Walter Nowak bleibt liegen

von Julia Wolf 
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Walter Nowak bleibt liegen
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Herr Nowak ist nicht liegen geblieben, sondern direkt gelesen worden. Ich mochte das Buch gerne.

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Das war dann wohl nix...

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Inhaltsangabe zu "Walter Nowak bleibt liegen"

Jeden Tag schwimmt Walter Nowak seine Bahnen im Freibad. Eines Morgens bringt eine Begegnung ihn aus der Fassung, mit fatalen Folgen: Der Länge nach ausgestreckt findet er sich wenig später auf dem Boden seines Badezimmers wieder, bewegungsunfähig und auf sich allein gestellt. »Von nun an geht es abwärts, immer abwärts«, schießt es ihm durch den Kopf. Zunehmend verliert er die Kontrolle, Gedankenfetzen, Bilder aus der Vergangenheit stürzen auf ihn ein: das Weihnachtsfest mit seiner ersten Frau Gisela, ihr Schweinebraten, ihre Tränen; der Blick seines Sohnes Felix, als er von der Trennung erfährt; Erinnerungen an seine eigene Kindheit als unehelicher Sohn eines GIs; und, vor kurzem, eine Diagnose seiner Ärztin. Während nach und nach alles vor seinen Augen verschwimmt, ziehen seine Gedanken immer engere Kreise, nähern sich einem verborgenen Zentrum, dem Anfang, dem Ende ... Als das Hitzegewitter endlich losbricht, steht plötzlich sein Sohn Felix vor der Tür.
Mit verblüffender erzählerischer Souveränität und großer Empathie zeichnet Julia Wolf in ihrem zweiten Roman ein eindrückliches Männerporträt: Walter Nowak, Kind der Nachkriegszeit, steht an einem Scheidepunkt. Seinem Gedankenstrom folgend macht der Leser eine faszinierende Reise in die menschliche Psyche.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783627002336
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:160 Seiten
Verlag:Frankfurter Verlagsanstalt
Erscheinungsdatum:07.03.2017

Rezensionen und Bewertungen

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    Heike_Stehrvor einem Monat
    Kurzmeinung: Herr Nowak ist nicht liegen geblieben, sondern direkt gelesen worden. Ich mochte das Buch gerne.
    Herr Nowak berührt

    Herr Nowak ist nicht liegen geblieben, sondern direkt gelesen worden. Ich mochte das Buch gerne. Er gibt nicht so schnell richtig viel von sich preis, der Herr Nowak, man muss schon Geduld mit ihm und seinen unfertigen Sätzen haben ... aber dann erschloss sich mir doch Stück für Stück ein deutliches Bild dieses Herrn, der seine Gefühle nicht gut wahrnimmt und seine Ängste verdrängt, schon etwas traumatisiert wirkt. Das scheint mir alles schlüssig und auch berührend mit vielen Episoden, die sich kaleidoskopartig zusammenfügen. Ich mochte das besonders, wenn so Themen, Ideen, Gedankengänge wieder und wieder kurz aufblitzten, sich dabei weiter entwickelten und immer klarer wurden. Das hat Frau Wolf gut hinbekommen. 

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    Tynesvor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Das war dann wohl nix...
    Das war dann wohl nix...

    Julia Wolf - Walter Nowak bleibt liegen

    eBook - 160 Seiten

     

    Oh. Mein. Gott. - ich kann kaum glauben, dass ich es wirklich abgeschlossen habe…

    Das Beste kommt zum Schluss - sagt man doch so, oder? Nun - dem war in diesem Fall definitiv nicht so.

    Dieses Buch ist leider mein "Jahreshighlight" - im negativen Sinne, das schlechteste Buch, welches ich 2017 gelesen habe.

    Dabei klang der Klappentext echt interessant, nach einer etwas anderen Geschichte.

    Aber die Geschichte sucht man hier meiner Meinung nach vergeblich.

    Es ist ein unsteter Wechsel zwischen verschiedenen Orten, Zeiten - ja scheinbar sogar Geisteszustände.

    Auf mich machte das Gelesene von Anfang an einen extrem wirren Eindruck, was sich leider im Fortschritt nicht geändert hat.

    Willkürlich geformte "Sätze", häufig mitten im Gedanken abgebrochen - oftmals musste man nochmal zurück, um den Gedanken wenigstens für sich selbst zu Ende formulieren zu können, gedankliche Absätze sind ebenso Mangelware wird ein angenehmes Lesegefühl.

