Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung

von Kamel Daoud 
3,2 Sterne bei10 Bewertungen
Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung
Bestellen bei:

Neue Kurzmeinungen

alascas avatar

Über die unüberwindliche Fremdheit in einem entkolonialisierten Land. Nicht dumm; halte diesen Camus-Spin-off trotzdem für überschätzt.

Alle 10 Bewertungen lesen

Auf der Suche nach deinem neuen Lieblingsbuch? Melde dich bei LovelyBooks an, entdecke neuen Lesestoff und aufregende Buchaktionen.

Inhaltsangabe zu "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung"

'Jetzt schon ein Klassiker' The Guardian.
Dieser Roman gibt dem namenlosen Toten aus 'Der Fremde' von Albert Camus ein Gesicht: Der alte Mann, der Nacht für Nacht in einer Bar in Oran seine Geschichte erzählt, ist der Bruder jenes Arabers, der 1942 von einem gewissen Meursault am Strand von Algier erschossen wurde – in einem der berühmtesten Romane des 20. Jahrhunderts. 70 Jahre später, mit all dem Ärger, der Angst und Frustration eines Lebens im Schatten dieses Todes, gibt der alte Mann seinem Bruder seinen Namen zurück und erzählt eine Geschichte, die untrennbar mit der Geschichte Algeriens verknüpft ist und doch gleichzeitig so berührend und persönlich, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann.Der vielfach preisgekrönte Roman war eine der literarischen Sensationen der letzten Jahre und gilt schon jetzt als Klassiker.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783462050608
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:208 Seiten
Verlag:Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum:17.08.2017

Rezensionen und Bewertungen

Neu
3,2 Sterne
Filtern:
  • 5 Sterne0
  • 4 Sterne4
  • 3 Sterne4
  • 2 Sterne2
  • 1 Stern0
  • Sortieren:
    JoBerlins avatar
    JoBerlinvor 2 Jahren
    Eine Gegendarstellung

    Kamel Daouds Gegendarstellung zum Fall Meursault bezieht sich auf das Buch „Der Fremde“ von Albert Camus. In diesem Roman mit Handlungsort Algerien wird ein Araber getötet. Es gibt keine wirkliche kriminalistische Untersuchung, der Täter Meursault, ein algerischer Franzose, ist schnell gefasst, er leugnet nicht. Ein Exempel soll statuiert werden, der Staat fordert die Todesstrafe.


    „Der Fall Meursault“ ist nicht die erste literarische Replik auf Camus – das ist verständlich, ein so sinnloser Mord wie hier geschildert, provoziert geradezu die Weiterbeschäftigung mit der Untat.
    Kamel Daoud möchte dem Gemordeten ein Gesicht, eine Geschichte, einen Namen geben. Dabei wird impliziert, dass sein Zuhörer, also sein Leser, sozusagen der gegnerischen Gruppe der verhassten Kolonialherren angehört, er wird süffisant-sarkastisch mal als „Herr Kommissar“, mal als „Herr Literaturwissenschaftler“ tituliert. Die Überheblichkeit, die der Erzähler der Leserschaft unterstellt ist jedoch nicht stimmig, vielmehr entsteht der Eindruck, als möchte er sich als Rechtsanwalt seiner selbst erhöhen. Und hat er nicht vielmehr eigene, ganz private Gründe für seinen Hass auf den Mörder und seinen Autor Albert Camus? „Während ich nach Spuren meines Bruders suchte, fand ich mich selbst wiedergespiegelt und entdeckte mich fast als Doppelgänger des Mörders“. 


    Interessant und wichtig ist die Darstellung von Frauengestalten, denn eine Frau war die Auslöserin der tödlichen Auseinandersetzung im Roman Camus‘. Doch ihre Persönlichkeit, ihre Leiden interessieren Daoud nicht und werden also auch nicht weiter untersucht. Frauen sind entweder Mütter oder Schwestern oder eben Huren. Und doch ist da eine zum Verlieben - „sie gehörte zu einer Art von Frauen, die es heute in diesem Land nicht mehr gibt: frei, bereit sich erobern zu lassen und zu erobern, niemanden unterworfen sein und ihren Körper als Gabe zu leben und nicht wie eine Sünde oder Schande“ – doch sie verlässt ihn, selbstbewusst und frei eben.


    So werden nach und nach Motive aus „Der Fremde“ abgearbeitet: die ungeliebte Mutter, die unglückliche Liebe, die hoffnungslose Religion. Auch wenn Daoud behauptet „das ist keine banale Geschichte von Vergeltung und Rache, das ist ein Fluch, eine Falle“ wiederholt sich in seiner Roman-Spiegelung beständig und ermüdend der grundsätzliche Vorwurf: Der Mord an einem namenlosen Araber durch einen blasierten Franzosen. 

