Kai Vogelsang

 4,3 Sterne bei 6 Bewertungen

Lebenslauf

Kai Vogelsang, geb. 1969, ist Professor für Sinologie an der Universität Hamburg und Leiter der dortigen Abteilung für Sprache und Kultur Chinas.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Kai Vogelsang

Cover des Buches Geschichte Chinas (ISBN: 9783150109335)

Geschichte Chinas

 (2)
Erschienen am 15.03.2013
Cover des Buches Kleine Geschichte Chinas (ISBN: 9783150192658)

Kleine Geschichte Chinas

 (1)
Erschienen am 12.11.2014

Neue Rezensionen zu Kai Vogelsang

Cover des Buches China und Japan: Zwei Reiche unter einem Himmel: Zwei Reiche - eine Kulturgeschichte (ISBN: 9783520256010)

Rezension zu "China und Japan: Zwei Reiche unter einem Himmel: Zwei Reiche - eine Kulturgeschichte" von Kai Vogelsang

Kai Vogelsangs China und Japan ist ein spannendes, lehrreiches und außergewöhnliches Sachbuch. Hier wird versucht soziale Prozesse aus sich selbst heraus zu verstehen, ohne in einen kolonialen oder moralischen Blick zu verfallen.
Ein LovelyBooks-Nutzervor 9 Monaten

China ist eines der ganz großen Themen des aktuellen Sachbuchmarktes. Zwar erscheinen mit großer Regelmäßigkeit Bücher über das „Reich der Mitte“, aber meist werden diese nicht von Fachleuten für China, sondern von Politikberatern, Sicherheits- oder Militäranalytikern oder von Ökonomen geschrieben, die vom „Gegenstand China“ recht wenig Ahnung haben, dafür aber viel ideologisches Gepäck mit sich herumtragen, mit dem sie mehr über den Zustand des Westens aussagen als über China. Ganz anders die gegenwärtigen Sachbücher, die vor allem dadurch überzeugen, dass hier Sinologen schreiben. Besonders hervor hebt sich Kai Vogelsang mit „China und Japan. Zwei Reiche unter einem Himmel“. Entgegen einer klassischen Geschichtsschreibung, die vor allem eine statische, monozentrierte und häufig voluntaristische ist, denkt Vogelsang, wie es der Soziologie Norbert Elias einst forderte, „von den Beziehungen auf die Bezogenen“. Menschen machen einander, das gilt auf individueller Ebene genauso wie auf Großgruppenebene und nirgends ist dieses Diktum deutlicher zu beobachten wie in den Beziehungen zwischen China und Japan.

Eine moderne Geschichtsschreibung kann nur langfristig sein, so man denn die Verflechtungen und Entwicklungsbedingungen der zu beschreibenden Gesellschaft(en) verstehen möchte. Und so beginnt Kai Vogelsang vor etwa 30.000 Jahren. Natürlich nur skizzenhaft aber es verdeutlicht von der ersten Seite des unbedingt lesenswerten Sachbuches die gemeinsame Genese Ostasiens. Über die neolithische Revolution, Bronze- und Eisenzeit zur Gründung des chinesischen Kaiserreichs 221 v. Chr. Der kurze Abriss dient lediglich zur Einordnung, vom Gegenstand „China“ und „Japan“ konnte da noch keine Rede sein. Die nationalistische Kategorisierung von Menschen war da noch weit entfernt und die Identitäten waren lokal, nicht national. Und das sollte im Falle Chinas auch noch sehr lange so bleiben. Das 5.000jährige Kulturreich kann man getrost ins Reich der Legenden oder nationalistischen Mystifizierung schieben. Ähnlich wie es keine tausendjährige Geschichte Deutschlands gibt.

Ungleichzeitigkeit der Entwicklung

Allerdings entwickelten sich die Regionen, die später einmal China werden sollten bereits sehr früh, während auf den Inseln die später Japan werden sollten, die Menschen gleichzeitig Jahrtausende im Stillstand verbrachten – oder zutreffender: beide Regionen entwickelten sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Während China eine atemberaubende Entwicklung nahm, harrte Japan auf die entscheidenden Impulse. Getrennt durch ein paar hundert Kilometer Meer von den Entwicklungen auf dem Festland, verblieben die Stämme auf den Inseln als Jäger und Sammler. Währenddessen lernte man auf dem Kontinent Äcker zu bestellen, den Bronzeguss zu perfektionieren, Städte und Paläste zu bauen und Weltliteratur zu schreiben.

