Jyoti Guptara

 4.7 Sterne bei 3 Bewertungen

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Calaspia. Das Erbe der Apheristen

Calaspia. Das Erbe der Apheristen

 (3)
Erschienen am 22.09.2010

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Rezension zu "Calaspia. Das Erbe der Apheristen" von Jyoti Guptara

Grosses Kino
Tom_Zaivor 5 Jahren

Calaspia-Trilogie - Suresh und Jyoti Cuptara - Band 3: Das Erbe der Apheristen

Verlag: Rowohlt Tb. 2010

Originalsprache: Englisch, übersetzt ins Deutsche

 

Ich habe alle drei Bände der Calaspia Trilogie oder der „Insanity-Saga“ in Rekordzeit gelesen. Diese Review bezieht sich hauptsächlich auf den dritten Band der Saga, „Das Erbe der Apheristen“.

Ich möchte hier nicht allzu viel über den Inhalt schreiben und nur in groben Zügen schildern, worum es geht. Mehr Platz widme ich der Philosophie der Bücher.

 

In Calaspia, einem Land in einem anderen Universum, auf einem anderen Planeten, leben fünf verschiedene Rassen zusammen: Numenii (Menschen), Barue (ähnlich wie Menschen, fühlen Stimmungen), Zwerge (die Leute fürs Grobe), Plimpe (gibt es sie überhaupt?), Nurgor (plumpe, dumme Monster mit Hufen und Fell). Die Hauptfigur ist Bryn, ein Barue und jugendlicher Spross aus dem Hause Bellyset, das mit der Herstellung des Getränks „Swigny“ weltberühmt und steinreich geworden ist. Bryn hat viele Freunde und mit der Zeit auch immer mehr Feinde. Neben den fünf Völkern Calaspias begegnet der Leser, die Leserin Monstern, Dämonen und Wesen, die meistens im Dienste der üblen Mächte zu stehen scheinen. Doch auch dies ist ungewiss. Dazu später mehr.

 

Calaspia wird von einem Strom des „Wahnsinns“ durchdrungen, der sich aus einem ursprünglichen Vulkan über das Land ergiesst. Um die Auswüchse des Wahnsinns zu bekämpfen, lässt sich Bryn zusammen mit seinem Freund Mittni zu Kämpfern einer Geheimorganisation ausbilden.

 

Die Bücher erzählen, wie sich die Protagonisten, das Land und die Leute verändern, weiterentwickeln oder zerfallen. Vordergründig ist es die Suche nach dem einen Schwert „Magnarion“, das den Wahnsinn entweder zerstören oder ihm zum Durchbruch verhelfen kann. Hintergründig ist es eine Reise der Hauptfiguren zu sich selber in die Abgründe der eigenen Persönlichkeit.

 

Chris von Rohr würde sagen, das sei „grosses Kino“. Und das ist es auch für mich. In meiner persönlichen Hitliste gehören die Bücher von Suresh und Jyoti Guptara definitiv auf die selbe Stufe wie die ganz grossen Fantasygeschichten: „Die Unendliche Geschichte“, „Herr der Ringe“, „Chaos Walking Trilogy“, „Tintenherz“, „Narnia Chroniken“ und „His Dark Materials“.

 

Wobei gerade der Bezug zu den beiden letzteren sehr interessant ist. „His Dark Materials“ soll ja so etwas wie Anti-Narnia sein, vor allem in Bezug auf den offensichtlich religiösen Hintergrund.

Ich denke, dass Religion auch den Unterbau der Calaspia-Trilogie bildet.

 

Ich spüre bei diesem Werk eine tiefe Religiosität. Gleichzeitig werden zeitgenössische und gesellschaftliche Vorgänge thematisiert. Manches ist offensichtlich (der Pontifex = Papst, z.B.), vieles subtil. Ich finde es spannend, wie Jyoti und Suresh Guptara es schaffen, mit den grossen Themen der Menschheit – von Politik über Finanzimperien, klerikale Machtapparate bis Schattengesellschaften – zu „spielen“, ihre persönliche „Queste“ daraus machen.

 

Besonders geglückt, finde ich, ist der innere Konflikt von Bryn mit den Verlockungen der Macht, denen er ausgesetzt ist. Ganz stark, in diesem Zusammenhang, die Vernichtung eines Dämons. Wenn ich schon von „Macht“ spreche, etwas „Star Wars“ ist für mich auch dabei.

 

Die persönliche Entwicklung der Figuren steht im Zentrum, die innere Auseinandersetzung mit Stärken und Schwächen. Es endet in einer Welt, die bereit ist, sich selber zu hinterfragen, mit der Unvollkommenheit zu leben, mit sich selbst und den anderen in versöhnlicher Stimmung. Gut und Böse verschmelzen zu einer Einheit oder können zumindest nicht immer klar getrennt werden. In der Akzeptanz der eigenen Schwächen, in der Bereitschaft, sich diesen zu stellen, entsteht erst die Kraft, den äusseren Wahnsinn des Lebens zu meistern. „Mens sana“ vs. „Insanity“.

