Ulrike Meinhof

von Jutta Ditfurth 
4,1 Sterne bei11 Bewertungen
Ulrike Meinhof
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Lesenswerte Biografie einer interessanten Frau - aber Vorsicht bei der Lektüre: Die Autorin steht auch ziemlich weit links.

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Inhaltsangabe zu "Ulrike Meinhof"

Die Publizistin Jutta Ditfurth stieß in ihrer sechsjährigen Recherche auf bisher unbekannte Quellen zu Ulrike Meinhof. Sie kann völlig neue Zusammenhänge in der Lebensgeschichte der RAF-Gründerin aufzeigen. In dieser ersten umfassenden Biografie spiegeln sich auch die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik und das politisch rebellische Klima der sechziger und siebziger Jahre wider.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783548372495
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:480 Seiten
Verlag:Ullstein Taschenbuch Verlag
Erscheinungsdatum:11.02.2009

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    Gulans avatar
    Gulanvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Lesenswerte Biografie einer interessanten Frau - aber Vorsicht bei der Lektüre: Die Autorin steht auch ziemlich weit links.
    "Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?"

    „Es kann kein Zweifel bestehen: Ulrike Meinhof hat dieser Gesellschaft den Krieg erklärt, sie weiß, was sie tut und getan hat, aber wer könnte ihr sagen, was sie jetzt tun sollte? Soll sie sich wirklich stellen, mit der Aussicht, als die klassische rote Hexe in den Siedetopf den Demagogie zu geraten? […] Es ist inzwischen ein Krieg von 6 gegen 60 000 000. Ein sinnloser Krieg […] auch im Sinne des publizierten Konzeptes. […] Ulrike Meinhof muss damit rechnen, sich einer totalen Gnadenlosigkeit ausgeliefert zu sehen.“ (S.322)

    So formulierte es Heinrich Böll am 10.01.1972 auf dem Höhepunkt der Fahndungswelle nach der „Baader-Meinhof-Gruppe“ im Spiegel unter der Überschrift „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ und bringt damit die Ambivalenz zum Ausdruck, die viele Linke Ulrike Meinhof am Ende entgegenbrachten. Die Radikalität und Gewalt der RAF wurden weitgehend abgelehnt, Baader und Ensslin als Gewalttäter verunglimpft, doch Ulrike Meinhof blieb aufgrund ihrer früheren politischen und journalistischen Verdienste ein Idol vieler Linken und ist damit eine der umstrittensten Persönlichkeiten der bundesdeutschen Nachkriegszeit. Biografin Jutta Ditfurth versucht, den Weg, der Ulrike Meinhof schließlich in die RAF brachte, nachzuzeichnen.

    1934 wurde sie in Oldenburg geboren, in einer Familie evangelischer Christen, die dem Nationalsozialismus nahestehen. Schon während des Studiums engagiert sie sich, zunächst religiös motiviert, in der Friedensbewegung und später in der Anti-Atomtod-Bewegung. Sie tritt früh dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund bei, später auch der (illegalen) KPD. 1959 beginnt sie als Journalistin bei der Zeitschrift „konkret“. Die Zeitschrift wird unter anderem durch ihre Leitartikel zu einem führenden linken Medium. In der Zeit der westdeutschen Studentenbewegung und in Reaktion auf den Tod Benno Ohnesorgs und das Attentat auf Rudi Dutschke radikalisiert sie sich zunehmend.

    Es formiert sich die Rote Armee Fraktion. Trotz einer durchaus nennenswerten Zahl an Sympathisanten lehnt aber vor allem die gemäßigte Linke diese Eskalation ab (Max Horkheimer: „So dumm kann keiner sein, um nicht zu spüren, dass sie genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie eigentlich wollen.“, S.319) Meinhof wird Chefideologin der Gruppe, verfasst die politischen Schriften der RAF. Sie nimmt an mehreren Banküberfällen und fünf Bombenanschlägen mit insgesamt vier Toten teil. Am 15.06.1972 wird sie von der Polizei verhaftet. Es folgt die umstrittene Isolationshaft in der JVA Köln-Ossenheim. 1974 beginnt schließlich der Stammheim-Prozess. Noch vor dessen Ende wird sie am 09.05.1975 tot in ihrer Zelle aufgefunden. Ihr Selbstmord wurde von zahlreichen Linken angezweifelt.