Die Tang gründeten im 7. Jahrhundert ein Weltreich, dass fast 300 Jahre Bestand haben sollte. Die Hauptstadt Chang’an „war mit ein bis zwei Millionen Einwohnern nicht nur die größte Metropole ihrer Zeit, sondern eine wahre Weltstadt, in der Menschen aus allen Gegenden zusammenkamen: Araber, Türken, Mongolen, Perser, Juden, Tibeter, Koreaner, Sogder – und Japaner. Chang’an war Knotenpunkt der Seidenstraße und kulturelles Zentrum der Welt.“ Recht und Gesetz, Religion, Kunst, Architektur, Musik und Literatur erlebten ihre bisherigen Höhepunkte. Der Mythos des uralten Kulturreiches China mag hier seine realen Bezugspunkte herhaben. Zumindest entwickelte die Tang-Dynastie eine Strahlkraft, die fast über den gesamten Globus reichte. Es entstand nicht nur ein reger Austausch mit den Regionen Europas, sondern auch die japanischen Herrscher schickten zahlreiche Gesandtschaften, um von der Hochkultur zu lernen.

Geliebter Feind

Aber natürlich war der Austausch nicht einseitig, auch wenn es ein steiles Machtgefälle zwischen den beiden Regionen gab. Und auch wenn die chinesischen Herrscher auf die Barbareninsel hinabblickten, findet kultureller Austausch immer auch mehr oder weniger subtil statt. Zumal ein weltweiter Handel, so auch mit den japanischen Inseln im Entstehen war. Während also das Kaiserreich auf so ziemlich alles und jeden hinabblickte, entwickelte sich China für die Japaner zum großen Vorbild, gar zum großen Bruder. Japanische Herrscher kopierten zahlreiche Errungenschaften der Tang-Dynastie, allerdings häufig auch ohne rechten Sinn und Verstand. Erinnert so manches doch an Cargo-Kulte, die zwar die Gestalt und Form kopieren, aber den Inhalt bzw. Sinn und Struktur nicht verstehen. Vieles was für die entwickelten Tang galt, hatte in Japan noch überhaupt keine Entsprechung. Nichtsdestotrotz sollten die Impulse aus China, die Entwicklung in Japan nachhaltig bestimmen – vor allem auch die des Militärs. Bekam man auf den Inseln doch zunehmend Angst vor den expansionistischen Tang.

Doch wie zu erwarten, führte der erste und für lange Zeit auch letzte Konflikt zu einer vernichtenden Niederlage der japanischen Krieger. Und wie so häufig in den chinesisch-japanischen Beziehungen führte eine militärische Niederlage nicht zur vollständigen Abkehr voneinander, sondern paradoxerweise zur Intensivierung der Beziehungen. Wenn man gegen die „Chinesen“ verlor, dann musste man eben die Entwicklungsbemühungen intensivieren, was natürlich auch bedeutete noch mehr von ihnen zu lernen, was den Kulturaustausch, oder besser die „Sinisierung des Alltags“ der Japaner beförderte. Ganz dem „Prozess der Zivilisation“ entsprechend, wurden die Tang-Eliten zum Vorbild. Man kopierte nicht nur Bildung, Religion, Medizin, Handwerk, Technik, Recht und Militär, sondern auch Moden und Alltagsgegenstände wie den Stuhl. Allerdings wurde alles Importierte auch angepasst und spezifisch weiterentwickelt. Das ging soweit, dass für uns so Ur-Japanisches wie der Zen-Buddhismus ein Import aus China war.

Moderne und Nationalismus

Die Offenheit gegenüber allem Chinesischen, sollte aber bald einer „Verengung der Horizonte“ weichen. Um sich abzugrenzen und den eigenen Wert zu erhöhen, erfand man schlichtweg eine eigene Tradition und strebte nach Größerem, was zu einer kulturellen Abkehr der Eliten führte. Doch während der herrschende Zeitgeist das Eigene betonte, waren es die Händler und Seeleute die den Austausch weiterhin betrieben. Echte Trennung der beiden Geschwisterkulturen sollte es nie geben. Nicht einmal nachdem Japan, angefacht durch den Kontakt mit Europäern, eine kulturelle wie technisch-wirtschaftliche Revolution erlebte und China weit überholte. Dabei importierten die Japaner nicht nur Techniken, sondern auch Ideologien. Der europäische Nationalismus sollte auch die Beziehungen in Ostasien vergiften. Japan strebte nun nicht mehr China nach, sondern schaute auf die zurückgebliebenen „Chinamen“ hinab. Nun waren die imperialistischen Europäer mit ihren Militärmächten, mit ihren Gewehren und Kanonen, die neuen Vorbilder. Und ganz in der Tradition der Europäer entfachte Japan einen Krieg mit China und besetzte ganze Landstriche. Jede imperialistische Nation brauchte schließlich einen „Platz an der Sonne“.

