Hausbrand

von Kamila Shamsie 
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Hausbrand
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Tragische Geschichte mit spannenden Charakteren & einem interessanten, politischen Plot, der den Zeitgeist trifft. Authentisch geschrieben.

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Inhaltsangabe zu "Hausbrand"

»Isma würde ihre Maschine verpassen. Mit dem Verhör hatte sie gerechnet, aber nicht mit der stundenlangen Warterei ...« Es ist kein Zufall, dass man Isma am Londoner Flughafen derart in die Mangel nimmt. Schon ihr Vater war ein Dschihadist, und nun hat sich ihr kleiner Bruder dem IS angeschlossen. Der ultimative Verrat, denn ihn und seine Zwillingssschwester Aneeka hat Isma großgezogen. Nach dem frühen Tod beider Eltern hatte sie ihr Studium abgebrochen, um für die jüngeren Geschwister die Mutterrolle zu übernehmen. Als die Zwillinge auf eigenen Füßen stehen können, bekommt Isma in den USA ein Stipendium und könnte dort weiterstudieren. Und das Wunder geschieht - sie darf einreisen. Dort angekommen freundet sie sich mit Eamonn an, einem jugnen Engländer, der wie sie pakistanische Wurzeln hat, aber aus priviligierten Verhältnissen stammt. Als ihr kleiner Bruder dem IS den Rücken kehren will, könnte Eamonns einflussreicher Vater - er ist der Innenminister Großbritanniens - helfen. Doch der ist ein Hardliner, wenn es um die ›Sicherheit‹ der Engländer geht ...
Was ist Recht? Was Gerechtigkeit? Um diesen Konflikt, der uns seit Sophokles' Antigone beschäftigt, hat Kamila Shamsie einen herzzerreißenden Roman geschrieben.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783827013613
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:256 Seiten
Verlag:Berlin Verlag
Erscheinungsdatum:04.09.2018

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    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor 14 Tagen
    Wenn die wir lieben Feinde des Staates sind