    Ich habe das Buch immer wieder zur Seite gelegt, um mal was Vernünftiges zwischendurch zu lesen.

    Habe sogar mehrfach mit dem Gedanken gespielt, das Buch einfach abzubrechen - es wäre mein erstes überhaupt gewesen.

    Am Ende habe ich mich aber doch durchgequält - gelohnt hat es sich für mich persönlich allerdings nicht.

    Somit leider doch eine negative Premiere - meine erste 1-Stern Rezension - sorry, aber das ging echt gar nicht.

     

    * digitales Rezensionsexemplar von NetGalley & Frankfurter Verlagsanstalt

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    Bibliomaries avatar
    Bibliomarievor einem Jahr
    Kurzmeinung: Dieser Roman hat mir viel abverlangt, mich aber auch nachhaltig beeindruckt.
    Nowak blickt zurück

    Walter Nowak, Ende 60, ein Selfmade Mann, wie er im Buche steht. So ein Mann duldet keine Schwäche, schon gar nicht bei sich. 1000 Meter jeden Morgen im Schwimmbad, man ist „Fit wie ein Turnschuh“, da verbieten sich Gedanken an Krankheiten oder Beeinträchtigungen. Doch das holt Walter schneller ein, als gedacht. Beim morgendlichen Schwimmtraining abgelenkt – eine Frau erinnert ihn an seine Mutter – stösst er mit dem Kopf an die Beckenwand. Nein, er will nicht in den Krankenwagen – er will nach Hause und zwar allein.

    Dort findet er sich einige Zeit später wieder am Boden, seltsam eine geleerte Bierflasche in der Hand und was war davor? Während Walter liegen bleibt, wie der Titel schon verrät, setzen seine Erinnerungen und Gedanken ein.

    Julia Wolf kriecht buchstäblich ins Hirn ihres Protagonisten, der so erbarmungslos seziert wird, dass beim Leser allenfalls noch Mitleid für ihn aufkommt. Seine Gedankenfetzen sind oft nur aus Phrasen und Worthülsen zusammengesetzt, wie so oft bei Menschen, die sich daran festhalten, wenn die eigenen Worte fehlen. Die eigenwillige Interpunktion betont noch die Pausen, wenn Walters Gehirn Zeit braucht um zu formulieren. Aber seine Erinnerungen führen ihn weit zurück in seine Kindheit, die nicht besonders glücklich war und immer auch ein Kampf gegen Spott und Ausgrenzung. So erschließt sich dem Leser allmählich das Leben Walters, ein exemplarisches Leben der Nachkriegszeit mit dem unbedingten Willen ‚es zu schaffen, nach oben zu kommen‘, auch wenn Ehe und Sohn dabei auf der Strecke bleiben.

    Ich hatte anfänglich Schwierigkeiten mit Julia Wolfs Buch, ich konnte keine Beziehung zum Protagonisten herstellen und die radikale literarische Umsetzung des Gedankenflusses bereitete mir wenig Lesefreude. Aber ich konnte nicht verhindern, dass das Buch mich packte. Auch als ich mit einem gewissen Gefühl der Erleichterung die letzte Seite umblätterte, blieb mir die Sprache und der Ton im Kopf. Immer wieder habe ich Walters Geschichte reflektiert, in Bezug zu realen Personen gesetzt.

    Ein wirklich außergewöhnlicher Roman, der zu Recht so viel Anerkennung findet. (Klagenfurt, Long List Buchpreis)



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    Xirxes avatar
    Xirxevor einem Jahr
    Kurzmeinung: Die Innenansicht einer wohl aussterbenden Generation alter Männer - überzeugend geschrieben von einer Frau!
    Beeindruckende Innenansicht eines alternden Mannes

