Das Fremde Meer

von Katharina Hartwell 
4,4 Sterne bei108 Bewertungen
Das Fremde Meer
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Neue Kurzmeinungen

Positiv (91):
Magenas avatar

Erst viele aneinandergereihte Kurzgeschichten, aber nach und nach wird ein roter Faden spürbar. Wunderbar literarisch und berührend!

Kritisch (3):
Marina_Nordbrezes avatar

So viele schöne Ideen, kaputt gemacht durch zu viele Sprünge und zu wenig Kontinuität. Schade.

Alle 108 Bewertungen lesen

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Inhaltsangabe zu "Das Fremde Meer"

Eine Liebe, viel zu groß, um sie nur einmal zu erzählen, ein Buch, das wie eine Reise ist: in die Salpêtrière, die Pariser Psychiatrie, in der Sigmund Freud Schüler bei Charcot war; in den Winterwald, aus dem eine gelangweilte Prinzessin einen Prinzen retten will; in die Wechselstadt, in der ganze Häuser als "Mobilien" durch die Stadt wandern... Zehn Kapitel, zehn Mal die Geschichte von Marie und Jan. "Katharina Hartwell erzählt so gut, dass sie auf jeden Fall einen neuen Weltrekord im literarischen Zehnkampf aufgestellt haben dürfte." (Spiegel online) - ein magischer Roman.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783833309908
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:576 Seiten
Verlag:Berlin Verlag Taschenbuch
Erscheinungsdatum:10.11.2014

Rezensionen und Bewertungen

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    Tiniwiniiis avatar
    Tiniwiniiivor 3 Jahren
    Kurzmeinung: So vielfältig & facettenreich, dass es in keine Schublade zu stecken ist. Am Ende fügt sich alles, was vorher unpassend scheint. Wahnsinn!!
    Rezension zu "Das fremde Meer" von Katharina Hartwell

    “Das Leben ist ein raues, ein stürmisches, ein gefährliches, ein unendlich weites, ein wildes, viele Geheimnisse und viele Gefahren und viele Riffe beherbergendes Meer. Und es gibt nicht viele milde Tage, und es gibt so viele Möglichkeiten, Schiffbruch zu erleiden. […] Und es ist eine Kunst, eine Herausforderung, eine unbedingte Notwendigkeit, jeden Tag und immer wieder aufs Neue nicht unterzugehen,“ (S. 556, Katharina Hartwell – Das fremde Meer).

    In ihrem Roman ‘Das fremde Meer’ erzählt Katharina Hartwell die Geschichte zweier Menschen, die das Leben zusammengeführt hat. Zehn Kapitel, eine Liebe.

    Jan stolpert regelrecht in Maries Leben. Bevor Marie Jan kennen lernt, glaubt sie, dass sie niemand retten kann. Die Außenseiterin, eher ruhig und zurückhaltend, ängstlich und verzweifelt, wer sollte sie schon retten wollen? Sie glaubt, dass Katastrophen immer nur die treffen, die nicht auf sie vorbereitet sind. Darum rechnet sie stets mit dem Schlimmsten. Jan scheint so völlig anders zu sein als sie. Von ihm fühlt sie sich gefunden, mit ihm teilt sie Geheimnisse, stille Stunden und wache Nächte. Natürlich vertraut sie nicht darauf, dass alles bleibt wie es ist, denn sie weiß: »man kann alles trennen, teilen und spalten, sogar ein Atom«.

    Kein Buch, was ich bisher gelesen habe, war so facettenreich und magisch erzählt, wie dieses. Eine Geschichte in zehn unterschiedlichen Stilen und Genren geschrieben, vom Märchen, über einen historischen Roman bis hin zu einer Fantasy Reise. Dieses Buch lässt sich in keine Schublade stecken. Anfangs begreift man überhaupt nicht, wie die zehn Geschichten miteinander verbunden sind, doch am Ende fügt sich alles.

    Ich kann Marie verstehen. Wie oft ging es mir selbst schon so, dass ich einen Glückszustand oder Momente, in denen alles in Ordnung ist, nicht genießen konnte. Irgendwo hat sich doch mit Sicherheit ein Haken versteckt, ich muss etwas übersehen haben, warum sollte ausgerechnet ich so viel Glück haben? Ständig alles in Frage zu stellen ist nahezu wie ein Zwang, um sich selbst zu schützen. Doch geht das überhaupt? Glücklich und zufrieden wird man so eher nicht. In Jan findet Marie einen Menschen, der sie mit anderen Augen sieht. Der ihre Ängste begreift und ihr Halt gibt, den ihr Elternhaus ihr nicht vermittelt hat und der ihr in ihrem Leben fehlt. Doch selbst vor dem Moment in dem sie ihn kennenlernt, als er aus dem Paternoster auf sie fällt, weil sie ihn gerettet hat, hat sie Angst. Und dabei bemerkt sie erst gar nicht, dass auch er sie gerettet hat.