    „Die wir lieben…sind Feinde des Staates.“
    Sophokles – Antigone

    Schon im Motto ihres Romans „Hausbrand“ erzählt die britisch-pakistanische Autorin Kamila Shamsie eigentlich die ganze Geschichte.
    „Homefire“ im Original trifft es, wie so oft genauer, denn es ist nicht das Haus, das hier brennt, sondern das Heim, die Familie, die Heimat, der Westen, Großbritannien. Und die große, klassische Geschichte, die hier neu gefasst wird, ist die der Antigone.
    Diese war die Tochter des Ödipus, nach dessen Tod ein erbitterter Streit um die Macht in Theben zwischen ihren Brüdern Eteokles und Polyneikes ausbrach. Im Kampf gegeneinander wurden beide getötet. Der Onkel Kreon, der nun die Macht erlangte, erlaubte aber nur die Beerdigung des Einen. Der aufständische Polyneikes, „Feind des Vaterlandes“, sollte unbestattet bleiben. Gegen den Rat der besonnenen Schwester Ismene, unter Androhung der Todesstrafe, brachte Antigone ihren Bruder dennoch unter die Erde, wie es ihr Glaube befahl. Daraufhin wurde sie lebendig eingemauert. Ihr Verlobter Haemon, Sohn des Kreons, verwandte sich eindringlich für sie und dieser lenkte schließlich ein. Aber zu spät, Antigone nahm sich bereits das Leben. Daraufhin folgten ihr Haemon und später auch seine Mutter Eurydike in den Tod.
    Ein großer, dramatischer Stoff, griechische Tragödie in Reinkultur, die bereits der irische Dichter Seamus Heany 2004 für ein höchst politisches Theaterstück neu adaptierte. Generell scheint die Neufassung von Klassikern ein wenig im Trend zu liegen, man denke an das Hogarth Shakespeare Projekt. Selten gelingt dies so rundum überzeugend und mitreißendend wie bei Kamila Shamsie.
    Am Personal ändert die Autorin relativ wenig.
    Die Geschwister Pasha, die ältere Isma und die Zwillinge Aneeka und Parvaiz – die Wahl der Namen erleichtert die Zuordnung zu den Protagonisten des antiken Dramas – wachsen in Wembley mit Großmutter und Mutter, die aus Pakistan stammen, auf. Der Vater verschwand schon früh aus ihrem Leben. Als Dschihadist kämpfte er in Kaschmir, Tschetschenien, Afghanistan, im Kosovo – wo eben ein „Gotteskrieger“ benötigt wurde. 2002 wurde er verhaftet, im berüchtigten Hauptquartier der Streitkräfte der Vereinigten Staaten in Afghanistan, Bagram wohl auch der Folter unterzogen und starb auf dem Transport nach Guantánamo. Seitdem stand die Familie in Großbritannien unter Beobachtung des MI5. Nach dem Tod von Mutter und Großmutter war es die ältere Isma, die ihre Geschwister großzog. Nun sind die beiden erwachsen und für Isma kann ein neues Leben beginnen: Ein Stipendium ermöglichst ihr Promotionsstudium in Soziologie in Amherst/USA. Wir begegnen ihr gleich zu Beginn des Romans.
    „Isma war auf dem besten Weg, ihren Flug zu verpassen. Das Ticket würde nicht erstattet werden, weil die Airline nicht bereit wäre, für Passagiere geradezustehen, die zwar drei Stunden vor Abflug am Flughafen sind, aber in ein Befragungszimmer abgeführt werden.“
    Der Schatten des radikalisierten Vaters und die amerikanische Paranoia im Umgang mit muslimischen Einreisewilligen – Isma trägt einen Hidschab – fordern ihren Preis. Wir befinden uns nicht mehr in der griechischen Antike, sondern im Zeitalter des Terrors und der Angst vor dem Islamismus, der mit dem Islam allzu oft gleichgesetzt wird.
    Kaum in ihrer neuen Heimat eingerichtet, muss Isma erfahren, dass ihr bisher so unauffälliger, gut integrierter Bruder Parvaiz nach Syrien ausgereist ist. Er hat sich dort der Medieneinheit des IS angeschlossen, vertont Propagandafilme, Filme von Geiselnahmen und Enthauptungen. Er ist der „Feind des Staates“. Hier hat Kamila Shamsie die einzige Anpassung des antiken Personals vorgenommen. Es gibt keinen zweiten Bruder, die Figur des Eteokles entfällt. Parvaiz kämpft gegen die Werte des Westens, gegen die „Mörder“ seines Vaters. Sein Gegner ist abstrakt. Nach relativ kurzer Zeit wird ihm aber Irrsinn und Bestialität seiner neuen Auftraggeber bewusst und er möchte wieder nach Hause. Hilfesuchend wendet er sich an seine Schwester Aneeka.
    Zur gleichen Zeit trifft Isma in den USA zufällig Eamonn, den Sohn eines ebenfalls aus Pakistan stammenden Politikers. Dieser ist ein typischer „trust-fond dropout“, reich, aber orientierungslos, heimat- und religionslos. Typisch der Dialog, als Isma und er zum ersten Mal aufeinander treffen.
    „Darf ich Sie etwas fragen?“, sagte er. „Der Turban. Ist das ein Modeding oder ein Muslimding?“
    „Wissen Sie, die einzigen Menschen in Massachusetts, die mich danach gefragt haben, wollten wissen, ob es ein Modeding oder ein Chemotherapieding ist.“
    Lachend sagte er: „Krebs oder Islam – was ist das größere Übel?“
    Eine weitere Entfernung von den Wurzeln kann man sich kaum vorstellen. Und das ist auch das Programm seines Vaters Karamat (Kreon), der sich erfolgreich um das Amt des Innenministers bewirbt. Er prangert die Rückständigkeit der in Großbritannien lebenden Muslime an, fordert mehr Integration, Anpassung, überwirft sich dadurch zunehmend mit einem großen Teil dieser Wählerschaft, die ihm Nestbeschmutzung vorwerfen. Unerbittliche Härte zeigt er auch gegenüber den „britisch geborenen“ Terroristen. Man beachte, dass nicht die Rede von „britischen Terroristen“ ist. Das in dieser Entfremdung, im Gefühl des nicht wirklich dazu zu gehören, ein Grund für die Radikalisierung junger Muslime ist, daran hat Kamila Shamsie keinen Zweifel. Aber auch andere Motive für das Abgleiten in Extremistenkreise werden angesprochen, ebenso wie die unverantwortlichen Rekrutierungsmethoden.
    Und doch ist diese Radikalisierung nicht das Hauptmotiv von Kamila Shamsies komplexem, fesselndem und eindringlichem Roman. Der Autorin geht es um Loyalitäten, um das Spannungsfeld in das Gesellschaft, Familie und Religion geraten können. Es geht um Recht und Gerechtigkeit, um die Diskrepanz, die zwischen beiden bestehen kann. Und um Liebe, um die Frage, wie weit man für diese zu gehen bereit ist.
    Aneeka trifft Eamonn, der sich in sie verliebt. Sie sieht eine Chance, ihren Bruder zu retten…
    Auf nur 250 Seiten entfaltet Kamila Shamsie die große Tragödie, wirft in Kapiteln mit unterschiedlichen Perspektiven Blicke auf den Konflikt, bleibt aber in der distanzierten personalen Perspektive, fügt gegen Ende Hashtags, Twitternachrichten, poetische Fragmente und Berichterstattungen hinzu. Das Ende erleben wir, wie so oft die Tragödien dieser Welt, über einen TV-Stream. Perfekt gelingt ihr das Versetzen des antiken Stoffs in unsere unmittelbare Gegenwart.
    Das alles ist großartig gemacht, subtil, mit zunehmender Spannung, völlig überraschenden Wendungen, bewegend, erhellend. Kein Wunder, dass Kamila Shamsie damit den Woman´s Prize for Fiction 2018 gewann. Auf der Longlist des Man Booker Prize stand sie damit ebenfalls.
    Das Beste an diesem Buch, das für mich ganz sicher zu den Highlights des Jahres gehört, ist aber, dass man durch es übliche Denkmuster hinterfragt, über eigene Werturteile nachdenkt, Meinungen überprüft. Ein Buch, das lange nachhallt, und dabei noch höchsten Lesegenuss bietet.

