Die in Frankreich sehr bekannte Autorin des vorliegenden Buches ist die Tochter des Großphilosophen Bernhard Henry Levy, unter den Intellektuellen Frankreichs nur BHL genannt, und von Isabelle Doutreluigne, einer in den siebziger Jahren berühmten Frau, die es mehrmals auf das Cover der Vogue schaffte. Die Ehe mit BHL allerdings hielt nur einige Jahre, danach trennte sie sich von ihm und ihrer Tochter, um fortan in zahllosen Liebschaften mit Frauen und Männern, auf fast jeder Party tanzend, immer mehr dem Alkohol und verschiedenen Drogen zu verfallen. 2004 ist sie gestorben, genau in dem Jahr, als ihre Tochter zum zweiten Mal schwanger wird, nachdem sie Jahre zuvor ihr erstes Kind verloren hatte.
Der autobiographische Roman "Schlechte Tochter" erzählt von dieser Mutter- Tochter- Beziehung, wie man sie sich schwieriger nicht vorstellen könnte. Selbst wieder Leben in sich heranwachsen spürend, muss sich Justine, alias Louise, mit der sterbenden Mutter auseinandersetzen. Ihr ganzes Leben zieht vorbei, die Gefühle der Verlassenheit, der oft abwesende Vater, bei dem sie ihre ganze Kindheit und Jugend verbringt und der vieles mit seinem Geld überdeckt, die Eskapaden seiner Frau immer wieder ausbügelt. Louise möchte ihrer Mutter so gern sagen, dass sie ein Kind in sich trägt, doch als sie es endlich schafft, ist ihre Mutter schon ins Koma gefallen.
Der Roman hat mich sehr berührt hat, nicht selten auch wütend gemacht über die Impertinenz, mit der hier eine Mutter das Leben ihrer Tochter zu ruinieren droht, indem sie ihr eigenes zerstört. Es ist ein ehrliches Buch, ein echter Frauenroman, weil er erzählt von genuinen Frauenerfahrungen. Der schwierigen Beziehung zu eigenen Mutter, dem bis zu Ende und auch nach ihrem Tod vorherrschenden Gefühl, eine "schlechte Tochter" zu sein, den Ambivalenzen von Schwangerschaft und Mutteridentität.
Justine Levy meistert das schwere elterliche Erbe gut. Sie hat vom Vater die Kunst der Sprache, auch der Selbstinszenierung gelernt und dem schwierigen mütterlichen Ballast geht sie unter anderem zu Leibe, in dem sie dieses Buch vorlegt, einen großartigen Roman, der in vielem an den zeitgleich in Deutschland erschienenen Roman von Georg Diez "Der Tod meiner Mutter" erinnert.
"Die Zeremonie des Abschieds" hat Simone de Beauvoir das vor vielen Jahren in ihrem sehr persönlichen Buch über Beziehung zu Sartre genannt, was sowohl Levy als auch Diez dem Publikum präsentieren, nachdem sie es selbst durchgearbeitet haben: die Erkundung letzter Fragen, die sie nicht mehr so beantworten können, wie viele Generationen vorher und die Entdeckung vieler Erkenntnisse über das eigene Leben bei der Beschäftigung mit dem Tod und dem Leben der Mutter.
Ich kann beide Bücher sehr empfehlen. Sie sind nicht nur eine bewegende und anspruchsvolle Lektüre, sondern sie leisten das, was gute Literatur tun sollte: sie konfrontieren dich mit dir selbst.






