Unterleuten

von Juli Zeh 
4,3 Sterne bei31 Bewertungen
Unterleuten
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Soerens avatar

Zeh-flüssige Geschichte mit (viel zu) detaillierten Charakterstudien

AnjaFriedas avatar

Genial! Spannend und Faszinierend geschrieben.

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Inhaltsangabe zu "Unterleuten"

„Die Geschichte ist wie ein Kaleidoskop. Man dreht ein wenig, und alles sieht anders aus.“ Juli Zeh
Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf „Unterleuten“ irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick darauf wirft, ist bezaubert von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtige aus Berlin gerne kaufen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Kein Wunder, dass schon wenige Tage später im Dorf die Hölle los ist …
Mit "Unterleuten" hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der hochspannend wie ein Thriller ist. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?
(2 mp3-CDs, Laufzeit: 15h 23)

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783844521337
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Sonstiges Audio-Format
Umfang:0 Seiten
Verlag:Der Hörverlag
Erscheinungsdatum:08.03.2016
Das aktuelle Buch ist am 08.03.2016 bei Luchterhand Literaturverlag erschienen.

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    engineerwifes avatar
    engineerwifevor 4 Monaten
    Hat sich doch sehr in die Länge gezogen ...

    „Unterleuten“, ein HB das schon lange ganz oben auf meinem Hörbuch SUB lag, hat es Dank einer Leserunde nun auch endlich an mein Ohr geschafft. Leider hat sich meine Erwartungshaltung nicht ganz erfüllt. Ich war gespannt auf das kleine Dorf mit seinen vielen Konfliktherden, die durchaus vorhanden und sehr ausbaufähig waren. Doch die Autorin verlor sich in ausschweifenden Beschreibungen der einzelnen Personen und mir schien als ich endlich durchblickte wer wer ist und wie die einzelnen Geschichten und Schicksale zusammengehören, war der Roman zu Ende. Schade, ich konnte mich mit diesem Roman nicht wirklich identifizieren. Ein ganz großes Lob aber an die Autorin für die geniale Website, die sie für dieses Buch kreiert hat. Hier findet der interessierte Leser/Hörer viele kleine Details zu den Einwohnern und auch dem Ort selbst, was mir beim Hören sehr hilfreich war. Bin ganz begeistert von der Seite! 

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    Soerens avatar
    Soerenvor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Zeh-flüssige Geschichte mit (viel zu) detaillierten Charakterstudien
    Zeh-flüssige Geschichte mit (viel zu) detaillierten Charakterstudien

    „Unterleuten“ ist wahrscheinlich das erste Hörbuch, bei dem ich es bereue, mich für die ungekürzte Fassung entschieden zu haben. Die Charakterstudien im Roman sind zwar sehr vielschichtig und gut ausgearbeitet, allerdings viel zu weitläufig. So wie die ganze Geschichte. Es ist nicht einfach, wenn zum Beispiel bei stundenlangen Dorfversammlungen über Windräder diskutiert oder mehrmals in der Geschichte der neuste Klatsch ausgetauscht wird. Ich brauche auch nicht zu jeder Figur den kompletten Werdegang inklusive lang zurückliegender Anekdote erklärt bekommen. Auch die subtil gewählte Sprache wertet da nicht so viel auf. „Unterleuten“ ist wie eine aufgeblähte, deutsche Version von Stephen Kings „Needful things“ oder J.K. Rowlings ebenfalls nicht so gelungenem „Ein plötzlicher Todesfall“. Zum Ende hin spitzen sich die Ereignisse zwar etwas zu, jedoch nicht wirklich dramatisch. Außerdem bleibt selbst das weitläufig.
    Keine Frage, der Roman hat durchaus seine Momente. Zum Beispiel, wenn Gombrowski über das Leben philosophiert. Trotzdem sind das bloß kurze Lichtblicke in einem ansonsten grenzenlos ausufernden grauen Nebel.