    Den ganzen Roman hindurch, ist in jeder einzelnen Geschichte das Mädchen die Heldin, die Retterin und nicht die zu Rettende. Mir gefällt das Spiel der unterschiedlichen Genre sehr gut. Dadurch kommen nicht zuletzt die Charakterzüge der Hauptfiguren sehr deutlich ans Licht. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten mich ganz auf den Roman einzulassen und zwischendurch musste ich das Buch für einige Wochen beiseitelegen. Nachdem ich nun die letzten Seiten gelesen habe, kann ich sagen, ich habe es nicht bereut. Das Ende ist so überraschend traurig und schön zugleich und es fügt sich alles, was vorher Rätsel aufgeworfen hat. Der Roman verdeutlicht, was Worte zu bewegen vermögen. Und wie viel Gewicht ein Wort oder ein Satz haben, uns gleichzeitig aber auch etwas Leichtes geben kann. Das Ende ist vollkommen offen, denn vielleicht ist es nicht das Ende. Und vielleicht kann man doch nicht alles trennen, teilen und spalten wie ein Atom. Immerhin gibt es auch noch so etwas wie die Atombindung. Eine Bindung, die alles fest zusammen hält und sich wie ein rotes Band durch unser Leben zieht.

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    Lovely_Lilas avatar
    Lovely_Lilavor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Alle, die bereit für ein literarisches Abenteuer sind, werden dem Sog des fremden Meeres nicht widerstehen können.
    Poetisch, außergewöhnlich und an Kreativität nicht zu überbieten!

    Inhalt

    In zehn Geschichten erzählt Marie ihre Liebesgeschichte mit Jan immer wieder neu, anders, besonders. Die Reise führt unter anderem in einen verwunschenen Wald, in ein Fischerdorf, in einen Zirkus und auf zwei kleine Inseln.

     

    Meine Meinung

    Wo fängt man nur an, wenn man solch ein Buch gelesen hat? Vielleicht mit meinen Erwartungen: Die Geschichte, die ich erwartet habe, hat mir der Geschichte, die ich bekommen habe, nur sehr wenig zu tun. Dieses Buch ist ungewöhnlich, besonders und wahrlich unvergleichlich.

    Da es ja sowieso schwer ist, zu wissen, wo man anfangen soll, mache ich es ganz klassisch: zuerst zum Schreibstil. Viele, viele Schachtel- und Bandwurmsätze lassen dieses Buch schon ganz am Anfang hervorstechen. Ich werde nicht leugnen, dass der Schreibstil in manchen Momenten (selten zum Glück) langatmig wirkt, und man sich in Gedanken wünscht, dass radikal gekürzt worden wäre.  Dennoch überwiegen jene Augenblicke , in denen man von diesem poetischen Schreibstil in den Bann gezogen wird bei Weitem. Die Erzählweise ist sehr traditionell und wirkt oft wie aus einem Märchenbuch. Man sitzt gespannt wie ein Kind und wartet, wohin man als nächstes entführt wird. Ganz besonders loben möchte ich hier die wundervollen, kreativen Metaphern, die ich zuvor noch nie irgendwo gelesen habe. Die Metaphern sind ebenso gut wie jene in "Die Bücherdiebin". Ich habe selten ein so wunderschönen Schreibstil gelesen wie hier.

    Der Ideenreichtum dieses Werkes sticht ebenso hervor. Die eigentliche Geschichte von Marie und Jan nimmt nur einen sehr kleinen Teil des Buches ein, der Rest setzt sich aus neun anderen kurzen Geschichten zusammen, deren Setting zwar unterschiedlicher nicht sein könnte, die aber dennoch immer eine ähnliche Handlung haben. Dennoch schafft es die Autorin einen nie zu langweilen, sondern stets neu zu überraschen. Kleine Verbindungen halten alle Geschichten zusammen, Symbole wollen entdeckt und wiedererkannt werden. Von den kleinen Details in den Geschichten kann der aufmerksame Leser nämlich auf die Hauptgeschichte schließen, da diese erst zum Schluss zu Ende erzählt wird. Gerade dadurch entsteht die Spannung. Es ist sicher keine Geschichte, die man nebenbei lesen kann, denn sie wird schöner, je mehr Aufmerksamkeit man ihr widmet und je mehr Zeit man sich für die schönen Sätze nimmt. Ich persönlich finde auch, dass sich einzelne Geschichten super zum Vorlesen eignen würden. Ich werde dies bestimmt einmal ausprobieren.

