Carmen fühlt sich verantwortlich für den Tod ihrer Cousine Victoria. Zumindest eine Mitschuld schreibt sie sich zu, denn hätte sie in jenem Club ein wachsameres Auge gehabt, wären die Dinge vielleicht nicht eskaliert.
Der Besuch des "Kalahari Clubs" sollte eigentlich den Rahmen für einen gemeinsamen Abend bilden. Auch die gemeinsame Rückfahrt war geplant, doch die Dinge entwickelten sich anders. Victoria setzte sich ab, teilte per Handy mit, dass sie jemanden treffen würde.
Dieser Jemand würde sie auch abholen. Nachdem sie spät in der Nacht verschwand, erreichte Carmen noch eine weitere Nachricht. Sie solle nicht warten, da sie alleine nach Hause kommen würde. Es sollte ihre letzte Nachricht gewesen sein...
Eine gewisse Brisanz in diesem Mordfall entsteht nicht nur durch die Prominenz der Eltern, sondern auch und besonders durch die Ermittlungsarbeit, die sich in völlig andere Bahnen entwickelt als im Genre üblich.
Gleichzeitig entwickelt sich eine Hochspannung, die sich zunächst auf sehr leisen Sohlen geradezu heranschleicht. Nur ein einziger Fund am Tatort deutet eine Ungeheuerlichkeit an, welche die Ermittler nicht begreifen, Leserinnen und Leser aber sehr wohl...
Dieses Spiel treibt Jurica Pavičić weiter, bis die Situation während etwas, was hier nicht verraten werden soll, völlig unerwartet zu eskalieren beginnt. Das ist ganz großes Kino, wenn bestimmte Personen von einem furchtbaren Verdacht geradezu überrollt werden und zunächst nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen!
Loyalität und Wahrheit stehen sich gegenseitig im Weg, und davon lebt dieser Roman (auch). Fast spielen hier die eigentlichen Ermittlungen, ja sogar der Fall selbst, eine Nebenrolle, wenn auch eine nicht weniger dramatische.
Jurica Pavičić wechselt permanent die Erzählperspektiven, indem er die Ereignisse jeweils aus Sicht des Ermittlers Zvone, Katja, der Mutter des Mörders, und seiner Schwester Ines schildert. Die Übersicht leidet aber keineswegs darunter, da er sich zu keiner Zeit in Belanglosigkeiten verliert. Auch durch den Einblick, den er uns in die kroatische Gesellschaft gewährt, sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit, vertieft er die Lektüre wesentlich.
Viel macht auch seine bildhafte Sprache mit uns, selbst wenn er beispielsweise nur die Stadtplanungen der 70er Jahre in Erinnerung ruft, die nur wenig Parkplätze zwischen den Häuserschluchten erlaubte. Wer hätte auch gedacht, "dass irgendwann jeder Kommunist einen fahrbaren Blechuntersatz besitzen würde". Inzwischen aber stehen alle Autos wie "invasive Parasiten" herum, und überwuchern die Straßen wie "Efeu aus Metall".
Damals in den Sechzigern sah es noch anders aus. Fabriken, nicht nur in Split, brauchten Arbeiter und selbige Wohnraum. Betonbauten in großer Zahl wurden hochgezogen, die damals eine magische Anziehungskraft ausübten. Für die Menschen waren die eigenen vier Wände, Bad, Badewanne und fließendes Wasser "im Vergleich zu dem, woher sie kamen" das Paradies...
Einmal mehr demonstriert der kroatische Autor, dass ihm die Schilderung eines Verbrechens und dessen Aufklärung bei weitem nicht genügt. Er geht mit "Mater Dolorosa" weit über die Definition der Schublade "Kriminalroman" hinaus. Kein Verbrechen ist wie dieses, keine Ermittlungsarbeit gleicht dieser, und das Ende passt ebenfalls in keine Schublade.
Ein diabolisches aber sehr stilles Kammerspiel.
Jurica Pavicic
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Jurica Pavicic
Die Zeugen
Blut und Wasser
Fremde Helden
Helden
Mater Dolorosa
Ein Tod für ein Leben
Fremde Helden
Verrat
Neue Rezensionen zu Jurica Pavicic
Wirklich gute Kriminalromane weisen weit über das geschilderte Verbrechen hinaus. Sie zeigen menschliche Abgründe, gesellschaftliche Verwerfungen, politische Verstrickungen. Im besten Fall ist man am Ende bestens unterhalten, um einige Schlafstunden ärmer und hat etwas erfahren, von dem man vorher noch nicht wusste. Die Kriminalromane des Kroaten Jurica Pavičić, der neueste Blut und Wasser ist 2020 erschienen, sind zweifellos wirklich gut.