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    Nike_Leonhards avatar
    Nike_Leonhardvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Großartig! Es gibt wenige Bücher, die mich so gepackt haben.
    Die Hoffnung ist ein verlogenes, verzogenes Gör

    Um diesen kryptischen Satz zu verstehen, muss man "Unterleuten" vollständig gelesen oder, wie in meinem Fall, gehört haben.


    Unterleuten ist der Name eines kleinen Dorfs in der brandenburgischen Provinz, irgendwo hinter der Plausitzer Platte. Dort, wo es wenig mehr gibt, als Landschaft. Wo die ehemalige LPG, der einzige Arbeitgeber ist. Wo Berliner ländliches Idyll vermuten und Ruhe vor dem Stress der Großstadt suchen, während unter den Alteingesessenen Fehden ausgetragen werden, deren Wurzeln noch in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg liegen.
    Aber genauso kann man den Titel als "Unter Leuten" lesen und das wäre genauso richtig, denn Unterleuten erzählt in erster Linie von Beziehungen. Diese Beziehungen haben es in sich. Vom Idyll keine Spur. Das Idyll lebt nur in der Vorstellung der Hinzugezogenen.



    Die Geschichte beginnt schon dramatisch: Mit zwei Hinzugezogenen, die sich in ihrem Haus einigeln, weil das ebenfalls neu hinzugezogene "Tier" auf dem Nachbarhof Reifen verbrennt. Seit Tagen. Ununterbrochen. Warum bleibt ihnen unverständlich, aber der einzige Ausweg scheint, "das Tier" umzubringen.
    Dann wechselt die Perspektive. Nach und nach lernt man verschiedene Dorfbewohner kennen und mit jedem neuen Blickwinkel gewinnt das Bild neue Facetten.
    Das Drama gewinnt an Fahrt, als ein bekannt wird, dass in Unterleuten ein Windpark geplant ist. Alte Feindschaften werden erneuert, neue Koalitionen und Allianzen gegründet - aber es gibt auch neue Brüche. Das Ende ist herzzerreißend und grotesk gleichzeitig, aber vollkommen glaubwürdig.


    Juli Zeh benutzt eine sehr einfache Sprache, die gut zur Handlung, den Menschen und der Landschaft passt. Keine Übertreibungen und nur selten die Metaphern und Bilder, für die ihre frühen Romane bekannt sind. Trotzdem wirkt diese Sprache nie langweilig, vielmehr trägt ihre Nüchternheit zur Glaubwürdigkeit der Handlung bei.
    In Unterleuten gibt es keine Identifikationsfigur. Keinen strahlenden Helden, alle wähnen sich im Recht - und gerade daraus bezieht die Handlung ihre Spannung. Ich habe mich beim Hören immer wieder empört, mitgelitten, habe mitgefiebert, Partei ergriffen und beim nächsten Perspektivwechsel gestutzt, weil sich plötzlich ganz anders darstellte. Ich habe geheult, gelacht und hätte ein paar Mal am liebsten geschrien: "Das kannst du nicht tun!"
    Kurz: Unterleuten hat mich auch emotional gepackt und in seinen Bann gezogen.


    Unbedingt lesen. Oder hören!

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    sursulapitschis avatar
    sursulapitschivor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Eine köstliche Satire auf vermeintliche Dorfidylle mit einer guten Portion post-DDR-Charme und skurrilen Typen, die alle zwei Seiten haben.
    Vom Winde verweht

    Unterleuten, ein Dorf in Brandenburg. Hier ist es ruhig, die Luft noch rein, die Wiesen grün, die seltenen Kampfläufer heimisch und die Bürger speziell.

