Kamel Daoud

 3.2 Sterne bei 11 Bewertungen

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Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung

Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung

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Erschienen am 17.08.2017
Zabor

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Erschienen am 07.03.2019
Minotaurus 504

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Erschienen am 10.10.2012
Meursault, contre-enquête

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Erschienen am 04.05.2016
Le Minotaure 504

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Erschienen am 04.02.2015

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Rezension zu "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung" von Kamel Daoud

Eine Gegendarstellung
JoBerlinvor 2 Jahren

Kamel Daouds Gegendarstellung zum Fall Meursault bezieht sich auf das Buch „Der Fremde“ von Albert Camus. In diesem Roman mit Handlungsort Algerien wird ein Araber getötet. Es gibt keine wirkliche kriminalistische Untersuchung, der Täter Meursault, ein algerischer Franzose, ist schnell gefasst, er leugnet nicht. Ein Exempel soll statuiert werden, der Staat fordert die Todesstrafe.


„Der Fall Meursault“ ist nicht die erste literarische Replik auf Camus – das ist verständlich, ein so sinnloser Mord wie hier geschildert, provoziert geradezu die Weiterbeschäftigung mit der Untat.
Kamel Daoud möchte dem Gemordeten ein Gesicht, eine Geschichte, einen Namen geben. Dabei wird impliziert, dass sein Zuhörer, also sein Leser, sozusagen der gegnerischen Gruppe der verhassten Kolonialherren angehört, er wird süffisant-sarkastisch mal als „Herr Kommissar“, mal als „Herr Literaturwissenschaftler“ tituliert. Die Überheblichkeit, die der Erzähler der Leserschaft unterstellt ist jedoch nicht stimmig, vielmehr entsteht der Eindruck, als möchte er sich als Rechtsanwalt seiner selbst erhöhen. Und hat er nicht vielmehr eigene, ganz private Gründe für seinen Hass auf den Mörder und seinen Autor Albert Camus? „Während ich nach Spuren meines Bruders suchte, fand ich mich selbst wiedergespiegelt und entdeckte mich fast als Doppelgänger des Mörders“. 


Interessant und wichtig ist die Darstellung von Frauengestalten, denn eine Frau war die Auslöserin der tödlichen Auseinandersetzung im Roman Camus‘. Doch ihre Persönlichkeit, ihre Leiden interessieren Daoud nicht und werden also auch nicht weiter untersucht. Frauen sind entweder Mütter oder Schwestern oder eben Huren. Und doch ist da eine zum Verlieben - „sie gehörte zu einer Art von Frauen, die es heute in diesem Land nicht mehr gibt: frei, bereit sich erobern zu lassen und zu erobern, niemanden unterworfen sein und ihren Körper als Gabe zu leben und nicht wie eine Sünde oder Schande“ – doch sie verlässt ihn, selbstbewusst und frei eben.


So werden nach und nach Motive aus „Der Fremde“ abgearbeitet: die ungeliebte Mutter, die unglückliche Liebe, die hoffnungslose Religion. Auch wenn Daoud behauptet „das ist keine banale Geschichte von Vergeltung und Rache, das ist ein Fluch, eine Falle“ wiederholt sich in seiner Roman-Spiegelung beständig und ermüdend der grundsätzliche Vorwurf: Der Mord an einem namenlosen Araber durch einen blasierten Franzosen. 

 
Im Fazit muss sein Roman als misslungen bezeichnet werden, geht seine Gegendarstellung komplett an Sinn und Inhalt von „Der Fremde“ vorbei und kann Camus mit seiner Kritik niemals erreichen. Camus geht es gar nicht um Schuld und Sühne eines Mordes, noch um Dispute zwischen Arabern und Franzosen , sondern um die Darstellung der Gleichgültigkeit der Welt. Hinter unseren Taten, unseren kleinen Leben, steht kein tieferer Sinn. Der Mensch steht nicht im Einklang mit Gott oder mit der Natur. Er steht allein und kann nur selbstbestimmt für sich eine Sinnhaftigkeit des Daseins schaffen.
Daoud hat dazu nichts zu sagen. Absurd.

