Rezension zu "Frankreich im Zeitalter Ludwigs XIV: Das Grande Siécle 1598-1715 (Geschichte kompakt)" von Kai Brodersen
Andreas_OberenderLothar Schillings Buch über die Geschichte Frankreichs im 17. Jahrhundert ist ein weiterer gelungener und lesenswerter Band aus der Reihe "Geschichte kompakt". Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft hat diese Reihe eigens für den universitären Lehrbetrieb entwickelt. Dank der übersichtlichen Gliederung und der einfachen, verständlichen Sprache eignet sich Schillings Buch hervorragend als Einstiegslektüre für Studierende und andere Leser, die sich näher mit der Geschichte Frankreichs unter den ersten drei Bourbonenkönigen beschäftigen wollen. Allerdings ist der Band strukturgeschichtlich und analytisch angelegt. Einen chronologischen Überblick zur Ereignisgeschichte zwischen dem Ende der Religionskriege 1598 und dem Tod Ludwigs XIV. 1715 bietet Schilling nicht. Wer an einer eher ereignisgeschichtlichen Darstellung interessiert ist, die zudem auch bestimmte Personen (Könige, Minister) stärker in den Blick nimmt, dem sei als zusätzliche Lektüre der erste Band von Klaus Malettkes Bourbonen-Trilogie empfohlen (erschienen 2008 bei Kohlhammer). Der Band deckt den gleichen Zeitraum ab wie Schillings Buch, die Herrschaft Heinrichs IV., Ludwigs XIII. und Ludwigs XIV. Die beiden Bücher ergänzen einander sehr gut.
Staaten und Gesellschaften der Frühen Neuzeit können auf Studierende und historisch interessierte Laien leicht fremdartig und exotisch wirken. Autoren von Überblicks- und Einführungswerken müssen viel Erklärungsarbeit leisten, damit verständlich wird, wie vormoderne Staaten und Gesellschaften aufgebaut waren und funktionierten. Schilling hat sein Buch in drei Teile gegliedert. Am umfangreichsten ist der erste Teil. Er bietet einen Überblick zur Landeskunde, zum politischen System und zur Gesellschaftsordnung Frankreichs im "langen" 17. Jahrhundert. Schilling behandelt Aspekte wie Geographie, Demographie, Wirtschaft, Sozialstruktur, Bildungswesen, Regierungsinstitutionen, Verwaltung und Steuerwesen. Der Autor entwirft das Bild eines Königreiches, das von moderner Staatlichkeit noch weit entfernt war, aber bereits zur politischen Einheit gefunden hatte und das Potential für die Weiterentwicklung zum Nationalstaat besaß. Die Bourbonen profitierten vom Werk ihrer Vorgänger, der Kapetinger und der Valois-Könige, die im Laufe von Jahrhunderten Schritt um Schritt ein territorial geschlossenes Herrschaftsgebiet aufgebaut hatten.
Im zweiten Teil betrachtet Schilling Frankreichs Rolle im europäischen Mächtesystem des 17. Jahrhunderts. In Abhängigkeit von den personellen Konstellationen an der Regierungsspitze und der internationalen Großwetterlage verfolgte die französische Krone verschiedene außenpolitische Strategien. Leitmotiv der zwischen Defensive und Offensive schwankenden Außenpolitik war - wie schon im 16. Jahrhundert - der Kampf gegen die Habsburger. Phasen, in denen Frankreich auf eine Kooperation mit den Habsburgern setzte, gab es auch, aber sie blieben kurz. Das 17. Jahrhundert war für Frankreich ein Jahrhundert der Kriege. Schilling beurteilt sowohl Frankreichs Teilnahme am Dreißigjährigen Krieg als auch die späteren Kriege Ludwigs XIV. auffallend kritisch. Er ist der Meinung, dass die Bourbonen die von den Habsburgern ausgehende Bedrohung für Frankreich überschätzt hätten. Ludwig XIV. hielt an der Linie des Kardinals Richelieu fest, wonach die Außenpolitik und die Schwächung der Habsburger wichtiger seien als Reformen und Konsolidierung im Innern. Schilling verweist auf die schädlichen Auswirkungen der vielen Kriege auf Frankreichs innere Verhältnisse (erdrückende Steuerlast; Reformstau). Zwar gelang es Ludwig XIV., Frankreich territorial weiter zu arrondieren. Doch ungewollt ebnete der König den Weg für Englands Aufstieg zur Weltmacht. In seiner starren Fixierung auf die Kontinentalpolitik zog Ludwig XIV. nie die Möglichkeit in Betracht, dass England zu einem ärgeren Rivalen werden könnte als das Haus Habsburg.