Blut und Wasser beginnt im September 1989. Die großen Verwerfungen, die in diesem Jahr in Europa noch stattfinden werden, sind allenfalls zu erahnen. Im kleinen Fischerort Misto an der dalmatinischen Küste geht gerade der Sommer zu Ende. Die siebzehnjährige Silva kehrt nach dem Besuch eines Sommerfestes nicht nach Hause zurück und bleibt verschwunden. Die eingeschaltete Polizei sucht in einer groß angelegten Aktion die Küste, ihre Felsspalten und Höhlen und die sie umgebende Landschaft ab. Alle Bewohner Mistos werden befragt, doch von Silva fehlt jede Spur.
Früh in den Kreis der Verdächtigen rücken Silvas Freund Brane Rokkov und der Bäckerssohn Adrian Lekaj, mit dem Silva das Fest spätabends verlassen hat. Brane war zum Zeitpunkt der Tat im Bus auf dem Weg von Rijeka, wo er sich für ein Studium eingeschrieben hat. Er hat also ein Alibi. Adrian hingegen behauptet zwar, das Mädchen gegen 23 Uhr verlassen zu haben, auf dem Hof der Rokkovs findet man aber nach einem anonymen Anruf eine mit Blut besprenkelte Holzlatte. Doch auch „scharfe“ Befragungen durch den Polizisten Gorki Šain und den jungen ehrgeizigen Inspektor Čović finden keine neuen Belastungspunkte oder Indizien.
Da tauchen Verdachtsmomente auf, dass Silva keineswegs ein so unschuldiges, wenn auch rebellisches Mädchen war, wie es ihre Eltern Jakob und Vesna gerne glauben möchten. Anscheinend hat die lebenslustige Silva Drogen genommen und war auch als Dealerin tätig. Einige Wochen später taucht eine Zeugin auf, die aussagt, Silva am Tag ihres Verschwindens am Busbahnhof getroffen zu haben, wo diese ein Ticket ins Ausland gekauft habe. Daraufhin werden die Untersuchungen nicht mehr vorrangig vorangetrieben und hören zum Zeitpunkt von Silvas Volljährigkeit nahezu ganz auf.
Nur Silvas Zwillingbruder, der ruhige und besonnene Mate, will die Suche nach seiner Schwester nicht aufgeben. Seine Mutter bestärkt ihn darin, während der Vater gerne abschließen möchte, auch eine gewisse Wut auf seine Tochter verspürt, die so ohne jede Nachricht aus ihrem Leben verschwunden ist.
Handelt es sich hier überhaupt um einen Kriminalfall? Zumindest hält Jurica Pavičić in Blut und Wasser die Spannung bis zum Ende hoch. Nicht nur die Familie will wissen, was mit Silva passiert ist, wohin sie verschwunden ist und vor allem, warum sie sich niemals gemeldet hat. Im Zentrum des Romans steht die Frage, was das Verschwinden eines Menschen mit seiner Umgebung anstellt. Verdrängen oder obsessives Verfolgen jeder kleinen Spur? Wut oder Verstehenwollen? Die Familie wird an diesen unterschiedlichen Strategien und der Ungewissheit zerbrechen. Und auch die Gemeinschaft des kleinen Orts, die Nachbarschaften, gehen nicht unberührt aus den Ereignissen hervor.
Hinzu kommt, und das macht Blut und Wasser dann endgültig zu einem großen Gesellschaftsporträt, dass sich das Land Jugoslawien nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf einen Abgrund zu bewegt. Die Veränderungen im Land beschränken sich nicht nur au den „Austausch“ von Funktionären, dem auch Gorki Šain, der ermittelnde Beamte, zum Opfer fällt, sondern erschüttern das gesamte wirtschaftliche und politische System. Die Konflikte zwischen den Kroaten und der nun als Minderheit klassifizierten Serben eskaliert 1990 und führt 1991 zum Kroatienkrieg, der bis 1995 über zehntausend Todesopfer fordert und dem auch Adrian Lekaj zum Opfer fällt.
Jurica Pavičić verfolgt die Figuren bis ins Jahr 2017. Schon lange hat der „Ausverkauf“ des Landes an den Tourismus seine Spuren hinterlassen, die alten Dorfstrukturen sind auch in Misto zerstört, Familien und Ehen zerbrochen und Silvas Verschwinden wird letztendlich aufgeklärt. Nebenbei haben die Leser:innen ein eindrückliches Gesellschaftsporträt, einen Abriss der jüngeren kroatischen Geschichte und intensive Figurenschilderungen gelesen. In nüchternem, fast berichtendem Tonfall erzählt der Autor aus unterschiedlichen personalen Perspektiven. Das ist gut konstruiert, vielschichtig und spannend, da nicht nur die Personen im Roman, sondern auch die Leser:innen lange im Dunkeln gelassen werden. Blut und Wasser bietet alles, was einen wirklich guten Kriminalroman ausmacht.
