Neujahr

von Juli Zeh 
4,0 Sterne bei4 Bewertungen
Neujahr
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kornmuhmes avatar

Ein großartiger, wenn auch kurzer Roman von Juli Zeh über kindliche traumatische Erfahrungen.

J

Ein Mann begreift seine Schwäche am Berg - Diesmal erzählt Juli Zeh interessant von Spätfolgen traumatischer Kindheitserlebnisse.

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Inhaltsangabe zu "Neujahr"

Nach Unterleuten und Leere Herzen der neue Bestseller von Juli Zeh

Lanzarote am Neujahrsmorgen: Henning will mit dem Fahrrad den Steilaufstieg zum Pass von Fermés bezwingen. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, denkt er über sein Leben nach. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er liebt seine Frau, hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Aber Henning geht es schlecht. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Er leidet unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen. Als Henning schließlich den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier. Damals hat sich etwas Schreckliches zugetragen, das er bis heute verdrängt hat ...
Gelesen von Florian Lukas.
(4 CDs, Laufzeit: 5h 4)

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783844529791
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Audio CD
Verlag:Der Hörverlag
Erscheinungsdatum:10.09.2018
Das aktuelle Buch ist am 10.09.2018 bei Luchterhand erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    J
    jamal_tuschickvor 24 Tagen
    Kurzmeinung: Ein Mann begreift seine Schwäche am Berg - Diesmal erzählt Juli Zeh interessant von Spätfolgen traumatischer Kindheitserlebnisse.
    Fadenscheinige Freiheit

    Theresa und Henning sind ganz gut als Paar. Da sie mehr verdient, macht er mehr im Haushalt. Er grübelt auch mehr. Er leidet unter Panikattacken, deren Ursachen unergründet in der Kindheit liegen – als nie diagnostizierte Belastungsstörung. Seine Selbstzweifel und die (in einem resonanzfreien Raum auftretenden) verzögerten psychischen Reaktionen bekämpft er mit körperlicher Anstrengung.

    Theresa und Henning praktizieren Familie mit Jonas und Bibbi in Göttingen. Gerade machen sie Urlaub auf Lanzarote. Da fängt die Geschichte an. Henning fährt Rad. Er hat sich für ein paar Stunden aus dem System genommen. Während die Familienarbeit ruht, bedenkt er sein Leben. Seine Routinen reichen nicht mehr.

    Juli Zeh, „Neujahr“, Roman, Luchterhand, 191 Seiten, 20,-

    „Das Radfahren tut gut.“ Es „verbrennt“ die Angst. Juli Zeh schildert einen fadenscheinigen Moment der Freiheit: „Ein Mann im Urlaub auf einem Rad, im Kampf gegen den Wind, angespornt vom grandiosen Anblick der Landschaft.“

    Solche Bilder schuf Martin Walser im „Fliehenden Pferd“, nur dass das Fahrrad ein Segelboot war. Spielarten der bürgerlichen Lebensangst und Selbstentfremdung lassen sich aus den Introspektionen des häuslichen Selbst gewinnen. Das ist wie Keschern im Aquarium; man hat alles in einer Pfütze.

    Gestern haben Theresa und Henning einigermaßen preiswert auf das neue Jahr angestoßen. Deutlich vor Augen steht Henning, was Leuten möglich ist, die billig nicht nötig haben. Diesem Mehr stellt er sich am Berg als Wurst in der Plastikpelle. Henning denkt daran, wie losgelöst seine Frau mit einem Franzosen getanzt hat: ganz anders als mit dem unzulänglichen Gatten. Theresa setzt Henning mit zwanghaftem Optimismus zu. Nur im Gespräch mit ihren Eltern hört sie auf, aus allem das Beste zu machen und verliert sich in kindlicher Klage. Dass sie sich so stets auch bei Mama und Papa über Henning beklagt, müssen wir nicht besprechen.