    Walter Nowak, 68 Jahre, ist ein Mann der Tat. Um etwas zu erreichen, muss man arbeiten - und das macht er mit Erfolg. In weniger als 10 Jahren vom Lehrling zum Chef - da bleibt keine Zeit für Schnickschnack wie Schwäche oder Gefühle. Doch als er bei seiner täglichen 1000-Meter -Schwimmrunde im Freibad mit dem Kopf gegen die Beckenwand knallt, verliert er zum ersten Mal die Kontrolle über sich. Es gelingt ihm noch heimzufahren, doch dann bleibt er regungslos im Bad liegen. Niemand ist da, um ihm zu helfen und er verliert sich in Erinnerungen, Selbstreflexionen, Träume.
    Vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben ist er völlig hilflos und muss nun seinen Gefühlen und Schwächen freien Lauf lassen, die er sein ganzes Leben wohl weitestgehend erfolgreich unterdrückt hat. Erinnerungen überfluten ihn, an seine Kindheit als Bastard, seine erste Ehefrau, seine zweite Ehefrau, sein Sohn - und nach und nach wird klar, dass er trotz seines beruflichen Erfolges ein trauriger, einsamer Mann ist.
    Das Buch besteht ausschließlich aus dem Gedankenfluß Werner Nowaks, was durchaus gewöhnungsbedürftig ist. Viele Sätze werden nur angerissen und Walter springt mit seinen Gedanken nicht nur im Thema, sondern auch in den Zeiten. Doch spätestens nach fünf bis 10 Seiten war ich so gefesselt von Walters Innenleben, dass ich das Buch fast in einem Rutsch durchlas (wer es bis dahin immer noch öde finden sollte, sollte besser aufhören zu lesen. Denn dieser Stil bleibt bis zum Ende). Julia Wolf schildert die Gedankengänge dieses alternden Mannes so überzeugend, als habe sie tatsächlich in seinem Kopf gesteckt. Und ich habe mich beim Lesen immer wieder gefragt, wie ihr das gelungen ist. Wer dieses Buch gelesen hat, wird einen bestimmten Männertyp künftig mit anderen Augen betrachten - zumindest mir wird es mit großer Wahrscheinlichkeit so gehen :-)

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    pardens avatar
    pardenvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein sperriger Roman, ein unbequemer Charakter - und doch überzeugend...
    Ein sperriger Roman, ein unbequemer Charakter - und doch überzeugend...

    EIN SPERRIGER ROMAN, EIN UNBEQUEMER CHARAKTER - UND DOCH ÜBERZEUGEND...

    68 Jahre alt ist Walter Nowak - und fit wie ein Turnschuh. Eigentlich. Jeden Morgen schwimmt er seine Bahnen, immer exakt 1000 Meter, eher mehr, wenn er sich einmal verzählt. Doch an diesem einen Morgen unterbricht etwas seinen Schwimmrhythmus, Walter Nowak wird abgelenkt, und ganz in Gedanken knallt er mit voller Wucht mit dem Kopf gegen den Beckenrand.

    Auch wenn Walter Nowak abwinkt, als man ihm zu Hilfe eilen will, auch wenn er einfach nur seine Sachen packt und aus dem Schwimmbad eilt, bleibt dieser Zusammenstoß mit dem Beckenrand nicht ohne Folgen. Diese Erschütterung wirkt nach, zieht wie ein ins Wasser geworfener Stein immer weitere Kreise, breitet sich wellenförmig aus, bis die spiegelglatte Oberfläche seines Lebens derart in Unruhe gerät, dass er sich darin nicht mehr wiederzufinden scheint.

    Nach dem Schwimmbadunfall eilt Walter Nowak nach Hause, wo ihn gähnende Leere erwartet, denn Yvonne, seine deutlich jüngere Frau, ist für einige Tage auf einer Tagung, hat ihm einen Essensfahrplan dagelassen, gesunde Schonkost. Der Leser folgt Nowak in sein Haus, vor allem aber in seine nur durch gelegentlichen Schlaf oder eine Bewusstlosigkeit unterbrochene Gedankenkette, die oft wirr und unzusammenhängend scheint, jedem Impuls folgend. Und Stück für Stück taucht der Leser so ein in ein über weite Strecken gelebtes Leben.

    Walter Nowak ist ein ehemals erfolgreicher Geschäftsmann, nun im Ruhestand, die erste Ehe geschieden, der gemeinsame Sohn Felix distanziert, seine Yvonne, nun auch nicht mehr jung und knackig, mit zunehmend eigenen Interessen. Hinzu kommt eine ärztliche Diagnose - "Natürlich, Herr Nowak, werden wir versuchen, potenzerhaltend, Herr Nowak, zu operieren", die ihn zusammen mit dem Schwimmbadunfall aus der Bahn wirft, auch die eiserne Disziplin, die ihn bis dahin ausgezeichnet hat, hilft ihm kaum, die Scherben seines Lebens zusammenzuhalten.

