Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

von Juliana Kálnay 
4,0 Sterne bei8 Bewertungen
Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens
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Auch wenn mich das Buch erst überraschte und neugierig machte, auch wenn ich den Surrealismus spannend finde, es ist nicht mein Geschmack.

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Unausgegorene Vignetten über die Hausgemeinschaft aus Nummer 29 - teils genial, teils gekünstelt; in Summe: Fragezeichen

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Inhaltsangabe zu "Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens"

Don verwandelt sich vor den Augen seiner Frau in einen Baum. Ronda hält Goldfische, die nicht bleiben wollen. Die Zwillinge aus dem dritten Stock sind gar keine. Doch von Toni und Bell wissen alle. Die Menschen in Nummer 29 sind seltsam verschworen, kennen sich dabei kaum und teilen längst nicht jedes Geheimnis. Es gibt einen unbemerkten Mitbewohner, der sich im Aufzug einnistet, es gibt ein Kind, das sich durch Mauern beißt, und eine Wohnung, die ihre Mieter förmlich verschluckt. Rita, fast so alt wie das Haus selbst, sieht, was keiner zeigt, und sie versteht, was keiner sagt. Doch bevor sie ihr Wissen unter den Nachbarn weitergeben kann, ist die kleine Maia auf rätselhafte Weise verschwunden.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783442716845
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:192 Seiten
Verlag:btb
Erscheinungsdatum:10.12.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    Sophie-loves-bookss avatar
    Sophie-loves-booksvor 9 Monaten
    Unwahrscheinlich komisch

    Das Haus mit der Nummer 29 ist ein besonderes Haus. Es passieren Dinge, die so skurril sind, das man es nicht glauben möchte, aber die auch wieder irgendwie normal sind, wenn man bedenkt, das die Leute auch einfach nur ihr Leben leben. 

    Das Buch ist in viele kurze Kapitel eingeteilt, deren Überschriften meistens einfach nur kurz angeben, wo im Haus dieses kapitel spielt. Zu Beginn denkt man, dass jedes Kapitel aus einer anderen Sicht geschrieben ist. Das stimmt zwar nicht ganz, allerdings wird das erst gegen Ende klar, da jeder Erzähler seinen eigenen unverwechselbaren Erzählstil hat. Sie sind irgendwie alle gleich, aber auch komplett unterschiedlich.
    Juliana Kálnay schafft hier wirklich enorme Verwirrung, die bis zum Ende anhält, das man zwar die einzelnen Erzählstränge immer wieder findet, aber die Erzähler ausgesprochen selten ihre Namen nennen, so dass man sie auch nicht so richtig in den Geschichten der anderen wiederfindet. Eben bis man sie und ihre Eigenarten so gut kennt, dass man sie vermutlich überall wiederfinden würde.Von manchen Erzählern weiß ich allerdings bis jetzt nicht, wer sie eigentlich sind. 

    Zum Beispiel ein Erzählstrang, bei dem sich einfach zwei Leute über Dinge unterhalten,die im Haus passieren und ihre Meinung darüber äußern. Vielleicht sind es einfach zwei, die zur Gruppe der Chronisch Schlaflosen gehören, oder auch nicht. Aber gerade diese Eigenart, das eben nicht alles erklärt wird und man oft rätseln muss was das eine mit dem anderen zu tun hat, macht das Buch sehr besonders. Man lernt quasi alle Bewohner des Hauses mit ihren intimsten Eigenarten kennen und fragt sich oft, wo bin ich denn hier gelandet. Aber manchmal findet man sich vielleicht auch selber wieder in den Gefühlen oder Machenschaften der Bewohner. Die Geschichte findet in einem relativ großem Zeitraum statt, der mit einem Großen Knall endet, der allerdings ganz leise von statten geht so wie alles andere auch. Es wird hingenommen und als normal angenommen. 