    In der langen Rückblende bergauf begegnet das Überschaubare und Vorhersehbare dem Wundersamen. Theresas Eltern sind Hedonisten ohne Bodenhaftung. Sie kommen mit dem Flugzeug soweit es eben fliegt, also bis nach Hannover, in Erwartung eines familiären Shuttle Service. Ihrer Großartigkeit hat Henning biografisch nichts entgegenzusetzen. Auch an dieser Stelle expandiert seine Unterlegenheit und gipfelt in der Feststellung:

    „Tatsächlich wäre Henning schneller, wenn er absteigen und schieben würde.“

    Obwohl er noch nie auf Lanzarote war, bewegt ihn das Gefühl, auf bekanntem Terrain zu scheitern. Hoch über Femés halluziniert Henning Theresas Absicht, ihn zu verlassen. So dehydriert wie unterzuckert begegnet er der Künstlerin Lisa. Sie richtet den beinah Ohnmächtigen wieder auf und lädt ihn zum Bleiben ein. Henning besinnt sich zwischen Oleander, Hibiskus und Malven. Er erinnert sich und ein Kreis schließt sich. Am Ende einer bizarren Reminiszenz schickt ihn Lisa fort, er kehrt zu seiner Familie zurück, von Trennung war nie die Rede. Auch Lisa könnte bloß ein Hirngespinst gewesen sein.

    Irgendwo las ich, Zeh thematisiere in „Neujahr“ Probleme, die erst auftauchen, wenn Paare gleichberechtigt agieren. Theresa und Henning führen überhaupt keine gleichberechtigte Ehe. Henning verdient weniger, ist weniger belastbar und bringt weniger aus seiner Herkunftsfamilie mit. Er ist Theresa unterlegen, ihn plagt die Inferiorität. Wenn Theresa von ihm verlangt, „ein Mann zu sein, den ich lieben kann“, bleibt ihm nur Selbsthass und Wut auf die Welt. Er variiert jenen Werner, der als sein Säufervater im Roman weiter keine Rolle spielt. Henning wehrt sich gegen einen wehleidigen Tropf und Jammerlappen, der in ihm steckt. Ich glaube, er wehrt sich vergeblich.

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    W
    WinfriedStanzickvor einem Monat
    Gekonnt und spannend in Szene gesetzt


    Henning ist ein moderner Mann. Ein Mann, für den Gleichberechtigung nicht nur ein wohlfeiler Slogan ist. Er, der seinen Beruf als Lektor eines Sachbuchverlags liebt, hat sich zusammen mit seiner Frau Theresa für ein Familienmodell entschieden, wie es nach wie vor nur wenige praktizieren. Beide haben sie ihre gut dotierten Arbeitsstellen halbiert und sich auf dem Dachgeschoß ihres Hauses ein Homeoffice eingerichtet, in dem sie zusätzlich (unentgeltlich natürlich) arbeiten können, wenn die Kinder schlafen. Sie kümmern sich im gleichen Maß um die Familie und die Kinder. Eigentlich sind sie zufrieden mit ihrer jeweiligen Situation.
    Doch Henning geht es zunehmend schlecht. Sein Leben überfordert ihn. Familienernährer soll er sein, Ehemann und begehrenswerter Liebhaber und liebevoller Vater seiner Kinder. Jede dieser Rollen möchte er gerne füllen und findet sich in keiner wirklich und befriedigend wieder. Seit sein zweites Kind, seine Tochter Bibbi vor etwa zwei Jahren geboren wurde, leidet er unter schweren Angstzuständen und Panikattacken. Später, als das Buch zu Ende ist, wird dem Leser deutlich werden, warum diese Begegnungen mit dem, was er „ES“ zu nennen gelernt hat, nicht vorher begonnen haben.

    Seine Frau Theresa versucht ihm zunächst aufrichtig zu helfen, sie probieren Vieles, doch dann gibt sie auf. Henning ist mit seinen Attacken allein und verbirgt sie.
    „Manchmal geht er ins Bad und guckt in den Spiegel. Unfassbar, dass man ES nicht sieht. Während das Herz einen irrsinnigen Tanz mit tödlichen Pausen tanzt, sieht sein Gesicht aus wie immer. Natürlich merkt Theresa, was mit ihm los ist. Aber sie sagt nichts dazu. ES ist zu Hennings Privatsache geworden.“

    Vielleicht hofft er durch den Urlaub, den er heimlich im Internet über Weihachten und Neujahr 2017/2018 für seine Familie gebucht hat, davon loszukommen, wieder Kraft zu schöpfen. Schon während er wochenlang nach Unterkünften auf Lanzarote sucht, erfasst ihn eine seltsame Erregung.

