Juri Rytchëu

 4 Sterne bei 109 Bewertungen
Autor von Traum im Polarnebel, Wenn die Wale fortziehen und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Juri Rytchëu

Juri Rytchëu wurde 1930 in Uëlen, im äußersten Nordosten Sibiriens, als Sohn eines Jägers geboren. In einer traditionellen tschuktschischen Behausung und inmitten der alten Bräuche wuchs er auf. Erste Kontakte mit Russen hatte er durch Seeleute, die manchmal anlegten, mit den Wissenschaftlern der Polarstation, dann aber vor allem in der Schule. Nach dem Schulabschluss arbeitete er als Gelegenheitsarbeiter, absolvierte eine Ausbildung zum Lehrer und studierte schließlich als offizieller Delegierter des Nationalkreises der Tschuktschen bis 1954 an der Fakultät der Nordvölker in Leningrad. Juri Rytchëu lebte in St. Petersburg, war aktiv in verschiedenen Organisationen der arktischen Völker und Herausgeber des UNESCO-Bandes "Die Völker der Arktis erzählen über sich selbst". Er verstarb im Mai 2008 in St. Peterburg.

Alle Bücher von Juri Rytchëu

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Cover des Buches Traum im Polarnebel9783293404571

Traum im Polarnebel

 (36)
Erschienen am 06.11.2015
Cover des Buches Wenn die Wale fortziehen9783293304611

Wenn die Wale fortziehen

 (17)
Erschienen am 15.12.2015
Cover des Buches Der Mondhund9783293404502

Der Mondhund

 (11)
Erschienen am 16.11.2015
Cover des Buches Die Reise der Anna Odinzowa9783293404526

Die Reise der Anna Odinzowa

 (9)
Erschienen am 16.11.2015
Cover des Buches Die Suche nach der letzten Zahl9783293207998

Die Suche nach der letzten Zahl

 (8)
Erschienen am 16.04.2018
Cover des Buches Der letzte Schamane9783293304475

Der letzte Schamane

 (4)
Erschienen am 15.12.2015
Cover des Buches Teryky9783293005112

Teryky

 (4)
Erschienen am 18.07.2016
Cover des Buches Unna9783293404588

Unna

 (4)
Erschienen am 20.12.2015

Neue Rezensionen zu Juri Rytchëu

Neu

Rezension zu "Traum im Polarnebel." von Juri Rytchëu

Leben mit den Tschuktschuken
monikadlugoschvor einem Jahr

Traum im Polarnebel

Von Juri Rytchëu

Unionsverlag 2005, übersetzt von Arno Specht, 369 Seiten

Der Roman vereint sinnliche Sprache, liebevoll intensive Erzählweise aus dem Land der Tschuktschuken, ein Land an der Beringstraße im Osten Sibiriens, Abenteuer eines Weißen in einer ihm fremden Kultur, Weisheit und den tiefen Einblick in die Lebensweise von Menschen, die in Kälte und Eis ihr Überleben meistern.
Der Roman ist kein erotischer Roman, aber ähnlich wie ich Erotik definiere, ein sinnliches Vergnügen, insbesondere wegen seiner bildhaften Sprache und intensiven Erzählweise. Er ist leise, kritisch, macht nachdenklich und gleichzeitig ist er ein spannendes Abenteuer.

Protagonist John MacLennan zerschmettert sich beim Versuch, das amerikanische Schiff aus dem Eis zu befreien, beide Hände. Die Tschuktschuken Orwo, Armol und Toko retten ihm das Leben, in dem sie ihn der Schamanin Kelena anvertrauen. John überlebt, aber sein Schiff hat die Küste vor Enmyn verlassen. Er lebt von nun an bei Toko, dessen Frau Pylmau und Sohn Jako. Orwo näht ihm Handhilfen und John wächst in das Leben eines tschuktschukischen Jägers hinein. Als Toko stirbt, heiratet er Pylmau und gründet selbst eine Familie. Immer wieder ist er Prüfungen in Begegnungen mit der russischen und amerikanischen Welt ausgesetzt, am Ende sogar in der Begegnung mit seiner Mutter.

Nachdem John am Anfang und im Verlauf des Romans immer wieder mit eigenen Vorurteilen gegenüber den „Wilden“ konfrontiert ist, wird er am Ende selbst zu einem Tschuktschuken.

„Zwei Frauen, bis an die Hüften nackt, hantierten beim Schein der Flammen. Mit ihren schmalen, glänzenden Schultern, der entblößten Brust und dem langen, ins Gesicht fallenden, zotteligen schwarzen Haar erinnerten sie an Nixen. Sie trugen weiche Fellhosen und ebenfalls aus Fell gefertigte, bestickte Schuhe.“

Insbesondere die Begegnung mit der Schamanin Kelena ist ihm extrem unheimlich, aber sie kann sein Leben retten und er erkennt die Gutmütigkeit, die in ihrer Seele wohnt.

