Kéthévane Davrichewy

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Am Schwarzen Meer

Am Schwarzen Meer

 (2)
Erschienen am 12.08.2011

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Rezension zu "Am Schwarzen Meer" von Kéthévane Davrichewy

Schnell gelesen, schnell vergessen
Schmiesenvor einem Jahr


Wir überleben, wir erinnern uns, wir bereiten uns darauf vor, zurückzukehren und für ein freies Georgien zu kämpfen. Wozu vorwärtsgehen, wenn das Ziel darin besteht umzukehren?


Tamuna ist Georgierin. Mit ihrer gesamten Sippschaft lebt sie im Tbilisi des frühen 20. Jahrhunderts und bekommt als Jugendliche wenig mit von den Irrungen und Wirrungen, in denen ihr Land steckt. Durch ihren Vater wird die Familie verwickelt in das politische Geschehen, denn er ist Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und Minister der Regierung, die Georgien für unabhängig erklärt hat. Als jedoch die Bolschewiken das Land nach und nach übernehmen, müssen die Anhänger dieser Regierung samt Familie fliehen. So führt Tamunas Weg nach Frankreich - weit weg von ihrer ersten und einzigen Liebe, Tamas, den sie in einem Sommer in Batumi am schwarzen Meer kennengelernt hat. 


In Ketevan Davrichewys Roman "Am schwarzen Meer" klingen scheinbar endlos viele Themen an. Diesem Buch habe ich so viele Tags gegeben wie noch keinem zuvor. Dennoch konnte es mich in seiner Fülle nicht überzeugen.


Thema 1: Familie
In einer georgischen Geschichte darf natürlich eines nicht zu kurz kommen: die Familie. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt eines jeden georgischen Lebens. Sie ist groß, meistens sogar sehr groß, denn zur Familie zählen auch weit entfernte Verwandte. Leider gelingt es der Autorin meiner Meinung nach nicht, die einzelnen Mitlgieder der Familie verständlich einzuführen. Immer wieder bin ich über einen Namen gestolpert, bei dem ich rätselte, ob es sich nun um die Schwester oder die Cousine handelt. Den Freund oder den Ehemann der Freundin. Die Tochter oder Nichte. Ein Stammbaum im Anhang wäre wirklich hilfreich gewesen. Zudem sind mir die meisten Charaktere fremd geblieben, nur Tamunas Schwester und ihre beste Freundin erhalten etwas mehr Tiefe. Das hat nicht dazu beigetragen, mit den Verwandschaftsverhältnissen und den Personen warm zu werden.


Thema 2: Georgien
Immer mehr rückt Georgien heutzutage in das öffentliche Bewusstsein. Die Visaliberalisierung ermöglicht es unseren fernen Nachbarn seit Kurzem, problemlos in die EU einzureisen. Seit April 2017 haben schon über 50 000 Georgier davon Gebrauch gemacht. Doch trotz dieser zukunftsträchtigen Schritte ist es noch immer ein Land, das zurückschaut. Wozu vorwärtsgehen, wenn das Ziel darin besteht umzukehren? Die Geschichte ist heilig in diesem kleinen Land, denn sie verbindet. Einen kleinen Teil dieser Geschichte versucht die Autorin im Roman zu beleuchten: die kurze Zeit der Unabhängigkeit zwischen Zarenregime und Sowjetunion. Leider gelingt auch hier eine verständliche Vermittlung nur bedingt. Wer sich mit dem Thema nicht schon zuvor auseinandergesetzt hat, wird hier kaum Erhellendes finden. Aber geschichtliche Bildung ist auch nicht unbedingt Thema und Ziel des Romans. 
Besser dargestellt fand ich die Lebensgeister Georgiens. Kleine Kinderbanden stromern durch die Straßen, suchen sich Verstecke, lauschen den Gesprächen der Erwachsenen in den engen, dicht gedrängten Wohnhäusern und Innenhöfen Tbilisis. Jeden Sommer entflieht Tamunas Familie der Hitze der Stadt und fährt ans Schwarze Meer, nach Batumi. Auch hier hätte ich mir mehr erzählerischen Tiefgang gewünscht. Schließlich ist das Buch nach diesem Schauplatz benannt, ihm wird aber kaum mehr Aufmerksamkeit geschenkt als Tbilisi oder Paris.