     

    "Er wird kommen, versichert sie sich abends, wenn sie in ihrem schmalen Bett liegt. Er wird, flüstert sie und lauscht auf die Fremde, die wie ein aufgewühltes Meer gegen die Bettpfosten schwappt." Seite 306

     

    Viele Personen der verschiedenen Geschichten ähneln sich. Manche sind komplex und dreidimensional, manche verkörpern nur eine bestimmte Eigenschaft, werden bewusst eindimensional gezeichnet. Insgesamt sind sie alle gelungen, niemand enttäuscht, viele begeistern.

    Marie als Hauptperson war mir unheimlich sympathisch. Ihre Ängste waren für mich großteils nachvollziehbar, ihre Schwächen machen sie greifbar und ihr Verhalten war durchwegs authentisch. Ihre Familiengeschichte ist mit derart vielen Details angereichert, dass ich mich frage, ob die Autorin da nicht auch einige eigene Erfahrungen eingebaut hat. Die Hauptgeschichte ist ebenso interessant wie die anderen Geschichten, die in den unterschiedlichsten Genres anzusiedeln sind.

    Die Themen, die behandelt wurden, sind (obwohl in Märchen oder Geschichten verwoben) oft ernst und regen zum Nachdenken an. Mit Klischees wird ebenso gespielt wie mit gesellschaftlichen Erwartungen. Wunderschön verpackt wird die Vergänglichkeit zum Thema gemacht, die kindliche Neugier, die Liebe. Manche Geschichten wirken wie ein unheimlicher Alptraum, andere wie ein Märchen.

    Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Er ist stets subtil und konnte mich einige Male zum Schmunzeln bringen.  

    Die Liebesgeschichte wird auf besondere Weise erzählt, allerdings steht die Seelenverwandtschaft ebenso im Vordergrund wie die Freundschaft der Liebenden. Wer sich einem typischen Liebesroman sehnt, der wird hier nicht finden, wonach er sucht.

    Man braucht sicherlich Geduld für dieses Buch, nichts schreitet so schnell voran wie in der typischen Unterhaltungsliteratur, die Geschichten können sich, sofern sie einen im einzelnen nicht ansprechen oder man schon ungeduldig auf die Auflösung wartet, schon ziehen. Nach der zweiten Geschichte habe ich auch gezweifelt, ob diese vielen Seiten wohl das Richtige für mich sind. Auf jeden Fall sollte man nicht gleich aufgeben, da man die Geschichte mit jedem Satz mehr versteht, und mehr von ihr gefangen genommen wird. Am Ende (und rückblickend) hat sich meine Geduld eindeutig gelohnt. Diese Reise war eine Bereicherung. 

    Mein Fazit

    Es ist bei jedem Satz spürbar wie viel Zeit und Herzblut in diesem Werk steckt. Jede Geschichte ist mit den anderen verbunden, am Ende fügt sich alles in ein großes Ganzes. Poetisch, außergewöhnlich und nachdenklich machend, ist diese Geschichte an Kreativität nicht zu überbieten.

    Trotz meiner Bewertung würde ich jenen, die Schachtelsätze ablehnen und etwas Leichtes für zwischendurch suchen, eher abraten. Alle, die aber bereit für ein literarisches Abenteuer sind, werden dem Sog des fremden Meeres nicht widerstehen können.

     

    Übersicht

    Erzählstil:
    verschieden, außergewöhnlich, Ich-Erzähler, personaler Erzähler und auktorialer Erzähler; Präteritum und Präsens;
    Perspektive: 
    aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt 

    positiv: 
    * wunderschöner, poetischer Schreibstil mit beeindruckenden Metaphern
    * unglaublich kreative Idee
    * subtiler Humor
    * gelungene Nebenpersonen und Hauptperson
    * Spiel mit Klischees und gesellschaftlichen Erwartungen
    * verschiedene Genres werden abgedeckt
    * außergewöhnliche Hauptperson


    negativ:
    * Schreibstil wirkt selten langatmig
    * man braucht manchmal Geduld 

    Bewertung:

    Idee und Inhalt: 10 /10
    Ausführung: 9 /10
    Schreibstil: 9 / 10
    Personen: 10 /10
    Protagonistin: 10/10 ♥

    Zusatzkriterien bei diesem Buch:
    Liebesgeschichte: 9/ 10


    Insgesamt:

    ❀❀❀❀❀

    Ich vergebe 5 Lilien!

    Ist dieses Buch Teil einer Reihe? – Nein.

