Jussi Adler-Olsen

(7.606)

Lovelybooks Bewertung

  • 5579 Bibliotheken
  • 137 Follower
  • 182 Leser
  • 856 Rezensionen
(3331)
(2802)
(1122)
(265)
(86)

Interview mit Jussi Adler-Olsen

Dieses Interview wurde von LovelyBooks im Juni 2011 schriftlich mit Jussi Adler-Olsen geführt und von Hannes Thiess aus dem Dänischen übersetzt:

1) Jussi – nach „Schändung" (Fasandræberne) und „Erbarmen" (Kvinden i buret) wird in Deutschland bald Ihr drittes Buch in der Carl-Mørck-Reihe erscheinen. Ihr weltweiter Erfolg wächst und wächst. Wie sieht es mit einer Verfilmung aus?

Die Produktion der Serie ist zurzeit in der Drehbuchphase. Lauter hervorragende Leute arbeiten daran, ein Film-Universum zu kreieren, das sowohl auf der großen Leinwand als auch als Fernsehserie funktioniert. Wir gehen davon aus, dass im ersten Durchgang 2012 zwei Spielfilme produziert werden, die auf den beiden ersten Romanen der Reihe aufbauen. Zum Produktionsstab gehören sowohl dänische als auch deutsche Produzenten allerersten Ranges.

2) Sie haben in Ihrem Leben schon vieles erlebt und ausprobiert. Welche anderen Träume haben Sie, die Sie gern verwirklichen möchten?

Ein Mensch kann nicht ohne Träume leben, und ich habe zum Glück noch immer viele Träume. Zum Beispiel baue ich dieser Tage ein Tonstudio auf, so dass ich im Zusammenhang mit der Verfilmung von Sonderdezernat Q versuchen kann, mein ganz persönliches Angebot für die Musik zum Film vorzulegen. Verlocken können mich auch Reisen und Begegnungen mit besonderen Menschen. Ich stelle meine Träume aber auch anderen zur Verfügung, um einen Alltag zu schaffen, der erträglich ist. Deshalb bemühe ich mich, etwas von meinen Träumen auch an andere weiterzureichen, ein wenig von meinem mentalen Überfluss abzugeben.

3) Viele Autoren nehmen regelmäßig an Schreibkursen und -seminaren teil, zum Beispiel um spannend schreiben zu lernen. Haben Sie damals einfach angefangen zu schreiben, weil Sie so talentiert waren oder brauchten Sie Hilfe, zum Beispiel von einem Lektor?

Der Autor, der behauptet, die Erfahrung und den unbefangenen Blick eines Redakteurs nicht zu brauchen, der hat keinen Respekt vor seinen Lesern. Einen guten Text hat der Autor sehr oft immer wieder umgeschrieben, und er ist mehrmals redigiert worden. Diese Form von fachkundiger Hilfe und Unterstützung nehme ich sehr gern in Anspruch. Aber davon abgesehen finde ich, dass die beste Schriftstellerschule das Leben ist, und dass sich Schreibtalent zu gleichen Teilen aus Fleiß und dem Respekt vor dem geschriebenen Wort zusammensetzt. Oftmals ist ein Talent etwas, das erprobt und gepflegt sein will. Das habe ich in meinem Leben nie gescheut. Und nein, ich habe keine Schriftstellerschule besucht.

4) Wie finden Sie die Ideen für Ihre Romane und die Protagonisten und deren Eigenschaften? Nehmen Sie vielleicht Menschen, die Sie kennen, zum Vorbild?

Nein, meine fiktiven Personen zeichne ich nicht realen Menschen nach. Meine Personen sind viel mehr durch ein langes, interessantes und abwechslungsreiches Leben vieler Vorbilder und auch von der Romanhandlung selbst inspiriert. Ein Stückchen von diesem, ein Stückchen von jenem, so kommt ein Charakterzug nach dem anderen dazu – daraus entsteht dann, wenn’s funktioniert, ein ganz eigener Mensch mit ganz individuellen Handlungsmustern und Träumen.

5) Kennen Sie die deutschen Cover Ihrer Thriller, und wie gefallen die Ihnen? Haben Sie bei den Entscheidungen ein Wort mitzureden?

Die deutschen Cover sind fantastisch. Sehr schön und stimmig und ungeheuer vital. Sie unterscheiden sich sehr von anderen deutschen Covern, und das merken wir jetzt in anderen Ländern, wo die Verlage versuchen, die Optik des dtv nachzuahmen. Und nein, ich war an der Diskussion über die Gestaltung dieser wunderbaren Cover nicht beteiligt. Das können die ganz allein!

6) Sie sind Geschäftsmann und Autor und dadurch viel unterwegs – was tun Sie gern zum Ausgleich?

