Karin Boye

 4.3 Sterne bei 16 Bewertungen
Autor von Kallocain, Kallocain und weiteren Büchern.

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Kallocain

Kallocain

 (12)
Erschienen am 29.10.2018
Kallocain

Kallocain

 (3)
Erschienen am 01.05.1982
Astarte

Astarte

 (1)
Erschienen am 01.01.1990

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Rezension zu "Kallocain" von Karin Boye

Kallocain - Was wäre, wenn selbst die Gedanken lesbar wären?
BluevanMeervor 4 Monaten

"Er hatte kein anderes Ziel vor Augen, als diese Frau zu entlarven, die hier herumlief und privatsentimentale und asoziale Gefühle in sich trug, sie bei einem Heulkrampf oder einer heftigen Antwort an den Pranger zu stellen und später auf sie zeigen und sagen zu können: Seht, was noch unter uns weilt und was wir hier dulden müssen!" (S.34)


Der Chemiker Leo Kall lebt in einem totalitären Staat in der Zukunft. Zu Beginn der Handlung ist er 60 Jahre alt und sitzt im Gefängnis. Er schildert seine Erinnerungen an eine Zeit von vor über 20 Jahren. Damals lebt er mit seiner Frau Linda zusammen. Sie sind staatstreu, lassen sich regelmäßig wie alle Bürger*innen von einer Haushaltshilfe überwachen und akzeptieren, dass ihre Schlafzimmer videoüberwacht werden und ihre Gespräche abgehört werden. Ihre Kinder sind nur an ausgewählten Tagen zu Hause, die Erziehung übernehmen Fachkräfte des Staates, die die Kinder zu Kriegsspielen animieren. Tiefere Verbindungen zueinander sind untersagt. Um schlafen zu können, gibt es genügend Schlafmittel. Wie in fast allen Dystopien ist nicht klar, warum die Verhältnisse so sind, wie sie sind. 

Wir lernen Leo kennen, der eifrig an einer neuen Droge arbeitet, die nach ihm Kallocain genannt wird. Kallocain erlaubt es, Leo einen Blick in die geheimsten Geheimnisse seiner Mitmenschen zu werfen. Sie offenbaren ihm alles. Er startet eine Versuchsreihe mit Mitgliedern des staatlichen Opferdienstes, die ihre Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Leo ist geschockt, als er von den Probanden, die unter Drogeneinfluss stehen, erfährt, dass sie keineswegs freiwillig und voller Begeisterung ihre Körper dem Staat opfern. Die Versuchskaninchen leiden, haben Depressionen, zweifeln an ihrem Dasein. Auch ihre Ehepartner sind nicht immer linientreu. Leo kann das nicht begreifen. 

"Bewirbt sich denn wirklich nur Abschaum beim Freiwilligen Opferdienst, fragte ich mich. Aber ich wusste natürlich, dass dies nicht zutraf. Ich wusste, dass hochwertige Eigenschaften erforderlich waren, damit jemand sich dort bewarb, dass Mut, Opferwille, Uneigennützigkeit, Entschlossenheit verlangt wurden, ehe man sich einem solchen Beruf überantwortete. Ebenso wenig konnte oder wollte ich mir vorstellen, dass dieser Beruf die Menschen zerstörte, die ihn wählten. Doch die Einblicke, die ich in die Privatsphäre der Versuchspersonen erhielt, waren niederschmetternd." (S.67)

Einige der Probanden haben unter Drogeneinfluss von einer subversiven Gruppe, Leo nennt sie "Irrensekte", berichtet, die sich in der Wüste trifft und Vertrauensübungen macht. Die Mitglieder stehen sich mit Messern gegenüber ohne sich umzubringen und sammeln angeblich Überreste von vergangenen Kulturen. Notenpapier, also gemalte "Vögel hinter Gittern" sei auch dabei gewesen. Leo ist irritiert und fasziniert. 

Außerdem meint er, auch an seinem Chef Rissen eine subversive Art festzustellen und unterstellt ihm, heimlich ein Verhältnis mit seiner Frau Linda gehabt zu haben. Als Leo seiner Frau Linda seine eigene Droge verabreicht, um endlich Gewissheit über die Affäre zu haben, stellt sich heraus, dass Linda ihre Kinder unendlich vermisst, aber kein Verhältnis mit Edo Rissen hatte. Stattdessen hofft sie, dass es irgendwo noch andere Mütter gibt, die ihre Kinder vermissen. Zu dem Zeitpunkt hat Leo aber schon längst Rissen an den Geheimdienst verraten. Rissen wird zum Tode verurteilt und die Droge Kallocain eröffnet ganz neue Möglichkeiten: was wäre, wenn allein der Gedanke an eine subversive Aktion gegen den Staat mit dem Tod bestraft werden sollte? 


In Kallocain schreibt Karin Boye sehr deutlich darüber, was es bedeutet, wenn ein totalitärer Staat seine Bürger*innen überwacht und sie dazu animiert, sich gegenseitig auszuspionieren. Am Schluss hat Leo zwar seine Geschichte aufgeschrieben ( ein Akt des Widerstands?), aber seine Geschichte lagert in einem Geheimarchiv und die Macht darüber hat die Zensurbehörde. Eine beeindruckende Dystopie, die in einer Liga mit 1984 und Fahrenheit spielt. 

