Karl-Heinz Ott Wintzenried

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Inhaltsangabe zu „Wintzenried“ von Karl-Heinz Ott

Wahnsinn und Wahrheit, das Tragische und Bizarre sind im Leben des Jean-Jacques Rousseau nicht auseinanderzuhalten. Dass Verfolgungs- und Größenwahn zusammengehören, lässt sich nirgends besser sehen als an diesem epochemachenden Philosophen, der die ganze verrottete Menschheit auf die Anklagebank setzt. Für alle, mit denen er befreundet ist, entpuppt er sich früher oder später als Monster. Was nicht nur daran liegt, dass er seine fünf Kinder ins Waisenhaus steckt und zugleich eine Erziehungslehre schreibt, die zur Bibel jeder fortschrittlichen Pädagogik wird. Mit leiser Komik beleuchtet Karl-Heinz Ott in diesem Roman ein Leben, das für seinen Protagonisten überhaupt nicht zum Lachen ist.

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  • Der wahre Rousseau?

    Wintzenried

    Xirxe

    27. March 2014 um 19:44

    Tut es gut, wenn man einen der ganz Großen der Geschichte zum Hanswurst herunterschreibt? Ist es ein Genuss darüber zu lesen? Nach der Lektüre dieses Buches und der Rezensionen aus professioneller und nichtprofessioneller Feder zu urteilen, behaupte ich mal schlicht ja. Alle LeserInnen hatten sich glänzend amüsiert mit dem Roman über diesen ach so großen Denker, der in Wahrheit jedoch offenbar ein ganz armseliges Würstchen war: hypochondrisch, egozentrisch bis zum gehtnichtmehr, überheblich, arrogant, wankelmütig, ein Misanthrop dem man sich nie zu begegnen wünscht. Und der Autor scheint frohgestimmt kein gutes Haar an Rousseau zu lassen. Könnte man nicht aus anderen Quellen etwas über ihn erfahren (oder vielleicht sogar schon etwas von ihm gelesen hat), würde man NIE ahnen, welch großen Einfluss dieser Mensch auf die westliche Welt ausübte. Ich gestehe, meine Kenntnis über Rousseau war eher, nun ja, marginal. So fragte ich mich, woher der Autor seine Informationen hatte oder ob es sich um ein reines Phantasieprodukt handelte. Keine der vielen Biographien, die im Netz kursieren, gibt auch nur annähernd Ähnliches wieder. Ja, die äußeren Fakten (Aufenthalte in bestimmten Städten, Tätigkeiten usw.) stimmten, aber sonst fand sich nichts. Bis ich auf ein Werk von Rousseau selbst stieß: Bekenntnisse. Seine Autobiographie, die erst posthum veröffentlicht wurde und in der er schonungslos über sich selbst schrieb, voller Selbstkritik und Offenheit. Hier finden sich Details wieder die in Otts Buch auftauchen, womit klar sein dürfte woher der Autor seine Informationen hatte. Selbst Otts Stil entspricht im Großen und Ganzen der Schreibweise Rousseaus, sodass ich letztendlich zu dem Schluss komme: Wintzenried scheint nichts Anderes als eine Zusammenfassung der skandalöstesten Ereignisse aus den 'Bekenntnissen' zu sein, angereichert durch die unermüdliche Anwendung der Hyperbel als Stilmittel. Begeistert hat mich das Buch durch diese beharrlichen Schmähungen nicht besonders. Statt dessen werde ich mich nun dem Original zuwenden: Die 'Bekenntnisse' sind sicherlich nicht weniger offenherzig und skandalös ;-), dafür aber garantiert nicht so einseitig. Und von den Gedanken, die Rousseau so berühmt machten, kann man auch etwas lesen.