Thema 3: Heimat und Vertreibung
Aufgrund der politischen Tätigkeit des Vaters ist die Familie gezwungen, das Land Hals über Kopf zu verlassen, als die Bolschewiken an die Macht kommen. Ihr Weg führt sie nach Frankreich, in die Nähe von Paris. Zurücklassen müssen sie einen großen Teil der Familie, finden aber doch in der Fremde auch eine neue. Gerade die Kinder sind anpassungsfähig und suchen sich schnell Ersatz für die geliebten Cousins und Cousinen. In kurzen Passagen reflektiert Tamuna über Heimat und Fremde, mir als Leserin ist es jedoch nie gelungen, ihre wahren Gefühle zu diesem Thema zu entziffern. Insgesamt bleibt Tamuna eher unerreichbar, ihre Wünsche, Sorgen und Gedanken bleiben selbst in der Ich-Perspektive verborgen. Das nimmt dem Roman die Persönlichkeit, die Eindringlichkeit. 


Thema 4: Verlust
Viele Menschen verliert Tamuna auf ihrem Weg. Die Familie bleibt in Georgien zurück, ebenso ihre große Liebe Tamas. Nach und nach verliert sie jedoch auch die Menschen, die ihr Leben in Frankreich begleitet haben, auf die eine oder andere Art. Mutter, Ehemann, Schwester, beste Freundin. Ich habe zwar teilgenommen an diesen Ereignissen, jedoch nichts gefühlt


Thema 5: Liebe
Ja, das große Thema dieses Romans soll wahrscheinlich die Liebe sein. Die einzige, wahre, immerwährende Liebe, über Jahrzehnte und Ländergrenzen hinweg. Als Jugendliche lernen sich Tamuna und Tamas in Batumi kennen und lieben, tauschen keusche Küsse aus und werden dann durch ihre Auswanderung getrennt. Sie schreibt ihm Briefe aus Frankreich, die sie nie abschickt. Diese Briefe waren meine persönlichen Highlights. Sie haben endlich einen etwas tieferen Einblick in Tamunas Seelenleben gewährt, waren aufrichtig und emotional. Diese Passagen habe ich regelrecht verschlungen. Doch wie sonst mit dieser Liebe umgegangen wird, war mir unveständlich. Alle paar Jahre treffen die beiden aufeinander, die Liebe trotz anderweitiger Heirat, Alter und natürlicher Entfremdung ungebrochen. Für mich war das einfach nicht greifbar. Tamas lernt man nie richtig kennen, die Passagen mit ihm werden schnell und grob abgehandelt. Ja, eine solche Liebe mag es geben, aber wenn sie in einem Roman auftaucht muss sie etwas einfühlsamer vermittelt werden. Mir war es zu plump, zu gewollt und am Ende einfach unfassbar kitschig.


Soviel zu den Hauptthemen, die ich dem Roman entnehmen konnte. 


Gut gefallen hat mir der Schreibstil, der einen flüssig durch die Geschichte trägt. Ich bin ein Freund von kurzen, prägnanten Sätzen, und das hat mir die Autorin geboten. Leider ist dabei das Gefühl auf der Strecke geblieben. Der Wechsel zwischen Vergangenheit in der Ich-Perspektive und Gegenwart in der auktoralen Form hat mich nicht gestört. So wusste ich immer, in welcher Zeit ich mich befinde. Allerdings erschien mir die Erzählung aus der Perspektie als alte Frau doch etwas gewollt. So sollten wohl alle Fäden verknüpft und auf unumständliche Weise veranschaulicht werden, was aus den einzelnen Personen geworden ist. Dabei kam es bei mir aber wieder zu extremen Namensverwirrungen, weil plötzlich Kinder und Kindeskinder aufgetaucht sind. 


"Am schwarzen Meer" war für mich eine leichtverdauliche Zwischendurch-Lektüre, die ich mir extra für meinen Urlaub am schwarzen Meer in Georgien zugelegt hatte. Ich wurde zwar nicht vollständig enttäuscht, die Geschichte und ihre Figuren haben mich aber emotional kaltgelassen. Wahnsinnig viele Themen werden aufgegriffen, lieblos behandelt und dann fallengelassen. Komplizierte Verwandschaftsbeziehungen und eine Überfülle an Namen erschwerten die Zuordnung. Lieber zu Nino Haratischwili greifen, wenn man über das Land und die Liebe lesen möchte. 3 von 5 Sternchen. 

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