    Würde man sich stärker damit beschäftigen und das Buch mehrere Male lesen, sich dabei Notizen machen und Nachdenken würde man sicherlich alles verstehen. Der Reiz weiterzulesen und auf das nächste Kapitel zu warten ist groß, denn obwohl es eigentlich nur eine einfache Erzählung komischer Ereignisse ist, ist es doch mit sehr viel Spannung und Hingabe geschrieben, so dass man einfach wissen möchte, wie es weitergeht.

    Juliana Kálnay hat hier eine Welt geschaffen, die ganz und gar einzigartig und ohne seinesgleichen steht. Sie hat eine unglaublich einfühlsame, witzige und oftmals komische Geschichte geschrieben, die einem nicht mehr aus dem Kopf geht. 

    Ich würde dieses Buch allen Leuten empfehlen, die Lust auf ein Buch mit viel tiefe haben und sich nicht davor scheuen auch mal nachzudenken und sich vielleicht ein paar Notizen zu machen. Wenn das gegeben ist, wird dieses Buch ein phänomenales Vergnügen.

    Noch ein Tipp am Rande: Es hat ja nur 186 Seiten, versucht es doch möglichst in einem oder ohne eine anderes Buch dazwischen zu lesen, man verliert schnell den  Faden. :) 

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    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor 10 Monaten
    Ein merkwürdiges Haus

