Jurij A Treguboff

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Autor von Der Vampir. Roman, Die Idee des Doktor Kologriwow und weiteren Büchern.

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Rezension zu "Der Vampir. Roman" von Jurij A Treguboff

Rezension zu "Der Vampir. Roman" von Jurij A Treguboff
sabistebvor 7 Jahren

Moskau Januar 1921. Die Oktoberrevolution hat für gewaltige gesellschaftliche Umwälzungen gesorgt, die auch die ehemals adligen Familie Schwedow trafen. Nun sind sie Bürger, arme Bürger und wegen ihrer ehemals besseren gesellschaftlichen Stellung Bürger zweiter Klasse unter Beobachtung, denn nun herrscht das Proletariat. Noch immer herrscht in Moskau der alte Aberglaube, den die Kommunistische Partei auszurotten versucht. Springer, lebende Tote, eine Art von Vampir der über Häuser springen kann, treiben ihr Unwesen und tötet Parteigenossen, indem er ihnen das Blut aussaugen, aber gläubige Menschen bleiben unbehelligt.
Der zehnjährige Wolodja Schwedow freundet sich bei einer Schneeballschlacht auf dem Fluss mit Eva Torzowa an, der Tochter eines hochgestellten Kommunisten. Als er sie abends nach Hause bringt begegnen sie den Springern und diese verlangen von ihnen, dass sie nachts Essen auf den Friedhof bringen sollen. Die verschüchterten Kinder gehorchen, eine Entscheidung, die ihr Leben verändern wird, denn als sie den Friedhof verlassen, werden sie Zeugen eines Handgemenges zwischen einem Priester und einem Milizionär, bei dem sich ein Schuss löst und der Milizionär ums Leben kommt.
Für die Partei ist dieser Fall von politischer Brisanz, ein Priester hat einen Genossen getötet, das darf nicht sein. Die Kinder sollen vor einem eilends zusammengerufenen Gericht aussagen, um den Priester medienwirksam zu verurteilen. Ewas Vater kommt dabei die Aufgabe zu, die Kinder vorzubereiten, damit sie im Sinne der Partei aussagen. Doch Torzow ist ein guter Mensch, der an den Kommunismus und seine Ideen glaubt, nicht an die Partei.

Der Vampir ist einer der ersten Romane von Jurij Treguboff, der bereits 1971 erschien, und in welchem der Autor einige seiner Kindheitserlebnisse verarbeitet. Man kann wohl davon ausgehen, dass er sich als Wolodja in diesem Buch portraitiert hat. Er konzipierte die Geschichten auf Russisch und übersetzte sie anschließend selbst ins Deutsche, was man in diesem Roman in den ersten Kapiteln noch spürt. In den ersten Kapiteln gibt es eines Tempus Diskrepanz, einige beschreibende Passagen sind im Präsens geschrieben um im Abschnitt darauf von Passagen in Vergangenheitsform abgelöst zu werden:

"Plötzlich erhebt sich eine Rauchfahne vom Tisch. Die Neugierde lässt allen Groll schwinden, der Ring um den Tisch wird lockerer. [] Auf einem niedrigen Tisch war ein kleiner Scheiterhaufen aus Papierschnitzeln und Kartonstücken errichtet."

Später im Roman, wenn die Geschichte ihren Rhythmus gefunden hat, kommt das nicht mehr vor, irritiert am Anfang aber ein wenig. Treguboff schreibt modern, seine Sätze sind kurz und prägnant, nicht verschachtelt, was den heutigen Lesegewohnheiten entgegenkommt.

Interessant an diesem Roman ist vor allem, dass der Autor nicht Urteilt. Für ihn sind die Kommunisten nicht per se böse, überall gibt es gute und böse Menschen und alle haben ihre Gründe, warum sie so handeln. Dennoch spart er nicht an teils bissiger Ironie, so zum Beispiel beim kommunistischen Bruchrechnen: "Zwei Arbeiter haben ein Faß Benzin. Der eine hat 2/3 davon verbraucht, der andere 4/5. Wieviel Benzin haben sie zusammen verbraucht? - Eins, sieben fünfzehntel!"
Auch der Prozess gerät zur Farce und ist sehr amüsant zu lesen. Er erinnert teilweise ein wenig an die alte Serie "Königlich Bayerisches Amtsgericht".
Der Vampir ist in dieser Geschichte sowohl mythischer Racheengel als auch Allegorie auf dem Kommunismus, der nun beginnt seine eigenen Kinder zu töten, indem er ihnen die Lebenslust aussaugt.
Einige der Figuren tauchen in weiteren Werken des Autors auf. Wer also wissen möchte, wie es mit Russlands Hoffnungsträgern, den Kindern Ewa und Wolodja weitergeht, der kann im Roman Berlin herausfinden. Wie dieser Springer zum Vampir wurde, erfährt man wohl in Die wundersamen Erlebnisse des Aristarch Trofimowitsch Jermolow

Das Buch hat ein recht ausführliches Glossar, dass Begriffe wie Tscheka, Gosznak, Besprisornijs erklärt, ist aber mitnichten vollständig, so fehlt z. Bsp, eine Erklärung für das alte russische Maß Pud (16,38 kg), oder was Landrin sind.

Fazit: Ein sehr frühes Buch des Autors, dem noch um die siebzehn weitere folgten. Der Anfang ist etwas schleppend, die Geschichte findet erst etwa nach einem Viertel des Buches ihren Rhythmus. Man erkennt vor allem gegen Ende des Buches zukünftiges Potential des Autors, denn gegen Ende des Buches beginnen sich viele Personen und ihre Verhältnisse zueinander miteinander zu verweben, wie man das von Walter Scott oder Dickens her kennt, aber eben erst recht spät in der Geschichte, was schade ist. Hätte man das von Anfang an konsequenter durchgeführt und die Tempus Fehler korrigiert, hätte das Buch deutlich gewonnen.
Achtung: Nicht das Vorwort / den Klappentext lesen, der ist eher eine Nacherzählung und verrät zu viel.

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