Und es kam wie es kommen musste, in der Folgezeit sollten die Chinesen, die jetzt überhaupt erst zu Chinesen, einer Nation, wurden, die Entwicklung Japans kopieren. Technisch und kulturell und, wie könnte es anders sein, zu Teilen auch ideologisch mit der Übernahme des Nationalismus. Tausende Chinesen wurden nach Japan entsendet, um an den Hochschulen von den Japanern zu lernen.

„Jedes Land auf dem Globus, so wie England oder Frankreich, hat einen gängigen Namen für das ganze Land. Nur das Reich der Mitte hat keinen», klagte ein chinesischer Gesandter in Japan, Huang Zunxian, um 1880: «Die Japaner nennen uns ‹Shina›; Engländer nennen uns ‹China› und Franzosen ‹Chine›. Aber das sind keine Namen, die wir selbst benutzt haben.“, so Vogelsang in der NZZ.

Selbst den Namen des eigenen Landes importierte China aus Japan. „Denn nicht als ‚Chinesen‘ waren sie nach Japan gereist, sondern als Hunanesen, Sichuanesen, Schanghainesen oder Kantonesen. In Tokio und Yokohama blieben Landsleute unter sich: Sie sprachen ihre eigenen Dialekte, publizierten ihre eigenen Zeitungen, kochten ihre eigenen Süppchen. Auf die Idee, sich gemeinsam als ‚Chinesen‘ zu bezeichnen, wären sie nicht gekommen.“ Enger kann eine Verflechtung kaum sein. Auch fast das „gesamte politisch-soziale Vokabular der Moderne wurde aus dem Japanischen in das Chinesische übernommen.“

Wie Yin und Yang

Man kann das eine Land nicht ohne das andere denken, die Verbindungen und gegenseitigen Beeinflussungen sind so eng, dass eine ausschließende Fokussierung auf ein Land immer unzureichend bleiben muss.

Vogelsang gelingt es mit einer für Akademiker wunderbar lesbaren Schreibweise eine spannende Kulturgeschichte Ostasiens zu präsentieren. Überaus profund erzählt er eine Geschichte jenseits der üblichen Herangehensweise und ergeht sich nicht in endlosen Zahlenreihen oder Namedropping von irgendwelchen Herrschern. Natürlich kommt man nicht darum diese zu erwähnen, aber es ist eben eine Kulturgeschichte und keine Kaiser- und Königserzählung, wie sie so häufig in den Geschichtswissenschaften betrieben wird. Hier stehen die Menschen und ihre Beziehungen im Mittelpunkt, so wie sie sich einander machen. So wie sich gegenseitig bedingen und bezwingen. Besser kann man eine gegenseitige Kulturentwicklung nicht schreiben. Von der Sinisierung Japans über die Japonisierung Chinas, je nach Machtgefälle und zeitlichen Begebenheiten, berücksichtig Vogelsang immer die Interdependenz der Soziogenese der beiden Länder mit ihren vielen Regionen. Besonders hervorzuheben ist, dass Vogelsang nicht in den Gräueltaten versinkt, die sich die beiden Länder gegenseitig im Laufe ihrer Jahrtausende währenden Beziehungsgeschichte angetan haben.

Mit einem sensiblen Gespür benennt er einzelne Verbrechen, die Terror, Mord und Folter sichtbar machen, ohne jedoch darin zu verharren oder gar Emotionen zu schüren. Man könnte fast sagen, ganz wie es Japaner und Chinesen in ihrer Geschichte getan haben. Dabei spielt die jeweilige Motivlage keine Rolle, sondern es ist der Blick auf die Geschehenszusammenhänge, ohne anzuklagen. Der kulturelle Austausch der Menschen geht weiter auch wenn die aktuellen politischen Führungen wieder einmal im nationalistischen Taumel die Unterschiede oder gar Feindschaften betonen. Auch diese Phase wird vorbeigehen und die Gemeinsamkeiten und die Freundschaften werden bestehen bleiben, so wie es bereits seit Jahrtausenden geschieht.

Kai Vogelsangs China und Japan ist ein spannendes, lehrreiches und außergewöhnliches Sachbuch. Hier wird versucht soziale Prozesse aus sich selbst heraus zu verstehen, ohne in einen kolonialen oder moralischen Blick zu verfallen. Eines der besten Bücher zu China (und Japan), die ich bisher gelesen habe und eine ganz klare Empfehlung! Schade, dass dieses Werk nicht für den deutschen Sachbuchpreis nominiert ist. Verdient wäre es.