Über das rein Fachliche im Hinblick auf die vielen Rollen eines Schriftstellers und über die Produktionsabläufe hinaus habe ich viele Interessen, für die ich aber im Moment keine Zeit habe. Aus diesem Grund habe ich jetzt und für das nächste halbe Jahr die Nachricht verbreitet, dass ich keine Interviews gebe und auch nicht öffentlich auftrete. Teils, um zum Schreiben zu kommen, und teils, um mich meiner Familie und meinen Freunden widmen zu können. Ich bin ein sehr sozial eingestellter Mensch, und deshalb brauche ich nach vielen Stunden am Schreibtisch alles andere als die Schriftstellerei. Filme, Musik, Gespräche mit Freunden und reine Entspannung, allein dafür schon könnte ich den ganzen Tag gebrauchen.

7) Welche Bücher lesen Sie selbst gern? Haben Sie eine aktuelle Empfehlung für unsere Leser?

Leider lese ich derzeit viel zu wenig, aber zum Ausgleich sehe ich sehr viele Filme. Wenn ich aber mal Zeit zum Lesen habe, dann sind es gern absurde Romane von zeitgenössischen dänischen Autoren. Ich kann den Lesern von LovelyBooks den Norweger Erlend Loe sehr empfehlen. Seine Bücher sind witzig und schnell gelesen, er ist außerdem ein Schriftsteller, dessen unbekümmerter Ton seinesgleichen sucht.

8) Es gibt Ihre Bücher auch als eBooks. Lesen Sie selbst mit solch einem Reader? Und welche Vorteile hat ein Buch im Format einer Datei? Was haben „gewöhnliche“ Bücher, das Ihrer Meinung nach nicht verloren gehen darf?

Ich habe ein iPad, ein in vielerlei Hinsicht gutes und vernünftiges Werkzeug. Ich würde eBooks dennoch höchstens auf Reise lesen, wo das Gewicht der gedruckten Bücher eine Rolle spielt. Aber es stimmt, die eBooks sind weltweit dabei, den Buchmarkt zu zerstören. Die Perspektiven sind ausgesprochen düster, wenn sich die Verlage nicht besinnen und Zurückhaltung üben. Die Buchhändler hätten plötzlich nichts mehr zu verkaufen. Die Bestsellerautoren können ihre Bücher selbst publizieren und brauchen nur noch einen Lektor, der sie redigiert. Was die mittelgroßen Autoren angeht, werden weder Verlage noch Buchhändler die Mittel haben, um sie zu vermarkten, ganz zu schweigen davon, sie zu veröffentlichen und zu verkaufen. Mir liegt deshalb sehr daran, dass meine Verlage weltweit meine Bücher erst sechs Monate, nachdem sie in gedruckter Form vorliegen und verkauft werden, als eBook herausgegeben werden. So sollten es alle machen. Dann könnten alle in der Branche überleben, und die eBook-Leser können sich ja entscheiden.

9) Sie unternehmen regelmäßig Lesereisen. Wie unterscheiden sich deutsche Fans von anderen? Sie sprechen selbst ein wenig Deutsch, was würden Sie Ihren deutschen Lesern gern sagen?

Egal, in welchem Land man liest, es gibt keine zwei gleichen Leser. Mein größtes Vergnügen ist es, meinen Lesern zu begegnen, und zwar so wie sie sind. Die deutschen Leser sind oft sehr gut vorbereitet und informiert, und anders, als es viele Skandinavier erwarten, sind sie auch sehr spontan und lachen gern. Ich würde nicht so viel in Deutschland auf Lesereise sein, wenn ich nicht wirklich aufrichtig gern diesen Lesern in ihrem heimischen Umfeld begegnen würde. Meinen deutschen Lesern möchte ich sagen: Sie wissen es vielleicht nicht, aber Ihr Lesen hat auf den Buchverkauf überall in der Welt großen Einfluss. Abgesehen von dem sehr uneinheitlichen amerikanischen Buchmarkt ist der deutsche Buchmarkt der wichtigste, und ausländische Verlage registrieren sehr genau, was Sie lesen. Deshalb danke ich Ihnen, dass Sie mich so gut aufgenommen haben. Damit haben Sie mir eine Brücke in die ganze Welt gebaut. Dafür bin ich Ihnen sehr, sehr dankbar.

10) Netzwerke wie LovelyBooks bieten eine direkte Verbindung zwischen Verleger/Autor und Lesern an. So ist ein unbegrenzter Austausch über Bücher möglich. Wie gefällt Ihnen das?

Mund-zu-Mund-Empfehlungen sind die besten, die man sich wünschen kann. Empfehlungen von Buchhändlern und Kunden, unter Freunden, unter Bloggern, von den Internetportalen zu den Buchsurfern. Durch alle diese täglichen Empfehlungen und Auseinandersetzungen sind wir viel besser als früher imstande, die Trends bei den Lesern wahrzunehmen, und das hilft allen in der Branche: Verlegern, Buchhändlern, Lesern und Autoren. Ich freue mich jeden Tag, im Internet zu lesen, was meine Leser von mir und meinen Kollegen halten, und diese Offenheit und dieser direkte Kontakt hat die Branche in positiver Hinsicht revolutioniert. Ich bedanke mich bei LovelyBooks und wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft. Herzliche Grüße Jussi Adler-Olsen