    Was für eine verrückte Geschichte! Erzählt wird von der Hausgemeinschaft Nr. 29. Wo dieses Haus zu finden ist wird genauso unerwähnt gelassen wie Zeit und Umfeld. Zwar stehen wir auch mal gegenüber auf der Straße oder im Garten, aber die meiste Zeit verbringen wir mit der Erzählstimme im Inneren. Die Erzählstimme selbst ist auch so ein unbestimmtes und unzuverlässiges Ding. Sie wechselt von Kapitel zu Kapitel, und dieses Kapitel sind extrem kurz, manchmal nur eine, meist zwei, drei oder vier Seiten lang. Zwar werden den Abschnitten zur besseren Orientierung Überschriften gegeben wie: Erdgeschoss rechts oder 3. Stock links, aber auch wenn wir dann ungefähr wissen, in welcher Wohnung wir uns befinden, müssen wir Leser uns erst nach und nach zurechtfinden und zusammenpuzzeln, wer denn nun hier wohnt oder einen Besuch abstattet oder auch nur von den dort lebenden Bewohnern erzählt. Selbst wenn wir wissen, wo im Haus wir uns befinden, ist noch lange nicht klar, wer spricht. Die Protagonisten besitzen meist sowohl eine Ich-Stimme als auch wird von ihnen in der dritten Person berichtet. Und dann ist da noch der Klatsch und Tratsch. Denn natürlich wird auch geredet über die anderen, gerne ganz klassisch im Treppenhaus.
    Ein Großteil des Vergnügens, den der Roman bereitet, besteht in dem Versuch, Ordnung in dieses Haus-Chaos zu bringen. Die Bewohner den Wohnungen zuzusortieren, ihre Beziehungen zueinander aufzudröseln, die Menschen im Haus überhaupt einmal kennenzulernen, zu benennen. Das alleine ist schon eine schier unlösbare Aufgabe, denn zu ihnen gesellen sich noch diffuse, nicht näher charakterisierte Gruppen wie "die Kinder" (die öfter auch die Wir-Perspektive einnehmen) oder "die chronisch Schlaflosen", zum Stimmengewirr beitragen. Klingt das alles schon kompliziert und verworren genug, macht es die Sache auch nicht einfacher, dass die Bewohner von Haus Nr. 29 allesamt sehr skurrile Typen sind und ihre Leben stark ins Fantastische abkippen.
    Da ist zum Beispiel Lina, deren Mann Don offiziell "verschwunden" ist, der sich aber ("Lina hatte sich schon immer einen Garten gewünscht) in einen Baum verwandelt hat und nun von seiner Frau liebevoll umsorgt auf dem Balkon wächst und gedeiht. Aus seinen Früchten kocht Lina leckere Marmelade fürs ganze Haus und hat auch Zärtlichkeiten und gar Sex mit ihrem Baum. Der vierte Stock ist unbewohnt, nachdem die Wills, eine Familie, die nie jemand zu Gesicht bekommen hat, die man immer nur hörte, schließlich gänzlich verschwanden, genauso wie die Morans im Souterrain, die in völliger Dunkelheit lebten, und Oskar in der Nebenwohnung, der nach der Begegnung mit einem geheimnisvollen Wesen in seiner Wohnung (was es war, wird wie so manches im Buch nie aufgeklärt) das Haus verlassen muss. Ronda im ersten Stock liebt ihr Aquarium, bis eines Nachts die Fische darin beginnen, kollektiv Selbstmord zu begehen und aus dem Wasser zu springen. Es gibt Zwillinge, die man aber noch nie zusammen gesehen hat und von denen der eine eines Tages erschlagen unter einem Bücherregal liegt. Und es gibt Maia, mit deren Verschwinden das Buch beginnt.
    "Als Maia verschwand, hatten wir uns zuerst nichts dabei gedacht. Maia verschwand des Öfteren. Manchmal auch für längere Zeit."
    Maia ist wohl ein kleines Mädchen, man weiß es nicht genau. Denn sie gräbt am liebsten Erdlöcher, in denen sie gerne auch mal Tage verbringt. Der Übergang ins Tierreich ist hier genauso rätselhaft und selbstverständlich wie bei Don, dem Baum. E. wiederum ist hoffnungslos verliebt in Lina. Die Rolmars im zweiten Stock sind eine Familie mit drei Kindern, es gibt aber auch noch die Familie von Nina und ihrem kleinen Bruder Mo, deren Eltern eines Tages verschwinden, und wenn Nina sich mal amüsieren will, steckt sie Mo einfach stunden-, tage-, monatelang(?) in den Schrank.
    "Die Kinder" des Hauses, denen ich die übergeordnete Erzählstimme am ehesten zuordnen würde, stehen den lieben langen Tag vor dem Kellerabgang und verbrennen Dinge im Grill. Ein wenig Ordnung in den Wirrwarr des Hauses scheint Rita zu bringen. Ihr ist der Prolog gewidmet. Und wenn sie in diesem auch zugibt "Denn alles habe ich nicht gesehen in diesem Haus", so ist sie doch diese Instanz, die es in fast allen Häusern zu geben scheint und die alles weiß. Sie sitzt auf ihrem Balkon, den sie mit einem Spiegel ausgestattet hat, damit sie, ohne aufzustehen, auch die Straße im Blick hat. Sie redet mit den Bewohnern, sie lebt hier, seit sie geboren wurde. Als Rita stirbt, bricht auch das Gefüge des Hauses endgültig zusammen. Es wird ein Raub der Flammen.
    Auch wenn, wie gesagt, ein Großteil des Vergnügens darin besteht, sich dieses Haus als Leser anzueignen, in eine Ordnung zu bringen ( ich habe es mir tatsächlich aufgemalt), muss man sich doch auch auf seine Unordnung, auf seine verspielte Fantasie und grotesken Figuren einlassen. Es hat mich sehr an die Wimmelbilder von Rotraut Susanne Berner erinnert, in deren Häusern auch die unterschiedlichsten (aber deutlich weniger surrealen) Figuren herumwuseln.
    Welche Vorbilder für Juliana Kálnays Roman Pate standen, gibt sie in ihrer Nachbemerkung an. Passagen ihres Romans sind Pastiches, also Nachahmungen, von Texten z.B. James Joyces, Julio Cortázars oder auch Georges Perecs. Alles Autoren, die auf der Grenze von Realität und Fiktion balancieren. So ist der schmale Roman eben auch als Spielerei, als Reminiszenz an literarische Vorbilder zu lesen. Eine wirkliche Handlung, gar eine Aussage oder ein direkter Erkenntnisgewinn ist davon nicht zu erwarten. Eigentlich Dinge, die es für mich bei der Lektüre braucht. Juliana Kálnay umschreibt deren Fehlen aber so raffiniert, charmant und amüsant, dass "Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens" doch zur lohnenden Lektüre wurde.