     

     

     

     

     

    Kommentare: 2
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    HeikeGs avatar
    HeikeGvor 3 Jahren
    Zeitozeane oder: "Alles ist mit allem verbunden" (John Wheeler)

    Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts Albert Einstein, Max Planck, Nils Bohr und Louis de Broglie die ersten Grundlagen für die spätere Quantenmechanik legten, ahnte man noch nicht, dass diese das bis dahin gängige physikalische Weltbild völlig auf den Kopf stellen würden und deren Erkenntnisse direkt zum "Quantensprung" und damit verbunden, einem erweiterten Bewusstsein des Mensch-SEINS führen würden. Rätselhafte Begriffe wie Quantenverschränkung, -fluktuation und Unschärferelation geistern seitdem durch Raum und Zeit. Restlos erfassbar sind sie bis heute nicht. Werner Heisenberg brachte dies in seinem Werk "Physik und Philosophie" (1958) treffend auf den Punkt: "Aber die existierenden wissenschaftlichen Begriffe passen jeweils nur zu einem sehr begrenzten Teil der Wirklichkeit, und der andere Teil, der noch nicht verstanden ist, bleibt unendlich."
    Was hat dies nun mit dem belletristischen Debüt von Katharina Hartwell zu tun? Sehr viel sogar. Denn auch bei der 1984 in Köln geborenen Autorin liegt permanent etwas hinter Grenzen. Und trotzdem ist Alles mit allem, wenn auch auf diffuse Art, miteinander verbunden.

    "Alles ändert sich. Das Gute und das Schlechte.", stellt Marie, die Protagonistin, aus deren Sicht der Roman erzählt wird, fest. Sie, die Ängstliche, die Außenseiterin, die sich eher zurückzieht, als ins pralle Leben einzutauchen, die sich "als Verschwendung von Raum, als ein sperriges Zuviel" sieht, hadert mit dem Leben und droht in der großen Woge einer Depression zu versinken. Doch dann reißt die Liebe in Gestalt des Kunststudenten Jan die fast dreißigjährige Doktorandin im wahrsten Sinne des Wortes zu Boden. Wieder aufgerappelt kommt nun tatsächlich so etwas wie verlässliche Beständigkeit in das bis dato konturlos verschwommene Leben von Marie. "Wir kannten und sahen dieselbe Welt." Eine gewisse Skepsis wird bei beiden dennoch nicht restlos ausgeräumt. Ihrer beider Sensibilität für die steten der Wechsel der Welt ist besonders stark ausgeprägt: "Sie war voller Risse und Falltüren und Unsicherheiten und Abgründe."

    Von Tiefen und Schattenreichen, von Zweifeln, Wurzellosigkeit und Bedrohungen berichtet der ungewöhnliche Roman von Katharina Hartwell in neun fantastischen und einer kumulierenden in der Realität angesiedelten Geschichte. Diese tauchen teilweise in die Vergangenheit ein oder aber nehmen deutlich visionäre, teils futuristische Züge an. Wie ein Zahnarzt gelingt es der Autorin "durch die Löcher und bis in die Abgründe im Kopfinneren [ihrer Protagonisten] zu blicken". Der Leser betritt zum Beispiel eine mysteriöse Stadt, in der die physikalische Errungenschaft der Teleportation außer Kontrolle geriet und in der sich nun Häuser und ihre Bewohner willkürlich materialisieren. Er liest von einer Prinzessin, die eine Ritterausbildung absolviert, um einen gefangen gehaltenen Prinzen im kalten Winterwald zu befreien. Oder von einem im Meer lebenden, geheimnisvollen Taucher, der von Zeit zu Zeit Menschen auf den Grund zieht, so dass sie ihm Gesellschaft leisten. Eine andere Geschichte wiederum berichtet aus einer seit Jahren von tiefen dunklen Wolken verhangenen Küstenstadt, deren Bewohner nach und nach von einer geheimnisvollen Krankheit befallen werden. Ein über den Wolken verankertes Luftschiff soll die Kranken mittels Lichttherapie heilen. Der Ghostboy wiederum, Hauptattraktion eines fahrenden Zirkus, stirbt in jeder Veranstaltung in einem gefüllten Wassertank, um nach endlosen Minuten ohne Herzschlag wie von Zauberhand die Augen aufzuschlagen. Um geschlossene Behälter geht es auch in Geschichte neun, in der in einem neu entwickelten Verfahren die Seelen der Verstorbenen - ihr Bewusstsein - in einem speziell entwickelten Verfahren konserviert werden, um sie hernach entsorgen zu können. Spirithographie nennt sich diese Transformationstheorie.