    Mit wunderbar leiser Ironie, führt einen Juli Zeh in das Dorfleben ein. Man hat zunächst einiges an Personal zu verdauen, trifft Typen jeder Couleur mit unterschiedlichsten Ambitionen, die nicht immer zusammenpassen. Aber je näher man sie kennen lernt, desto besser versteht man sie. Irgendwann bedauert man sogar Schaller, „das Tier von nebenan“, das ständig Autoreifen verbrennt und die Luft verpestet. Hier wird der Leser an der langen Leine spazieren geführt und stellt fest, dass in einem anderen Licht besehen, vieles ganz anders aussehen kann. Ist Linda vielleicht nicht nur das nette, pferdeverrückte Naturkind?

    Der Plan, dort eine Windkraftanlage zu bauen, bringt schon im Vorfeld frischen Wind ins Dorf. Manch einer sieht darin Chancen, während es anderen gar nicht passt. Die Idylle ist dahin. Da verschieben sich Allianzen auf wundersame Weise, bis es nahezu irrwitzig wird.

    „Was den Menschen vom Tier unterschied war die Fähigkeit, im Angesicht der Katastrophe, „Siehste!“ zu denken.“

    „Unterleuten“ ist eine köstliche Satire auf vermeintliche Dorfidylle mit einer guten Portion post-DDR-Charme und skurrilen Typen, die alle zwei Seiten haben. Es gibt Rührendes, Überraschendes und auch Bedrohliches, über das man sich amüsiert, manchmal auch wundert.
    Ich hatte großen Spaß.

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    Gwhynwhyfars avatar
    Gwhynwhyfarvor 2 Jahren
    Dorfleben als Mikrokosmus

    "Zugezogene begriffen nicht, dass der Weltuntergang hier bereits stattgefunden hatte. Mehrmals."

    Ein kleines Dorf in Brandenburg namens Unterleuten, Dörfler mit Vergangenheit der DDR, angekommen in der BRD, zugezogene Westler, Investoren, EU-Förderwahnsinn, Vogelschützer, eine Windparkanlage, die die Finanzen des Dorfs retten könnte, Seilschaften, Feindschaften, Tricksereien, ein nicht ganz geklärter Todesfall aus 1991, Landflucht, jede Menge Ehekrisen, Geschlechter- und Generationenkonflikte, schrullige Dorfmenschen, Städter, die mit rosaroter Brille die Natur betrachten. So könnte man in Kurzform den Inhalt der Geschichte beschreiben, Stadt-Wessi trifft auf Ureinwohner-Ost.

    Unterleuten ist pleite, aber es besteht die Möglichkeit das Dorf zu retten, indem man mit Windkraft Steuereinnahmen erzielen könnte. Es entsteht ein Streit um den Bau. Die einen sind dafür, die anderen wollen die Natur retten. Alte Seilschaften werden ausgegraben, neue geschlossen. Uralte Freundschaften und Feindschaften, die über die Jahre hochgehalten wurden, werden benutzt. Anfangs meint der Leser, die eine Gruppe kämpft gegen die andere und eine von beiden wird gewinnen. Aber dieser subtile Roman geht ins Detail, in die Tiefe der einzelnen Protagonisten. Irgendwann ist dem Betrachter klar, es gibt keine Gruppen, hier kämpft gegen jeden, für sein kleines Universum, egoistisch, für Macht oder Geld. Es wird getrickst und gelogen, alte Wunden platzen auf, Männer prügeln sich.

    Es gibt den eingesessenen Kron, ein alter Kommunist, der zur Solidarität gegen den Windpark aufruft, Kron, der Macht ausspielt, ein Choleriker, der gern im Mittelpunkt steht, mit Enkelin Krönchen, die schon jetzt im Kindesalter die fiesen Charakterzüge des Opas zeigt. Sein Erzfeind Gombrowski will den Windpark, um Arbeitsplätze zu erhalten. Gombrowski, der damals die LPG leitete, diese nach der Wende in die Ökologica GmbH umwandelte, ein machtbesessener Typ, dessen Vorväter als Großgrundbesitzer die Ländereien besaßen. Arne Seidel, der Bürgermeister hat nur das Dorf im Sinn, der Diplomat. Seine verstorbene Ehefrau hatte als IM der Stasi einst das gesamte Dorf abgehört, was Arne erst nach ihrem Tod erfuhr.

