Mein erster Roman von Julia Holbe und sicherlich nicht der letzte. Dennoch lässt mich das Buch etwas zwiegespalten zurück. Ich war, insbesondere während der ersten knapp 200 Seiten, echt begeistert. Am Ende zog es sich, 300 statt knapp 400 Seiten. Das wär's wohl gewesen.
Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Schwestern, Flora und Millie, die sich nach sehr vielen Jahren in ihrem Elternhaus wiedersehen. Die Eltern sind verstorben, nun muss entschieden werden, wie es mit dem Nachlass weitergeht. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise in ihre Kindheit. Sie streiten, schweigen und nähern sich wieder an, treffen Freunde und Bekannte von früher, suchen Orte ihrer Vergangenheit auf. Im Mittelpunkt der Gespräche: die Lügen ihrer Eltern, alte Verletzungen, die zerrüttete Eltern-Beziehung, das gesamte chaotische Familiengefüge. All das hat die Schwestern massiv beeinflusst und nachhaltig geprägt.
Ich mag die Aufarbeitung der Eltern-Kinder-Beziehung sowie Schwestern-Verbindung. Sie gehen trotzig miteinander um. Und dann doch wieder zärtlich, vertraut, innig. Mit einem unterschiedlichen Blick auf ihre Kindheit, irgendetwas zwischen Verdrängen und Vergessen. Auch Humor fehlt nicht. Die Vergangenheit verbindet sie, so unterschiedlich sie sein mögen. Ich mag den Schreibstil. Und meine persönliche Quintessenz des Romans: Egal, was war, lass uns nicht ewig an der Vergangenheit abarbeiten oder gar als Entschuldigung für alles sehen. Sondern lass es besser machen, Frieden schließen, nach vorn blicken. Zum Schluss leider zu viel Länge. Per se aber ein gutes Buch, das dazu einlädt, Beziehungen zu beobachten und zu analysieren.
Julia Holbe