    Gedankenfetzen, Fantasien, Erinnerungen, geistige Aussetzer - Walter Nowak ist am Boden. Der Schreibstil erscheint dazu ungemein passend. Anfangs war ich entsetzt - ein Endlostext, kaum einmal wenigstens ein Absatz, dazu noch unvollständige Sätze, auseinandergerissen. Doch einmal angefangen zu lesen, merkte ich rasch, dass es trotz allem flüssig erschien, wirr, wie Gedankengänge nun einmal sind, und deshalb zwar ungewönlich aber einfach gut gewählt.

    Walter Nowak ist ein unbequemer Charakter, sperrig, und so regt sich beim Lesen kaum einmal Sympathie - wenn überhaupt, dann Mitleid. Und doch ist es spannend, dem Geschehen zu folgen, dem Zusammenbruch eines Lebens zuzuschauen, der auch mit eiserner Disziplin nicht aufgehalten werden kann. Walter Nowak, ein ehemaliger Firmenpatriarch, ein ehemals unbeugsamer Vater, versteht das Leben nicht, alles entgleitet ihm, ohne dass er weiß weshalb. Rückblicke in die Vergangenheit, bis hin zu seiner Kindheit, helfen verstehen, ändern aber nichts an dem, was ist.

    Für mich ist dieser Roman von Julia Wolf zurecht auf der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Die Erzählung will nicht gefallen, sie ist sperrig wie ihr Hauptcharakter, sie fordert. Und doch ist der Roman mit seinem außergewöhnlichen Schreibstil und der reinen Aneinanderreihung von Gedanken etwas Besonderes, Originelles.

    Sicher nichts für jedermann, aber mir hat es wider Erwarten richtig gut gefallen.



    © Parden

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    MikkaGs avatar
    MikkaGvor einem Jahr
    Das würde ja heißen. Was würde das heißen?

