Obgleich August der Starke (1670-1733), Kurfürst von Sachsen und König von Polen, zu den bekanntesten deutschen Fürsten des Barockzeitalters zählt, ist die biographische Literatur über ihn von bescheidenem Umfang und mittelmäßiger Qualität. In den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg ist in Deutschland keine Biographie des Sachsenherrschers entstanden, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Das populärwissenschaftliche Werk von Hermann Schreiber (1981) ist völlig missglückt und unbrauchbar. Karl Czok (1926-2013), ein namhafter Experte für sächsische Landesgeschichte, war in jüngerer Zeit der einzige deutsche Fachhistoriker, der sich näher mit August dem Starken beschäftigt hat. Zwei Bücher hat Czok dem Leben und der Herrschaft des Wettiners gewidmet. Zweierlei muss betont werden: Die beiden Bücher sind inhaltlich nicht identisch; es handelt sich um verschiedene Werke. Und keines ist eine Biographie des Kurfürsten und Königs. Das ältere Buch, „August der Starke und Kursachsen“ (1987), ist eine Art Zeitgemälde und behandelt schwerpunktmäßig die Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Augusteischen Ära. Das zweite Buch, „Am Hofe Augusts des Starken“, erschien 1989 in der Reihe „Herrscher, Höfe, Hintergründe“. Allein schon aufgrund seines knappen Umfanges (der Text umfasst kaum 180 Seiten) ermöglicht es nur eine erste Annäherung an August des Starken. Die Darstellung ist nicht chronologisch angelegt, sondern nach Themen gegliedert. Der sächsisch-polnische Hof steht im Mittelpunkt des Buches. Unter dem Titel „August der Starke und seine Zeit“ wurde das Buch nach der Wiedervereinigung mehrfach neu aufgelegt, zuletzt 2006 in der hier rezensierten Taschenbuchausgabe. Czok hat keine Änderungen und Ergänzungen am Text vorgenommen. Das Büchlein weist Stärken auf, aber auch Schwächen.
Ein großer Vorzug ist die Ausstattung mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Abbildungen im Text und hochwertigen Farbtafeln. Die Darstellung ist quellennah. Czok nutzt die umfangreichen Bestände der sächsischen Archive. August der Starke kommt oft selbst zu Wort. In wohltuendem Kontrast zu Hermann Schreiber stellt Czok den Monarchen nicht als tumben Kraftprotz und prunksüchtigen Verschwender dar. August der Starke war sehr wohl in der Lage, kohärente politische Konzeptionen zu entwickeln, wie seine Denkschriften zeigen. Czok rühmt den Kurfürst-König als kunstsinnigen, vielseitig interessierten Anreger und Gestalter. Die kulturelle Blüte, die Sachsen im 18. Jahrhundert erlebte, wäre ohne die leidenschaftliche Begeisterung Augusts des Starken für Architektur, Kunsthandwerk, Musik und Malerei nicht möglich gewesen. Sachsen profitiert bis heute von dem gewaltigen Erbe, das der bau- und sammelfreudige Monarch hinterlassen hat. Den Vorzügen stehen aber auch Mängel gegenüber. Die Darstellung ist sehr oberflächlich, wirkt stellenweise gehetzt. Czok berührt zahlreiche Themen, erörtert aber keines systematisch, tiefgründig und erschöpfend. Der Nordische Krieg (1700-1721) wird mit wenigen Zeilen abgetan. Vieles kommt zur Sprache: Augusts turbulentes Liebesleben ebenso wie Aufbau und Arbeitsweise des Hofstaates, die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Sachsen und Polen, die internationale Politik in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Auch die Herrschaft Augusts III., des Sohnes und Nachfolgers Augusts des Starken, findet Berücksichtigung. Die Darstellung ist durchweg so gedrängt und zugespitzt, dass mancher Leser das Buch nach der Lektüre unzufrieden aus der Hand legen dürfte. Eine faszinierende historische Persönlichkeit wie August der Starke verdient eine detailliertere Würdigung.
Der Abschnitt über Besuche königlicher und fürstlicher Personen am Dresdner Hof (S. 160) weist Ungereimtheiten auf. Czok gibt an, Philipp V., der erste spanische König aus dem Hause Bourbon, habe 1703 Sachsen besucht. Das kann nicht sein. Der König hielt sich 1702/03 zwar in Italien auf, überquerte aber nicht die Alpen. Warum und zu welchem Zweck hätte er überhaupt den weiten Weg nach Sachsen auf sich nehmen sollen? Sachsen stand im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1713/14) auf Seiten der Habsburger, nicht der Bourbonen! Ähnlich rätselhaft ist die Angabe, die Erzherzogin Maria Anna von Österreich sei 1708 nach ihrer Verheiratung mit dem König von Portugal in Dresden gewesen. Die Trauung (per procurationem) fand im Juli 1708 in Wien statt; Ende Oktober traf die Erzherzogin in Lissabon ein. Warum sie auf dem Weg nach Portugal ausgerechnet über Sachsen gereist sein soll, ist nicht ersichtlich. Das wäre ein beträchtlicher Umweg gewesen. Da Verweise auf Quellen oder Sekundärliteratur fehlen, ist nicht klar, worauf sich Czok bei diesen zwei Angaben stützt.