    Katharina Hartwell ist mit ihrem Text ein beeindruckendes, ja großartiges literarisches Debüt gelungen. Ein Buch, das wie eine riesige, unaufhaltsame Welle über den Leser und das Geschehen hinwegschwappt und alles, was sie dabei überspült, verändert. Aber, so stellt Marie fest, "die Veränderung ist ja schon in uns, ist in unseren Körpern angelegt, die zerfallen, sich neu aufbauen, sich reparieren und wieder zersetzen und endgültig zersetzen." Der Grundtenor des flüssig und gut lesbaren Textes ist eher düster, als optimistisch, der Inhalt eher vage, als klar geformt. Ein Werk, das sich gängigen Vergleichen entzieht. Rätselhaft, ja beinahe magisch, zieht es den Leser immer tiefer in seinen Bann. Welche Bedeutung haben die erzählten Geschichten? Auf welche Art hängen die ständig präsenten Gemeinsamkeiten und Verflechtungen zusammen? In jeder der zehn Erzählungen kehren bestimmte Gegenstände und Personenkonstellationen wieder, sei es zum Beispiel ein zusammengefalteter Zettel, ein mysteriöser Wassertank, ein verfallenes Haus, ein düster-drohendes, schwarzes Individuum, das als Kern einer "gebündelten Leere" fungiert. Dinge sind nicht recht greifbar, undurchsichtig. Immer wieder verschwinden Personen oder scheinen sich selbst entrückt. Ausgefranst und nicht klar definierbar wabern Schemen und Schatten durch den Raum, analog der mysteriösen Zwillingsteilchen, deren "geisterhafte" Verbindung von Albert Einstein als "spukhafte Fernwirkung" bezeichnet wurde. Etwas Unvorhergesehenes und Unaufhaltsames ist omnipräsent. Himmel und Meer verwischen ständig neu gezogene Grenzen. "Wie ein kompliziertes Puzzle, eine Anordnung eng anliegender Plättchen. Verschiebt sich eines, verschieben sich auch alle anderen, nichts bleibt ohne unmittelbare Auswirkung. (...) Alles könnte in etwa so, vielleicht aber auch ein wenig anders sein. (...) in dem Gewebe dieser Welt, fühlst du die Schichten, die Wände, bis du etwas erkennst, ein Pulsieren, eine Wärme, ein geheimes, deinen Augen noch verborgenes Zentrum." Letztendlich schwebt über allem die große Frage: Wer sind wir? Wohin gehen wir? Und: Kann man durch Erzählen die Vergangenheit begreifen lernen? Denn eines wird zunehmend präsent: "Dass man eine Heimat auch verlieren kann, ohne sie zu verlassen; während man noch dort ist und an allem festhält, kann sie einem entgleiten."

    Fazit: "Das Leben ist ein raues, ein stürmisches, ein gefährliches, ein unendlich weites, ein wildes, viele Geheimnisse und viele Gefahren und viele Riffe beherbergendes Meer. Und es gibt nicht viele milde Tage, und es gibt so viele Möglichkeiten, Schiffbruch zu erleiden. Und auf jeden Sturm folgt der nächste und auf jede Untiefe eine weitere. Und es ist eine Kunst, eine Herausforderung, eine unbedingte Notwendigkeit, jeden Tag und immer wieder aufs Neue nicht unterzugehen." "Das fremde Meer" offenbart einen Text, der gleichzeitig erschüttert und fasziniert, der den Atem anhalten lässt und zu Tränen rührt, ohne pathetisch zu werden. Ein großartiger Roman, dessen Handlung sich nur langsam formt und schier auf den letzten zwei, drei Seiten den Knoten entwirrt. Ein Buch, das den Leser nach dem Zuschlagen der letzten Seite atemlos zurücklässt, in dessen Wellen er allerdings noch einmal eintauchen sollte, um die immense Vielschichtigkeit vollends zu erfassen.
    Katharina Hartwell: Eine Autorin, die man sich unbedingt merken sollte.
    Ich bin begeistert!

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    Schneekatzes avatar
    Schneekatzevor 3 Jahren
    Allein schon sprachlich ein Meisterwerk!

    Roman: Dies ist die Geschichte von Jan und Marie und doch viel mehr als das. In zehn verschiedenen Welten wiederholt sich die Liebesgeschichte der beiden, immer anders und nicht immer kann man die Verbindung zu den Beiden sofort zuordnen. Es ist kein Liebesroman im herkömmlichen Sinne, nicht so romantisch und typisch, sondern viel eindringlicher. Allein sprachlich schon ein Meisterwerk.

    Schreibstil: Gehäuft treten Metaphern auf, die alles noch ein wenig poetischer und deutlicher machen. Auffallend sind die vielen starken Sätze, viel zu viele, als dass man sie alle herausschreiben könnte. Interessant auch die Zitate vor den jeweiligen Geschichten.
    Die Geschichten selbst symbolisieren nicht nur Jan und Marie, sondern sind auch untereinander verbunden. Manchmal sind es nur einzelne Worte, wie der Name einer Stadt, die sich wiederholen, oder bestimmte Personen, die in den Geschichten eine ähnliche Rolle einnehmen. So bleibt die Verbindung bestehen, auch wenn sich die Genres ändern: Märchen, Science-Fiction, fantastische Elemente – es ist einiges dabei.