    Walter Nowak ist einer, der es durch harte Arbeit weit gebracht hat im Leben. Ein eigenes Hochbauunternehmen, das ist doch was, da kann man stolz drauf sein. Zwar ist er inzwischen in Rente, aber er kann sich immer noch einen angenehmen Lebensstil leisten. Zuhause hat er eine schöne Frau, deutlich jünger als er – die hat die Mutter seines Sohnes als erste Ehefrau ersetzt, aber was soll man machen? Was soll man da machen, wenn eine Frau wie für einen geschnitzt ist?
    Walter ist nach wie vor ein echtes Alphatier. Einer, der sich nicht gehenlässt, wo käme man denn da hin? Jeden Morgen schwimmt er seine Bahnen – komme, was wolle! – und ist stolz darauf, dass er körperlich noch was hermacht: kein Tattergreis, sondern ein gestandener Kerl, den die Frauen begehrlich anschauen. 
    Oder zumindest ist das, wie er seine Welt wahrnimmt.
    Man lernt viel über die Schattenseiten des Walter Nowak. Jedoch nicht etwa, weil er sein Verhalten kritisch hinterfragen würde – ganz im Gegenteil. Vielleicht ist gerade das seine größte Sünde: nicht sein notorischer Ehebruch, nicht seine Herabwürdigung der Frauen auf ihre körperlichen Reize, ja, nicht einmal seine Vernachlässigung des eigenen Sohnes. Sondern die Tatsache, dass er all dies entweder vor sich rechtfertigt oder sich dessen gar nicht bewusst ist. Es ist die junge Haushaltshilfe, die ihm schöne Augen gemacht hat, da kann er doch nichts für, das wird er seiner Frau sagen, die wird das schon verstehen. Und sein Sohn entspricht eben nicht dem, was er sich gewünscht – nein, was er gefordert hat: im Grunde eine jüngere Ausgabe von sich selbst.
    Walter Nowak bleibt liegen, vielleicht blutend, vielleicht sterbend, und stürzt doch haltlos durch sein Leben. Seine Gedanken springen von einem Thema zum nächsten, manchmal gänzlich ohne ersichtlichen Zusammenhang, und dennoch kehren sie immer wieder zurück zu den gleichen Menschen und den gleichen Motiven. Wie ein Blick durchs Kaleidoskop: bunte Erinnerungssplitter, die sich zusammensetzen zu einem unvollständigen, vielleicht sogar verfälschten Bild, denn Walter ist sich selbst nicht mehr sicher, was Wahrheit ist und was Wahn. Hatte er wirklich einen Unfall im Schwimmbad? Ist das Blut in seinem Gesicht oder doch nur Saft? Ihm gehen Minuten verloren, Stunden verloren.
    Der Schreibstil gibt Walters Verwirrung, sein Aufbäumen gegen die eigene Hilflosigkeit perfekt wieder. Dazu kommt, was? Eine gewisse Demenz, eine Gehirnerschütterung? Schlimmeres? Im Bewusstseinsstrom brechen Gedanken mitten im Satz ab, nur um später unvermittelt wieder aufgegriffen zu werden. Zeiten, Orte, Personen, alles kann sich plötzlich ändern. Nicht immer einfach zu lesen, dafür aber so immersiv, dass es schmerzt.
    "Also abstoßen, also los jetzt, keine Müdigkeit, schon gleite ich durchs Wasser, vorschützen. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie ich durchs Wasser gleite, und alles ist blau und kühl, das Sonnenlicht glitzert nur so, herrlich. Ich schließe die Augen, und. Wie die mich angeguckt hat. Wenn Yvonne gesehen hätte, wie die Olga mich, die wäre weg vom Fenster, die hätte die längste Zeit, zwölf Euro die Stunde, cash auf die Kralle, bar auf die Hand. "(Zitat)
    Julia Wolf verwendet zahlreiche Bilder für Walters Scheitern. So geht er jeden Tag schwimmen, um sein Selbstbild als toller Hecht zu stärken, zieht sich jedoch mittels Ohrstöpseln und hermetisch dichter Badekappe zumindest akkustisch aus der Wirklichkeit zurück. Sie lässt ihn in angeekelte Panik verfallen, als ihm unter Wasser ein Frauenhaar ins Gesicht geschwemmt wird – überhaupt scheint er sich von Frauen nicht nur angezogen, sondern vage bedroht zu fühlen. Da könnte man ihn ja, also, man könnte ihn als Lustmolch abstempeln. Dabei hat er doch nur... Seine Frau wird das verstehen. Oder nicht? Er hinterfragt nicht, ob an der befürchteten Anschuldigung etwas Wahres sein könnte.
    Die Erzählung entbehrt nicht einer gewissen Komik. Dennoch: so unsympathisch Walter manchmal wirkt, so tragisch ist seine Geschichte auch. Vaterlose Kindheit. Erinnerungen an Schläge. Halb bewusste, nie erfüllte Sehnsüchte. Wo hat das Leben ihn hingeführt, diesen überlebensgroßen Frauenheld und Erfolgsmenschen? Zweisame Einsamkeit, ein gescheitertes Verhältnis zum eigenen Sohn. 
    Obwohl die Autorin niemals rührselig wird, kann einen Walter doch rühren, trotz all seiner Fehler. Man spürt, da ist etwas, eine sensible Seite, ein liebevolles Wesen. Wäre sein Leben anders verlaufen, dann. Vielleicht?
    Fazit: "Walter Nowak bleibt liegen" ist ein unbequemes, sperriges Buch, dessen Protagonist es dem Leser nicht leicht macht. Man muss sich gnadenlos mitreißen lassen von Walters Bewusstseinsstrom, aber dieses Stilmittel wird von Julia Wolf virtuos eingesetzt. Von außen betrachtet passiert nicht viel: ein alter Mann hat einen Badeunfall, liegt bewegungsunfähig auf dem Boden und denkt über sein Leben nach. Was die Erzählung dennoch bewegend, spannend, lustig oder traurig macht, spielt sich nur in Walters Kopf ab.
    Man lernt ihn gut kennen, diesen alten Schwerenöter, Ehebrecher, miserablen Vater. Mit Überraschung stellte ich auf der letzten Seite fest, dass ich ihn ins Herz geschlossen hatte – eine Meisterleistung der Autorin. Im Grunde ist Walter ein zutiefst verwundeter Mensch, der seinem eigenen Glück immer im Weg gestanden hat, und ich konnte mich der Menschlichkeit dieses Charakters nicht entziehen.
    Für mich einer der originellsten Romane der letzten Jahre, aber sicher nicht jedermanns Sache.

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    miss_mesmerizeds avatar
    miss_mesmerizedvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Mit einem Schlag das ganze Leben aus den Fugen - am besten verkriecht man sich ins Bett.
    Julia Wolf - Walter Nowak bleibt liegen

