Manchmal genügt ein einziger Blick auf das Setting, um zu wissen, in welcher literarischen Komfortzone man sich gleich einrichten wird: ein abgelegenes Sommercamp, eine Gruppe ehemals unzertrennlicher Freunde, dazu ein romantisches Versprechen, das seit Jahrzehnten in der Warteschleife hängt. Kate Spencer macht in One Last Summer keinen Hehl daraus, dass sie genau diese vertraute Dramaturgie bedient. Die Frage ist also nicht, ob Überraschungen warten, sondern ob die bekannte Melodie wenigstens sauber gespielt wird.
Im Zentrum steht Clara, ein Paradebeispiel jener Leistungsträgerinnen, die ihre Existenz vollständig dem beruflichen Fortkommen unterwerfen, bis der Körper und irgendwann auch die Umwelt die Notbremse ziehen. Der erzwungene Rückzug in die Vergangenheit, konkret in ein Camp voller Erinnerungsreste, ist weniger Flucht als dramaturgische Notwendigkeit. Dort trifft sie auf Mack, jenen Mann, der in der Logik solcher Geschichten nie wirklich Vergangenheit ist, sondern vielmehr ein aufgeschobenes Versprechen.
Spencer arrangiert ihre Figuren in einem Setting, das vor Nostalgie beinahe knirscht. Lagerfeuer, kleine Wettbewerbe, das ritualisierte Wiederaufleben alter Dynamiken. All das ist mit einem gewissen Gespür für Rhythmus geschrieben. Besonders die Dialoge zwischen Clara und Mack tragen den Text, weil sie zumindest den Anschein von Lebendigkeit erzeugen. Hier blitzt Witz auf, hier entsteht für Momente etwas, das man mit gutem Willen als Chemie bezeichnen kann.
Doch je länger man sich in diesem Roman aufhält, desto deutlicher zeigt sich seine strukturelle Bequemlichkeit. Clara bleibt eine Figur, deren innere Entwicklung behauptet wird, ohne je wirklich durchlitten zu sein. Ihr vermeintliches Burnout wirkt eher wie ein modisches Accessoire als wie ein ernsthaftes psychologisches Problem. Die daraus resultierenden Entscheidungen sind entsprechend flach, manchmal sogar unerquicklich naiv. Wenn Selbstfindung sich in symbolischen Gesten erschöpft, verliert sie jede Gravitas.
Auch die große Liebesgeschichte leidet unter dieser Oberflächlichkeit. Dass zwei Menschen sich über Jahrzehnte hinweg an einem einzigen, beinahe mythisch überhöhten Moment festhalten, mag im Genre erlaubt sein, überzeugt hier jedoch nur bedingt. Mack bleibt dabei der dankbarere Part, eine Projektionsfläche für Verlässlichkeit und emotionale Klarheit, während Clara allzu oft um sich selbst kreist.
Dennoch sollte man diesem Buch nicht absprechen, dass es genau das liefert, was es verspricht. Es ist ein Roman, der sich nicht für Tiefenschärfe interessiert, sondern für Atmosphäre. Und diese beherrscht Spencer durchaus. Die Freundesgruppe funktioniert, das Setting trägt, und die Leichtigkeit, die sich durch viele Szenen zieht, ist handwerklich sauber konstruiert.
Am Ende bleibt ein Text, der sich liest wie ein sorgfältig komponierter Sommerfilm, den man vielleicht nicht zweimal sehen muss, dessen erste Sichtung aber durchaus Vergnügen bereitet. Wer literarische Präzision und psychologische Tiefe erwartet, wird hier kaum fündig. Wer hingegen bereit ist, sich auf ein kalkuliertes Spiel mit vertrauten Motiven einzulassen, findet eine kurzweilige, wenn auch unerquicklich glatte Lektüre.