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Herbstroses avatar

Rezension zu "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung" von Kamel Daoud

Braucht das Opfer einen Namen?
Herbstrosevor 2 Jahren


Diesem Roman liegt der Klassiker von Albert Camus, „Der Fremde“, zugrunde, in dem der Protagonist Meursault einen Araber ermordet. Während bei Camus das Mordopfer namenlos bleibt, erhält er hier bei Kamel Daoud einen Namen: „Moussa (Moses) Ould el-Assasse“. Siebzig Jahre später sitzt der Bruder des Ermordeten in einer Bar in Oran und erzählt seine Geschichte einem jungen französischen Journalisten. Lange musste er warten, bis er einen geduldigen Zuhörer fand, doch jetzt endlich kann er sich von der Seele reden, wie der Mord sein Leben und das seiner Mutter beeinflusst hat …

Eine interessante Grundidee des Romans, die ich persönlich aber nicht als ‚Gegendarstellung‘ bezeichnen würde. Auf weiten Strecken empfand ich die Geschichte mehr als ‚Umformulierung‘ von Camus‘ Roman. Der arabische Erzähler hat auch hier keinen Namen, erst auf einer der letzten Buchseiten wird sein Name einmal erwähnt: „Haroun“. Im Verlaufe der Geschichte nimmt der Erzähler mehr und mehr die Charakterzüge Meursaults an. Um die Rachegelüste der Mutter zu befriedigen mordet auch er, genau so unmotiviert und grundlos wie Meursault erschießt er einen, diesmal nicht namenlosen, Franzosen. Meursault bezahlt für die Tat mit seinem Leben, doch dieser Mord bleibt ungesühnt. In Camus‘ Roman lehnt Meursault jegliche Religion und besonders das Christentum ab, Daoud lässt seinen Protagonisten den Islam und seine Praktiken kritisieren.

Während bei Camus keine Art von Rassismus wahrzunehmen ist, ist er im vorliegenden Buch deutlich zu spüren, Franzosen werden sehr oft mit dem Schimpfwort ‚Roumi’ bezeichnet. Ab und zu entwickelt Daoud abstruse Theorien, warum und wieso Meursault den Mord verübt haben soll und gelegentlich wird der Autor des Buches „Der Fremde“ gar als Mörder betitelt:
S.82: „Als er aus dem Gefängnis kommt, schreibt der Mörder ein Buch, das berühmt wird und in dem er erzählt, wie er seinem Gott, einem Priester und dem Absurden die Stirn geboten hat…“ 
S.174 : … „dass sie Dozentin sei uns sich mit einem Buch über die Geschichte meines Bruders beschäftigte, und das Buch hatte der Mörder geschrieben.“

Ob allerdings der Ermordete aus Camus‘ „Der Fremde“ überhaupt einen Namen braucht, wage ich zu bezweifeln. Gerade das namenlose, unbekannte Opfer bringt doch die Sinnlosigkeit des Mordes sowie die Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit Meursaults sehr gut zum Ausdruck.

Um für dieses Buch Verständnis aufzubringen, sollte man unbedingt vorher „Der Fremde“ von Albert Camus gelesen haben.

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miss_mesmerizeds avatar

Rezension zu "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung" von Kamel Daoud

Kamel Daoud - Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung
miss_mesmerizedvor 3 Jahren

Der Fall ist bekannt: 1942 erschießt Meursault am Strand von Algier einen Araber. Der Tod seiner Mutter sowie die Hitze werden als Entlastungsgründe vorgeführt, der ganze Prozess dreht sich um den Täter. Doch wer ist das Opfer? Nicht einmal einen Namen gibt Albert Camus ihm ihn seinem großen Roman „L’étranger“ – doch nun spricht sein Bruder, der nie über den Mord hinwegkommt und Moussas Geschichte bekanntmachen will. Seine Trauer spricht aus jedem Satz und sein Ärger über die Arroganz des Kolonialherren, die sich exemplarisch an den beiden Brüdern zeigt, aber in dieser Weise von vielen erlebt wird.

Ein interessanter Ansatz, den Kamel Daoud wählt und durchaus berechtigt, denn die Gegendarstellung erhellt das, was bei Camus im Dunkeln bleibt. Er gibt dem unbenannten Toten einen Namen und eine Geschichte und verleiht so seinem ganzen Heimatland ein Gesicht. Inhaltlich spannend und sehr lesenswert, bleibt der Roman jedoch sprachlich für mich etwas hinter den Erwartungen zurück. Es fehlen die ganz großen Kniffe – auch wenn der erste Satz für Kenner von Camus schon bezeichnend und sehr gelungen ist.

Ob der Roman ohne seinen Vorgänger lesenswert ist, sei dahingestellt. Für mich macht er erst in Kombination wirklich Sinn und ergänzt um die Folgen und die Reaktionen auf die Erzählung – in Algerien wie in Frankreich – gewinnt er erst sein tatsächliches Gewicht. 

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