Julia Jessen

 4.1 Sterne bei 30 Bewertungen

Lebenslauf von Julia Jessen

Vom Schauspiel zur Literatur: Die 1974 geborene Julia Jessen ist vielen als Schauspielerin bekannt: 10 Jahre lang war sie nach ihrer Schauspielausbildung und einem abgebrochenen Literaturstudium für Film und Fernsehen unterwegs und u. a. im „Tatort“ zu sehen. Parallel dazu arbeitete sie als Dozentin an verschiedenen Schauspielschulen und gründete 2010 in ihrer Heimatstadt Hamburg die Schauspielschule „Kurswerk“, die auch Persönlichkeits- und Präsenztraining anbietet. Doch ihre wahre Bestimmung hat sie im Schreiben gefunden – kein Wunder bei der familiären Prägung: Der Vater ist Literaturagent und der Bruder Philipp Journalist. 2015 erscheint ihr literarisches Debüt „Alles wird hell“, ein Familienroman, in dem sie die Protagonistin Oda von ihrer Kindheit bis ins Seniorenalter begleitet – durch ein scheinbar völlig normales, von Höhen und Tiefen geprägtes Leben. Der Roman wird ein Erfolg und im gleichen Jahr für den Hamburger Klaus-Michael-Kühne-Preis nominiert. Julia Jessen entscheidet sich, den Schauspielerberuf an den Nagel zu hängen – zumindest vorerst. 2018 ist ihr zweiter Roman „Die Architektur des Knotens“ erschienen, der von den konfliktbeladenen Momenten der Zweisamkeit handelt, vom Zerbrechen und Neubeginn einer Beziehung und der Selbstfindung darin, auch wenn nichts mehr so ist, wie es einmal war. Julia Jessen lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hamburg.

Alle Bücher von Julia Jessen

Julia JessenAlles wird hell
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Alles wird hell
Alles wird hell
 (28)
Erschienen am 15.08.2016
Julia JessenDie Architektur des Knotens
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Die Architektur des Knotens
Die Architektur des Knotens
 (2)
Erschienen am 07.03.2018

Neue Rezensionen zu Julia Jessen

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Rezension zu "Die Architektur des Knotens" von Julia Jessen

Gordische Knoten des Lebens
rallusvor 4 Monaten

Die Sage berichtet, dass Alexander der Große auf seinem Siegeszug nach Asien in der persischen Stadt Gordion Halt machte. Hier befand sich der gordische Knoten, dem ein Orakel prophezeite, dass nur derjenige, der den Knoten lösen würde, auch über Asien herrschen könne. Wie jeder weiß, löste Alexander das Rätsel mit einem Schlag seines Schwertes. Heute bedeutet die Redewendung „den gordischen Knoten durchschlagen“ oder „den gordischen Knoten lösen“ die Überwindung eines schwierigen Problems mit energischen beziehungsweise unkonventionellen Mitteln. (Quelle Wikipedia)

So einfach sind solch knifflige Verwicklungen meist nicht zu entwirren; wenn man ein Problem hat, sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sprich, man sitzt in seinen eigenen Problemen begraben und kann sich schwer befreien, um eine Sicht von außen zu bekommen.

So fühlt sich in dem vorliegenden Buch von Julia Jessen, einst Schauspielerin jetzt erfolgreiche Schriftstellerin, Yvonne, eine Frau Mitte dreißig, zwei Kinder, glücklich mit Jonas verheiratet. Glücklich? Yvonne spürt, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmt. Eine Katastrophe wird über sie und ihre Familie hereinbrechen.

"Ich beobachte, wie sie eine Weile damit spielen, die Autos über die Straße schieben, Mika lässt den Polizisten den Verkehr regeln, während John alle Holzampeln auf Rot stellt. Mika lacht. Ich warte geduldig, denn ich kann fühlen, wie sie sich an die Katastrophe herantasten. Unter ihren Stimmen vibriert eine Aufregung, die mir bis in die Zehenspitzen kriecht. Normalität, Alltag, etwas, das auf einen Abgrund zuzulaufen scheint. Es ist alles ein Spiel. Ein Experiment. Oder nicht?"