     
    Im Fazit muss sein Roman als misslungen bezeichnet werden, geht seine Gegendarstellung komplett an Sinn und Inhalt von „Der Fremde“ vorbei und kann Camus mit seiner Kritik niemals erreichen. Camus geht es gar nicht um Schuld und Sühne eines Mordes, noch um Dispute zwischen Arabern und Franzosen , sondern um die Darstellung der Gleichgültigkeit der Welt. Hinter unseren Taten, unseren kleinen Leben, steht kein tieferer Sinn. Der Mensch steht nicht im Einklang mit Gott oder mit der Natur. Er steht allein und kann nur selbstbestimmt für sich eine Sinnhaftigkeit des Daseins schaffen.
    Daoud hat dazu nichts zu sagen. Absurd.

    Kommentare: 1
    31
    Teilen
    Herbstroses avatar
    Herbstrosevor 2 Jahren
    Braucht das Opfer einen Namen?


    Diesem Roman liegt der Klassiker von Albert Camus, „Der Fremde“, zugrunde, in dem der Protagonist Meursault einen Araber ermordet. Während bei Camus das Mordopfer namenlos bleibt, erhält er hier bei Kamel Daoud einen Namen: „Moussa (Moses) Ould el-Assasse“. Siebzig Jahre später sitzt der Bruder des Ermordeten in einer Bar in Oran und erzählt seine Geschichte einem jungen französischen Journalisten. Lange musste er warten, bis er einen geduldigen Zuhörer fand, doch jetzt endlich kann er sich von der Seele reden, wie der Mord sein Leben und das seiner Mutter beeinflusst hat …

    Eine interessante Grundidee des Romans, die ich persönlich aber nicht als ‚Gegendarstellung‘ bezeichnen würde. Auf weiten Strecken empfand ich die Geschichte mehr als ‚Umformulierung‘ von Camus‘ Roman. Der arabische Erzähler hat auch hier keinen Namen, erst auf einer der letzten Buchseiten wird sein Name einmal erwähnt: „Haroun“. Im Verlaufe der Geschichte nimmt der Erzähler mehr und mehr die Charakterzüge Meursaults an. Um die Rachegelüste der Mutter zu befriedigen mordet auch er, genau so unmotiviert und grundlos wie Meursault erschießt er einen, diesmal nicht namenlosen, Franzosen. Meursault bezahlt für die Tat mit seinem Leben, doch dieser Mord bleibt ungesühnt. In Camus‘ Roman lehnt Meursault jegliche Religion und besonders das Christentum ab, Daoud lässt seinen Protagonisten den Islam und seine Praktiken kritisieren.

    Während bei Camus keine Art von Rassismus wahrzunehmen ist, ist er im vorliegenden Buch deutlich zu spüren, Franzosen werden sehr oft mit dem Schimpfwort ‚Roumi’ bezeichnet. Ab und zu entwickelt Daoud abstruse Theorien, warum und wieso Meursault den Mord verübt haben soll und gelegentlich wird der Autor des Buches „Der Fremde“ gar als Mörder betitelt:
    S.82: „Als er aus dem Gefängnis kommt, schreibt der Mörder ein Buch, das berühmt wird und in dem er erzählt, wie er seinem Gott, einem Priester und dem Absurden die Stirn geboten hat…“ 
    S.174 : … „dass sie Dozentin sei uns sich mit einem Buch über die Geschichte meines Bruders beschäftigte, und das Buch hatte der Mörder geschrieben.“

    Ob allerdings der Ermordete aus Camus‘ „Der Fremde“ überhaupt einen Namen braucht, wage ich zu bezweifeln. Gerade das namenlose, unbekannte Opfer bringt doch die Sinnlosigkeit des Mordes sowie die Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit Meursaults sehr gut zum Ausdruck.

    Um für dieses Buch Verständnis aufzubringen, sollte man unbedingt vorher „Der Fremde“ von Albert Camus gelesen haben.

    Kommentieren0
    101
    Teilen
    miss_mesmerizeds avatar
    miss_mesmerizedvor 3 Jahren
    Kamel Daoud - Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung

    Der Fall ist bekannt: 1942 erschießt Meursault am Strand von Algier einen Araber. Der Tod seiner Mutter sowie die Hitze werden als Entlastungsgründe vorgeführt, der ganze Prozess dreht sich um den Täter. Doch wer ist das Opfer? Nicht einmal einen Namen gibt Albert Camus ihm ihn seinem großen Roman „L’étranger“ – doch nun spricht sein Bruder, der nie über den Mord hinwegkommt und Moussas Geschichte bekanntmachen will. Seine Trauer spricht aus jedem Satz und sein Ärger über die Arroganz des Kolonialherren, die sich exemplarisch an den beiden Brüdern zeigt, aber in dieser Weise von vielen erlebt wird.

    Ein interessanter Ansatz, den Kamel Daoud wählt und durchaus berechtigt, denn die Gegendarstellung erhellt das, was bei Camus im Dunkeln bleibt. Er gibt dem unbenannten Toten einen Namen und eine Geschichte und verleiht so seinem ganzen Heimatland ein Gesicht. Inhaltlich spannend und sehr lesenswert, bleibt der Roman jedoch sprachlich für mich etwas hinter den Erwartungen zurück. Es fehlen die ganz großen Kniffe – auch wenn der erste Satz für Kenner von Camus schon bezeichnend und sehr gelungen ist.