    Er hat sich gut gehalten, richtig fit ist er für seine 68 Jahre. Doch bei einer Routineuntersuchung findet seine Ärztin da etwas; muss nicht schlimm sein, bestimmt operabel, weitere Tests sollen Klarheit bringen. Walter Nowak macht weiter, wie jeden Morgen geht er schwimmen, zieht konsequent seine Bahnen, der Fitness wegen. Doch eine Frau lenkt ihn ab, erinnert ihn an seine zweite Ehefrau Yvonne, noch vor wenigen Jahren hatte sie auch noch so einen Pferdeschwanz – und schon passiert es: Walter Nowak schlägt mit dem Kopf am Beckenrand ein. Ein harter Schlag, der ihn aus der Bahn wirft. Kurz danach ist er bewusstlos am Badezimmerboden, was ist passiert? Erinnerungsfetzen durchziehen seinen Alltag, Erinnerungen an die Zeit mit Gisela, seiner ersten Frau; den gemeinsamen Sohn Felix, von der Schule geflogen wegen Drogenhandels; seinen Job – und immer wieder wacht er auf und findet sich in einer Situation wieder, von der er nicht weiß, wie er überhaupt in sie geraten ist. Gerade eben war er noch völlig gesund und fit und nun scheint er die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.


    Julia Wolfs zweiter Roman, auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2017, wagt einen Blick in die Tiefen der Psyche eines Mannes, der vom Erfolg verwöhnt war und alles im Griff hatte und sich plötzlich einer ganz neuen Situation gegenübersieht: sein Gehirn liefert ihm Erinnerungen, die schon jahrelang verschüttet waren, gleichzeitig kann er sich an Alltägliches nicht mehr erinnern. Die Suche nach dem Schlüssel gerät zur mühevollen Rekonstruktion des ganzen Morgens; ein Zettel auf dem Schreibtisch seiner Frau lässt ihn Schlimmstes vermuten, hat sie einen anderen oder wer war M. noch gleich? Die Reparatur an der Decke - hat er das Material schon gekauft oder sieht er den Riss zum ersten Mal?


    Ein Leben, das scheinbar mit der unheilvollen Diagnose und dem schweren Schlag aus den Fugen gerät. Aber war es vorher in Ordnung? Der vermeintlich plötzliche Bruch – aber wie der Riss in der Decke hatte auch sein Leben schon Risse, da die Perspektive aber nicht stimmte, der Blick stets abgewandt war, musste er sie nicht sehen. Seine Frau geht mehrere Tage auf Reisen, verabschiedet sich jedoch nicht mit einem Kuss, sondern nur mit einem „Ach Walter“. Sein Sohn, der die Erwartungen des Vaters nicht erfüllen konnte und als Tierpfleger endete. Das Leiden des Kindes, von Walter ignoriert, erst mit 30 die notwendige Therapie. Seine Untreue, die er gar nicht als solche wahrhaben will, es gehörte offenbar zu seinem Lebenskonzept als erfolgreicher Mann. Nicht die Frage nach seiner eigenen Herkunft, nach seinem Vater, seinem genetischen Erbe hat ihn je interessiert, aber das Nachlassen der Potenz, die schwindende Möglichkeit sich fortzupflanzen belastet ihn. Gescheiterte Beziehungen pflastern die Straße seines Lebens und nun ist er allein mit seinem Kummer und der Angst. Als draußen das Unwetter tobt, findet er seine Ruhe und schließt ab mit seinem Leben.


    Walter Nowak ist nicht sympathisch. Man empfindet nur wenig Mitleid mit ihm. Zu viele Fehler hat er gemacht in seinem Leben. Zu wenig reflektiert er sein eigenes Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen. Doch nun ist er am Ende, kaum einen klaren Satz bringt er zustande. Als Erzähler ist er schwierig, die abgehackten Fragmente spiegeln seinen Zustand wieder, das Springen von einem Gedanken zum nächsten ohne den ersten je zu Ende zu führen. Julia Wolf gelingt es bemerkenswert, das Innenleben ihres Protagonisten auch stilistisch umzusetzen. Nicht einfach zu lesen, aber Walter Nowak ist auch keine einfache Figur und so passt beides hervorragend zusammen.

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    W
    WinfriedStanzickvor einem Jahr
    Ein erschütterndes Zeugnis eines Männertypus



    Nach „Alles ist jetzt“ legt die Schriftstellerin Julia Wolf nun mit „Walter Nowak bleibt liegen“ ihren zweiten Roman vor, aus dem sie beim Bachmann-Wettbewerb schon einen Auszug gelesen hatte und damit bei den Kritikern wie zum Beispiel Sandra Kegel von der FAZ große Begeisterung ausgelöst hat („Eine großartige Männerstudie“).

