von einem Freund erfuhr.Mit dieser Wendung habe ich als Leserin nicht gerechnet, denn die gibt dem Buch eine völlig neue Facette. Dachte ich anfangs, es sei eher die Leidensgeschichte einer Frau, die in späten Tagen (im Gegensatz zu vielen gleichaltrigen Männern) doch nicht mehr das Glück findet, weil sich der Mann (vermeintlich "verständlicherweise" eine gesellschaftlich "passende", jüngere Frau sucht), wird die Tragik nun dadurch multipliziert, dass dieses Glück absolut möglich gewesen wäre, wenn die Ich-Erzählerin es zugelassen hätte. Es waren nicht ihre Falten oder ihre nicht mehr ganz straffen Oberschenkel - nein, es waren die vielen Selbstzweifel und Begrenzungen, die rein in ihrem Inneren stattfanden und sie eine Chance vergeben ließen, die so nie wiederkommen wird. Das läßt den Leser die latente Trauer der Ich-Erzählerin, die sich durch das ganze Buch zieht, teilen, doch nicht ohne eine "Message" daraus mitbekommen zu haben, mögliche Chancen eventuell zu nützen. "Messages" sind am Literaturmarkt derzeit nicht sehr in Mode, doch ich persönlich liebe Bücher, aus denen ich etwas fürs Leben mitbekomme, denn letzendlich sind es nur die, die mir im Gedächtnis bleiben. Genau dies schafft Judith Gruber -Rizy in einer universellen, also für verschiedenste Lesergruppen passenden Weise und mit viel Lebenserfahrung, die zwischen den Zeilen durchblitzt - und das macht dieses Buch im derzeitigen Selbstbemitleidungsbuchdschungel so außergewöhnlich, dass ich hier nur fünf Sterne vergeben kann.Und so schließe ich diese Rezension mit Worten einer von mir seit meiner Kindheit geliebten Autorin, Christine Busta, die das Gefühl, das ich beim Lesen dieses Buches empfand, in zwei Sätzen treffend wiedergibt:Jeder Mensch scheidet von dieser Erdemit einer unerfüllten Sehnsucht.Aber die Treue zu dieser Sehnsuchtist die Erfüllung unseres Lebens.(Bernadette Grohmann-Németh)

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