Lebenslauf
Julia Holbe, Jahrgang 1969, ist Luxemburgerin. Sie lebt in Frankfurt am Main und in der Bretagne. Zwanzig Jahre arbeitete sie als Lektorin für internationale Literatur im S. Fischer Verlag. »Unsere glücklichen Tage« ist ihr erster Roman.
Quelle: Penguin Random House Verlagsgruppe
Ihr Buch "Boy meets Girl" erscheint im März 2022 bei Penguin.
Alle Bücher von Julia Holbe
Unsere glücklichen Tage
Boy meets Girl
Man müsste versuchen, glücklich zu sein
Boy meets Girl
Neue Rezensionen zu Julia Holbe
2,5 Sterne
Nach meinem ersten Lese-Highlight folgte nun leider mein erstes Lowlight.
'Man müsste versuchen glücklich zu sein' von Julia Holbe klang zunächst nach einer vielschichtigen und emotionalen Familiengeschichte. Die Schwestern Flora und Millie treffen nach langer Zeit - und nach dem Tod ihrer Eltern - im gemeinsamen Elternhaus wieder aufeinander. Sie versuchen, sich einander anzunähern, Vergangenes aufzuarbeiten und gegenseitiges Verständnis zu entwickeln.
Keine leichte Aufgabe, wenn man mit einer exzentrischen Mutter und einem Vater aufgewachsen ist, der unter anderem durch Affären 'glänzte'. Unterstützung erhalten die Schwestern durch Floras Tochter, die Freundin der Mutter und weitere Wegbegleiter, sodass eine Zeitreise in die Vergangenheit beginnt, die eigentlich Potenzial für Tiefe und Emotionen bietet.
Leider wurde diese Rückschau sehr langatmig erzählt. Viele Wiederholungen und eine für erwachsene Frauen erstaunlich kindliche Sprache haben mich zunehmend genervt.
Eine der Schwester ist wütend, weil sie am Ende alles alleine regeln musste, doch warum Millie so lange abwesend war, bleibt weitgehend ungeklärt. Auch ihre Gedankenwelt bleibt fremd, da ihr ständig Erinnerungen fehlen - ein Umstand, der eher Distanz als Verständnis erzeugt.
Ich begann recht schnell, querzulesen, und habe bis jetzt nicht wirklich verstanden, was mir dieser Roman vermitteln sollte.
Schade, denn die Geschichte hatte durchaus Potenzial. Wer vom Klappentext angesprochen wird, kann gerne selbst hineinlesen - der Lesegeschmack ist ja schließlich sehr subjektiv. Eine Empfehlung kann ich jedoch leider nicht aussprechen.
„Als ich auf meinem kleinen Hotelbalkon in Luxemburg saß und auf die Stadt blickte, konnte ich nicht anders, als mich ganz den Erinnerungen hinzugeben. Diese Erinnerungen waren Dämonen, aber ich hatte sie vermisst. Wie eine Droge.“
Vier Freundinnen und der Sommer ihres Lebens + große Liebe + großes Zerwürfnis – das klingt nach einem altbewährten Rezept. Bewährt nicht nur wegen dem relativ klaren Plotverlauf, sondern auch weil der/die Autor*in, wenn sie rückblickend erzählt (wie auch Julia Holbe es tut), gleichsam über die Jugend und übers Alter schreiben kann, also beide Gefühlswelten abdeckt.
Zu Anfang ist das Buch auch genau die eindringliche und bewegende Erfahrung, die es durch diesen Mix zu sein verspricht: nach fast drei Jahrzehnten trifft Elsa Marie wieder. Sie bildeten einst gemeinsam mit ihrer Freundin Fanny eine 3er-Clique, die in ihren Studienjahren immer die Ferien in einem Haus von Elsas Eltern an der französischen Atlantikküste verbrachte. Dort wartete jeden Sommer das vierte, ortsansässige Mitglied ihrer Gruppe auf sie: die quirlige Lenica, zu der besonders Elsa ein tiefe Zuneigung hegte. Sie verbrachten die Tage mit trinken, reden, lesen, schwimmen und essen, in tiefer Eintracht.
Dann, im letzten gemeinsamen Sommer, trat auf einmal Sean in diesen erlesenen Kreis: Sean, der etwas ungeheuer Anziehendes hatte, etwas Raubtierhaftes und gleichsam Liebevolles, etwas Umwerfendes und der aber auch Geborgenheit geben konnte, Leichtigkeit, Freiheit. Mitgebracht hatte ihn Lenica, die ihn bereits lange zu kennen schien – aber zusammen kommt er dann mit der Erzählerin Elsa, die sich mit aller Leidenschaft in diese Beziehung stürzt, obgleich sie den Abgrund darin von Anfang an ahnt.
Danach sahen sich die Freundinnen über Jahrzehnte nicht; Lenica starb in der Zwischenzweit. Und jetzt, nach Ehen, Kindern und Scheidungen, erscheint den drei Freundinnen (Marie und Elsa spüren auch sehr schnell Fanny auf) dieses einstige Glück nicht nur magisch, sondern sie legen es auch auf ein letztes Revival an und fahren noch einmal in das Haus, um ein langes Wochenende dort zu verbringen. Und es kommt, wie es kommen muss: Sean taucht wieder auf …
Am Anfang ist Holbes Buch unwiderstehlich und sie versteht es, die Gegenwarts- und die Vergangenheitsebene gut miteinander zu verschränken und doch separat voranzutreiben. Es wird Spannung aufgebaut und viel Vorfreude stellt sich ein, gleichsam zeichnet Holbe ein gutes Bild von Erinnerungswelten und ihrer Anziehung, ihrer trügerischen und doch tiefen Schönheit.
Bis sie dann anfängt, es in einigen Formulierungen zu übertreiben. Als würde sie der Kraft und Dynamik ihres eigenen Sujets (das sich ja, wie gesagt, schon bewährt hat) nicht vertrauen, beteuert sie etwa ab dem zweiten Drittel in jeder Szene die Intensität und Bedeutung der Gefühle ihrer Protagonistin – manches davon mag als authentischer Überschwang durchgehen, aber vieles wird zur enervierenden Overdosis.
Ja, kann man jetzt einwenden, die Protagonistin wird halt von ihren Gefühlen überwältigt, sie schwelgt darin, das gehört zu ihrem Charakter. Das mag stimmen, ist sogar logisch, ergibt aber leider streckenweise einen furchtbaren Stil und macht die Spannung in vielen Szenen zunichte; und auch die zentralen Gefühle erscheinen zu durchsichtig, zu wenig ambivalent.
Ich möchte hier gar nicht mit irgendwelchen creative-writing-Regeln à la „Show, don’t tell“ kommen und Holbes Stil generell aburteilen. Ich verstehe, warum er zeitweise übersteigert sein muss – eben weil die Protagonistin so empfindet, aber noch mal: Logik ersetzt mir nicht das Lesevergnügen und das schwindet leider spätestens ab der Hälfte rapide, zumindest in den Szenen, in denen – statt dass vorausgesetzt wird, dass ich die emotionalen Verfassungen der Beteiligten grundsätzlich verstanden und im Blick habe – immer und immer wieder dieselben Gefühlswelten abgegrast werden.
Und das ist wirklich sehr, sehr schade, denn zu Anfang hatte ich den Eindruck, ein wirklich überdurchschnittlich gutes, sehr in seinem Thema aufgehendes Buch in Händen zu haben, das ich nach dem ersten Drittel wohl auch hymnisch besprochen hätte, als Ode an die Landschaften unserer Erinnerungen, als Psychogramm des Alters, als Elegie über das Gefühl der verpassten Dinge, etc.
Und gerade auf diesen ersten Seiten ist das Buch auch in Bezug auf das eigene Erzählen viel klüger als später, wie Formulierungen wie diese hier beweisen:
„Wahrscheinlich war alles irgendwie gebrochener, ambivalenter, wahrscheinlich trauriger. Aber ist nicht das Wichtigste, wie wir uns erinnern? Nein. Das Wichtigste ist, wie wir es erinnern wollen.“
Gespräche aus der Community

Nur ein Moment kann das ganze Leben verändern ... Nach ihrem Bestseller "Unsere glücklichen Tagen" erzählt Julia Holbe in ihrem neuen Roman leichtfüßig und dennoch tiefgründig von Zweifeln, Hoffnung und Neuanfängen.
Als Nora erkennt, dass sie ihr Leben zu lange nie ganz ausgekostet hat, wächst ihr Wunsch nach Veränderung. Sie begibt sich voller Mut auf die Reise zu einem
Leben, das mehr für sie bereithält.

Mit ihrem Debütroman "Unsere glücklichen Tage" verwandelt die Luxemburgerin Julia Holbe graue Wintertage in sonnige Urlaube im Süden. Sie erzählt darin von den wirklich wichtigen Dingen des Lebens: Liebe und Freundschaft, Schuld und Verrat, Zufall und Schicksal ... Und häufig verbirgt sich in der Vergangenheit viel mehr, als wir selbst wahrhaben möchten! Zusammen mit dem Penguin Verlag verlosen wir 25 Exemplare des Buches in schönen Überraschungsboxen.
Zusätzliche Informationen
Julia Holbe wurde am 21. Juli 1969 in Luxemburg (Luxemburg) geboren.
Welche Genres erwarten dich?
Community-Statistik
184 Bibliotheken
46 Merkzettel
2 Leser*innen











