Käthe Fraedrich

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Rezension zu "Im Gulag der Frauen" von Käthe Fraedrich

Rezension zu "Im Gulag der Frauen" von Käthe Fraedrich
Jadevor 9 Jahren

„Im Gulag der Frauen“ von Käthe Fraedrich

Käthe Fraedrich, im Buch nennt sie sich Irmgard Heintze, schließt sich nach dem 2. Weltkrieg in der Ostzone dem Widerstand an. 1947 wird sie verraten, verhaftet und zwei Jahre unter furchtbaren Bedingungen im Gefängnis festgehalten und verhört. Verurteilt zu 25 Jahren Straflager, wird sie nach Sibirien deportiert. Sie überlebt die menschenunwürdigen Bedingungen im Gulag, dank ihres eisernen Willens sowie der Freundschaft und Hilfsbereitschaft ihrer Kameradinnen. 1953 wird sie entlassen und kehrt mit einem Krankentransport nach Deutschland zurück.
In präzisen Bildern vermittelt sie uns ein Bild des Lageralltags. Die Frauen lebten unter furchtbaren hygienischen Bedingungen, selten konnten sie sich waschen. Körperpflege hieß meistens, sich unter den gierigen Blicken und dem Spott des Personals öffentlich und in der Kälte bei - 40° Celsius notdürftig zu reinigen. Der eigene Körper wurde zu einer abstossenden, verlausten Hülle, der trotz der unzulänglichen Kleidung und der sehr mangelhaften Ernährung Höchstleistungen vollbringen sollte. Es wäre sicher manchmal einfacher gewesen, sich selbst und die Hoffnung auf Rückkehr aufzugeben. Manche Frauen hatten Kinder in Deutschland, andere Ehemänner oder Mütter und Väter, die vielleicht auf sie warteten. Besonders für Frauen mit Kindern war der Verlust dieser verlorenen und sinnlosen Jahre im Gulag kaum zu ertragen. Und was erwartete die Frauen, wenn sie tatsächlich zurückkehrten? Der Ehemann hatte vielleicht schon längst eine Andere, das Kind kannte seine Mutter nicht und die alte Mutter war vielleicht schon längst tot. Dies alles wäre vollkommen unerträglich gewesen, wenn nicht ein Zusammenhalt und sogar starke Freundschaften im Lager entstanden wären. Die Sicherheit, dass es Freundinnen gab, die treu und stark zu einander hielten, die sich gegenseitig sogar nach Möglichkeit kleine aufmunternde Geschenke machten, die einfach da waren, wenn die Verzweiflung unerträglich wurde, war manchmal der einzige Lichtblick in einer sehr dunklen Welt.
Besonders erwähnen möchte ich eine Szene: Auf dem Transport vom Gefängnis nach Sibirien gibt es einen längeren Zwischenhalt im KZ Sachsenhausen. Die deutschen Gefangenen schlafen nun in denselben Baracken, in denen die Nazi-Opfer während des Krieges ihre Zeit verbracht haben. Als Irmgard zu einer Mitgefangenen eine Bemerkung macht, wie reibungslos alles funktioniert, erwidert diese:“Das Lager fiel den Russen in einem perfekten Zustand in die Hände, so dass sie es nur neu zu belegen brauchten. Da sie sich lediglich auf die Verwaltung beschränken und alles andere den Deutschen überlassen, klappt es auch. Nun sind sie stolz auf ihre Lagerkultura“ (S. 157). Kann man darauf wirklich stolz sein? Ist das nicht eher ein Grund, sich zu Tode zu schämen?
Fraedrich schreibt in einer kühlen und klaren Sprache, sobald die Geschichte emotionaler wird, ist der Stil weniger distanziert.
Fazit: Käthe Fraedrichs Geschichte ist kein Einzelschicksal. Tausende Männer und Frauen wurden nach dem 2. Weltkrieg, meistens aus nicht nachvollziehbaren Gründen, nach Russland verschleppt. Somit ist dieses Buch ein wichtiges Zeitdokument und ein berührender Aufschrei gegen das Vergessen.

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