Um Yvonne herum geht das normale Leben weiter. Sie fühlt sich nur nicht mehr als Teil davon, sie steht daneben. Sie stellt die Beziehung zu ihrem Mann in Frage.

"Wir sprechen so nicht mehr. Nicht mehr mit diesem dringenden Wunsch, dem anderen am liebsten unter die Schädeldecke gucken zu wollen. Alles zu erfassen, was da vor sich geht. Als wüssten wir schon alles. Aber wir reden viel. Das ist das Seltsame. Manchmal sind meine heimlichen Gedanken furchtbar laut. Aber sie finden keinen Weg nach draußen. Ich halte sie von ihm fern. Und das macht mich einsam. Zwischen all den Worten, die zwischen uns hin und her wandern, ist immer viel Schweigen."

Anfangs kann Yvonne diese Gedanken nicht fassen. Während eines Besuchs bei Freunden in Dänemark, versucht sie die Normalität einzufangen. Doch immer wieder rutscht sie neben die Dinge, sie kommt mit nichts mehr in Berührung, es ist alles vorhersehbar, bis zum Ende des Lebens. Yvonne verträgt die Sicherheit nicht mehr, das Leben ist für sie unlebendig geworden, wie eine Einkaufsliste, die man abhakt. Bei dem Versuch ihre Gefühle Jonas mitzuteilen, erntet sie nur Unverständnis. Ob sie denn nicht zufrieden sei mit ihrem Leben, was sie denn wolle? Doch Yvonne hat darauf keine Antworten, sie merkt nur, dass sie sich wieder spüren will.

"Mein Körper, mein Kopf sind ein Kokon, in dem all das Unsagbare zurückbleibt, erstarrt und sich verwandelt. In Ungeduld oder Wut und dann in Müdigkeit. Ich kann dabei zusehen, wie es geschieht, und ich weiß, dass es nicht gut ist. Ich weiß nur nicht, wo ich anfangen soll. Es ist wie eine Gewissheit, dass es nicht zu sagen ist. So wie es auch nicht zu hören sein wird. Weil es uns in Frage stellt. Und weil diese Fragen gefährlich sind und uns Angst machen. Und ich weiß nicht, warum das so sein muss. Warum wir uns so eingerichtet haben, dass wir uns davon nichts erzählen dürfen."

Sie bricht an dem Wochenende in Dänemark an einem Abend aus, geht alleine tanzen und schläft mit einem Mann. Dieser schnelle, hastige Moment auf der Toilette hat ihr kurzfristig das Körpergefühl zurückgebracht. Doch innerlich fühlt sie sich immer noch leer. Sie will keine Affären oder einen neuen Mann. Es brennt nicht mehr in Yvonne.

"Ich mag mein Leben. Ich mag die Menschen darin. Ich weiß gar nicht, wie ich es anders machen sollte. Es fehlt nur so viel. Mir ist so vieles abhandengekommen. Es reicht einfach nicht. Der Gedanke hinterlässt eine ungute Spur, während er über alle anderen Gedanken des Tages rüberkriecht. Wie Schneckenschleim klebt er an allem, was geschieht, und beschmutzt es."

Behutsam führt Julia Jessen uns in die Innenwelt von Yvonne, greift ihre Gedanken auf und nimmt den Leser an die Hand auf den verschlungenen Wegen ihres Gefühlschaos. Yvonne merkt, dass sie umdenken muss, aber sie hat keinen vorgedachten Weg, den sie nehmen kann. Sie verlässt die ausgetretenen Pfade, kämpft sich mit der Machete durch den Dschungel, spürt, dass sie eine neue Struktur braucht. Sie möchte das neue Leben spüren, das Leben, das so viel Spannung und Lebendigkeit versprühen kann. Dafür muss sie offen sein, sich selbst neu erfinden. Sie lernt eine Gruppe von Menschen kennen, denen es genauso geht.