    Theresa erklärt sich nach einigen Widerständen einverstanden und so verbringen sie die Weihnachtstage in einem kleinen „Scheibenhaus“ in Playa Blanca. Doch Erholung ist das alles nicht. Die Kinder müssen dauernd beschäftigt werden und nur spät am Abend kommen die Eheleute zu sich selbst.

    Auch ein spontan wenige Tage vor Silvester gebuchtes Silvestermenü stellt sich als Flop heraus, zumal Theresa dort mit einen Franzosen tanzt, und heftig mit ihm flirtet.

    Nach einer unruhigen und kurzen Nacht steht Henning am Neujahrsmorgen sehr früh auf und fährt mit einem geliehenen Fahrrad den steilen Anstieg nach Femes hinauf. Er hat kaum gefrühstückt, der Sekt von Silvester steckt ihm noch in den Knochen und er hat weder Proviant noch etwas zu trinken mitgenommen.
    Auf der Fahrt blickt er in Gedanken zurück auf die Zeit, seit ES ihn besucht. Er weiß, es ist verrückt, kaum zu schaffen. Doch irgendetwas, was während der Fahrt immer stärker wird, treibt ihn nach oben, als hoffe er dort etwas zu finden, was ihn rettet.

    Als Henning dann endlich, nach langer Qual das 500 m hoch gelegene Femes erreicht, da trifft es ihn wie einen Schlag und er erkennt, dass er schon einmal hier gewesen ist.  Er schiebt sein Fahrrad bis zu einem hoch über dem Ort gelegenen Haus, das ihn magisch anzieht.

    Dort oben, so erkennt er, war er einmal mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Luna im Urlaub, zu der ihn bin heute eine ganz besonders enge, aber auch komplizierte Beziehung verbindet. Und er erinnert sich daran, wie sich damals etwas ganz Schreckliches zugetragen hat - so schlimm, dass er es bis heute verdrängt hat, bis ES nach der Geburt von Bibbi wieder hoch kommt.  Was damals geschehen ist, von Juli Zeh über weite Strecken des Buches gekonnt beschrieben, verfolgt ihn  bis heute.

    Juli Zeh beschreibt in einem gut aufgebauten Familienroman, wie stark unsere Kindheit unser Lebensgefühl bestimmt. Ein Roman, der in der zweiten Hälfte zu einem regelrechten Thriller sich verwandelt, den man atemlos verschlingt. Gekonnt und fast spielerisch arbeitet sie immer wieder mit verschiedenen Ebenen von Zeit und Wahrnehmung. Ihr Psychogramm einer modernen und emanzipierten Ehe und Familie geht unter die Haut, weil es so nahe am eigenen Leben sich abspielt.

    Auch mit „Neujahr“ zeigt Juli Zeh wieder neu, dass man einen unterhaltsamen Roman schreiben kann, ohne die literarische Qualität aus dem Auge zu verlieren. Ich wünsche mir, dass viele berufstätige Familienmänner und – frauen dieses Buch lesen, sowohl zur Unterhaltung, als auch als Anregung, öfter einmal darüber nachzudenken, wie ihre Kindheit und ihre vielleicht ungeklärte Beziehung zu den Großeltern ihrer Kinder ihr eigenes Leben umschattet und behindert.
    Florian Lukas gelingt es in der hier vorliegenden ungekürzten Lesung des Buches für den Hörverlag in München hervorragend sich in den Protagonisten Henning hineinzuversetzen und setzt sowohl das Psychogramm seiner Geschichte und Persönlichkeit als auch die schrecklichen Erlebnisse seiner Kindheit gekonnt und spannend in Szene.






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    kornmuhmes avatar
    kornmuhmevor 17 Tagen
    Kurzmeinung: Ein großartiger, wenn auch kurzer Roman von Juli Zeh über kindliche traumatische Erfahrungen.
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    VanaVanilles avatar
    VanaVanillevor einem Monat

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