    Charaktere: Die Autorin versteht etwas von starker Charakterzeichnung. Marie beschreibt sich als Ich-Erzählerin bereits auf den ersten Seiten so gut, dass ich sie klar vor mir sehen konnte. Ihre Gefühle und Gedanken konnte ich gut nachvollziehen. Sie ist ein sehr außergewöhnlicher Mensch, anders als die anderen, vielleicht schwieriger oder komplizierter, und zieht sich lieber von anderen zurück, weil sie befürchtet mit ihrer Persönlichkeit anzuecken.
    Auch die Charaktere der einzelnen Geschichten, wenn sie auch immer für Jan und Marie stehen, haben ihre Eigenheiten und wirken individuell. Nicht immer wird die Verbindung zu den Hauptprotagonisten klar, aber je weiter man im Roman fortschreitet, desto stärker setzen sich die einzelnen Puzzleteile zusammen.

    Fazit: 5/5 Ein zeitloses Meisterwerk, das man immer wieder lesen könnte und jedes Mal neues entdecken würde.



    Lieblingszitate:

    »Ich hatte mich schon immer vor Krankheiten, vor Katastrophen, vor dem Tod gefürchtet, auch schon im Haus meiner Großeltern, aber in der Stadt fürchtete ich mich vor allem vor dem Leben.« (S. 17)

     »Doch nur ein Kind kann denken, dass es nicht gesehen wird, weil es selbst blind ist.« (S. 118)

    »Aber keiner konnte antworten, sie verstanden nicht einmal die Frage. Dabei liegt es doch auf der Hand: Er will verstehen, wie es den Menschen gelingt, ganz selbstverständlich und mit bestimmten Schritten durch die Straßen zu schreiten, während er stets balancieren muss, wie auf einem Seil, rechts von ihm der Abgrund und links von ihm der Abgrund. Was braucht es, um all das nicht zu sehen: die Krankheiten, die Katastrophen, den Tod, der uns bevorsteht, unser Verschwinden und das aller, die wir lieben. Und das Ende ist wie der Anfang, es ist immer da.« (S. 104)

    »Ich wünschte mir, vor mir hätte es niemanden gegeben, nicht einmal die Möglichkeit von jemandem, so wie ich hoffe, dass es neben und nach mir nicht die Möglichkeit von jemandem gibt. Ich wünschte, du hättest die Jahre vor mir in einem Vakuum, einem menschenleeren Raum gelebt, aus dem du dann eines Nachmittags auf mich hinabfielst. Ich möchte dir eine neue Vergangenheit bauen, dich auf eine einsame Insel setzen, wo du geborgen und sicher verwahrt auf mich wartest, auf den Klippen stehend Ausschau hältst, nach dem Schiff, das mich zu dir bringt.« (S. 181)

    »Ich möchte auch so sagen: Wir sind unzertrennlich. Aber ich weiß ja, dass es nicht stimmt. Man kann alles trennen, teilen und spalten, sogar ein Atom.« (S. 341)

    »Freundschaften sind Milena noch nie leichtgefallen. Sie erfordern ein sorgfältiges Navigieren, das genaue Beachten eines Netzes aus Konventionen, die Milena so fremd sind, dass sie sich immer wieder darin verfängt.« (S. 435)

    »Damals schon, in jener Nacht vor über zehn Jahren, als sie alleine am Strand und unter den steinernen Wolken stand, erkannte sie, dass man eine Heimat auch verlieren kann, ohne sie zu verlassen; während man noch dort ist und an allem festhält, kann sie einem entgleiten.« (S. 452)

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    frenx1s avatar
    frenx1vor 3 Jahren
    Zehn sanft miteinander verwobene Geschichten

    Es sind zehn auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Geschichten, die in Katharina Hartwells Erstling "Das Fremde Meer" versammelt sind. Und doch korrespondieren diese Geschichten miteinander. Nicht nur, dass es um die Liebe von J. und M. geht, die in unterschiedlicher Gestalt und in unterschiedlichen Formen und Situationen immer wieder auftaucht, auch kleine, unbedeutende Motive werden immer wieder aufgegriffen.

    Nicht alle Geschichten haben mir gefallen, mit nicht allen Geschichten habe ich mich anfreunden können, nicht allen Geschichten habe ich einen Sinn abgewinnen können - aber es war eine aufregende Erfahrung beim Lesen, sich immer wieder auf ganz neue Formen einzulassen - vom Märchen zu Science Fiction, von der Gespenstergeschichte zu Steampunk.