"Ich beneide sie, weil für sie alles offen ist, sie haben keine Ahnung, was als Nächstes passiert. Alles könnte passieren. Ich weiß genau, was gleich passiert. Ich weiß ziemlich genau alles, was gleich passiert, und auch, wie es ablaufen wird."

Ein Buch, das versucht das Unsagbare zu sagen, zwischen die Gedanken springt, keine Tabus kennt und immer wieder Bilder aufbaut, die ich so noch nicht gelesen habe. Zarte, zerbrechliche Bilder, die die Protagonistin irritieren, die dazu führen, dass sie sich treiben lässt, ohne Netz und doppelten Boden. Sie ist diejenige, die alle anderen mitreißt in diese Ungewissheit hinaus. Eine Ungewissheit ohne die üblichen vorgelebten Sicherheiten des Lebens. Aber etwas mit viel Weite, Platz und spannenden Momenten. Ein Buch mit Abgründen, aber eines, das Mut macht, neue Wege zu gehen, wenn man selbst erkennt, dass einem etwas fehlt. Ein Buchhöhepunkt des Jahres 2018.



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leseleas avatar

Rezension zu "Alles wird hell" von Julia Jessen

Wo Licht ist, ist auch Schatten
leseleavor 5 Monaten

Und jetzt denke ich an das Dunkle. Die kleinen Geheimnisse, die wir haben. Und das Helle. Das, was alle sehen können. Und ich frage mich, ob es Menschen gibt, die immer nur hell oder immer nur dunkel sind. (S. 24)

Es gibt Bücher, die kann man nicht wirklich erklären. Man kann nicht sagen, was man an ihnen großartig fand, was genau einen bewegt hat oder was einem die Lektüre mitgegeben hat. Manchmal kann man noch nicht einmal genau umreißen, was eigentlich genau erzählt wurde oder warum das Erzählte erzählenswürdig war. Es gibt Bücher, die liest man einfach, in die taucht man ab, taucht wieder hinaus und spürt sie, ohne sie mit objektiven Kriterien fassen zu können. Alles wird hell, das Debüt von Julia Jessen, ist genau so ein Buch. Es erzählt in Ausschnitten die Lebensgeschichte der Tänzerin Oda und zeigt ihren Alltag als fünf-, als sechszehn-, als vierzig- und als achtzigjährige. In all diesen Lebensphasen passiert vieles, aber nichts, was über das Leben anderer Frauen hinausgeht. Oda tanzt, liebt, streitet, lügt, betrügt, lacht, schließt Frieden und lebt vor sich hin. Es ist eine gewöhnliche Geschichte, die Biographie eines Jedermanns und doch schafft Julia Jessen es, einen mit dieser im Grunde unspektakulären Geschichte zu begeistern und zu berühren.

Wie der Autorin das gelingt, lässt sich nur schwer beschreiben. Es liegt einerseits sicherlich an der Sprache, die Julia Jessen verwendet, um Odas Leben zu erzählen. Ihre Syntax ist von Parzellierungen geprägt, ihre Wortwahl durchaus spielerisch und an Reibungen interessiert. Beides zusammen führt dazu, dass die einzelnen, stakkatoartigen Sätze das Erzählte nicht nur ungemein verdichten und auf expressive Weise hervorheben, sondern in ihrer Anordnung häufig an moderne Poesie erinnern und einen ganz eigenen Sound erzeugen: Alles wird hell ist melancholisch und versonnen, gleichzeitig aber auch laut und voller Energie. Zugleich ist da die die Protagonistin Oda, die diese besondere Stimmung des Romans auf ideale Weise verkörpert und den Leser an das Buch fesselt: eine gewöhnliche Frau, die doch etwas Eigenes hat, eine, deren Gedanken – die sie einem ungefiltert und unbeschönigt offenbart – einem fremd und gleichzeitig vertraut sind, eine, deren Handlungen und Beweggründe man nachvollziehen kann und dich sich im Ganzen doch dem Leser entzieht. Oda, so wird mit jeder der insgesamt 280 Seiten deutlicher, ist wie du und ich, die ideale Projektionsfläche, in der man sich wiedererkennen kann, durch die man aber auch begreift, dass man im Leben nicht immer alles restlos verstehen kann.

