Karl Schaefer Die Holzschale der Kahns

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Inhaltsangabe zu „Die Holzschale der Kahns“ von Karl Schaefer

Der Verfasser erzählt seinen Enkeln in spannenden Episoden und nachdenklichen Schilderungen, wie er als Junge durch eine Reihe von alltäglichen Erfahrungen, aber auch dramatischen Ereignissen zu einer inneren Ablehnung und Gegnerschaft gegenüber dem Nationalsozialismus gelangt. Diese Reihe beginnt damit, dass er am 10.11.1938 (Reichskristallnacht) verstörter Zeuge der menschenunwürdigen Verhaftung der Eheleute Kahn wird. Besonders anschaulich weiß er seine Erlebnisse und Ängste als Pimpf, im Bombenkrieg und am Kriegsende darzustellen. Ebenso interessant und wissenswert ist sein Bericht, wie er die einjährigen Zwangsferien überbrückt und welchen Schock die Nachrichten von dem Völkermord an den Juden und die Entdeckung eines Massengrabes mit ermordeten Russen in unmittelbarer Nähe der Heimatstadt in ihm auslösen.

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  • Rezension zu "Die Holzschale der Kahns" von Karl Schaefer

    Die Holzschale der Kahns

    frauHese

    03. September 2008 um 11:39

    Der Verfasser erzählt seinen Enkeln in spannenden Episoden und nachdenklichen Schilderungen, wie er als Junge durch eine Reihe von alltäglichen Erfahrungen, aber auch dramatischen Ereignissen zu einer inneren Ablehnung und Gegnerschaft gegenüber dem Nationalsozialismus gelangt. Diese Reihe beginnt damit, dass er am 10.11.1938 (Reichskristallnacht) verstörter Zeuge der menschenunwürdigen Verhaftung der Eheleute Kahn wird. Besonders anschaulich weiß er seine Erlebnisse und Ängste als Pimpf, im Bombenkrieg und am Kriegsende darzustellen. Ebenso interessant und wissenswert ist sein Bericht, wie er die einjährigen Zwangsferien überbrückt und welchen Schock die Nachrichten von dem Völkermord an den Juden und die Entdeckung eines Massengrabes mit ermordeten Russen in unmittelbarer Nähr der Heimatstadt in ihm auslösen. Karl Schaefer, StD a.D., geb. Januar 1931 in Meschede, Abitur 1951 in Meschede, Studium in Mainz, Paderborn, München und Münster, Lehrer am Gymnasium der Benediktiner in Meschede und am Kreisgymnasium Halle/Westf., seit 1998 wohnhaft in Telgte. Auszug aus "Die Holzschale der Kahns": Reichskristallnacht: Die Holzschale der Kahns Von den ersten Stufen der Benachteiligung und Verfolgung der Juden weiß ich nichts, weil ich noch zu jung war. Es gab in unserer Stadt etliche Juden. Einige von ihnen kannte ich vom Sehen. Es waren zumeist normale Geschäftsleute, z.B. Inhaber von Bekleidungs- oder Lederwarengeschäften. Einer war Viehhändler und Metzger. Er besaß auch eine Wiese vor der Stadt. Unser liebster Hang zum Skifahren war sein Eigentum. Diesen Hang nannten wir noch ,,Ransenbergs Wiese“, als die Ransenbergs längst aus unserer Stadt verschwunden waren. Nachdem Metzger Ransenberg nicht mehr da war, war mein Onkel Josef Krems der einzige Metzger in der Stadt, der für die noch nicht ausgewanderten Juden verbotenerweise „koschere“ Fleischspeisen herstellte, also solche Fleischgerichte, die ihnen nach ihren Religionsgesetzen erlaubt waren. Die Juden durften allerdings seinen Laden nicht betreten - ihnen war das Einkaufen nur in ganz bestimmten Geschäften zu ganz bestimmten Zeiten erlaubt -, deshalb brachten seine Töchter, meine Cousinen, die wesentlich älter waren als ich, ihnen das Fleisch ins Haus. Das geschah immer in der Dämmerung oder Dunkelheit. Einmal nahm Cousine Mieze mich mit zu einem Haus ziemlich am Ende der Briloner Straße. Damals wusste ich freilich nicht, worum es ging, das hat mir Mieze erst später erzählt. Ich diente ihr sozusagen als Tarnung, denn was sie tat, war nicht ungefährlich. Mit einem sechsjährigen