    Georg ist zugezogen, der Vogelschützer aus der Stadt, Gegner des Windparks, weil dieser nicht in die Natur gehört, weil er nicht in seine Sicht des Landlebens passt. Georg, ein verkrachter Akademiker, Aussteiger, der im Dorfleben seine Erfüllung sucht, verheiratet mit einer ehemaligen Studentin, die für ihr Kind hier ein Nest bauen möchte, zurück in die Vergangenheit, einfach Mutti sein. Georg hat seine Dozentenstelle an der UNI gekündigt und ist nun verantwortlich für 32 geschützte Kampfläufer-Vögel. Nachbar Schaller, von Georg «das Tier» genannt, entwickelt sich zu seiner persönlichen Kriegsstätte. Schaller betreibt eine illegale Autowerkstatt und verbrennt täglich Gummireifen direkt auf der Grundstücksgrenze. Die Polizei bleibt tatenlos.

    Und dann haben wir die Pferdeflüsterin Linda Franzen, die für sich und ihr Pferd ein Zuhause sucht und plant mit Pferde-Seminaren für Manager ihr Geld zu verdienen. Sie erweist sich im Lauf der Geschichte als ziemlich hinterlistig. Ein Investor, der für lau gleich nach der Wende ein großes Stück Land ergatterte mischt auch noch mit.

    Einen Hauptprotagonisten gibt es nicht. Schicksale von Einzelnen, Inneneinsichten in die Protagonisten in ständigem Perspektivwechsel stricken diese Geschichte zusammen. Die Kapitel sind im Wechsel jeweils einer Hauptfigur zugeordnet. In gemächlichem Plauderton entwickelt sich ein Dorfgewitter, Blitze zucken, bis es zum Ende an allen Seiten kracht. Die Städter geben sich Illusionen hin. In einem Gespräch wird dem Bürgermeister geraten, auf der wundervollen Erde mehr auf Bio zu machen. Der weist darauf hin, dass nicht so viel wachse, außer dem Mais für die Biogasanlage und dass die Gesprächspartnerin bestimmt nicht wissen möchte, was man nach der Wende unter der Erde alles vergraben wurde … Obst vergammelt an Bäumen und darunter, während die Dörfler im Supermarkt einkaufen. Die Wirklichkeit von harter Landwirtschaft mit lauem Einkommen trifft auf rosa Brillen von Berlinern.

    «Er war nicht aufs Land gezogen, um zu erleben, wie der urbane Wahnsinn die Provinz erreichte. Er verzichtete nicht auf Theater, Kino, Kneipe, Bäcker, Zeitungskiosk und Arzt, um durchs Schlafzimmerfenster auf einen Maschinenpark zu schauen, dessen Rotoren die ländliche Idylle zu einer beliebigen strukturschwachen Region verquirlten.»

    Die Autorin zeigt auf Kommunikationsstrukturen im Dorf: Stufe eins für Zugezogene, Information, Stufe zwei, Fremde, die Vertrauen erlangen können, tiefere Information. Stufe 3, die Eingesessenen, die untereinander alles aushandeln, tiefe Information. Hier schuldet der eine dem anderen etwas, schiebt ihm etwas zu, sieht weg oder tritt auch nochmal drauf, um sich zu rächen.

    «Wenn sich Datenschützer in der Zeitung wegen Überwachung im Internet ereiferten, musste Kron regelmäßig lachen. Man musste nur ein handelsübliches Dorf besuchen, um zu verstehen, was der gläserne Mensch tatsächlich war.»