Alles wird hell ist ein eigenwilliger und daher besonderer Roman, bei dessen Lektüre meine Empfindungen und Bewertungen immer wieder auf der Kippe stand. Mal sprach es mich sehr an, mal langweilte es mich, mal faszinierten mich Oda, ihre Familie und ihr Alltag, manchmal frustrierte mich diese Geschichte, die auf so artifizielle Weise von so banalen Begebenheiten erzählt. Doch ein Empfinden stellte sich nie ein: Gleichgültigkeit gegenüber dem Gelesenen. Und auch nach der Lektüre lässt mich der Roman nicht sofort los: Alles wird hell hallt lange und tiefgehend nach, berührt mich, ohne dass ich genau erklären kann, wieso. Ein Buch, das einen auf so unbestimmte Weise fordert und es einem beim Lesen nie einfach macht – und das obwohl der Inhalt doch so leicht erscheint –, zählt für mich zu guter und anspruchsvoller Literatur. Daher volle 5 Sterne und eine Leseempfehlung. Julia Jessens zweiter Roman, der 2018 erschienen ist, steht schon auf meiner Wunschliste.

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Wassollichlesens avatar

Rezension zu "Alles wird hell" von Julia Jessen

Es wird wirklich alles hell
Wassollichlesenvor 3 Jahren

Eigentlich ist Oda's Geschichte kein Roman. Sie ist vielmehr ein Kunstwerk. Alles. Die Sprache. Die Art, ihre Geschichte zu erzählen.Aus diesem Grund wird das Buch wahrscheinlich Menschen, die eine einfache Lektüre suchen, nicht so sehr ansprechen. Ich mochte dieses Buch aber sehr gerne. Es war einfach anders. Aber schön.Das ganze Leben der Hauptfigur Oda wird auf 228 Seiten erzählt, alles aus ihrer Perspektive. Alle Höhen und alle Tiefen. Völlig ehrlich und ohne Tabus.Der Titel passt perfekt - Alles wird hell.
"Ich fühle es so sehr, dass ich Angst habe, Großmutter könnte es sehen. Wie ich immer dunkler werde. Meine Großmutter steht im Sonnenlicht. Sie ist ganz hell. Ich stehe auch im Licht, aber ich bin mir sicher, dass ich ganz schwarz geworden bin. Vom Lügen."
"Und jetzt denke ich an das Dunkle. Die kleinen Geheimnisse, die wir haben. Und das Helle. Das, was alle sehen können. Und ich frage mich, ob es Menschen gibt, die immer nur hell oder immer nur dunkel sind. Und ob eine Familie nicht sichtbar sein müsste füreinander."
Ich musste erstmal in die Geschichte reinkommen, aber dann kam ich nicht mehr los. Mal wieder flossen am Ende die Tränen. Aber das ist ja bekanntlich ein gutes Zeichen. Ein Qualitätsmerkmal in gewisser Weise.
Großes Lob an den Kunstmann-Verlag!Das Buch ist wunderschön gestaltet.
Fazit
1 Eselsohr für die kunstvolle Erzählweise1 Eselsohr für die Sprache. Ein Buch in der "Originalsprache" zu lesen, ist einfach noch schöner.1 Eselsohr für die Gestaltung des Buches.1 Eselsohr, weil mich das Buch sehr berührt hat.

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