Cover des Buches China und Japan: Zwei Reiche unter einem Himmel: Zwei Reiche - eine Kulturgeschichte (ISBN: 9783520256010)
dunkelbuchs avatar

Rezension zu "China und Japan: Zwei Reiche unter einem Himmel: Zwei Reiche - eine Kulturgeschichte" von Kai Vogelsang

Geschichte Chinas und Japans aus kulturhistorischer Perspektive
dunkelbuchvor einem Jahr

Die chinesisch-japanischen Beziehungen sind ein Paradox: Chinesen und Japaner waren im Laufe ihrer Geschichte die größten Freunde und die ärgsten Feinde; sie liebten sich und sie hassten sich; sie hatten höchsten Respekt voreinander und verachteten einander zutiefst; sie glichen sich an und grenzten sich ab; sie waren dem anderen Segen und Fluch. Doch nie konnten sie sich voneinander lösen. So unentwirrbar sind ihre kulturellen Traditionen ineinander verstrickt, dass ein Land nicht mehr ohne das andere denkbar ist. Trotzdem versteigen sich aktuell selbst Wissenschaftler dazu, von einem ›ewigen Konflikt‹ zwischen den beiden Ländern zu sprechen. Kai Vogelsang will mit seiner chinesisch-japanischen Kulturgeschichte einen Beitrag dazu leisten, dieses Bild ins rechte Licht zu rücken. Ein mutiges Buch, das Europäern, die gegenüber dem fernen Ostasien gerne etwas ignorant auftreten, die Kulturen dieser beiden faszinierenden Länder ein Stück näherbringt. 

Kai Vogelsangs China und Japan ist ein spannendes, lehrreiches und außergewöhnliches Sachbuch. Hier wird versucht soziale Prozesse aus sich selbst heraus zu verstehen, ohne in einen kolonialen oder moralischen Blick zu verfallen. Eines der besten Bücher zu China und Japan, das ich bisher gelesen habe!

Das Lesen dieses Buches ist eine aufregende Reise durch die chinesisch-japanische Zeit.

Schade das man nur 5 Sterne vergeben kann, dieses Buch hätte mehr verdient..........

Hervorzuheben wäre noch der ausführliche ca. 100seitige Anhang.

Cover des Buches China und Japan: Zwei Reiche unter einem Himmel: Zwei Reiche - eine Kulturgeschichte (ISBN: 9783520256010)
mabo63s avatar

Rezension zu "China und Japan: Zwei Reiche unter einem Himmel: Zwei Reiche - eine Kulturgeschichte" von Kai Vogelsang

Zwei Reiche unter einem Himmel
mabo63vor 2 Jahren

China und Japan - ein ambivalentes Verhältnis zweier mittlerweilen mächtigen Staaten. Eindrücklich und mit grossem Sachverstand macht uns Kai Vogelsang verständlich wie die beiden Grossmächte kulturell ineinander verstrickt sind: "Sie können nicht miteinander aber können auch nicht ohne einander" so Vogelsang.


Während in China, im 2.Jahrtausend v.Chr. schon Hochkulturen entstanden, lebte Japan noch in der Steinzeit.


Im 19.Jahrhundert modernisierte sich Japan rasant und nun waren es nicht die Japaner die vormals als Barbaren bezeichnet wurden, sondern die Chinesen. Nun hatten die Japaner diese Vobildfunktion.


Später, in den 1930er Jahren frass sich der Nationalsozialismus in die Köpfe der japanischen Machthaber und gipfelte in das grauenhafte Massaker von Nanking wo über 300000 Menschen ermordet wurden.


[Diejenigen in der ersten Reihe wurden geköpft, die in der zweiten wurden gezwungen, die abgetrennten Körper in den Fluss zu werfen, bevor sie selbst geköpft wurden.. [.. Am nächsten Tag, dieser Art des Tötens überdrüssig, stellten sie Maschinengewehre auf. Zwei von ihnen überzogen die aufgereiten Gefangenen mit Kreufeuer]

Yuki Omata, Zit. nach: Chang 1997


Trotz diesen Gräueltaten der Japaner bleiben die beiden mächtigen Staaten aber eng verbunden, was wohl mit der tiefen, kulturellen Verbundenheit zu tun hat. 


Lesenswert!

Gespräche aus der Community

Bisher gibt es noch keine Gespräche aus der Community zum Buch. Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 14 Bibliotheken

auf 2 Merkzettel

von 2 Leser*innen aktuell gelesen

Worüber schreibt Kai Vogelsang?

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freund*innen und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber*innen und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Hol dir mehr von LovelyBooks