    Egoismus auf allen Seiten. Jeder greift nach dem dicksten Tortenstück, wobei auch große Geschütze aufgefahren werden und kein mieser Trick ausgelassen wird. Menschen demaskieren sich. Die Figuren sind plakativ überzeichnet. Aber das macht den Reiz aus, 600 Seiten des Dorflebens in aller Intensität als Leser mitzuerleben und macht einen guten Schuss Humor aus.

    Die jüngeren Männer werden als Looser dargestellt, der mürrische Vogelschützer, der es als Akademiker nicht geschafft hat, der langhaarige Informatiker, der Spiele entwirft, sich nicht traut, sich selbstständig zu machen, der den großen Wurf im Kopf hat, aber Angst vorm Scheitern hat. Krons Tochter, Ärztin, verheiratet mit einem Schriftsteller, der nichts auf das Papier bekommt. Die Frauen stehen letztendlich alle ihren Mann.

    Die Sprache ist einfach, mit viel Symbolik bestückt, immer in gekonnt erzählerischem Ton, keine literarische Meisterleistung. Ein gelungener Gesellschaftsroman über Nachwirkungen des geteilten Deutschlands, Dorfidylle, die keine ist, ein Sumpf mitten im Dorf, gemacht aus den eigenen Unzulänglichkeiten der Einzelnen, Eigennutz und Hinterfotzigkeit, ein voyeuristisches Vergnügen für den Leser. Willkommen auf dem Lande. Manchmal stinkt es gewaltig.

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    black_horses avatar
    black_horsevor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein Dorf, seine Menschen und die Windkraft. Ein wunderbar kritischer Gesellschaftsroman, typisch Juli Zeh.
    Vom Winde verweht

    Ein Dorf im Nirgendwo, Alteingesessene, Zugezogene, alte Fehden, neue Großgrundbesitzer und die Sache mit der Windkraft. Ist das aureichend für einen großen Roman?

    Julis Zehs neues Werk ist ein interessanter Spiegel unserer Gesellschaft. Sie zeichnet detailliert die Persönlichkeiten der verschiedenen Dorfbewohner, sowohl der "Neuen", für die die Machenschaften im Dorf noch ein Rätsel sind, als  auch der "Alten", die längst vergangene Ereignisse nicht vergessen wollen.

    Berlin, die Großstadt, ist nicht weit und doch scheint in Unterleuten die Zeit stehen geblieben zu sein. Ein Idyll für überreizte Städter oder der Ort wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen? Ein Naturschutzgebiet, an dessen Grenzen die Entwicklung nach der Wende Halt gemacht hat? Wer steckt mit wem unter einer Decke? Wem gelingt es am gewieftesten, seine Interessen durchzusetzen?

    Und dann soll auch noch ein Windpark gebaut werden. Aber das geht nur, wenn Grundstücke zusammengelegt werden. Wer profitiert, wer verliert?

    Unterleuten - ein anonymer Ort. Und doch mitten unter uns.

    Unbedingt lesen/hören.

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    Vera-Angelas avatar
    Vera-Angelavor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Dieses Hörbuch ist das Beste, was ich seit langem gehört habe!
    Ein Meisterwerk

    Ich habe lange nicht mehr so ein gutes Stück Literatur gelesen oder in diesem Fall gehört. Ich bin restlos begeistert. Das Thema ist toll gewählt, die Erzähltechnik trotz ihrer Komplexität nie verwirrend und die Sprache bildreich. Ich liebe die Personenbeschreibungen von Juli Zeh! Was für eine begnadete Autorin!

