Frühling auf dem Mond

von Julia Kissina 
3,8 Sterne bei4 Bewertungen
Frühling auf dem Mond
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Inhaltsangabe zu "Frühling auf dem Mond"

Kiew, späte Breschnewzeit. Julia, ein so verträumtes wie rebellisches Mädchen, wächst im Milieu der bürgerlichen jüdischen Intelligenz heran. Während ihr Vater, der in ständiger Angst lebt, denunziert zu werden, Texte für eine Zirkusrevue schreibt, unterhält sie sich nachts mit den Führern des Weltproletariats. Ein älterer Herr, der sich als Pole ausgibt und Werke über die französische Küche verfasst, zeigt ihr das Anatomische Theater aus zaristischer und weißgardistischer Zeit. Das in Gärten versteckte Gebäude, die Aura des Todes und der materiellen Auflösung ziehen sie magisch an. Hier lauert ein Wissen, der »Lunatismus«, eine im Mondlicht gesteigerte Selbstwahrnehmung, mit dem sie sich den Zumutungen einer bedrängenden Realität entziehen kann.
Traurig, wütend, mit visionärer Sprachkraft begabt, beschreibt Julia Kissina ihre sowjetische Kindheit vor dem Hintergrund des physischen und ideellen Zerfalls der Stadt Kiew und ihrer Bewohner. Die Museen und Parkbänke, die verschlungenen Gässchen und Hinterhöfe der Altstadt mit ihrem dahinsiechenden Abendlicht in den schmutzigen Pfützen, bleiben dem Leser unvergesslich.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783518423639
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:252 Seiten
Verlag:Suhrkamp
Erscheinungsdatum:11.03.2013

Rezensionen und Bewertungen

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    Wolkenatlass avatar
    Wolkenatlasvor 5 Jahren
    Eine Kindheit im Kiew der Breschniew-Zeit

    Eine Kindheit im Kiew der Breschniew-Zeit

    Der Roman "Frühling auf dem Mond" der 1966 in Kiew geborenen und mittlerweile in Berlin lebenden ukrainischen Autorin Julia Kissina, der nichtsdestotrotz im Original in russischer Sprache verfasst ist, ist ein spannendes Porträt eines etwas rebellischen und mit einer gehörigen Portion surrealistischer Gedanken ausgestatteten Mädchens, das wohl als zumindest fiktives alter ego der Autorin verstanden werden kann.

    "Man zwingt mich zu wachsen. Man zwingt mich, das papierene Rückgrat zu strecken. Man misst mich mit dem Lineal, ob mein Wachstum nicht stockt, man wiegt mich und spickt mich mit Vitaminen. Meine Eltern achten sorgfältig darauf, dass ihr mickriges Geschöpf Fleisch isst."

    Julia wächst im jüdisch-bürgerlichen Milieu auf. Ihr Vater schreibt Texte und Szenarien für den Zirkus, lebt in permanenter Angst, denunziert zu werden. Die Mutter gibt sich der Pflege von wirren alten Damen hin, und Julia erforscht und erkundet ihre Umgebung, ihre sich im Stadium des langsamen Zerfalls befindende Heimatstadt Kiew.

    Beeindruckend sind die Passagen dieses meist überzeugenden Textes, in denen Julia Kissina die schmutzigen, dunklen, schäbigen, zerkratzten und unschönen Seiten des spätkommunistischen Kiews zum Leben erweckt, indem sie mit wunderschönen Sätzen leicht surreale Stimmungsbilder erzeugt. So weckt sie verrostete Eisengestelle in einem Park zum Leben, zugewachsene, verwilderte Wiesen, oberflächlich schöne noble Straßenzüge. Das Kiew der jungen Julia ist eine wilde, verwunschene Welt, in der die kommunistische Gesinnung nur am Rande Einzug hält, was oft von der jungen Protagonistin unverstanden bleibt. So bleibt der Blick auf das wilde Treiben unschuldig, was die Beobachtungen umso interessanter für den Leser macht.

    Nachts unterhält sich die Protagonistin mit den Führern des Weltproletariats und trifft sich tagsüber oft mit einem älteren, sich als Pole ausgebenden Schriftsteller, der nunmehr Bücher über die französische Küche verfasst und Julia mit dem Anatomischen Institut aus der Zeit der Zaren und Weißgardisten bekannt macht. In dem Gebäude, versteckt in verwilderten Gärten, findet Julia zu ihren "lunatistischen" Gedanken. Der Zerfall des Materiellen und die Aura des Todes ziehen sie an und beleben ihre Selbstwahrnehmung, die den Text dieses eindrucksvollen Romans nährt.

    Nicht ganz so überzeugend ist leider die formale Gestaltung des Romans. In kurzen Kapiteln rast das Geschehen von einer Sache zur nächsten. So, dass man als Leser eher meint, eine Sammlung von Ereignissen, so wie knappe Erzählungen, die teilweise Schnittstellen haben, meistens aber nicht, zu lesen. So findet die Sprache in der Form keinen Partner, was den Roman noch stärker gemacht hätte. Auch die Personen dieses Romans bleiben teilweise überzeichnet und verschiedensten Klischees verhaftet, vom korrupten Onkel bis hin zur verrückten alten Dame in der Anstalt und den Anderen; das ist allerdings offensichtlich so gewollt, damit der Leser die Begleitfiguren eben nur als solche, gesehen durch die surreal-getönte Brille der jungen Julia, gesehen werden.

    Von Valerie Engler großartig übersetzt, ist Julia Kissinas erster Roman "Frühling auf dem Mond", ihre dritte Veröffentlichung, nach einem interessanten Erzählungsband "Vergiss Tarantino" und einem Kinderbuch, sicherlich eine wirkliche Empfehlung, auch wenn der Rezensent die eine oder andere Kleinigkeit bemängelt hat.

    (Roland Freisitzer; 04/2013)

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 5 Jahren
    Morbide Poesie

    Meiner Meinung nach ein ganz wunderbares Buch. Eindrucksvolle Sprache, schwarzer unterschwelliger Humor und Verfall überall.
    Eine detailiertere Rezension von mir findet ihr hier :)

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    Tounys avatar
    Tounyvor 2 Jahren
    Matijs avatar
    Matijvor 4 Jahren

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