    Auf etwa 160 Seiten gelingt es ihr hervorragend, sich in die Psyche eines älteren Mannes hineinzuversetzen. Walter Nowak ist das, was man einen fitten best-ager nennen könnte. Aus seiner ersten Ehe hat er einen Sohn und ist nun mit der jüngeren Yvonne verheiratet, die für einige Tage zu einer Tagung verreist ist. Wie immer hält er, seit vielen Jahren Inhaber eines Hebebühnenverleihs, sich auch an diesem Tag, an dem sich sein Leben ändert, fit. Fit wie ein Turnschuh will er sein, und wenn es geht, mit seiner Figur und Erscheinung andere Frauen beeindrucken.

    So auch an diesem Tag während der Abwesenheit seiner Frau. Er schwimmt im Schwimmbad seine Bahnen (1000m mindestens jeden Tag), als eine junge Mutter seine männliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er will sie beeindrucken und stößt sich, unachtsam, bei einer Wende den Kopf an. Außerhalb des Beckens kommt er zu sich, fühlt eine dicke Beule an seiner Stirn. Nichts Schlimmes und dennoch ist dieser Vorfall sozusagen der Beginn des Zerfalls seines Schutzwalls, den er sich um sein Innenleben herum mit den Jahren aufgebaut hat.

    Der Leser spürt bald, dass dieser Selbstschutz schon lange nicht mehr funktioniert hat. Als er kurze Zeit später in der Waschküche zu sich kommt (er weiß nicht mehr wie er dahin gekommen ist) „bleibt Walter Nowak liegen“ – bildlich gesprochen. Er erinnert sich an seine Eltern seine Kindheit, sein Leben und an die Frauen in seinem Leben.

    Ein dem Leser und wohl auch der Autorin schnell unsympathisch werdender Mann wird da gezeigt, ein Mann mit Sehnsüchten und Hoffnungen, ein Mann der alten Garde, ein richtiger Macho.

    Indem sie ihn mit kurzen, oft abgehackten Sätze erzählen lässt, demontiert sie nicht nur ihn, sondern eine ganze Generation von Männern, deren Söhne und Enkel sich so ein Leben und Denken, so ein Verhalten Frauen gegenüber nicht in ihren übelsten Träumen vorstellen können.
    „Walter Nowak bleibt liegen“ ist ein erschütterndes Zeugnis eines Männertypus, der in unseren Breiten jedenfalls hoffentlich am Aussterben ist.





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    Marina_Nordbrezes avatar
    Marina_Nordbrezevor einem Jahr
    Kurzmeinung: Julia Wolf tut es schon wieder. Mit einem eigenwilligen Stil und der Liebe zum Detail schleicht sich auch Walter Nowak in mein Herz.
    Vier Gründe für "Walter Nowak bleibt liegen" von Julia Wolf.

    Julia Wolf hat mich bereits mit ihrem Debütroman "Alles ist jetzt" in Hochstimmung versetzt, auch wenn "Hochstimmung" nicht zum Inhalt des Buches passt. Aber ihr wisst, was ich meine. Nun also das zweite Buch von ihr. Dieses Mal ist alles anders. Oder auch nicht. Der Protagonist: ein älterer Mann, der in seiner Ruhezeit keine Ruhe findet und auf den Aufbruch wartet. Die Orte: Ein Schwimmbad, ein Badezimmer, die Vergangenheit. Wieso das eine gar großartige Kombination ist und wieso es Julia Wolf schon wieder geschafft hat, hochstimmige Gefühle bei mir freizusetzen, erklären die folgenden vier Gründe, warum man "Walter Nowak bleibt liegen" lesen sollte. Denn eines darf schon vorweggenommen werden: Mit einem eigenwilligen Stil und der Liebe zum Detail schleicht sich auch das zweite Buch von Julia Wolf in mein Herz.

    1. Walter Nowak
    Bei älteren, männlichen Protagonisten bin ich manchmal etwas skeptisch (Danke Philip Roth!), doch bei Julia Wolf wird nicht unangenehm gegrantelt, die eigene Jugend glorifiziert und das Sexualleben ausführlichst besprochen. Stattdessen dringt man tief in die Gedankenfetzen eines abgelebten Mannes, der viel erreicht hat und doch mit wenig handfesten Dingen da steht. Oder eher liegt. Auf dem Badezimmerboden liegend sinnt Walter Nowak über die Vergangenheit als unehliches Kind, seinen beruflichen Erfolg, seinen familiären Misserfolg nach und kommt dabei vom Hundertste ins Tausendste, was für den Leser doch manchmal verwirrend, auf der anderen Seite aber eine großartige Nachbildung vom menschlichen Denken ist.