 

Gegen Ende wird der Verweis auf Christus für mich immer deutlicher – wobei ich mich die ganze Zeit frage: wer soll Christus sein in diesem Buch? Ich habe Ideen, die ich gleich wieder verwerfe. Vielleicht ist es Bryn oder sogar der vermeintliche Urschurke, vielleicht liege ich völlig falsch und niemand soll Jesus verkörpern.

 

Ich muss auch an Gandhi denken, natürlich wegen der Wurzeln der Autoren aber auch wegen der Ideologie.

 

So wie ich das empfinde, geht es auf den, sagen wir, letzten 100 Seiten sehr darum, die Botschaft, die Philosophie, möglichst deutlich zu machen. Ich finde, das ist sehr gelungen. Gerade auch das Gespräch zwischen Bryn und einem Bischof, ganz am Schluss, lässt da für mich keine Zweifel offen - stark! Darüber hinaus hätte ich gerne noch mehr Details aus dem Alltag erfahren, mehr Happy End vielleicht, mehr Heldengeschichten, mehr Romantik. Viele lose Enden hätte ich gerne noch verknüpft gehabt, aber ich kann gut verstehen, dass nicht alles in dieser komplexen Geschichte zu einem stimmigen Abschluss gebracht werden kann und muss.

 

Die Sache mit dem äusseren und inneren Wahnsinn kann ich sehr gut nachvollziehen und bin vor allem auch beeindruckt über die ganzheitliche Sicht. Der „Pentaklismus“ – eine ganzheitliche Art Magie anzuwenden – bekommt in diesem Zusammenhang eine ungeheure Kraft, allein schon durch die Zahlensymbolik. Die Spielmöglichkeiten mit Pentagramm und Pentagon finde ich interessant. Aus dem Stern wird schnell einmal ein Drudenfuss mit dämonischer Kraft. Mich hat das erstmals bei der Literatur von „Krabat“ fasziniert.

Für mich selber spielt die Ausrichtung des Pentagramms keine Rolle. Schliesslich ist ein Pentagramm eine Figur, die man im Kreis drehen kann. Für Anhänger und Verfolger des Dämonischen allerdings scheint ein Pentagramm auf dem Kopf etwas völlig anderes zu sein. Wie auch immer, im Innern eines Fünfzacks entsteht immer ein Pentagon, in das man wieder ein Pentagramm zeichnen kann, so dass es jedes Mal die Richtung wechselt. Es entsteht eine unendliche Reihe. Abgesehen davon gilt immer die Regel des Goldenen Schnitts.

Vielleicht zeigt sich gerade darin, im Goldenen Schnitt, dass es egal ist, ob das Leben aus religiöser oder wissenschaftlicher Sicht oder aus beider Sichtweisen erklärt wird. Die einen werden einen göttlichen Plan darin sehen, die anderen Zufall, die nächsten ein Prinzip, das sich in der Evolution bewährt hat. Ich sage nur: „The Grand Design“.

 

Diese Einheit in der Vielfalt (Pentaklismus), das Akzeptieren der gegenläufigen Kräfte von Gut und Böse und das Spiel mit der Perspektive finde ich einfach grossartig – besonders im letzten Band.

Vielleicht ist das Ganze für Kinder oder auch zum Teil für Jugendliche auf einer etwas abstrakten Ebene.

 

Was mich auch fasziniert, ist das Spiel mit Wörtern. Ich vermute mal, dass Wenfeld aus Calaspia Weinfelden ist, die Schweizer Heimat der Guptara Zwillinge. Oder auch der Name Bellyset: wie passend für Braumeister! Ich entdecke immer wieder Latein. Gerade deswegen ist mir eine Lausart namens „Lunaceps numenii“ ins Auge gestochen. Kann ja ein Zufall sein. Polgarien: für mich die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs („Seit heute früh ... schlagen wir zurück!“). Es gibt noch viel mehr zu entdecken.

 

Ich denke, man spürt die persönliche Entwicklung der Autoren in den Büchern, womöglich gerade im dritten Band. Das muss ganz schön spannend gewesen sein, zu zweit die philosophische Grundlage zu erarbeiten und umzusetzen. Ich ziehe den Hut vor der Tiefe der Gedanken und dem Niveau des Wissens und der Weltanschauung.

 

Ich empfehle alle drei Bücher der Reihe nach zu lesen, im Bewusstsein, dass man sich auf eine Reise begibt, auf ein Abenteuer, das sich die beiden Brüder von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter ausgedacht haben.

 

Nur logisch, dass ich fünf Pentagramme gebe.

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