    Kommentare: 1
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    yellowdogs avatar
    yellowdogvor einem Monat
    Gesellschaftsportrait von Relevanz

    Kamila Shamsie ist eine britisch-pakistanische Autorin, die ich sehr schätze. Herausstellen möchte ich die gelungenen Romane Verglühte Schatten und broken verses. Und doch hat sie mit Hausbrand jetzt vielleicht ihr bestes und wichtigstes Buch geschrieben. Hausbrand ist geschickt und gut durchkonzipiert geschrieben und besitzt wichtige Themen. Insbesondere ist es ein London-Roman, die eine Gesellschaft zeigt und ihre Konflikte mit der Akzeptanz der muslimischen Bevölkerung.

    Dafür lehnt sich Kamila Shamsie an Antigone von Sophokles an, eine griechische Mythologie. Das muss man aber nicht erkennen, um den Roman zu würdigen. Es ist auch ein beeindruckender Familienroman.

    Im Mittelpunkt eine Familie von muslimischen Briten mit pakistanischen Wurzeln: Isma und ihre jüngeren Geschwister, die 19jährigen Zwillinge Aneeka und Parvais. Ihr Vater war Dschihad und starb auf dem Weg nach Guantanamo. Das prägt seine Familie natürlich.

    Die Geschichte teilt sich in 5 Abschnitte auf, mit jeweils einem anderen Protagonisten im Mittelpunkt: Isma, Eanmonn, Parvaiz, Aneeka, Karamat.

    Durch diese Technik entsteht ein gesellschaftliches Gesamtbild von Relevanz.