Jungen an der Hand fiel sie weniger auf als allein. Von diesem Weg ist mir ein Erinnerungsbild geblieben: Ich stehe in der Haustür und sehe, wie Mieze an der Etagentür klingelt. Es rührt sich nichts. Mieze schellt ein zweites Mal. Endlich geht langsam die Tür auf, und heraus schaut das zunächst abweisend-ängstliche, dann plötzlich dankbare Gesicht einer Frau mittleren Alters. Als ich 1937 eingeschult wurde, hatte ich keine jüdischen Schulkameraden in der Klasse. Auch in den höheren Klassen gab es keine jüdischen Kinder mehr. Sie durften keine deutschen Schulen besuchen, da man ihnen die „Reichsbürgerschaft“ abgesprochen hatte. Notgedrungen organisierten die Juden für ihre Kinder einen behelfsmäßigen Unterricht in Privathäusern oder im jüdischen Gemeindehaus. Aber das habe ich erst später erfahren. Am Morgen des 10. November 1938 war Vater ungewohnt unruhig. Ich bekam mit, dass er sich schon vor dem Frühstück mit Nachbarn unterhielt, draußen auf der Treppe vor der Haustür. Das kam sonst nie vor. Wir Kinder hatten durchgeschlafen. Aus den Gesprächen zwischen Vater und Mutter aber erfuhren wir, dass die Stadt in der ganzen Nacht von einem Heidenlärm erfüllt gewesen war. Auf dem Weg zur Schule, die nicht in der Stadtmitte lag, bemerkte ich noch nichts Außergewöhnliches. In der Schule hörte ich von seltsamen, unheimlichen Ereignissen, die letzte Nacht in der Innenstadt stattgefunden hatten. Nach der Schule rannte ich mit einem Mitschüler ins Zentrum. Dort sahen wir, dass die Schaufenster aller jüdischen Geschäfte völlig demoliert waren. Die Auslagen waren mit Scherben übersät, ebenso die Bürgersteige und ein Teil der Straße. SA- und SS-Leute standen vor den Läden und winkten uns weiterzugehen. Wir rannten zur Synagoge, einem bescheidenen Gebäude in einer Nebengasse; auch hier waren Portal und Fenster zerstört. Ein SA-Mann hinderte uns daran hineinzuschauen. Immerhin sahen wir Reste einer Holzvertäfelung im Hintergrund des Eingangs liegen, also hatte die SA wohl auch das Innere des Bethauses zerstört. Brandspuren sah ich nicht. (Die Mescheder Synagoge wurde nicht wie die meisten anderen angezündet, weil sie in einer kleinen, engen Nebenstraße stand und andere Häuser an sie angebaut waren; diese wären mit Sicherheit mit ihr abgebrannt. Einige Zeit danach, etwa 1940, richtete in der Synagoge ein Schreiner seine Werkstatt ein. Erst rund 50 Jahre später baute man das Gebäude in würdiger Weise um, nämlich in das Kulturzentrum „Alte Synagoge“. Besucht es, wenn ihr mal wieder in Meschede seid!) Ihr habt vielleicht schon gehört, dass in dieser Nacht in allen Orten des deutschen Reiches dasselbe geschah. SA und ihre Helfer schlugen alle jüdischen Geschäfte und Synagogen kaputt, viele Synagogen und Häuser von Juden wurden in Brand gesteckt, zahlreiche Juden wurden verhaftet und ins Gestapo-Gefängnis oder ins KZ verschleppt, einige hundert ermordet. Von der Synagoge eilte ich nach Hause, denn Mutter wartete sicher schon mit dem Mittagessen. Vor dem Haus traf ich meine Schwester Berta (zwei Jahre älter als ich), die auch gerade von der Schule kam. Sie war aber nicht in die Stadtmitte gelaufen wie ich, sondern den normalen Weg gegangen. Mit geweiteten Augen sagte sie: „Jetzt sind sie bei Kahns! Sie schmeißen alles kaputt!“ Das wollte ich sehen. Ich warf meinen Schultornister über das Geländer auf die Haustreppe und rannte los. Berta rief: ,,Komm zurück, wir essen gleich!“ Das half aber nichts, und so lief sie mir nach. Ach ja, die Kahns. Sie wohnten kaum 150 Meter von uns entfernt. Obwohl das Ganze nun schon fast 60 Jahre zurückliegt, schlägt mir immer noch das Gewissen. Denn das Ehepaar Kahn war das Gespött der Stadt und also auch der Kinder. Wir Kinder fanden schon allein die Namen Kahn und Milton - so hieß Herr Kahn mit Vornamen - zum Lachen. Es war wie immer: Die Erwachsenen äußern den Spott hinter der Hand, die Kinder schreien ihn gedanken- und schamlos laut hinaus. Auch ich habe mitgerufen: ,,Itzig, Itzig!