Um die klamme Kasse ihrer Familie zu stopfen, soll die junge Meilin an einen wohlhabenden Kaufmann verheiratet werden. Meilin jedoch träumt davon, frei zu sein und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Als Frau steht ihr das aber nicht zu. Deshalb zögert sie keine Sekunde, als ein Krieg heraufzieht und das Heer einberufen wird, meldet sie sich freiwillig, verkleidet als Mann. Doch während sie trainiert, um Soldat zu werden, kommt sie nicht nur dem Prinzkommandanten ihrer Kompanie näher, sie entdeckt auch magische Kräfte in sich, die das Geschick des ganzen Krieges wenden könnten, würde auf sie nicht die Todesstrafe stehen…
„The Night Ends with Fire“ ist der Auftakt der „Dragon Spirit“ Dilogie, einer Nacherzählung des Märchens „Mulan“. Was im Disney-Film recht harmlos ist, stellt sich hier allerdings als recht brutale Geschichte dar. Meilin steht zwischen den Erwartungen ihrer Familie, ihre Rolle als Frau zu erfüllen, und ihren eigenen Träumen von Freiheit und Abenteuerlust. Sie ist diszipliniert und ehrgeizig, aber auch jung und unerfahren, macht aber im Verlauf des Buches eine ziemliche Entwicklung durch.
Die Geschichte folgt relativ klar der Vorlage, einige Details unterscheiden sich allerdings. So fehlen Meilin ihre tierischen Gefährten und der Drache ist kein niedliches Haustier, sondern ein uralter Geist, der ihr gar nicht mal so freundlich gesonnen ist und seine ganz eigenen Pläne verfolgt. Bald hat Meilin also nicht nur ein Geheimnis: Sie muss nicht nur verstecken, dass sie eine Frau ist, sondern auch, dass sie Kräfte hat, die in ihrem Heimatland als schwarze Magie geächtet und gefürchtet sind.
Sie beißt sich eisern durch, um mitzuhalten und dazuzugehören und erarbeitet sich schon bald einen Ruf als loyaler Soldat und Vertrauter des Prinzen. Ihre eigenen Gefühle gehen dabei gehörig durcheinander. Trotzdem ist Meilins Geschichte keine Romantasy, die Liebesgeschichte und ihre Verstrickungen schimmern immer mal wieder durch, aber der Fokus liegt auf Meilin selbst. Es geht um ihren Weg zur Befreiung, der einhergeht mit Ehrgeiz, Gier nach Macht und Rache und schließlich drohendem Kontrollverlust, aber an erster Stelle mit Wut auf die Männer, die ihr ihre Stellung streitig machen wollen. Der Autorin gelingt es sehr gut, eine komplexe, widersprüchliche Protagonistin zu entwerfen, die nicht nur positive Eigenschaften hat, die von Ambitionen erfüllt und von Zweifeln geplagt ist und deshalb drauf und dran ist, sich in ihrem Kampf an sich selbst zu verlieren.
Während Meilin und ihre Entwicklung stark herausgearbeitet sind, bleibt an anderen Stellen im Buch aber manchmal ein Fragezeichen beim Lesen zurück. So wirklich erklärt die Autorin ihr Magiesystem nämlich nicht, es gibt Geister und Geistermedien, es gibt Begabte, die Geistermagie einsetzen können und dann existieren noch Siegelträger, aber wie all das miteinander in Zusammenhang steht, ist beim Lesen nicht so ganz deutlich geworden, sodass auch der Protagonistin mehr Fragen als Antworten bleiben.
Das Worldbuilding wiederum ist durchaus vorhanden, aber nur wenn es gerade gebraucht wird, besteht aber sonst meist nur aus Ortsnamen und Ortswechseln. Dem Leser geht da schnell seine räumliche und vor allem auch zeitliche Orientierung verloren. Die Geschichte erstreckt sich über mehrere Monate, die aber aus Storytelling-Gründen großteils übersprungen werden. Es kann etwas irritierend sein. Genau wie die Tatsache, dass fast alle Soldaten kaum zwanzig Jahre alt sind, inklusive ihrer Anführer. Das Buch wurde als Jugendbuch vermarktet, daher rührt vermutlich diese Altersspanne, aber ganz glaubwürdig ist das wohl eher nicht.
Ein richtiges Gefühl für Meilins Welt stellt sich durch diese Störfaktoren eher nicht ein, das Bild bleibt eher etwas oberflächlich. Da hätte man mehr herausholen können. Sehr störend empfand ich das trotzdem nicht, zu sehr war ich beschäftigt damit, mit Meilin schütteln zu wollen und mit ihr mitzufühlen, wütend zu sein, ihr zu wünschen, dass sie all ihre Wut auf die Ungerechtigkeit, die ihr und allen anderen Frauen angetan wurde, endlich freilässt. Das bleibt als Aufgabe für das Finale der Dilogie, denn während die klassische Geschichte der Kriegerin Mulan in diesem Band zu Ende erzählt ist, hat Meilin noch lange nicht das bekommen, was sie verdient. Statt Ehre erhält sie für ihre Erfolge und ihre Macht Verachtung, doch sie ist klug und gerissen: Ihre Rache wird folgen, im zweiten Band.
