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    walli007s avatar
    walli007vor 2 Jahren
    Menschliches und Zwischenmenschliches

    Ein kleines fast vergessenes Örtchen in der Nähe von Berlin ist Unterleuten. Mit seiner relativen Nähe zur Stadt und der gleichzeitigen landschaftlichen Idylle und preisgünstigem Wohnraum bietet das Dörfchen etwas für am Zuzug Interessierte. Genau dieses Angebot haben einige Neu-Unterleutener genutzt. Und sie tun einiges dafür, sich in die Dorfgemeinschaft einzufügen. Dass einigen Plänen Steine in den Weg gelegt werden, erscheint ihnen nicht ganz verständlich. Warum brennt der Nachbar alte Reifen ab? Er müsste doch wissen, dass das der kleinen Tochter von Gerhard Fließ nicht guttun kann. Und wieso hat das Haus von Linda Franzen einen so schlechten Ruf. Allerdings sind auch die Alt-Unterleutener sich gegenseitig nicht grün. Zwischen Gombrowski und Kron herrscht eine ewige Fehde. 


    Was vorher lediglich unterschwellig spürbar war, bricht ans Tageslicht als eine Investmentgesellschaft plant in Unterleuten einen Windpark zu errichten. Nun beginnt der Kampf Befürworter gegen Gegner der Anlage und gleichzeitig versuchen findige Dorfbewohner das Meiste aus ihrem Grundbesitz herauszuschlagen. 


    Ruhig erzählt Juli Zeh die Lebensgeschichte jedes Einzelnen der Dorfbewohner. Da wird das Tier beinahe sympathisch, während der Umweltschützer zum Monster mutiert. Dazwischen reiben sich die weiteren Dorfbewohner. Jeder hat einen guten Grund, mit dem er sein Handeln rechtfertigt. Die vielbeschworene Gemeinschaft, von der nach der Wende über das Dasein im Osten geschwärmt wurde, scheint schon lange zerbrochen. Kleinkriege werden mit großer Gründlichkeit geführt. Jeder ist sich selbst der Nächste, sogar wenn er meint, er setze sich für andere ein. Wenn man gerade meint, eine Person verstanden zu haben, begeht diese eine Tat, durch die man vor den Kopf gestoßen wird. Die Sympathiepunkte sind verspielt. Am Ende fragt man sich, für wen das Ganze zu einem guten Schluss geführt haben könnte. So richtig will sich keine Antwort bilden, obwohl die meisten der Beteiligten der Situation mit größeren oder kleineren Blessuren entronnen sind. 


    Ausgesprochen gut vorgetragen wird die Misere von Helene Grass, die unaufgeregt so manche Seite zum klingen bringt. Wenn Lektüre sei sie gelesen oder vorgelesen Emotionen, Gedanken und Nachdenken auslöst, kann sie nur gut sein. Die fein geschliffenen Worte der Autorin entfalten ihre Wirkung langsam und nachhaltig. Die Strömungen des Dörflichen sind vielleicht etwas überspitzt, wer allerdings selbst vom Lande kommt, wird einiges wieder erkennen. Ob man die ländliche Idylle der Anonymität der Stadt vorzieht, bleibt jedem selbst überlassen. Einem kleinen Teil der Gesellschaft hält Juli Zeh jedenfalls einen äußerst lesenswerten Spiegel vor.

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    Claris avatar
    Clarivor 2 Jahren
    Dorfgemeinschaft im Streit

    Unterleuten ist der beziehungsreiche Titel eines neuen Romans von Juli Zeh. Unterleuten ist ein kleines Dorf im Brandenburgischen ungefähr 100 km von Berlin entfernt.

    Worum geht es?

    In Unterleuten hat sich nach der Wiedervereinigung der zwei Deutschen Staaten ein buntes Völkchen zusammengefunden: ehemalige Dorfbewohner, Arme, Reiche aus dem Westen und aus Berlin Zugezogene, die es in die Idylle der vermeintlich noch unberührten Natur zog.

    Hier herrschen enge und überschaubare Verhältnisse. In ihnen aber spiegeln sich gesellschaftliche Gegebenheiten, die sich auf die ganze deutsche Wirklichkeit übertragen lassen. Es gibt mehr Feind als Freund und jeder/ jede versucht, den eigenen Wertvorstellungen oder Ideologien nachzustreben. Dabei stößt man sich an allen Ecken und Enden.