Ende September 1989 sieht alles aus wie immer. Veränderte Vorzeichen gibt es nicht. Vesna und Jakob, achtzehn Jahre verheiratet, deren Kinder Silva und Mate, siebzehnjährige Zwillinge, sitzen zusammen: "Ein ganz gewöhnliches Abendessen wie viele zuvor."
Ein ganz normales Leben im kleinen Ort "Misto" an der kroatischen Adria. Jakob fristet seine ungeliebte berufliche Laufbahn als Buchhalter, während Vesna als Grundschullehrerin vergeblich nach ihrem verloren gegangenen Enthusiasmus sucht. Vierzehn Jahre Schuldienst ließen in ihr den Eindruck wachsen, "dass Kinder in ihrem Wesen nicht gut sind".
Doch man richtet sich in der Gewöhnlichkeit des Alltags ebenso ein, wie in der "ruhigen, aber auch langweiligen Ehe". Immerhin reicht es für wenige Momente einer trauten Zweisamkeit und das Großziehen der Kinder. Alles wäre weiterhin einem vorgezeichneten Weg gefolgt, wenn da nicht jenes Fischerfest gewesen wäre. Jener Abend, an dem Silva nicht mehr nach Hause kommen sollte. Die Suche beginnt. Und ein Alptraum.
Nüchtern und in fast sachlicher Genauigkeit schildert Jurica Pavičić das Leben "normaler" Leute, welches völlig aus dem Ruder läuft. Erstaunlich die Erkenntnis, wie sehr sich der vermeintlich einfache Lebensentwurf der Familie im Nachhinein ändert und selbst die kleinsten Nebensächlichkeiten an Gewicht und Wert gewinnen, wenn der gegebene Rahmen durch Verlust plötzlich wie ein aus der Bahn geworfener Planet durchs All taumelt.
Verzweiflung greift wie eine Seuche um sich, als die Polizei mit ihrem Latein am Ende ist, und Georg und Mate sich selbst und ebenso vergeblich um die Suche nach Silva bemühen. Diesen Ausnahmezustand weiß der Autor weiter zu dramatisieren, indem er ihn in größere Zusammenhänge stellt. Die bescheidene Gedankenwelt der Dorfgemeinschaft entwickelt in dieser Sache eine unglückselige Eigendynamik, die alle Einigkeit nachhaltig zerstört.
Den noch größeren Rahmen auf der fast schon überladenen Bühne bilden politische Umwälzungen, die an ebenso erfreuliche wie ungemütliche Kapitel der Geschichte erinnern. Ostdeutschland wird im Oktober 1989 um den Rücktritt Honeckers bereichert, während wenige Monate später in Jugoslawien der wirtschaftliche und politische Zerfall beginnt, der den Weg in die Jugoslawienkriege bereiten sollte.
Diesen skizziert der Autor aber nur am Rande, auch wenn die Auswirkungen im weiteren Verlauf der Handlung ständig präsent sind und mit der Handlung verwoben werden. Die Hauptpersonen interessiert dies jedoch wenig, allen voran Silvas Mutter. Ihr eigenes Leid könnte nicht größer sein, weshalb sie sich für den Kummer der anderen nicht interessiert. Zudem gibt es, wie in jedem Krieg, auch in diesem keine Sieger, "nur aufgeschobene Niederlagen".
Mate hält als letzter durch, und gibt auch nach vielen Jahren die Suche nach seiner Schwester zunächst nicht auf, auch als er schließlich verheiratet ist und selbst eine Tochter hat. Ergreifend, wie es Jurica Pavičić schafft, den Spagat zwischen der Normalität des Alltags und tiefster Verzweiflung darzustellen, wenn sich nach weiteren, sich europaweit ausdehnenden Suchaktionen, wieder ein Hinweis in Luft auflöst.
Alles was man tut oder auch nicht tut, hat Folgen. Das Miteinander und Gegeneinander sind oft nur eine Handbreit voneinander entfernt. In unmissverständlicher Klarheit führt der Autor Leserinnen und Leser durch gescheiterte Lebensentwürfe und zeichnet Psychogramme von Menschen in Ausnahmesituationen.
Ein Roman aus "Blut und Wasser", ein Puzzle aus Ursache, Wirkung und zwischenmenschlichen Gräben. Eine erfundene Geschichte, und doch die reale eines Landes. Wie eine Blaupause des Lebens. Der Gegenentwurf zur massenkompatiblen Kriminalliteratur.
Gespräche aus der Community
Welche Genres erwarten dich?
Community-Statistik
18 Bibliotheken
8 Merkzettel
3 Leser*innen










