Die Icherzählerin ist Schriftstellerin - nach einer Lesung kommt eine Frau auf sie zu und sagt, sie beide hätten übrigens denselben Vater. Das ist das titelgebende "Vorkommnis", das dazu führt, dass die Erzählerin sich Gedanken macht über ihre Eltern, ihre Herkunft, ihre eigene Familie und wie alles zusammenhängt.
So weit, so gut.
Oder eben nicht. Ich finde nämlich leider überhaupt keinen Bezug zu dieser Frau, auch wenn sie mir sehr offen und detailliert darlegt, was sie denkt. Der Duktus ist streng rational und analytisch, für Emotionen ist kein Platz, aber das stört mich gar nicht: Ich habe mich auch anderswo dem Seelenleben von literarischen Akteuren via Bande genähert - bei Kent Harufs kleinen und doch so schmerzhaften Dramen aus Colorado ebenso wie bei Penelope Lively und ihrer "Heat Wave". Aber da konnte ich die Haltung und das Handeln der Figuren für mich nachvollziehen.
Diese Icherzählerin hingegen bleibt mir als Mensch und Charakter ein Rätsel.
Als die vermeintliche Halbschwester sie anspricht, umarmt sie diese spontan und innig. Und dann lässt sie sie wieder ziehen und ihrer Wege gehen. Ich hätte sie ja beiseite genommen und erstmal nach dem Woher und Weshalb gefragt, sie gelöchert und ihre Geschichte auf Plausibilität und Anhaltspunkte verprobt. Und dann, wenn ich alles rational verstanden und gebilligt hätte, hätte ich entschieden, welche Rolle die Frau in meinem Leben bekommt, welche emotionale, familiäre Nähe ich zulassen will. Aber so ticke ich, die Icherzählerin aber eben nicht.
Ein anderes Mal bedauert das Ich den Verlust eines Portemonnaies, weil darin der nie abgesandte Brief lag, in dem sie ihrem Ehemann die Trennung verkündet. Dabei ist - davor und danach - nie die Rede von Eheproblemen, von Trennungsabsichten, von spezieller Unzufriedenheit. Darf ich das seltsam finden? Ich zucke die Schultern und denke mir, gut, andere haben Fotos ihrer Lieben im Geldbeutel ...
Auch die Haltung gegenüber den eigenen Kindern - namens- und geschlechtlos schreibt sie nur vom "jüngeren Kind" - denen im Kindergarten Gewalt und gravierendes Fehlverhalten vorgeworfen wird, bleibt merkwürdig gleichgültig und distanziert. Ich wäre (oder war in vergleichbaren Situationen) hin- und hergerissen zwischen dem Verteidigungsinstinkt, mit dem ich mein Rudel gegen die völlig haltlosen und lächerlichen Anforderungen des hysterischen Kindergartenpersonals schützen wollte - und der tiefen Sorge, irgendwas in der Erziehung grundfalsch gemacht zu haben, weswegen meine Kinder solche Rowdies geworden sind und eine Gefahr für die Menschheit.
Nachvollziehbar in diesem Text sind für mich nur die Abschnitte mit Betrachtungen der Literatur, wenn sie Bücher befragt, um Halt zu finden (welche Rolle spielen Halbgeschwister bei anderen Schreibenden und deren Werken?) und des Literaturbetriebs, wo sie auch die kleinen Nöte als Schreibende schildert, deren Fiktion ganz anders interpretiert wird als von ihr beabsichtigt. Interessant auch die Passagen über das Aufwachsen als Offizierstochter in der DDR und ihr Jahr als Dozentin in Bowling Green, Michigan.
Aber das macht nur einen geringen Teil dieses dünnen Bandes aus. Auf den meisten Seiten verstehe ich diese fremde Frau überhaupt nicht und, schlimmer noch, ich finde sie darüber hinaus auch gänzlich uninteressant.





















