Rezension zu "Apartheid in Palästina?: Eine historisch-völkerrechtliche Untersuchung" von Kai Ambos
Dr_MAuf diese Frage gehe ich erst am Ende ein. Der Titel dieser Untersuchung sagt alles über ihren Inhalt aus. Und die Antwort auf die dort gestellte Frage ist: Ja, es gibt Apartheid in Palästina, und zwar ausgeübt durch die israelische Siedlungspolitik. Dazu heißt es am Schluss in der Zusammenfassung des Autors: "… lässt sich auf der Grundlage der vorliegenden Informationen gut nachvollziehbar vertreten, dass in den besetzten Gebieten ein institutionalisiertes (Apartheid-) Regime existiert, dessen Haupttriebfeder das seit 1967 laufende israelische Be- und Ansiedlungsprojekt ist, …"
Um zu einer solchen rechtlich relevanten Feststellung zu gelangen, müssen aber zunächst Begriffe definiert werden. Insbesondere muss geklärt werden, ob es tatsächlich einen Rechtsbegriff der Apartheid gibt. Das befürwortet und erklärt der Autor im ersten Teil seines juristischen Textes. Wohl gemerkt: Es handelt sich hier zunächst um einen juristischen Text, und erst am Ende um einen politischen. Im zweiten Teil behandelt der Autor die Geschichte und die Praxis der Apartheid. Natürlich tritt hier die Republik Südafrika in den Vordergrund, wo diese Praxis über Jahrzehnte ausgeübt wurde. Dann führt der Autor noch einige andere Beispiele an, die aber dem Rechtsbegriff aus dem ersten Kapitel nicht gerecht werden, wie er erklärt. Seltsam finde ich unter anderem, dass die USA dabei völlig unerwähnt bleiben, auch wenn ihr diesbezügliches Regime der Rassentrennung schon einige Zeit zurückliegt.
Am Ende wird es dann im dritten Kapitel politisch, weil untersucht werden muss, ob ein politisch herbeigeführtes Apartheid-Regime in den von Israel besetzten Gebieten tatsächlich existiert. Nicht alles ist so eindeutig wie die obige Aussage. Aber ein solches Regime stellt der Autor dann tatsächlich fest. Das mag in der Tat zutreffen. Doch was hat man nun davon, wenn man es festgestellt hat. Wer soll nun hier Recht sprechen? Der IStGH? Dort klagen inzwischen mehrere Staaten gegen Israel wegen eines angeblichen Genozid im Gaza-Streifen. Ich verkneife mir hier besser Kommentare zu dieser Institution. Sie spielt im Buch zwar eine gewisse Rolle, deren Fragwürdigkeit jedoch nicht diskutiert wird. Bekanntlich haben weder Israel, noch Russland, China, die USA oder Indien diesen Gerichtshof anerkannt. Die USA geben als Grund möglichen politischen Missbrauch an.
Und an dieser Stelle ist man beim eigentlichen Thema. Man kann eine solche rechtliche Diskussion zwar wie der Autor führen und dabei gewisse Klarheiten schaffen. Wenn man jedoch den politischen Kontext dabei völlig außer Acht lässt, sieht man die völlige Sinnlosigkeit eines solchen Vorhabens. Außer man sucht nach einem Knüppel, den man auf Israel loslassen kann.
Es ist doch naiv, anzunehmen, dass die Palästinenser, wie immer man sie als Volk überhaupt definieren kann, keine eigenen Absichten hegen. Ihnen geht es zu großen Teilen darum, den Staat Israel zu vernichten. Das kann man doch nicht einfach ignorieren, zumal die Chancen, ihr Ziel zu verwirklichen, sehr gut stehen, allein schon weil ihre Vermehrungsquote deutlich höher und die israelische Bevölkerung zunehmend zerstritten ist. Und schließlich haben die jüngsten Ereignisse gezeigt, dass die sogenannte Zwei-Staaten-Lösung eine Illusion ist. Israel hatte den Gaza-Streifen schließlich geräumt, also faktisch einen anderen Staat zugelassen. Was daraus wurde, bezeugt die Illusion einer solchen Lösung in aller Deutlichkeit. Einem großen Teil der Palästinenser geht es um die Auslöschung Israels und nicht um zwei Staaten.
Anders gesagt: Als rechtliche Abhandlung ist dieser Text in seiner Klarheit hervorragend. Gleichzeitig aber sind solche Betrachtungen faktisch ohne Bedeutung, weil die Dinge wie immer machtpolitisch entschieden werden.
Im Übrigen würde es mich brennend interessieren, ob der Autor beispielsweise in Saudi-Arabien oder in Katar auch Apartheid entdecken würde. Diese Beispiele fehlen nämlich in seinen Betrachtungen. Dort gibt es asiatische "Gastarbeiter" oder massenhaft Hausmädchen, die völlig rechtlos sind. Warum fehlen in diesem Buch diese Beispiele? Etwa weil es sich bei diesen Gruppen um Ausländer handelt? Trifft die Definition der Apartheid nicht zu, die der Autor so zitiert: "unmenschliche Handlungen, die zu dem Zweck begangen werden, die Herrschaft einer rassischen Gruppe über eine andere rassische Gruppe zu errichten und aufrechtzuerhalten und diese systematisch zu unterdrücken."?