“ (obwohl ich damals noch gar nicht wusste, dass damit der hebräische Name Isaak verhunzt werden sollte), wenn Herr Kahn abends seinen zweirädrigen Karren nach Hause schob oder zog. (In früheren Jahren hatte er ein Pferd und ein Wägelchen besessen; beides konnte er sich seit dem Boykottaufruf „Kauft nicht bei Juden“ wohl nicht mehr leisten.) Milton Kahn war ein Hausierer. Er zog von Dorf zu Dorf und in den Dörfern von Haus zu Haus und bot seine Waren an: Schnürbänder, Unterwäsche, Socken, Seife, Glühbirnen, Taschenlampenbatterien, Sicherheitsnadeln, Knöpfe und so weiter. Von solchen Hausierern gab es viele. Die meisten zogen nicht mit einem Karren, sondern mit einer Kiepe auf dem Rücken, in der sie die Waren verstaut hatten, über Land. Diese Leute hieß man „Kiepenkerle“. Sie waren lebensnotwendig. Denn die Dörfler und Einzelhofbauern hatten noch keine Autos, um in der Stadt einzukaufen. In Münster gibt es sogar ein Kiepenkerldenkmal. Also nicht der Hausiererberuf war es, weswegen die Kahns verspottet wurden. Es war ihr Aussehen. Milton war ein sehr kleiner, rundlicher Mann mit einem breiten Gesicht, das ein immer gleichbleibendes, leidendes Lächeln zeigte. Und seine Frau war groß und korpulent, so kam sie mir kleinem Kerl jedenfalls vor, eine starkknochige Person mit einem harten, herrischen Gesicht. Sie wirkten wirklich komisch, wenn sie am Freitagabend Arm in Arm durch unsere Straße zum Sabbat-Gebet in die Synagoge gingen, beide in feierliches Schwarz gekleidet, Milton mit einer Melone über seinem Opferlächeln, sie streng und starr geradeaus blickend, des Spotts nicht achtend, der ihnen von den Gesichtern der Erwachsenen und aus den Mündern der Kinder entgegenschlug. Und: Sie waren Juden. Das erleichterte es in jenen Jahren manchen Leuten, ihren Spott zu zeigen, was sie bei anderen Menschen, über die sie sich insgeheim ebenso lustig machten, vielleicht nicht wagten. Es ist wohl kein Zufall, dass die Nazis am 10. November die Kahns in besonders schmachvoller Weise behandelt haben. Bei ihnen konnten sie sich das leisten. Wenn sie das anderen Juden angetan hätten, wäre womöglich ein Gemurre in der Bevölkerung entstanden, denn die meisten Juden der Stadt waren für die Leute wohlgelittene und geachtete Mitbürger. Die Gestapo und die SA des Ortes waren feige. Sie wollten nichts riskieren, aber dennoch ihren Kollegen in den anderen Städten und ihren Vorgesetzten zeigen: Seht her, auch wir behandeln unsere Juden verächtlich und grausam. Ich rannte also zu Kahns Wohnung. Schon von weitem hörte ich ein lautes Gekrache und Gerufe. Als ich dann dort war, sah ich: SA-Männer schleuderten aus den Fenstern der Kahns im ersten Stock alles, was durch die Fenster passte, auf die Straße: Stühle, Nachttische, Lampen, Bücher, Kochtöpfe, Sofakissen, Bilder, Schubladen samt Inhalt, Schüsseln, Geschirr, unter großem Gejohle der SA einen Nachttopf und Bettzeug. Usw., usw. Plötzlich wurde das Dachbodenfenster aufgestoßen, und Milton Kahn erschien, mit seiner Ziege im Arm. In höchster Not schaute er sich um, suchte anscheinend einen Ausweg, wollte in seiner Panik das Tier mitnehmen. Unsichtbare Hände rissen ihn vom Fenster weg. Berta stand inzwischen neben mir, versuchte aber nicht, mich wegzuzerren, sondern war selbst gebannt. Zusammen mit einigen anderen Gaffern sahen wir aus etwa acht Metern Entfernung dem Geschehen zu. Das Gewerfe ging weiter. Auch unten auf der Straße waren SA-Leute tätig. Was zu dicht vor die Haust

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