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    schnaeppchenjaegerins avatar
    schnaeppchenjaegerinvor einem Monat
    Kurzmeinung: Tragische Geschichte mit spannenden Charakteren & einem interessanten, politischen Plot, der den Zeitgeist trifft. Authentisch geschrieben.
    Tragische Geschichte mit einem interessanten, politischen Plot, der den Zeitgeist trifft

    Nachdem Isma sich nach dem Tod der Mutter und Großmutter um ihre neun Jahre jüngeren Zwillingsgeschwister Aneeka und Parvaiz gekümmert hat, ist sie endlich frei, um ihr Studium wieder aufzunehmen. Die Britin pakistanischer Herkunft erhält von einer Mentorin in den Vereinigten Staaten ein Stipendium, doch ihr Vater ist ein verstorbener Djihadist und ihr Bruder befindet sich derzeit in Syrien, wo er sich dem Islamischen Staat angeschlossen hat. Nach einem Verhör am Londoner Flughafen darf sie tatsächlich in die USA einreisen. In einem Café lernt sie Eamonn kennen, den Sohn des britischen Innenministers Karamat Lone, der selbst Muslim ist und jeglichen Fundamentalismus ablehnt. 
    Zurück in London sucht Eamonn die hübsche Aneeka auf, die er von Fotos kennt. Er verliebt sich in die toughe Jurastudentin, auch wenn er weiß, dass er mit einer Beziehung zu ihr der Karriere seines Vaters massiv schaden kann. Aneeka wiederum hofft durch seine Hilfe ihrem Zwillingsbruder die Ausreise aus Syrien zu ermöglichen. 

    Der Roman ist in fünf Abschnitte untergliedert und darin aus der Sicht von Isma, Eamonn, Parvaiz, Aneeka und Karamat geschildert. 
    Er handelt von einer muslimischen Familie, die in dritter Generation in London fest verwurzelt sein sollte. Der Vater hat die Familie allerdings frühzeitig verlassen, so dass die jüngeren Zwillinge keine Erinnerungen an ihn haben. Er ist ausgereist und hat an verschiedenen Kriegsschauplätzen in Allahs Namen gekämpft. Inzwischen sind die Zwillinge erwachsen und während Aneeka trotz festen Glaubens in Wembley integriert ist und ein Jurastudium aufnimmt, schlägt sich Parvaiz mit Nebenjobs durch und findet in Faruk einen Freund, der ihm von seinem Vater erzählt, ihn als Märtyrer idealisiert. Parvaiz hat stets eine Vaterfigur gefehlt und so lässt er sich leicht von den Versprechungen Faruks blenden, der an Parvaiz' Muslimehre und Männlichkeit appelliert, auf den Spuren seines Vaters gegen die Ungläubigen zu kämpfen. 

    Gegensätzlich stellt sich die Familie Lone dar, die ebenfalls pakistanischer Herkunft ist und in London lebt, aber einer anderen gesellschaftlichen Schicht angehört. Der Vater hat es bis zur Funktion des britischen Innenministers gebracht und sieht sich selbst als Vorbild für Integration. 

    Durch die Schilderung der fiktiven, aber glaubhaften Geschichte aus den verschiedenen Perspektiven kann man sich als Leser sehr gut in die unterschiedlichen Lebenssituationen der Protagonisten hineindenken. 
    Der Roman behandelt ein aktuelles politisches Thema und spielt mit den Ängsten der heutigen Zeit. Es geht um islamistischen Terrorismus, um die Verlorenheit in der Gesellschaft, um die Suche nach Anerkennung und einen Platz in der Welt. Am Beispiel von Parvaiz wird aufgezeigt, wie leicht Jugendliche ohne ein starkes Elternhaus manipuliert werden und einer Gehirnwäsche unterzogen werden können. Es zeigt aber auch, egal ob in Gestalt von Isma, die sich auch von den USA aus um ihre jüngere Schwester in London sorgt, oder ob in Gestalt von Aneeka, die ihren Bruder nicht aufgeben kann, wie stark ein Band unter Geschwistern sein kann. 
    Wie weit ist es noch moralisch vertretbar, für seinen Bruder zu gehen? Ist Blut dicker als Wasser? Kann Eamonn aus Liebe zu Aneeka die Prinzipien seiner Familie verraten? Wie kann Karamat als Politiker und Vater mit dem Gewissenskonflikt umgehen, ohne sich unglaubwürdig zu machen?

    Es ist eine tragische Geschichte mit interessantem Plot und spannenden Charakteren, die aufgrund der fünf ganz unterschiedlich erzählten Abschnitte etwas sprunghaft zu lesen ist und bei der aufgrund der Kürze der Passagen jeder einzelne Protagonist für sich etwas zu kurz kommt.

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