    Ob der Roman ohne seinen Vorgänger lesenswert ist, sei dahingestellt. Für mich macht er erst in Kombination wirklich Sinn und ergänzt um die Folgen und die Reaktionen auf die Erzählung – in Algerien wie in Frankreich – gewinnt er erst sein tatsächliches Gewicht. 

    Kommentieren0
    2
    Teilen
    alascas avatar
    alascavor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Über die unüberwindliche Fremdheit in einem entkolonialisierten Land. Nicht dumm; halte diesen Camus-Spin-off trotzdem für überschätzt.
    Kommentieren0
    Boriss avatar
    Borisvor 10 Monaten
    esmerabelles avatar
    esmerabellevor 2 Jahren
    beates avatar
    beatevor 2 Jahren
    BWV-57s avatar
    BWV-57vor 3 Jahren
    A
    AmirFvor 3 Jahren
    Liserons avatar
    Liseronvor 3 Jahren

    Gespräche aus der Community zum Buch

    Neu
    abas avatar


    LovelyBooks lädt im neuen Jahr wieder zu spannenden Challenges ein.
    Und auf euch warten tolle Gewinne.

    Die anspruchsvolle Gegenwartsliteratur ist 2016 wieder dabei!

    Liest du gerne Bücher mit Niveau?
    Dann ist diese Challenge genau das Richtige für dich.

    15 anspruchsvolle Romane möchten wir vom 01.01.2016 bis 31.12.2016 lesen.

    Es gelten Bücher - Gegenwartsliteratur -, die in diesem Zeitraum erscheinen (Ersterscheinungen) und an diesem Beitrag angehängt sind.
    Auch Neuauflagen – 2016 erschienen - von Klassikern.

    Die Regeln:
    1. Melde dich mit einem kurzen Beitrag hier im Thread an.
    2. Einstig ist jederzeit möglich. Und du kannst dich jederzeit wieder abmelden. Du verpflichtest dich zu nichts.
    3. Schreibe bitte zu jedem Buch, das du für die Challenge gelesen hast, eine Rezension bei LovelyBooks, und verlinke diese in einem einzigen Beitrag in diesem Thread. Dieser Beitrag, wird von mir unter dem entsprechenden User-Namen in der Teilnehmerliste verlinkt. Das wird dein Sammelbeitrag für deine Rezensionen sein.
    4. Es gelten nur Bücher, die an diesem Beitrag angehängt sind!
    Bitte beachten: Die Liste der Bücher erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

    Nimmst du die Herausforderung an?

    Unter allen Teilnehmern, die es schaffen, 15 Romane mit Niveau bis zum 31.12.2016 zu lesen und zu rezensieren, wird ein tolles Buchpaket verlost.
    Natürlich mit den passenden Büchern zum Thema.


    Ich freue mich auf viele Anmeldungen!

    Teilnehmer:

    19angelika63
    AgnesM
    AmayaRose
    anushka
    Arizona
    aspecialkate
    ban-aislingeach
    Barbara62
    Blaetterwind
    blauerklaus
    bonniereadsbooks
    BookfantasyXY
    bookgirl
    Buchgespenst
    Buchina
    Buchraettin
    Cara_Elea
    Caroas
    Corsicana
    crimarestri
    cyrana
    czytelniczka73
    Deengla
    dia78
    DieBerta
    digra
    Eeyorele
    erinrosewell
    Farbwirbel
    Federfee
    Fornika
    FrauGonzo
    FrauJott
    freiegedanken
    frlfrohsinn
    gefluegeltermond
    Gela_HK
    GetReady
    Ginevra
    Girl56
    Gruenente
    Gwendolina
    hannelore259
    hannipalanni
    Heldentenor
    Igela
    Insider2199
    JoBerlin
    K2k
    katrin297
    krimielse
    leniks
    lesebiene27
    Lesefantasie
    leselea
    lesenbirgit
    leseratteneu
    LibriHolly
    lisibooks
    Literatur
    maria1
    Marika_Romania
    Maritzel
    marpije
    Martina28
    Mauela
    Mercado
    Miamou
    miss_mesmerized
    naddooch
    Nadja_Kloos
    naninka
    Nepomurks
    Nightflower
    Nil
    Nisnis
    parden
    Petris
    Pocci
    PrinzessinAurora
    schokoloko29
    serendipity3012
    Sikal
    sofie
    solveig
    sommerlese
    StefanieFreigericht
    sternchennagel
    Sumsi1990
    suppenfee
    sursulapitschi
    TanyBee
    Tintenfantasie
    TochterAlice
    umbrella
    vielleser18
    wandablue
    wilober
    wortjongleur
    zeki35
    Zum Thema

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks