Kat Kaufmann

 3.9 Sterne bei 20 Bewertungen

Lebenslauf von Kat Kaufmann

Die Schriftstellerin, Komponistin und Fotografin Kat Kaufmann wurde 1981 in St. Petersburg geboren und lebt in Berlin. Ihr aktueller Roman "Superposition" erschien im Herbst 2015 bei Hoffman und Campe.

Neue Bücher

Die Nacht ist laut, der Tag ist finster
 (7)
Erscheint am 09.11.2018 als Taschenbuch bei Ullstein Taschenbuch Verlag.

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Kat KaufmannSuperposition
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Superposition
Superposition
 (13)
Erschienen am 10.03.2017
Kat KaufmannDie Nacht ist laut, der Tag ist finster
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Die Nacht ist laut, der Tag ist finster
Die Nacht ist laut, der Tag ist finster
 (7)
Erschienen am 09.11.2018

Neue Rezensionen zu Kat Kaufmann

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Rezension zu "Die Nacht ist laut, der Tag ist finster" von Kat Kaufmann

Die Nacht ist laut, der Tag ist finster von Kat Kaufmann
Minoovor einem Jahr

„Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ handelt von dem jungen Erwachsenen Jonas. Sein Großvater hinterlässt ihm nach dessen Tod einen Zettel, mit einem Namen und der Notiz „Finde diesen Mann“. Jonas, der von dem Namen Valerij Butzukin noch nie gehört hat, macht sich auf die Suche, in der Hoffnung mit Valerij Butzukin auch seinen leiblichen Vater zu finden. Doch bevor er sich auf den Weg nach Russland macht, begegnet er Juri und Stas. Zwei junge Russen in seinem Alter, die schnell zu Freunden werden und ihn bei seiner Reise begleiten.

„Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ ist ein Buch, das man am besten mit den Worten außergewöhnlich und anders beschreiben kann. Dies ist vor allem durch den sehr besonderen Schreibstil der Autorin begründet. Die Geschichte um Jonas ist in großen Teilen in der 2. Person geschrieben. Hierdurch fühlte ich mich als Leser besonders in die Geschichte integriert. Jonas Geschichte ist aus dessen Sicht geschrieben und dennoch wird der Leser als Jonas angesprochen. Jonas macht sich Vorwürfe, weil er sein Großvater erst vor dessen Tod nicht im Krankenhaus besucht hat. Es scheint, als würde der Erzähler dem Protagonisten Vorwürfe machen…und der Protagonist ist der Leser selbst.
„Durch Schläuche pumpte man Nahrung in ihn hinein. Und durch die Schläuche wieder raus. Du hast es nicht hingekriegt. Du warst nie wieder dort. Mutter jeden Tag. Und du dämlicher Sack hast Ernst zu Ehren lieber die Knöchel deiner Hand an der Wand zerhauen. (…) Weil du nicht sehen wolltest, wie ihm der Speichel aus dem Mund läuft und die Augen sich nicht mehr regen, wie er dich nicht mehr erkennt.“ (S. 22)

Neben dieser außergewöhnlichen Perspektive ist auch die Wortwahl der Autorin anders, als ich es gewohnt war. Der Schreibstil ist sehr derb und direkt, die Umgangssprache der Charaktere des Buches.

„Keinem hast du es gesagt. So macht man es hier eben. Schweigen. Wie deine Mutter, wie alle hier. Hier am Stadtrand, wo Mutter und Peter immer auf dich warten, in dieser kleinen Straße mit sieben Häusern nach rechts, fünf nach links, in der du als Kind so oft allein auf dem Spielplatz warst, hier, wo du in letzter Zeit so selten her kommst, um den guten Sohn zu spielen und in Sinnlosigkeit zu starren, steht das Leben ab wie Wasser in einem Glas. Zuerst scheint es rein und klar, und nach und nach setzt sich das Hässliche, das einst Unsichtbare am Glasboden ab. Wie bei den Steindrechslers, bei denen keiner wusste, was solche wie die hier verloren haben. Urlaub hier, neuer Wagen dort, noch ein Porsche für den Wochenendausflug, Familienhund, perfekte Harmonie, bis es dann plötzlich im Lokalteil stand – dass die hübsche Steindechslertochter, Klassenbeste, gar nicht im Internat war die ganze Zeit, sondern in der Anstalt, und der Mann nicht auf Dienstreise in der Schweiz, sondern im Gefängnis, weil er die Tochter ins Irrenhaus gefickt hatte. Welcome Home!“  (S. 33)

Auch die vielen Dialoge sind bezeichnend für den Stil dieses Buches. Eine besonders tolle Idee, fand ich auch die kurzen Informationen, die immer wieder über das Seitenende „laufen“, als wären es Schlagzeilen.

Die Kombination aus ungewöhnlicher Perspektive und Wortwahl nahm ich zunächst mit gemischten Gefühlen auf. Ich hatte Zweifel, ob ich mich daran gewöhnen würde, doch das gelang mir viel schneller als gedacht. Das Leseerlebnis war für mich eine völlig neue Erfahrung und ich mochte sie.

Am Besten gefallen hat mir, dass neben Jonas auch die anderen Charaktere genauer betrachtet wurden. Der Schreibstil änderte sich in diesen Kapiteln signifikant, sodass der Leser sofort merkt, dass dies nichts mit der eigentlichen Geschichte oder mit Jonas zu tun hat.

Zu nahezu jeder Person gibt es ein Kapitel zu lesen. Daher weiß der Leser zum Ende der Geschichte mehr, als der Protagonist. Und er erkennt, dass der erste Blick oft täuscht, wie bspw. die Einschätzung von Stas Mutter. Durch die Augen des Protagonisten wirkt diese recht simpel. Doch in ihrem Kapitel lesen wir mehr über ihre Träume, ihre Vorgeschichte und wie sie dort gelandet ist, wo sie sich jetzt befindet. Stas Kapitel lässt den Leser dessen Anfangszeit in Deutschland erleben. Wie er sich fühlte, weil er sich nicht verständigen konnte, wie er zum Außenseiter wurde. Diese Gefühle beschreibt Kat Kaufmann wie nebenbei und dadurch umso treffender.

Themen in diesem Buch gibt es viele. Was machte uns zu dem, was wir sind? Was ist aus unseren Träumen geworden? Wer oder was hat diese verhindert? Auch die Themen Integration oder die Suche nach der eigenen Identität, finden in diesem Buch Platz. Wer bin ich eigentlich? Ebenso wird die Frage „Was passiert, wenn nicht miteinander gesprochen wird?“ aufgeworfen. Jonas Geschichte ist ein Beispiel dafür. Doch die vielen Einblicke in unterschiedliche Menschen und deren Vorgeschichte, ließen mich auch über Vorurteile nachdenken. Wie kann man Menschen beurteilen, die man kaum kennt? Die Menschen geben von sich nur das Preis, was sie von sich Preis geben möchten und daher steckt hinter den einzelnen Personen immer mehr, als es zunächst den Anschein macht.

Die Geschichte zeigt unterschiedlichste Menschen, die im Endeffekt vielleicht gar nicht so unterschiedlich sind. Sie beschreibt, wie Hoffnungen und Erwartungen die Sinne und die Wahrheit trüben. Nichts in diesem Buch ist, wie es scheint. Während die Protagonisten durch ihre Hoffnungen beeinflusst werden, wird der Leser durch seine Erwartungen an der Nase herum geführt. Dies macht die Geschichte nicht nur spannend, sondern auch überraschend und ergreifend.

Fazit: „Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ ist ein Buch, das mich lange über verschiedene Themen nachdenken lies. Durch Schreibstil und Aufbau ist Kat Kaufmann ein Roman gelungen, der sich von der Menge abhebt und Lust auf mehr Bücher der Autorin macht. Wer sich auf dieses Buch wirklich einlässt, darf sich auf eine völlig neue Leseerfahrung freuen.

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Farbwirbels avatar

Rezension zu "Superposition" von Kat Kaufmann

Bewusstseinsstrom einer Suchenden
Farbwirbelvor 2 Jahren

Izy Lewin ist Lebenskünstlerin, Tochter, Jazz-Pianistin, Geliebte und Suchende. Sie ist eine 26-jährige Berlinerin/Russin/Jüdin/Deutsche. Sie weiß nicht zu wem oder was sie dazu gehört. Ihre einzige Sicherheit ist die Liebe zu Timur. Sie liebt Timur. Timur ist mit Astrid zusammen und kommt nicht von ihr los. Liebt er sie?

Auf der Suche nach Zugehörigkeit läuft sie planlos durchs Leben. Sie ist wütend, kritisch und naiv in einem. Es macht Spaß, ihren Spuren zu folgen und dennoch schüttelt man stetig den Kopf über sie.

Keine Ahnung habt ihr! Könnt ihr auch gar nicht! Und ich hätte euch gern fest in den Kiefer gegriffen, und in die starren Augen geschrien – VORDERGRUND! MigrationsVOR-DER-GRUND! - S.67

Sie isst kaum, trinkt viel – vor allem Wodka – und ist vor allem übernächtigt. Alles passiert in einem Rausch und dabei sucht sie und sucht sie. Wann ist man erwachsen und was macht einen dazu? In welche Kategorien passt sie? Was ist deutsch und was ist russisch an ihr? Muss man das unterscheiden? Was wünscht sich ihre Generation von der Welt?

So viele Fragen! Die Antworten werden teilweise mitgeliefert, ob sie befriedigen, ist ihr eigentlich egal.

Ich verstehe zwar nicht, was der Scheiß soll, aber sollen sie doch alle. Was die alle so denken, wer ich bin oder nicht. Und auch du solltest so was lassen. Lass die mal schön mit ihrem Gotteskack weiter ihren Babel-Turm bauen. Alles nur Heldensagen, Abenteuerliches und eine fette Schippe Moral. Diese geilen, wirklich geilen Märchen. Da kann ich aber auch im Namen von Hans Christian Andersen, weil ich so sehr glaube an die Herrschaft der Eiskönigin, die jeden Winter Schnee über uns streut, anfangen, gegen alle, die das nicht so sehen, Krieg auszurufen. Wer den besseren imaginären Freund hat. Da streiten die sich drum... - S. 99

Die Ich-Perspektive ist tatsächlich überzeugend. Der Stakkato-Schreibstil lädt dazu ein, in Izys Gedankenwelt mit zu treiben – und zu stolpern. Immer wieder spricht sie Timur in ihren Gedanken direkt mit 'du' an. Das ist sehr sympathisch und zeigt ihre offene und verletzliche Liebe zu ihm und ihre Sehnsucht nach ihm.

So viele Bücher. Wenn es nach mir ginge, ich würde inmitten von Büchern wohnen, hast du gesagt. Deshalb weist du auch, was zu welcher Epoche gehört. Ich liebe die vielen Schubladen deines Gehirns. Besonders die Geheimfächer. Du zeigst mir immer, was drin ist. - S. 211

Mal unglaublich rau und dann wieder brutal einfühlend liest sich Izys Welt zusammen.

'Ich habe keine Mutter mehr', sagt sie oft. 'Sie fehlt mir schrecklich', sagt sie. 'Es ist ganz traurig, wenn man niemandes Kindes mehr ist', sagt sie. Und ihre Seele, bunt und voll lustiger Fantasterei, kniet zu Boden und schluchzt hilflose und bittere Tränen. Sie ist das Mädchen, das allein am Strand lebt und mit dem Meer sprechen kann. Und ist so stark, und fühlt sich so allein. Wenn man niedmandes Kind mehr ist... - S. 153

Ihre Freunde sind auch alle auf der Suche. Auf der Suche nach dem nächsten tollen Erlebnis, auf der Suche nach der Wahrheit, auf der Suche nach dem Rausch. Fili, Stascha und Len sind wunderbar ausgeführte Charakter und sie erinnern mich stark an Berlin. Diese langen durchzechten Nächte, in denen über alles und nichts gesprochen wird – das kommt mir vage bekannt vor und überzeugt mich darum um so mehr.

Die neue Weltordnung macht Kriege überflüssig, keine Waffen, keine Bomben. Nur Waffeln und Bonbons und Essbares für alle: AK47-Waffeln, Wasserstoff-Bonbon, Langstecken-Wärmesuch-Kroketten. - S. 241

Das Buch ist ein wunderbares Debüt.

Vielen Dank, Frau Kaufmann. Schön, dass sie schreiben.

Kommentare: 5
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Rezension zu "Superposition" von Kat Kaufmann

Reduziert, anders, anstrengend, lohnenswert
michael_lehmann-papevor 3 Jahren

Reduziert, anders, anstrengend, lohnenswert

Jazz Pianistin. Man schlägt sich so durch. Nicht nur durch Engagements in Hotelhallen, nein, ganz an sich schlägt man sich so durch. In Berlin. Als Russin, zu Kindheitszeiten angekommen, immer noch mit diesem Geruch des Fremden bedeckt.

Man schlägt sich durch am Klavier, mit den Banausen, die Kunst nicht zu schätzen wissen, eher die Attraktivität der jungen Frau. Schlägt sich durch auf wilden Partys, mit Russen-DJ natürlich und mit Wodka.

Man schlägt sich durch neben der Toilettenschüssel dann. Nach dem Wodka. Während der Party. Und man schlägt sich durch mit Timur. Der Mann, der im Herzen festsitzt. Aber einer anderen gehört. Zumindest dort sein zu Hause aufgeschlagen hat. Während man selbst kein inneres zu Hause zu recht findet.

Man schlägt sich eben durch, in einer solitären Welt.

„Wie eine dieser Ü30 Partys hier: die meisten Kinderlos, alleinstehend, auf der traurigen, im Unsicheren stockenden Suche nach ihrem Glück, dessen Wahrscheinlichkeit mit jedem Jahr schwindet. Dreißig ist das neue einundzwanzig“.

Mit Alkohol, Kokain, lauter, lautester Musik, Reminiszenzen an die „alte Heimat“, die nie Heimat war.

„Ich habe Pläne. Mein Kopf soll ausgehen“.

Aber ganz ausschalten, das wird nicht funktionieren in diesem Roman um Izy Levin. Denn zunächst ist es Timur, der die Gedanken belegt, dann ist das es verwischen von Emotion, Tagtraum und trister Realität, in welchem Izy wie auf einem Strom auf Ideen, oder, wie der Roman sagt, „Quanten“ durch Zeit und Raum taumelt.

„Wenn du hier wärest, würde der Wodka anders schmecken. Nach Steppe und Tundra und Taiga und Märchen am Ofen und nach zu Hause“.

In sehr reduzierter, oft und oft fast nur mehr assoziativ wirkender Sprache lässt Kat Kaufmann sich und ihrer kreativen Schaffensfreude weiten Raum. Dringt ein in dieses junge Frau, von allen Seiten, mit allen Aspekten, lässt deren Gedanken freien Lauf mit raschen Wendungen, wenn andere Impulse die Aufmerksamkeit kurzzeitig fesseln. Und gibt so, wie nebenbei, ein immens treffendes, emotional dichtes Bild der „Welt von heute“, nicht nur, was russischstämmige Menschen im nicht mehr ganz jungen Alter angeht.

Anschaulich geschildert an Izy und ihrem Nachsinnen über die Freunde und Freundinnen. Die solitär eben durch die Zeit schweben, die sich nicht um Izy herum oder miteinander wirklich verbinden lassen, die keine homogene „Heimat“ mehr zumindest im Sozialen erzeugen.

Ein Strudel von Suchen, Unterwegssein, Haftpunkte nicht finden, Trinken und nochmals Trinken, hinter dem so etwas wie ein geregelter Alltag, eine klare Perspektive völlig verschwimmt und verschwindet.

„Ich bin nicht hier. Es gibt gar kein Hier. Lediglich überall Quanten in Superposition, verstreute Partikel“.

Ein kräftiges, packendes Bild für Innen und Außen, das Zerfließen der Person, das Hineinfließen in jeden Impuls, das Auseinanderdriften des Ganzen.

Sprachlich in einer Weise, die auf den Punkt kommt, die anders ist als gewohnt, die mit Bruchstücken erzählt statt in gesetzten Fäden. Anstrengend in Form und Inhalt, packend im Dahingeleiten auf den Wellend es Lebens ohne klaren Horizont. Aber mittendrin. Trotzdem Izy all dieses schmerzlich zu vermissende tatsächlich vermisst und teils bitter darauf reagiert. Ein Ausstieg kommt nicht in Sicht. Wie auch, wenn das die einzige Welt ist, die ihr wenigstens ein stückweit nahekommt.

Eine sehr lohnenswerte Lektüre.

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