Mal abgesehen davon, dass die Sexszenen dort einen geradezu malträtierenden (meinetwegen realistischen) Charakter haben, war ich zunächst ein Fan der Filmversion von "Blau ist eine warme Farbe". Mir gefiel, dass es darin nicht nur um sexuelle Ausrichtung oder lesbische Wirklichkeit geht, sondern dieses größere Thema sich gut über andere Lebensthemen wie Berufung, Familie, Kunst vs. gewöhnlicher Job, Leidenschaft und Beziehungsverständnis, Unterschiede und Ähnlichkeiten von Charakterzügen und einiges andere geht. Wie sich Stück für Stück aus der Liebesgeschichte die Persönlichkeit von Adele herausschält, wie sie Fehler macht, ihre Sehnsüchte zu kontrollieren versucht, unverstanden bleibt, das ist teilweise großes Kino.
Ich war nicht darauf gefasst, dass die Geschichte mich noch einmal, diesmal auf ganz andere Weise berühren könnte. Auf die Zartheit, Tragik und melodramatische Tiefe des Originalcomics war ich nicht vorbereitet. Sie hat mich umgehauen.
Die Geschichte des Comics ist in vielen Facetten eine andere als die des Films (und selbst dort, wo die gleichen Aspekte auftauchen, werden sie anders eingesetzt und haben meist eine andere Konsequenz) und nutzt das Medium der Graphic Novel gut für diese neue Erzählausrichtung. (Teilweise hat es mich an Fun Home erinnert, weil sich auch dort die Zeitlinien übereinanderlegen.) Im Ganzen wird aus der Geschichte mehr eine Art Melodram, die sich die ganze Zeit mehr um die Verwirrung der Gefühle und die verqueren Beziehungsverhältnisse der beiden dreht. Auch ist die Geschichte kürzer und wird anders erzählt, nämlich durch Tagebucheinträge.
Trotz all dieser Anmerkungen, bleibt zum Schluss die schlichte Empfehlung: Lesen! Mir ist herzlich egal, was man diesem Comic alles unterstellen könnte: es ist zeichnerisch, aber auch von der Story her ein sehr berührendes und schön komponiertes Kunstwerk, das man bestimmt öfter und immer wieder gern lesen wird. Tieftraurig, wahr und großartig.
Julie Maroh

Lebenslauf
Alle Bücher von Julie Maroh
Blau ist eine warme Farbe
Zeig mir das Meer
Blue is the Warmest Color
Le bleu est une couleur chaude
Neue Rezensionen zu Julie Maroh
Ich mochte die Graphic Novel sehr, aber es ist auch sehr traurig und belastend. Ich kann es immer nicht verstehen warum alles "andersartige" so missachtet wird. Leider ist das aber immernoch viel zu sehr der Fall.
Wichtiges Werk, das am Ende zeigt, was Liebe heißt und das Liebe die Antwort sein sollte ❤️
Dieser Comic ist die Vorlage für einen angeblich sehr leidenschaftlichen Film über die große Liebe zwischen zwei jungen Frauen. Ich kenne den Film nicht, aber von Leidenschaft konnte im Comic für mich keine Rede sein. Ganz im Gegenteil, die amour fou zwischen Clementine und Emma lässt mich völlig kalt.
Das liegt an zwei Dingen: am Zeichenstil und an den Figuren. Ich beginne mit dem Zeichenstil, denn das ist an einem Comic nun mal das Entscheidende. Tolle Zeichnungen können eine mittelmäßige Comic-Story retten; umgekehrt nützt die mitreißendste Handlung nichts, wenn der Autor entweder kein zeichnerisches Talent hat oder einen Stil pflegt, der mit meinem Geschmack schlicht inkompatibel ist.
Hier machen die Zeichnungen einen amateurhaften Eindruck auf mich. Anatomie und Proportionen stimmen nicht und „verrutschen“ von einem Bild zum anderen. Die Gesichter haben kaum individuelle Züge, sodass sich viele Figuren im Grunde nur durch ihre Kleidung und ihre Frisur voneinander unterscheiden. Am meisten stört mich aber die völlig übertriebene Mimik mit aufgerissenen Mündern und hervorquellenden Glubschaugen. Die Autorin wollte auf diese Weise sicherlich die überschäumenden Gefühle ihrer Protagonistinnen zum Ausdruck bringen, aber ich finde diese Grimassen einfach nur hässlich.
Nach unten abgerundet wird der visuelle Eindruck durch die monotone Panel-Aufteilung und eine Farbgebung, die sich für den größten Teil des Comics auf verwaschene Grautöne und Schwarz beschränkt.
Der zweite Punkt ist, dass die übrigen Figuren (Clementines Eltern, ihre Schulfreundinnen, Emmas Ex) kaum bis gar nicht als eigenständige Charaktere etabliert werden. Sogar Clementines bester Freund Valentin, der von allen Nebenfiguren die meiste „Sendezeit“ erhält, ist wenig mehr als das Klischee vom schwulen Kumpel, bei dem man sich ausheulen kann. Und so kann den Leser das, was sie tun, auch nicht wirklich berühren. Egal ob Clementines Schulfreundinnen sie als Lesbe mobben oder ihre Eltern sie vor die Tür setzen – es sind ja nur Papierpuppen, also was soll`s.
Kurz zusammengefasst: Die Zeichnungen gefallen mir nicht und zu den Protagonisten konnte ich keine Beziehung aufbauen. Vielleicht ist der Film ja wirklich besser, aber so wie die Liebesgeschichte zwischen Clementine und Emma hier im Comic-Original präsentiert wird, bleibt Blau für mich eine kühle Farbe.
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