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    Anne2801s avatar
    Anne2801vor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Inhaltlich und sprachlich ganz groß - zehn Geschichten in denen man sich vollständig verlieren kann
    "Du musst dich gut festhalten. Das ist alles"

    Klappentext

    "Dieses Buch ist eine Reise: in die Salpetrière, die Pariser Psychiatrie, in der Sigmund Freud Schüler bei Charcot war; in den Winterwald, aus dem eine gelangweilte Prinzessin einen Prinzen retten will; in die Wechselstadt, in der ganze Häuser als "Mobilien" durch die Stadt wandern; in die Geisterfabrik, wo Seelenfragmente zu Spiritografien verarbeitet werden… Zehn Kapitel, zehn mal die Geschichte von Marie und Jan. Marie gehört zu den Menschen, die glauben, dass Katastrophen immer nur die treffen, die nicht auf sie vorbereitet sind. Sie rechnet darum stets mit dem Schlimmsten - und behält recht: Sie ist eine Außenseiterin, ängstlich, verzweifelt, meist stumm und voller Sehnsüchte. Womit sie nicht rechnet? Gerettet zu werden, von Jan, der so anders als sie selbst scheint. Von ihm fühlt Marie sich gefunden, miteinander teilen sie Geheimnisse, stille Stunden und wache Nächte. Doch ganz traut sie ihrem Glück nicht, denn sie weiß: »man kann alles trennen, teilen und spalten, sogar ein Atom«. Was haben Marie und ihre Geschichten dem Schicksal entgegen zu setzen? Kann die Literatur ein Leben retten? Kann sie erzählen, wofür es keine Worte gibt? Katharina Hartwells magischer Debütroman erzählt von der Rettung einer Liebe und eines Lebens, er erzählt von allen Zeiten und allen möglichen Welten. Nicht zuletzt ist »Das Fremde Meer« die Rettung durch das Erzählen selbst - und darum all das, was Literatur vermag."

    Inhalt

    Dieses Buch beinhaltet zehn verschiedene Geschichten, die nicht ähnlicher und unterschiedlicher zugleich sein könnten. Es dreht sich um Jan und Marie und doch dreht es sich auch um so viele andere. Hier gibt es es Science Fiction, Märchen, Seefahrergeschichten und verschiedenste Erzählungen und obwohl sich all das so unpassend zueinander anhört, könnten die Geschichten von Katharina Hartwell nicht passender gewählt sein.

    Leseeindrücke/Eigene Meinung

    "Das Fremde Meer" ist in insgesamt zehn Geschichten aufgeteilt, die jeweils in sich abgeschlossen sind, aber irgendwie auch eben nicht. Obwohl diese Erzählungen jeweils so verschieden sind, gehören sie alle zusammen und erklären nach und nach die Rahmenhandlung.

    Mir hat besonders gut die Sprache von Katharina Hartwell gefallen, denn sie schafft es durch sowohl kurze, als auch lange verschachtelte Sätze, das Lesen wie einen einfach zu befahrenden Fluss zu gestalten, aus dem man sich am Rand immer wieder kleine Schätze herauspickt, nämlich großartige Zitate, von denen dieses Buch nur so strotzt. All diese Zitate regen nicht nur zum Nachdenken an, sondern sind auch so schön, dass man sie sich gleich aufschreiben und jemandem mitteilen mag.
    Auch die Tatsache, dass nicht jede Geschichte in der gleichen Erzählperspektive geschrieben ist, führt dazu, dass Abwechslung ins Lesen kommt und man sich immer wieder überraschen lassen kann.

    Die beiden Hauptcharaktere sind Marie und Jan und das Buch erzählt etwas über ihre Beziehung, wie sie sich gefunden haben, wie sich all das entwickelt - aber die beiden bleiben dabei nicht Marie und Jan.
    Auch trägt sich "Das Fremde Meer" irgendwie nicht direkt durch die Charaktere, sondern vielmehr durch die ganzen Kleinigkeiten, die dann zu einem Großen werden.

    Besonders hat mir hier die "Detektivarbeit" gefallen, mithilfe derer man die Gemeinsamkeiten der einzelnen Geschichten gesucht und zu verstehen versucht hat. Und immer wieder dieselbe Frage: Was bedeutet das alles für jan und Marie?

    Die Geschichten, die hier eine heilende Wirkung für mehr als nur eine Person haben, sind voll von Phantasie, von Unbekanntem und Vertrautem, manche möchte man ewig weiterlesen und doch wartet man bereits schon auf die nächste Erzählung.