Der dritte Teil ist der Innenpolitik gewidmet. Schilling untersucht eine Reihe von Aspekten: Die - von mancherlei Rückschlägen begleitete - Stabilisierung der inneren Verhältnisse nach dem Ende der Religionskriege; das Ringen um die politische und militärische Neutralisierung der Hugenotten; Erfolg und Misslingen verschiedener Reformprojekte; die Bewältigung von Krisen wie der Fronde (1648-53); das Verhältnis zwischen Krone und Bevölkerung; Wirtschafts- und Kulturpolitik. Schilling zieht eine gemischte Bilanz der Entwicklung Frankreichs im 17. Jahrhundert. Positiv beurteilt er die schrittweise Stärkung der Monarchie und die innere Befriedung des Königreiches, die kulturelle Blüte, die Verbesserungen in der Verwaltung. Negativ bewertet er, dass die Innenpolitik in der zweiten Jahrhunderthälfte rigoros den Erfordernissen einer ambitionierten, unnötig aggressiven Großmachtpolitik untergeordnet wurde. Wichtige Reformen kamen entweder nicht über das Stadium der Planung hinaus oder hatten aufgrund kriegsbedingter Belastungen nicht den gewünschten Erfolg (so etwa viele wirtschaftspolitische Maßnahmen des Ministers Colbert). Schilling stellt klar, dass Frankreich unter seinen Möglichkeiten blieb, sein Entwicklungspotential nicht ausschöpfte. Zwischen 1598 und 1715 erlebte das Land keinen Entwicklungsschub, vor allem nicht in ökonomischer Hinsicht. Die Landwirtschaft stagnierte; im Außenhandel und im Bankwesen blieb das Königreich im Vergleich zu England und den Niederlanden zweitklassig. Durch Kompromisse mit dem Adel und anderen sozialen Gruppen zementierte Ludwig XIV. eine konservative politische Ordnung, die im 18. Jahrhundert zum Hemmschuh für die Entwicklung Frankreichs werden sollte.
Zuletzt geht Schilling der Frage nach, ob die politische Ordnung Frankreichs im 17. Jahrhundert als Absolutismus bezeichnet werden kann. Erwartungsgemäß schließt er sich dem Tenor der neueren Forschung an, die vom Absolutismus-Konzept abgerückt ist. Schilling gibt zu bedenken, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit unterschieden werden muss: Die sogenannte "absolute Monarchie", von der die Zeitgenossen sprachen, war ein Ideal. So sehr die königliche Propaganda auch den absoluten Charakter der Monarchie betonte, die Herrschaftspraxis war alles andere als absolutistisch. Diese abschließenden Erörterungen runden einen Band ab, an dem es wenig zu kritisieren gibt. Bedauerlich ist der Verzicht auf Landkarten und Stammtafeln. Es hätte auch nicht geschadet, wenn Schilling seine Darstellung um ein Kapitel zur Forschungsgeschichte ergänzt hätte. Gerade Einsteigern dürfte bei der Lektüre nicht klar werden, wie sehr sich das heutige Bild der französischen Geschichte unter Ludwig XIV. von früheren Deutungen unterscheidet. Davon abgesehen ist das Buch rundherum gelungen. Es wäre interessant zu wissen, wieviele Leser der Band seit seinem Erscheinen 2010 gefunden hat. Erfahrungsgemäß fristet die französische Geschichte, zumal die der Frühen Neuzeit, ein Schattendasein im Lehrangebot deutscher Universitäten. Zum Teil ist das dem Mangel an deutschsprachiger Grundlagenliteratur geschuldet, die Studierenden die Scheu vor diesem zunächst exotisch anmutenden Thema nimmt. Wagemutige Dozenten, die Seminare zur Geschichte Frankreichs im "Grand Siècle" anbieten wollen, verfügen jetzt mit Schillings Buch über eine hervorragende strukturgeschichtliche Einführung.
(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im März 2016 auf Amazon gepostet)