    Jutta Ditfurth verfolgt den Lebensweg von Ulrike Meinhof streng chronologisch. Nur den Beginn des Buches markiert der Wendepunkt im Leben von Meinhof: Die Befreiung Andreas Baaders am 14.05.1970 aus der Haft. In der Folgezeit waren auch durch den extremen Fahndungsdruck alle Brücken zurück abgebrochen. In diesem Zusammenhang fällt folgender berühmter Satz von Ulrike Meinhof:

    „[...]wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“ (S.287)

    Ditfurth beschäftigt sich ausführlich auch mit Kindheit, Jugend und Studienzeit von Ulrike Meinhof und zeichnet dabei ein interessantes gesellschaftliches und politisches Bild der westdeutschen Nachkriegszeit. Die zunehmende Politisierung und später auch Radikalisierung von Meinhof wird durch Zeitzeugen und Meinhofs eigene Texte herausgearbeitet. Leider wird die Einbettung in den gesellschaftlichen Gesamtbezug im Laufe des Werkes etwas schwächer. Außerdem bedauerlich finde ich, dass Ditfurth am Ende auf einen reflektierenden Rückblick und Nachbetrachtung verzichtet. Zudem muss man natürlich konstatieren, dass Jutta Ditfurth selbst dem sehr linken Spektrum zuzuordnen ist und dies den Grundton des Buches bestimmt. Man hat durchgehend den Eindruck, dass Aktionen der Staatsmacht negativer dargestellt werden als die der Linksextremen und Terroristen.

    Nichtsdestotrotz ist diese Biografie auf jeden Fall lesenswert und gibt einen intensiven Eindruck einer interessanten Persönlichkeit.

    Kommentare: 13
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    hproentgens avatar
    hproentgenvor 6 Jahren
    Rezension zu "Ulrike Meinhof" von Jutta Ditfurth

    Ulrike Meinhof ist umstritten, wie kaum eine andere Persönlichkeit der jüngsten deutschen Geschichte. Mittlerweile gibt es unzählige Literatur über sie, aber Jutta Ditfurth fand, dass diese sehr einseitig sei und hat eine eigene Darstellung von Ulrike Meinhof vorgelegt.

    Die Autorin kann schreiben, das Buch liest sich gut und spannend. Und es bringt durchaus einige neue Aspekte, so zum Beispiel zu der NS-Vergangenheit des Vaters und dass die Ziehmutter Renate Riemeck ebenfalls NSDAP Mitglied war. Was diese ihr ganzes Leben lang verschwieg und an der Legende der Widerstandskämpferin strickte.

    Sehr gut ist auch die Darstellung der Entwicklung Ulrike Meinhofs in den Fünfziger und Sechziger Jahren. Das Verhältnis zur Ziehmutter war keineswegs so eng, wie das gerne dargestellt wurde. Renate Riemeck vertrat zwar fortschrittliche Pädagogik, dennoch waren ihre Erziehungsmaßnahmen aus heutiger Sicht manchmal barbarisch.

    Nichtsdestotrotz folgte Ulrike Meinhof zunächst dem Vorbild Renate Riemecks, sie vertrat die gleichen politischen Meinungen, sie traute sich wie ihre Ziehmutter als Frau in politische Männergesellschaften und übernahm dort erstaunlich schnell und erstaunlich oft Führungspositionen, z.B. In der Kampagne gegen den Atomtod, gegen Widerbewaffnung und in studentischen Gruppen.

    Das politische Klima in den fünfziger und sechziger Jahren kann die Autorin gut darstellen und mit der Lebensgeschichte der Meinhof verbinden. Das ist die große Stärke des Buches. Interessant zum Beispiel, wie genau in Ostberlin der Ablauf von Kongressen vorgeplant wurde und die Teilnehmer manipuliert wurden. Wer allerdings glaubt, dass dies nur die SED tat, den enttäuscht Ditfurth. Diese Methode der Manipulation war auch bei der SPD und demokratischen Parteien beliebt. Kein Wunder, dass die antiautoritäre APO später solche Erfolge erzielte.

    Doch nach der Mitarbeit bei Konkret, in der Hamburger Polit-Schickeria, später in der APO kam die RAF. Und hier verlässt Ditfurth leider den Kurs ihrer glaubhaften Darstellung. Sie erzählt eigene Versionen der RAF Geschichte, ohne auch nur einmal auf die zahlreichen anderen Darstellungen einzugehen. Statt ihre sehr eigenwillige Darstellungen zu begründen, steckt sie den Kopf in den Sand (pardon: in ihr Buch) und tut so, als gäbe es anderslautende Darstellungen gar nicht.

    Ein Beispiel: Bei ihr wird die Situation der RAF in Stammheim in der Form einer Hofberichtserstattung geschildert. Alles sind einer Meinung, eine große Familie und lieb zu einander. Dass es durchaus glaubhafte Darstellungen gibt, die das Gegenteil nahelegen, damit setzt sich die Autorin nicht auseinander. Was natürlich den Schluss nahelegt, dass diese anderen Darstellungen nicht zu widerlegen sind und es tatsächlich schwere Differenzen und persönliche Anfeindungen zwischen der Meinhof und dem Rest der RAF gegeben haben dürfte.

    Als Beleg für ihre Friede, Freundschaft, Eierkuchen Sicht zitiert sie ausgerechnet einen der Gefängnisbeamten. Doch mit denen vermieden die RAF-Gefangenen jeden Kontakt, weshalb dieser Beamte auch sagt, dass er zu eventuellen Streitigkeiten gar nichts sagen könne.