    2. Das Schwimmbad
    Oh, das Schwimmbad. Mit Wasser kriegt man mich literarisch ja immer, auch wenn es nur Chlorwasser ist, da bin ich nicht so. In die Beschreibungen, wie Walter Nowak seine Bahnen im Schwimmbad zieht, würde ich am liebsten eintauchen (ha, Wasserassoziation! Voll gutes Stilmittel!). Außerdem hat der Walter ja sowas von Recht. Nie kann man in Ruhe Bahnen schwimmen! Immer stören andere Badegäste.

    3. Die Frauen
    Die Schwimmbad-Frau, die Ex-Frau, Yvonne, Walters Mutter – alle Frauenfiguren in "Walter Nowak" glänzen durch Passivität, Abwesenheit (gut, die Schwimmbad-Frau rettet Walter das Leben, aber danach wird sie zu einer Projektionsfläche, zu einem Objekt) und nehmen doch den größten Teil von Walters Gedanken ein. Manchmal muss man einfach die Ex-Frau anrufen, um ein Rezept für einen, nein, DEN Wildschweinbraten zu erfragen. Jede Frau in Walters Leben bleibt grau und doch schafft es Julia Wolf jeder Glanz zu verleihen.

    4. Der Schreibstil
    Obwohl Walter Nowak auf dem Badezimmerboden liegt, steht ihm und dem Leser doch die ganze Welt offen. Wir reisen in Walters Kindheit und zu einer Mutter, die schwer verliebt ist in Elvis, sodass sich Klein-Walter einredet, Elvis wäre sein unbekannter Vater. Und wir besuchen Elvis ehemaliges Anwesen Graceland, welches Walter mit seinem Sohn besucht, um ihm die Familiengeschichte zu vermitteln. Wir fahren zu Walters ehemaliger Firma, die er aufgebaut, verkauft und doch nie verlassen hat. Walters Gedanken springen dabei von einer Ecke zur anderen, als Leser steht man manchmal kurz davor den Faden in diesem Gedankenknäuel zu verlieren, doch Julia Wolf zieht dann die Rettungsleine und bringt einen zurück in sicheres Gewässer. Ein großartiges Spiel, in welchem man sich gerne verliert und verfängt.

    Ich war und bin begeistert und freue mich schon gar sehr, hoffentlich bald ein weiteres Buch von Julia Wolf lesen zu können.

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    AnneEstermanns avatar
    AnneEstermannvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Konfus, abstrakt und langweilig! Die Idee des Buches ist gut, doch dort enthalten sind mir zu viele wirre Gedankenfetzen.
    Ein alter Mann mit wirren Gedanken


    Zur Geschichte

    Jeden Tag schwimmt Walter Nowak seine Bahnen im Freibad. Eines Morgens bringt eine Begegnung ihn aus der Fassung, mit fatalen Folgen: Der Länge nach ausgestreckt findet er sich wenig später auf dem Boden seines Badezimmers wieder. Gedankenfetzen, Bilder aus der Vergangenheit, stürzen auf ihn ein ...

    Mein Fazit

    Bereits zu Beginn des Buches trifft man auf den Gedankenstrom des älteren Herrn und merkt: Da stimmt was nicht! Was das ist, gibt die Geschichte bald preis, denn Walter ist im Schwimmbad gegen eine Beckenwand geknallt, nachdem er einer jungen Frau gefolgt ist, die ihm vorher aufgefallen war. Zu Hause angekommen, findet er sich wenig später auf dem Badezimmerfussboden wieder und durchläuft gedanklich mehrere Stationen seines Lebens, welche für mich zwar schlüssig, aber doch zu wirr zu Papier gebracht wurden. Das man wirre Gedanken haben kann, ist nachvollziehbar - nicht nur angesichts von Walters Alter. Letztlich hat das wohl jeder einmal, vor allem, wenn man mit dem Kopf irgendwo aufgeschlagen ist. Doch die Autorin zieht diesen Schreibstil von Seite 1 bis Ende auf Seite 158 durch und dies ist nicht nur gewöhnungsbedürftig, sondern auch äusserst anstrengend zu lesen. Zumindest für mich. Die Sätze sind mir zum grössten Teil einfach zu abgehackt und oftmals zu konfus.
    Was ich dem Roman aber zugute halte ist, dass ich solch einen Schreibstil vorher noch nie so gelesen habe. Trotzdem hat mir das Buch nicht so gut gefallen, wie ich es mir erhofft hatte.

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