„„Mehr Blut, mehr Blut!“ sagte die Schamanin dabei. „Möge das Blut des jungen Hundes deine Wunden umspülen und dir seine Kraft und Stärke verleihen.“ …
Nachdem die Schamanin die zerschmetterten Hände mit Hundeblut bespült hatte, ergriff sie das Messer und operierte so gewandt. und sicher, als hätte sie nicht Menschenhände, sondern Seehundflossen oder Rentierläufe unter den Händen. Rasch glitt die Klinge über die Gelenke und trennte herabhängende große Hautfetzen zurücklassend, die Knochen ab.“

Eis, Schnee und Kälte bestimmen das Leben der Tschuktschuken, in das John hineinwächst.

„„Der im Nachtfrost verharschte Schnee sprang klirrend unter seinen Schritten. Darunter aber spürte man eine weiche, nachgiebige Schicht, die einen beladenen Hundeschlitten nicht mehr trug. …
„Bald lassen wir die Baidaren zu Wasser,“ sagte der Alte froh und bewegt. „Schau dorthin, … Siehst du den dunkles Streifen dort am Himmel? Da spiegelt sich das offene Wasser. Wenn es auch noch lange hin ist, wird der Südwind eines Tages wehen, und das Meer wird Enmyn wieder näher sein.“
„.. woher wisst ihr, wann es Zeit ist, die Seefahrt wieder einzustellen?…
„Das weiß doch jedes Kind,“ … „Wenn das Sternbild des Einsamen Mädchens schräg über dem Pestschannaja-Fluß steht.““

Er ernährt sich von Seehund, Walross und Rentier und lernt mit seinen zunächst zu nichts mehr zu gebrauchenden Händen zu jagen, gemeinsam mit seinen neuen Freunden Toko, Orwol und Armol.

„Der Atem des Ozeans ging leise. Wellen schlugen klatschend gegen die bläulich schimmernden Eisbrüche. Toko blickte nach Osten, wo sich die ferne Landzunge wie ein dunkler Finger ins Meer schob. Obgleich der Himmel über den Felsen klar war und nichts auf einen Wetterumschwung hindeutete, musste man im Frühling auf der Hut sein. Der Wind konnte plötzlich umschlagen und die von Rissen zerfurchte Eisdecke in einzelne Schollen zerteilen, auf denen die Jäger in die offene See trieben. Außer dem taktmäßigen Aufklatschen der vom Eis auf die Wasseroberfläche fallenden Tropfen unterbrach kein Ton die Zeit des Wartens. Immer wieder tauchten Seehunde auf, die so behäbig an Toko heranschwammen, dass er sie mit dem Fischhaken hätte greifen können.“

„Die Sonnennächte in der Beringstraße waren für die Jäger anstrengend. John hatte bereits aufgehört, die Tage zu zählen, die sie in der Baidare auf hoher See verbrachten. Längst hatte er sich daran gewöhnt, sein Nachtlager auf dem unsicheren Grund treibender Eisschollen zu errichten. Er weidete Walrosse aus, brach ihre Zähne heraus, aß die rohe Leber, trank kräftige Walrossbrühe und kämpfte gegen den Schlaf an. Vom langen Absuchen der glänzenden Meeresoberfläche waren seine Augen entzündet, seine Haut gegerbt und wettergebräunt wie die der tschuktschukischen Jagdgenossen.“

Nicht nur er, auch die Tschuktschuken stehen vor der Aufgabe, Misstrauen und Vorurteile zu überwinden.

„„Die Menschen in den kalten Ländern müssen einander durch Güte erwärmen“, sagte der alte Mann. „Jeder sollte es so halten. Güte ist genauso nötig wie Beine, Nase oder Kopf. Bei allen Menschen auf der Erde aber ist es so, dass die Angehörigen eines Stammes den Angehörigen des anderen Stammes misstrauen. Für manches Wolk sind die Menschen des eines anderen Volkes nicht einmal Menschen…““

Auch Religion und Legenden führen zu Missverständnissen oder handeln davon, dass es keine selbstverständliche Gleichheit unter Lebewesen gibt.

