„Die andere Tochter“ von Judith Lennox hat meine Erwartungen leider nicht erfüllt, weshalb ich das Buch mit 2,5 von 5 Sternen bewerte. Aufmerksam geworden bin ich durch den Klappentext, der eine ganz andere Geschichte versprach, als ich sie letztlich gelesen habe.
Im Mittelpunkt steht die neunzehnjährige Olivia, die 1939 in London eine wohlhabende Familie kennenlernt und in deren Leben eine Zeit lang eine Rolle spielt – bis sie aus für sie unerklärlichen Gründen aus dem Haus ausgeschlossen wird. Der Klappentext suggeriert eine Geschichte voller Geheimnisse, vielleicht sogar einen Kriminalfall oder zumindest eine spannungsgeladene Aufarbeitung dieser Zurückweisung. Genau das habe ich erwartet.
Tatsächlich entfaltet sich jedoch eine groß angelegte Familiengeschichte, die sich über vier Jahrzehnte erstreckt. Wir begleiten Olivia beim Älterwerden, beim Aufbau einer eigenen Familie, bei Ehe, Mutterschaft und später auch durch das Leben ihrer Söhne. Die einst so geheimnisvolle Familie taucht zwar immer wieder auf, bleibt aber eher Randerscheinung und verliert zunehmend an erzählerischer Bedeutung.
Was mir dabei durchaus gefallen hat, ist die realistische Art, wie das Buch über Leben, Beziehungen und Ehen spricht. Es gibt keine großen Verklärungen, sondern leise, oft nüchterne Einblicke in das, was Nähe, Entfremdung und das gemeinsame Altwerden bedeuten können. Diese Bodenständigkeit verleiht dem Roman stellenweise Tiefe.
Dennoch blieb für mich die Diskrepanz zwischen Erwartung und tatsächlichem Inhalt zu groß. Das Buch ist nicht schlecht geschrieben – im Gegenteil, Judith Lennox erzählt routiniert und solide –, aber es ist deutlich mehr Gesellschafts- und Familiensaga als spannungsgetriebener Roman. Die Handlung blieb über weite Strecken ruhig, teilweise langatmig, und das anfängliche Rätsel entwickelte nie die Dringlichkeit, die ich mir erhofft hatte.
Ich habe das Buch nicht abgebrochen, aber gegen Ende eher überflogen. Nicht, weil es handwerklich schwach wäre, sondern weil es mich emotional nicht mehr erreicht hat. Wer klassische Familienromane über mehrere Generationen hinweg schätzt, wird hier vermutlich besser aufgehoben sein als ich. Für mich blieb am Ende vor allem das Gefühl, ein anderes Buch gelesen zu haben, als das, auf das ich mich eingestellt hatte.
