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Rezension zu "Kallocain" von Karin Boye

Für Dystopie-Fans eine klare Leseempfehlung.
DieSeitenwanderinvor 4 Monaten

Ich liebe jede Art von Dystopien, denn sie bieten eine spannende Abwechslung von Romanen und Thrillern. Die Handlungen sind komplett fiktiv, aber nicht unmöglich. Oft spiele ich beim lesen mit der Frage "Was wäre wenn?". In der Regel wollen Autoren von Dystopien mit Hilfe ihrer Geschichte vor einer negativen Entwicklung in der Gegenwart und vor deren Folgen warnen, so ist es auch hier bei Kallocain.

Man muss hier den Entstehungszeitraum beachten, denn die Dystopie ist nicht neu, sondern wurde bereits 1940 in Schweden veröffentlicht. Leider war Kallocain das letzte Werk der Autorin, denn ein Jahr später begang sie Suizid. Das ist schrecklich, keine Frage, hat aber meinen Wunsch, dieses Buch zu lesen, noch mehr angeheizt.

Das Szenario in Kallocain ist das oft in Dystopien verwendete. Der Protagonist lebt in einem totalitären Überwachungsstaat, in dem Leo als Chemiker arbeitet. Er hat ein Mittel erforscht, dass die Menschen dazu bringt, lockerer zu reden. Der Staat bekommt zu Zugang zu Aussagen, die Menschen ohne Kallocain vielleicht nicht geäußert hätten. Jeder Wohnung ist mir Kameras und Mikrophonen bestückt, sodass der Staat die Menschen ausspioniert. Irgendwann merkt Leo, dass viele Menschen sich kritisch zur Staatsform äußern und auch er kommt ins Grübeln, ob das alles so richtig ist, was da vor sich geht.

Die Atmosphäre in Kallocain ist mega krass und für mich unvorstellbar. Durch die krasse Überwachung sind keine normalen Gespräche möglich und auch zwischenmenschliche und intime Beziehungen leiden natürlich sehr darunter. Aber anstatt dass die Menschen zusammenhalten, würden sie sich jederzeit gegenseitig ans Messer liefern, was mich sehr erschreckt hat. Würde man zusammenhalten, wäre vielleicht auch der Umgang mit der Staatsform leichter, weil man sich zumindest auf seine Leute verlassen könnte. Doch vertrauensvolle Beziehungen gibt es nicht, noch nicht einmal in der engsten Familie/Beziehung.

Der Schreibstil von Karin Boyne ist unglaublich gut und nicht, wie man ihn bei einer Dystopie erwartet. Sie schreibt flüssig und sehr unterhaltsam, was das Geschichte von Kallocain nicht weniger düster, aber zumindest gut verständlich dastehen lässt.

Fazit:
Für Dystopie-Fans eine klare Leseempfehlung.

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Rezension zu "Kallocain" von Karin Boye

Es ist eine Art Mahnmal dieser Roman, der den Leser sehr nachdenklich zurückläßt und lange nachhallt
Buchraettinvor 5 Monaten

Dieses Buch erschien erstmals 1940. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Mann, ein Forscher namens „Kallocain“. Er lebt in einer Gesellschaft, die keine Privatsphäre duldet. Das Privatleben wird vom Staat überwacht, ebenso wie alle Lebensbereiche. Die Familie ist strengen Auflagen unterworfen, die Kindererziehung in der Hand des Staates.
Eine Art Fluchtweg bleibt den Menschen vor Ort. Die Gedanken. Sie sind frei, niemand aus dem jeweiligen Individuum kann sie hören, lesen, miterleben. Es ist wie eine Art Zufluchtsort. Doch was wäre, wenn es gelingt, auch diesen Ort zu erreichen und sichtbar zu machen. Eine absolute Kontrolle über den Menschen?
Individualität gibt es in dieser Gesellschaft nicht mehr. Als Leser folgt man den Berichten des Ich-Erzählers und erfährt so näheres zum Aufbau der Gesellschaft.
Er ist eine Art Forscher, der hier eine bahnbrechende Erfindung macht- ein Medikament, oder eine Art Droge, die er wie sich selbst, gern „Kallocain“ nennen will. Ihre Wirkweise? Sie kann alles sichtbar machen, alles, was verborgen in den Gedanken eines Menschen ist- der jeweilige Mensch würde es ausplaudern. Keine Freiheit des Geistes mehr- sondern die absolute Kontrolle.
Als Leser hat man nun teil an seinen Gedanken. Gedanken, die manchmal auch abschweifen und nachdenken, aber die er dann natürlich sofort konform revidiert- dennoch, es scheint eine Art Saat gesät zu sein, die ihn nachdenklich werden lässt.
Die Autorin hat es für mich geschafft, diese ganz eigene Figur, mit ihrer eigenen Sprache zu einem besonderen Stil zu entwickeln. Es ist praktisch, als gelange die Figur zu einer ganz eigenen Stimme, die den Leser in ihre Welt und ihre Geschichte entführt. Ich fand das absolut gelungen und wirklich sehr nachdenklich stimmend.
Auch das Stilmittel, dass die Geschichte im Präsens verfasst wurde, macht das Ganze noch so Zeitlos, als sei man beim Lesen hautnah dabei.
Konformität und Gleichheit- totale Kontrolle aller Lebensbereiche einer Gesellschaft- kein Platz für Individualität.
Es ist eine Art Mahnmal dieser Roman, der den Leser sehr nachdenklich zurücklässt und lange nachhallt.

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