Eine dieser Legenden aus dem Glauben der Tschuktschuken handelt von der Weißen Urmutter, die nicht nur Menschen, sondern auch Wale gebar. Es ist die Geschichte eines schönen Mädchens, das sich mit einem Grönlandwal paart. Der Wal lebt mit dem Mädchen an der Küste. Die Walkinder gehen ins Meer und besuchen ihre Eltern. Aber ein Menschensohn tötet einen zutraulichen Wal in Zeiten des Hungers, der oftmals allgegenwärtig ist. Als der Wal stirbt, sagt die Urmutter zu ihrem Sohn:

„„Wenn du heute deinen Bruder tötest, weil er dir nicht ähnlich ist, wirst du morgen…““
Aber die Urmutter stirbt, bevor sie ihren Satz beenden kann.

Das Buch von Juri Rytchëu ist ein äußerst ungewöhnliches und sprachlich meisterhaftes Werk, das unbedingt lesenswert ist.

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Rezension zu "Traum im Polarnebel." von Juri Rytchëu

Die Reise in eine ferne, fremde Welt - ein feines Abentuer!
Callsovor 3 Jahren

Es gibt so Romane, die so ganz anders sind. Die inhaltlich und auch sprachlich ordentlich aus der Reihe tanzen. "Traum im Polarnebel" ist ein solches Werk, das mit bisherigen Romanen, die ich gelesen habe, nur wenig gemeinsam habe.

Eis, Kälte, Liebe, Familie, Zusammenhalt, jagen, frieren und vor allen Dingen überleben. Das Leben in den Jahren zwischen 1910 und 1920 hat an der Nordostküste Sibiriens Shwerpunkte, die unsereins absolut fremd sind.

John ist Kanadier und auf Expedition in der Nähe von Alaska, als er unverhofft bei einem Stamm der Tschuktschen strandet. Er lernt dort deren Sprache, deren Bräuche und deren bescheidene Lebensform. Aus John wird ein ganz anderer Mensch, der das Jagen und Überleben lernt. Auch die Tatsache, dass seine Hände sehr früh verstümmelt und nahezu unbrauchbar sind, hindert ihn nicht, bei den Fremden anerkannt zu sein. Auch dort gründet er eine Familie, wenn sich auch einige Rückläge ereignen.

Autor Juri Rytcheu entführt uns in dem Roman in eine andere, ferne und fremde Welt. Wir frieren und hoffen mit den Protagonisten, wir jagen mit ihnen und freuen uns mit ihnen über mildere Winter, an denen mal nicht minus 40 Grad vorherrschen.

Die packenden und seltenen Einblicke lassen und bedenkllich und nachdenklich zurück, da das Leben der Eskimos wahnsinnig reduziert und einfach ist, die Familien indes äußerst freundlich, spendabel und zufrieden wirken.

Ein kaltes Buch, das sehr viel Wärme ausstrahlt. Ein großes Abenteuer, das erstklassige Unterhaltung bietet. Nur der Buchtitel, der passte für mich weniger.

Der Satz des Buches:
"Das Glück kommt  nur zu dem, der ihm entgegengeht."

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Rezension zu "Wenn die Wale fortziehen" von Juri Rytchëu

Und wenn der Mensch vom Wal abstammt?
Ein LovelyBooks-Nutzervor 3 Jahren

In "Wenn die Wale fortziehen" beschreibt Juri Rytcheu, selbst im Polarkreis geboren, die Schöpfungslegende der Tschuktschen. Das Volk, welches der Kälte trotzt und vom Meer lebt, glaubte von den Walen abzustammen. Durch die große Liebe eines Wales zu einer Menschenfrau verwandelte sich der Wal in einen Mann und zeugte mit Nau, der Urmutter, schließlich Menschenkinder.

"Es gibt nichts Schöneres als die eigene Heimat, die heimische Erde, wo du das Licht der Welt erblickt hast, wo deine Verwandten und Bekannten leben, wo die vertraute Sprache erklingt und die von frühester Kindheit an bekannten, uralten Legenden erzählt werden ... ." (S. 79)

Viele Jahre sah das Volk die Wale als seine Brüder an und lebte zufrieden im Einklang mit der Natur und den Tieren. Doch immer wieder wurden Menschen geboren, denen Zweifel kamen. Sie konnten die alte Geschichte nicht mehr glauben und begaben sich auf die Suche. Noch lebte die Urmutter unter ihnen, aber sie wurde immer schwächer, je mehr sich die Menschen von ihrem Ursprung entfernten. Und so nimmt auch diese Geschichte eine dramatische Wendung, als der egozentrische Armagirin meint, die ganze Welt müsste ihm Untertan sein.

Wortgewältig zeichnet der Autor das Bild der Polarlandschaft und knüpft die Sorgen, die Gedanken und die Weisheit des Polarvolkes hinein - eine Poesie, die im klaren, kalten Licht des arktischen Winters Wärme zu spenden vermag. Traurig schön!    

 

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