    Dass Baader die Meinhof angeschrieen und niedergemacht hat, kann auch Jutta Ditfurth nicht leugnen. Doch das sei nicht so schlimm, "das habe Baader auch mit allen anderen gemacht". Tröstlich zu wissen. Wer Leute arrogant niedermacht, sollte daraus eine Gewohnheit machen, dann findet es Jutta Ditfurth gut.

    Die Autorin konstruiert auch eine einheitliche Front gegen die RAF, eine Öffentlichkeit, in der nur die Meinung der Gegner bekannt werde. Dass sie allerdings zahlreiche SPiegel Zitate bringt, die sich sehr kritisch mit den Prozessen und Haftbedingungen auseinandersetzen, macht ihre Behauptung nicht sehr glaubhaft. Schließlich musste Regierung und Bundesanwaltschaft die anfängliche Isolationshaft (ja, Ulrike Meinhof war die ersten Monate in Isolationshaft) aufheben - der Druck der Medien und zahlreicher Prominenter war zu groß. In den Siebzigern konnte die Regierung längst nicht mehr so unangefochten gegen Gegner vorgehen, wie noch in den Fünfzigern und Sechzigern, das zeigt selbst Ditfurths Darstellung deutlich.

    Ich erspare es mir und den Lesern, weitere Beispiele aus Ditfurths Manipulationen hier aufzuzeigen, wer mag, kann es selbst nachlesen. Der letzte Teil des Buches jedenfalls ist "Goldene Blatt"-Hofberichterstattung aus der RAF Monarchie mit Baader als King und Meinhof als liebliche Farah Dibah, die niemandem etwas Böses will. Ein wenig erinnert es an Sven Kellerhoffs «Die Stasi und der Westen: Der Fall Kurras», der zwar nicht die RAF, dafür aber den Springerverlag heilig sprechen möchte und ebenfalls alles weglässt, was nicht in seine Hofberichterstattung passt. Die Manipulationstechniken sind jedenfalls die gleichen.

    Fazit: Die erste Hälfte des Buches liefert nicht nur ein paar neue Facetten zu Ulrike Meinhof, sie ist außerdem eine gutes Zeitkolorit der Fünfziger und Sechziger Jahre. Das letzte Drittel ist Hofberichterstattung. Ob man das lesen will, muss jeder selbst entscheiden.

    Homepage der Autorin: http://www.jutta-ditfurth.de/

    Ulrike Meinhof, Biographie, Jutta Ditfurth, Ullstein, März 2009
    ISBN-13: 978-3548372495, Tb, 480 Seiten, Euro 9,95

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 8 Jahren
    Rezension zu "Ulrike Meinhof" von Jutta Ditfurth

    Zum Inhalt:
    Jutta Ditfurth, *1951, Mitbegründerin von Die Grünen und ehemalige Frankfurter Stadtverordnete, schreibt über das Leben der Ulrike Meinhof.

    Meine Meinung:
    Jeder kennt Ulrike Meinhof aus den Medien. Spätestens seit dem Film „Der Baader Meinhof Komplex“. Sie war Publizistin, Chefredakteurin der Konkret und Mitbegründerin der Roten Armee Fraktion – RAF. Jutta Ditfurth gibt einen tiefen Einblick in das Leben von Ulrike. Ihre Recherchen dazu dauerten gut sechs Jahre.

    Beginnend in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bis hin zum Tod von Ulrike 1976 hinter Gittern, zeichnet sie ihren Weg nach. Den Verlust ihrer Eltern (ihr Vater Werner stirbt 1940, Ingeborg Meinhof 1949), das schwierige Verhältnis zu ihrer Pflegemutter, einer Freundin von Ingeborg. Schließlich auch ihr Leben als Ehefrau und Mutter von Zwillingen und ihr Weg in den Untergrund.

    Dabei erfährt man nicht nur viel über die Journalistin, sondern auch über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in diesen Jahren. Nicht neu, aber doch immer wieder erschreckend ist, wie schnell es zur Wiederbewaffnung der BRD kam und welchen Repressionen die linke Opposition seit Gründung der Bundesrepublik ausgesetzt war.
    Vor diesem Hintergrund wird aus der linken Journalistin eine Frau, die sich bewusst dem bewaffneten Kampf zuwendet. Nach ihrer Verhaftung kommt Ulrike Meinhof in Isolationshaft, den weißen Trakt. Sie wird komplett isoliert. Ihre Zelle ist gegen Geräusche gedämmt. Hier gelingt es Ditfurth, in meinen Augen, gut die Folgen dieser Haft zu beschreiben, die aus Menschen nur noch Hüllen macht, die kaum noch in der Lage sind, sich zu artikulieren. Am Ende steht der Tod.

    Als Ergänzung bzw. weiterführende Lektüre für das letzte Kapitel „Tod“ empfehle ich „Der Tod Ulrike Meinhofs – Bericht der Internationalen Untersuchungskommission“.

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    Sokratess avatar
    Sokrates
    L
    laxxx
    H
    haferflocke
    Orishas avatar
    Orisha
    U
    udolinvor 4 Jahren
    Vilja2013s avatar
    Vilja2013vor 4 Jahren
    M
    marthas_leserattevor 5 Jahren

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