    Der (fast) Professor für Soziologie Gerhard Fließ wandelt sich zum Vogelkundler und Umweltschützer, seine Frau Jule will Gartenbau und Gartenpflege zu ihrem Hobby machen. Die Häuser, anfangs noch verfallen, sind preiswert zu erstehen und werden im gemeinsamen Eifer den eigenen Bedürfnissen angepasst. Da stößt so mancher Gartenzaun an den anderen und die innere Stimmung samt passender Ideologie gleich mit dazu.

    Von der ersten Zeile an ist man gebannt von der Dynamik, mit der Juli Zeh ihre Geschichte aufbaut. Man spürt die Wut, wenn die Enttäuschung nach dem zuvor angepeilten glücklichen Leben Risse bekommt. Und man erlebt den ehemaligen Gutsbesitzer Gombrowski, der die Kleinbürger von einst mit Verachtung straft. Alle bisherigen Wertvorstellungen geraten nach der Wende ins Wanken. Kommunisten versuchen zu retten, was zu retten ist. Der ehemalige Gutsbesitzer versucht aus der neuen Lage seine alte Herrschaft unter anderen Bedingungen wieder zu erlangen.

    Es herrscht ein diffiziles Netz von Verschwörungstheorien und persönlichen Kränkbarkeiten, in dem sich nach und nach zahlreiche Dorfbewohner verfangen.

    Als eines Tages ein Gewinnler aus dem Westen mit Unterstützung einiger Dorfbewohner einen Windpark in der Gegend errichten will, beginnt eine Unruhe, die die ganze Gemeinschaft erfasst. Unterleuten ist nachweisbar Naturschutzgebiet, das mit diesem Vorhaben in seiner ganzen Fauna und besonders dem Vogelreichtum vernichtet würde.

    Das Dorf Unterleuten ist gewissermaßen mit seinen Einwohnern ein Schmelztiegel, in dem Frust, Lust, Schikane und heile Weltvorstellungen eine ungute Symbiose eingehen. Sie zeigt uns eine Öffentlichkeit, in der Gier, Selbstsucht und Gewinnstreben, auch Eifersucht, Neid und die kleinen Streitereien des Alltags das Leben bestimmen. Hier spiegelt sich am Beispiel der Welt im Kleinen unsere momentane gesellschaftliche Wirklichkeit.

    Juli Zeh ist nach den Aussagen in einem Epilog einer Zeitungsnotiz nachgegangen, in der es in eben jenem Ort Unterleuten zu einem Verbrechen gekommen sein soll. Anhand von eigenen Recherchen kommt sie als Ergebnis zu dieser umfassenden Sozialstudie.

    Zuweilen sind die Einzelheiten ihres Berichts ein wenig ermüdend in ihrer ausufernden Detailfreude.

    Mit diesem Roman gesellt sie sich aber zu den ganz Großen in der Weltliteratur. Sie kann sich messen lassen mit den anerkannten amerikanischen Autoren, die ebenfalls aus einer Kleinstadt
    ( Elizabeth Strout) oder aus der Lage des Landes ( Richard Ford)ihre Schlüsse mit Blick auf gesellschaftlichen Befindlichkeiten zu ziehen vermögen.

    Sie schreibt klug, einfallsreich, empathisch und mit Sinn für die kleinen Alltäglichkeiten. Man sollte sich ihren Roman nicht entgehen lassen!

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    EmmaZeckas avatar
    EmmaZeckavor 2 Jahren
    Eine schöne Hörbuchfassung eines genialen Gesellschaftsromanes

    Ich wollte schon immer mal ein Buch von Juli Zeh lesen. Als mir dann erzählt wurde, dass "Unterleuten" als Hörbuch erscheinen würde, war klar, dass das Exemplar auf meine Wunschliste wanderte. 