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  • Rezension zu "Wintzenried" von Karl-Heinz Ott

    Wintzenried

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    28. December 2011 um 09:36

    In Karl-Heinz Otts Roman „Wintzenried“ ist nicht der Träger dieses deutsch klingenden Nahnamens der Protagonist, sondern das französische Enfant terrible der Aufklärungsphilosophie, Jean-Jacques Rousseau. Wintzenried ist Friseur und Perückenmacher, fröhlicher Geist ohne intellektuellen Tiefgang und last not least neuer Liebhaber der Madame de Warens (alias „Mama“) und in dieser Funktion direkter Nachfolger Rousseaus. Der titelgebende Perückenmacher ist jedoch nicht die Hauptfigur des Romans, sondern der Auslöser eines psychologisch komplexen biographischen Verlaufs, nämlich desjenigen Jean-Jacques Rousseaus. Das ist Otts These. Dem Autor Karl-Heinz Ott geht es nach eigener Aussage (bspw. erst kürzlich bei Thea Dorn in „Literatur im Foyer“) nicht darum, eine klassische, wissenschaftlich fundierte Biographie über den französischen Philosophen Rousseau vorzulegen. Es geht eher um die Frage, wie jemand mit einem schwierigen und unbeugsamen Charakter zu einem der einflussreichsten und über Jahrhunderte prägenden Philosophen und Aufklärer werden konnte. Für den Autor ist die Frage kurz und bündig beantwortbar: aufgrund der Existenz Wintzenrieds in „Mamas“ Bett. Ohne Ihn und den dadurch ausgelösten seelischen Aufruhr im sich von Madame de Warens hintergangen fühlenden Rousseau, hätte es „Emile“, „Gesellschaftsvertrag“, "Bekenntnisse“ usw. nie gegeben. Ott zeichnet auf witzige Art und Weise die wichtigsten Lebensstationen Rousseaus nach, die er mit dazu gehörenden Personen verknüpft: Genf – Rousseaus Vater, Chambéry – Madame de Warens („Mama“), Paris – Diderot/Holbach/D’Alembert/Grimm u.a. („Les philosophes“), Montmorency – Madame de Houdetot usw. Der Autor stellt damit eine interessante Verbindung von Geographie und Biographie her. Der Roman wird mit der Schilderung von Rousseaus problematischer Sexualität (häufige Masturbation) sowie dem Hereinplatzen Wintzenrieds in Rousseaus (vermeintlich) heile Mama-Welt begonnen und endet in Kapitel XV mit der (dieses Mal aus Rousseaus Perspektive geschriebenen) Schlussfolgerung, dass er ohne den Perückenmacher niemals hätte „zur Feder greifen müssen“. Das Buch ist stilistisch gut gelungen: eine flüssige und lebendige Schreibweise kombiniert mit gründlichen Recherchen machen ihn zu einem unterhaltsamen Leseerlebnis, vorausgesetzt, man kennt sich mit Rousseaus Leben und Werk ein wenig aus. So komisch und belustigend der Roman auf den ersten Blick erscheint, ohne philosophisches respektive rousseauistisches Grundwissen könnte er anstrengend werden. Aber wen, der sich nicht auch mit Rousseau und/oder der französischen Aufklärung befasst hat, könnte ein Buch mit dem Titel „Wintzenried“ schon groß ansprechen? Für die an Philosophie Interessierten ist Karl-Heinz Otts Roman aber ein Muss.

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  • Rezension zu "Wintzenried" von Karl-Heinz Ott

    Wintzenried

    Gospelsinger

    31. October 2011 um 17:21

    Zugegeben, Jean-Jaques Rousseau hatte keine schöne Kindheit. Aber damit kann man auch nicht alles entschuldigen. Schon gar nicht, die eigenen fünf Kinder ins Waisenhaus abzuschieben und dann auch noch einen Erziehungsratgeber zu schreiben. Jean-Jaques Rousseau kommt in diesem wunderbar geschriebenen Buch nicht besonders gut weg. Er wird als egoistisch, egomanisch, tyrannisch und hypochondrisch geschildert. Besonders seine langjährige Geliebte behandelt er ausgesprochen mies. Dass sie trotzdem bei ihm geblieben ist, ist mir ein Rätsel. Ebenso rätselhaft ist es, wie ein Mensch, der allen, die ihm Gutes wollen, vor den Kopf stößt, und alles tut, um sich unbeliebt zu machen, trotzdem überleben und sogar berühmt werden konnte. Rousseau war mir noch nie sympathisch. Jetzt weiß ich auch, warum. Und der Autor selbst scheint seinen Protagonisten auch nicht besonders zu mögen, sonst hätte er das Buch nach ihm benannt und nicht ausgerechnet nach seinem Konkurrenten Wintzenried. Aber auch ohne Sympathie für den Protagonisten ist dieses oft sarkastische Buch ein wahres Lesevergnügen.

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