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    JulesBarroiss avatar
    JulesBarroisvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Jeder Leser wird hinter diese vielen Ebenen seine eigene Geschichte finden oder erfinden. Ein ausgesprochenes Lese- und Denkvergnügen.
    Surreal, absurd aber poetisch

    Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens - Juliana Kálnay (Autor) 192 Seiten, Verlag Klaus Wagenbach, 20 €, ISBN-13: 978-3803132840

    Da hat sich was angesammelt im Haus Nummer 29: Rita, die Beobachterin mit geheimnisvollen Fähigkeiten und unklaren Absichten; Don, der zum Baum geworden ist, was seine Frau Lina nicht davon abhält, sich liebevoll um ihn zu kümmern; Ronda mit ihren Goldfischen in einem fensterlosen Raum; der unbemerkte Tom, der sich im Aufzug eingenistet hat; und natürlich Maia, die Kleine, die sich durch Mauern beißt, die Löcher gräbt, um sich zu verstecken und eines Tages einfach verschwunden ist.

    Eine Hausgemeinschaft, die zusammenlebt, aber nicht zueinander findet. Wir sehen Dinge, die keiner zeigt: Wir verstehen das, was keiner sagt. Oder eben auch nicht.

    Aus vielen Perspektiven erzählt Juliana Kálnay surreale, alltägliche und schräge Episoden aus dem Alltag. Von verschwundenen Socken, von Stromausfall, von chronisch Schlaflosen „Sie zählen hundert Augen, sind leise und werden ungemütlich, wenn es sein muss.“ (Seite 53), von Gucklöchern in Zimmerwänden.

    Beunruhigend und ergreifend wagt sich die Autorin ins Traumhafte, ins Absurde. Sie notiert anscheinend alles und fasst es in einer inspirierenden Geschichte, eine Art Erinnerung an sie alle zusammen. Sie sucht, sie erforscht, sie rätselt und es entstehen Texte, philosophisch, existenziell, die über die Geschichte des Lebens und die Absurditäten des menschlichen Zustandes erzählen.

    Sie verbindet Triviales wie, sie „hat ja sonst keine Hobbys im Leben, außer auf dem Balkon sitzen und stricken,“ (Seite 63) mit scharfsinnigen, sozialen Beobachtungen. „Früher waren wir weniger und saßen dichter zusammen.“ (Seite 77) bis hin zu schrägen Beobachtungen. „Oscar hatte keine Katze, aber eine Katzenklappe zum Balkon hin. Im vierten Stock …“ (Seite 58)

    Surreal, abstrakt, manchmal bizarr, manchmal konkret legt sie Schicht um Schicht zu einem amorphen, vieldeutigen, informellen Bild übereinander. Ein mysteriöses Bild, das sich wohl nie ganz entschlüsseln lässt, das aber jeden Leser in den Teufelskreis unlösbarer Fragen zieht, mit denen jeder konfrontiert ist: die Fragen der Zeit, der Einsamkeit und der Existenz.

    Juliana Kálnay schreibt poetisch und unzeitgemäß im allerbesten Sinne, beunruhigend und ergreifend, leicht und poetisch. Ihre Textaufteilung bei Dialogen ist verblüffend und lässt neue Perspektiven zu. Ihre Charaktere zeichnet sie mit wenigen Strichen und treffend. „Tom hatte eines von diesen Gesichtern, die nicht auffallen.“ (Seite 36)

    Jeder Leser wird hinter diese vielen Ebenen seine eigene Geschichte finden oder erfinden. Ein ausgesprochenes Lese- und Denkvergnügen.

    Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Klaus Wagenbach Verlages

    https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1083-eine-kurze-chronik-des-allmaehlichen-verschwindens.html

    Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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    Shimonas avatar
    Shimonavor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Auch wenn mich das Buch erst überraschte und neugierig machte, auch wenn ich den Surrealismus spannend finde, es ist nicht mein Geschmack.
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    Beusts avatar
    Beustvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Unausgegorene Vignetten über die Hausgemeinschaft aus Nummer 29 - teils genial, teils gekünstelt; in Summe: Fragezeichen
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