    "Unterleuten" ist eine faszinierende Geschichte. Ich habe wirklich Schwierigkeiten diese Stimmung einigermaßen in Worte zu fassen. Gelesen wird der Roman von Helene Grass. Ihre Stimmfarbe passt wunderbar zu der Geschichte und schafft es diese Stimmung zu untermalen. Denn hier spielt sich sehr viel zwischen den Zeilen ab. Man muss genau hinhören, um die Atmosphäre zu erfassen, ahnt aber, dass es bei weitem nicht so friedlich zugeht, wie gedacht.

    Allerdings hatte ich etwas Mühe in die Geschichte einzutauchen, weil Helene Grass ganz leicht lispelt und mich das am Anfang ziemlich abgelenkt hat. Als ich dann aber erstmal in der Geschichte drin war, ist mir das gar nicht mehr aufgefallen.


    Inhaltlich treffen hier verschiedene Parteien aufeinander: Wie beispielsweise ein Vogelschützer, der die Dorfbewohner mit nervigen Briefen über nicht bewilligte Bauprojekte plagt, einzig und allein um die Natur zu schützen. Oder eine Pferdefrau, die sich gerne selbstständig machen möchte, hierbei aber in ein Machtspiel verwickelt wird.

    Juli Zeh führt hier sehr viele Charaktere ein: Toll finde ich hier, dass jeder aus seiner Perspektive richtig handelt. Allerdings hat das richtige Handeln des einen, böse Konsequenzen für den anderen, sodass schnell eine Kettenreaktion in Gang kommt. Ich hatte aber hin- und wieder Mühe die verschiedenen Charaktere auseinanderzuhalten. Da hätte mir beispielsweise ein Personenverzeichnis am Anfang sehr geholfen. (Das hätte man z.B. als ersten Track gestalten können).


    Juli Zeh baut einen genialen Spannungsbogen auf. Schon zu Beginn musste ich über die scheinbar ländliche Idylle schmunzeln. Sie transportiert diese typischen Dorf Konflikte, wie beispielsweise die nervige Nachbarschaft, oder das Unangepasst sein einiger Dorfbewohner sehr glaubhaft. Jeder, der in einem Dorf lebt, kann von der ein oder anderen Erzählung ein Liedchen singen. Als dann noch ein Faktor von außen - der geplante Bau eines Windparks - hinzukommt, gerät ein Fass, dass schon sehr lange bis zum Rand gefüllt war, zum Platzen.


    Auch der Schreibstil von Frau Zeh hat es mir angetan. Sie baut eine wahnsinnig gute Atmosphäre auf, die einem das Thriller Gefühl ganz nahe bringt. Außerdem hat sie die schöne Eigenschaft viel zwischen den Zeilen zu transportieren, ohne hierbei viele Worte zu brauchen. Aber ich glaube, das habe ich schon mal erwähnt... :-)


    Zusammenfassend kann ich sagen, dass "Unterleuten" definitiv eines meiner Lieblingsbücher von 2016 ist. Der Titel passt einfach perfekt zu der Geschichte. Denn in diesem Dorf ist man "Unter Leuten", die nicht unterschiedlicher sein könnten. Als ich die Rezension vorbereitet habe, rechnete ich fest damit, dass es sich hier um eine ungekürzte Lesung handelte. Die Verlagsseite des Hörverlags belehrte mich da eines Besseren und ich war wirklich fasziniert davon, wie viel Informationen in der Geschichte enthalten waren. Diese typischen Mängel, wie beispielsweise das die Geschichte zu schnell voran kommt, oder manche Handlungsstränge nicht wirklich verstanden werden, sind hier überhaupt nicht aufgetreten.


    Wer also auf der Suche nach einem guten Thriller ist, der scheinbar leise, aber mit viel Spannung daherkommt, sollte sich Juli Zehs "Unterleuten" einmal genauer anhören, oder schauen. 

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