Fangen wir mit dem guten an. Was mir bei dem Roman, nach all den Jahren, immer wieder gefällt, ist die unglaublich bildhafte Erzählweise. Einfach alles wird so detailliert beschrieben, dass man sich genau in diese Zeit, an diesen Ort hinträumen kann. Die Geschichte spielt in den 80ern und auch wenn ich in diesem Jahrzehnt nicht groß geworden bin, habe ich ein Faible dafür. Nimmt man z.B. den Film „Stand by me“, der dieses 80er Jahre Flair perfekt verkörpert. So ähnlich ist es auch bei „Der kalte Hauch des Flieders“. Eine kleine verschlafene Vorstadt in Neuengland mit ihren süßen viktorianischen Holzhäuschen, der verschrobenen Familie und den kleinen Geschäften. Das ganze spielt dann auch noch im trägen Sommer, wie aus dem Bilderbuch. Ich finde das jedes Mal wieder aufs Neue schön und würde mich dann am liebsten in die Geschichte reinbeamen.
Ein weiterer Pluspunkt, war für mich die Geschichte um die Familie Gilfoy, die ehemaligen Eigentümer des Spukhauses. Ein einziges Mysterium, von dem David und Sally am Ende wahrscheinlich nur Buchstücke lösen konnten. Und das ist dann schon wieder ein bisschen frustrierend. Das Familienoberhaupt, der Frauenschwarm von einem Pfarrer, der vielleicht einen unliebsamen Bürger auf dem Gewissen hat. Dazu seine Schar von Kindern, jedes ganz unterschiedlich, von hübsch zu hässlich, von klug zu geisteskrank, von still zu rebellisch. Und ganz besonders die Storyline um Julian, dem missratenen Sohn. Allein über diese Familiengeschichte, hätte man einen Roman machen sollen. Das was man herausgefunden hat, wovon das meisten sowieso nur Spekulationen waren, war ja nur die Spitze des Eisbergs. Schade, es wird wohl nie einen Ableger davon geben, weil der Roman schon zu alt ist und die Autorin, meines Wissens, keine Bücher mehr schreibt.
Kommen wir zu den Dingen, die mich gestört haben und das betrifft einen eigentlich ganz wichtigen Teil eines Romans. Die Hauptfiguren. Colin mal ausgenommen. Der alte, einsame Mann war immer liebenswert und süß und hat dafür ein recht undankbares Ende bekommen. Aber David und Sally? Total unsympathisch, wobei David der schlimmste ist. Einerseits hat es mir ja gefallen, dass er sich für die Familiengeschichte so interessiert hat, denn das war ja wirklich interessant. Ansonsten kann man sich doch aber sehr wundern, warum der Idiot bei seiner Frau keinen hoch kriegt, bei einer ziemlich verstörenden Séance aber schon. Eine Stelle im Buch, bei der ich doch sehr die Augenbrauen in die Höhe ziehen musste. Wer sich jetzt fragt, was die sexuelle Beziehung der Hauptfiguren in der Geschichte zu suchen hat, dem will gesagt sein, dass das sehr wohl noch von Bedeutung sein wird. Und ganz abgesehen davon, ist er ein übereifriger, unsensibler und arroganter Scheißkerl, der ab und zu mal ganz witzig sein kann. Kommen wir zu Sally, das genaue Gegenteil. Nüchtern, vernünftig und irgendwie langweilig. Kurz: Der Spielverderber schlechthin in einer Geistergeschichte. Natürlich ist das ganze Projekt Spukhaus rein wissenschaftliche Arbeit, aber statt sich ein bisschen auf die Hintergründe des Hauses einzulassen, wird alles hinterfragt. In dem Punkt hat man dann was mit David gemeinsam, man ist genervt. Vor allem fragt man sich, warum die beiden überhaupt verheiratet sind, wenn’s nicht im Bett läuft, Problemen aus dem Weg gegangen wird und man ansonsten nie derselben Meinung ist. Schlechtestes Pärchen ever! Ich will jetzt nicht zu viel verraten, aber dank diverser parapsychologischer Vorkommnisse, kommt die Beziehung tatsächlich mal kurz in Schwung. Man versucht streckenweise und vor allem am Schluss noch ein wenig Romantik aufkommen zu lassen, aber so richtig mag das nicht funktionieren.
Etwas das viele bemängelt haben und ich auch etwas öde fand, waren die Auszüge aus dem parapsychologischen Lexikon. Einerseits fand ich es ja gut, das man damit versucht hat, einem diese Wissenschaft näher zu bringen. Andererseits waren diese Abschnitte ziemlich trocken und ich muss zugeben, das ich sie meistens überflogen habe. Trotzdem hat es mir gefallen, das man Spuk und Geister versucht hat realistisch zu erklären. Irgendwie mag ich ja an Geister glauben, aber ich brauche Beweise! Hier wurden durchaus glaubhafte Erklärungen gebracht, auch wenn diese ein bisschen enttäuschend waren. Ein Spuk ist demnach ein Abdruck eines oder mehrerer Ereignisse, die unter starken Emotionen entstanden sind. Diese wiederholen sich immer wieder, wie ein Filmband, das abgespielt wird. Aha.
Insgesamt fand ich die Story aber ziemlich spannend und abwechslungsreich. Sehr atmosphärisch und unheimlich, aber nicht so, das man nicht schlafen könnte. Die Figuren David und Sally sind die Schwachstellen, aber dafür sind das Haus und die Kleinstadt die Stars des Romans. Und es ist einfach alles so lebensecht beschrieben, das es immer wieder ein Genuss ist es zu lesen. Und das werde ich mit Sicherheit auch noch oft tun.
Wer sich also gerne in ein Buch hineinziehen lässt und Grusel mehr schätzt als Schocker, für den sollte dieser Roman das richtige sein. „Der kalte Hauch des Flieders“ bekommt von mir 4 von 5 Sternen. Spannende Gruselstory mit kleinen Schwächen.