    Fazit/Leseempfehlung

    "Das Fremde Meer" ist ein Buch, wie ich noch nie zuvor eines gelesen habe, es ist so anders, aber so genial, so weitreichend, so bedeutend, so beeindruckend, dass es mich fast sprachlos zurücklässt. Sobald ich die letzte Seite gelesen hatte, wollte ich unbedingt jemandem davon erzählen: von meinen Entdeckungen, von den Lehren, den Geschichten, der Wirkung,...
    Dieses Buch ist etwas ganz Besonderes und sowohl sprachlich, als auch inhaltlich kann ich es nur weiterempfehlen. Es ist eins von den Büchern, von denen man sich wünscht, dass es einfach jeder liest. Es ist voller Phantasie, Liebe, Zwischenmenschlickeit, Abenteuer, Persönlichkeit und Tiefgang - da ist wirklich für jeden etwas dabei.

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    YvetteSchmidts avatar
    YvetteSchmidtvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Ein Buch über die Macht und Magie der Liebe, in dem geschriebene Worte Gefühle und Bilder fast zu Materie werden lassen.
    Ein nicht vorhersehbarer einmaliger Lesegenuss


    [...] "Das Leben ist ein raues, ein stürmisches, ein gefährliches, ein unendlich weites, ein wildes, viele Geheimnisse und viele Gefahren und viele Riffe beherbergendes Meer [...]

    So sieht Marie ihr Leben. Gewappnet, den Gefahren entgegen zu treten, zu retten, zu überleben, bestreitet Marie dieses Leben. Und so still und manchmal eigensinnig und unsichtbar sie ist, um so plötzlicher und direkter fällt Jan in ihr Leben. Er, der es genau so sieht. Der genau so Angst hat. Lebensläufe, die nahezu parallel sind, und die sich dann plötzlich kreuzen und dann gemeinsam parallel verlaufen. Die Geschichte von Marie und Jan wird in 10 Episoden beschrieben; die reale Episode und 9 weitere fiktive. Teils Sci-Fi, teils märchenhaft, teils an Kafka erinnernd, teils an Theodor Storm.

    Als ich dieses Buch angefangen habe zu lesen, habe ich eigentlich nichts besonderes erwartet. Doch eine Liebesgeschichte. Das ist es auch. Aber es sind Geschichten, die einen traurig aber auch enorm hoffnungsvoll hinterlassen. Ich hatte nicht erwartet, dass dieses Buch so unterschiedliche Genre bedient. Da gibt es das klassische Märchen, den historisch korrekten Besuch der Salpetrière aber auch die Endzeitstimmung in Science Fiction Gestalt. 
    Bei aller Angst sprechen sie immer auch für den Mut, die Hoffnung, die Sonne, die Rettung und das Leben. Aber sie konfrontieren auch mit den eigenen Ängsten, der Trauer, dem Tod und der eigenen Fragilität des Lebens und der Vergänglichkeit.
    Katharina Hartwell vermag es durch ihre plastische Sprache den Leser in fremde Welten zu entführen. Die Szenen werden plastisch, Gefühle spürbar und fast greifbar. Manches ist surreal erdrückend und dann wieder federleicht. An einigen Stellen war so viel Witz und Ironie dabei, dass ich lachen musste. Die klassische Frauenrolle wird vollkommen auf den Kopf gestellt.
    Dieses Buch ist sicher keine leichte Kost, hat mich aber so begeistert, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte - und auch wieder zur Hand nehmen werde. Ich bin sehr gespannt auf die folgenden Bücher und wage mal einfach einen Ausblick: Katharina Hartwell's Bücher werden Teil der modernen Literatur in den Schulen sein.

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    LeonoraVonToffiefees avatar
    LeonoraVonToffiefeevor 3 Jahren
    Kurzmeinung: 9 fantastische Geschichten und 1 Liebesgeschichte, die die Grenzen der Wirklichkeit sprengt. Poetisch, magisch, fantastisch. Großartig!
    Die poetische Reise einer Liebesgeschichte, die zehnmal erzählt werden muss, um sie zu verstehen!

    Es ist die Geschichte von Marie und Jan – wie sie sich finden, verlieren und immer wieder finden. Eine Liebesgeschichte, die zu groß ist, um sie nur einmal zu erzählen. Es ist nicht eine Geschichte, sondern zehn: Zehnmal suchen und finden, retten und verlieren. Zehn fantastische, magische Abenteuer. Zehn Reisen, die letztlich alle bei Marie und Jan enden, die das Kernstück dieses Buches sind. Alle Wege, alle Geschichten führen im Endeffekt zu ihnen und ihrer unumstößlichen Liebe.

    Jede Geschichte ist anders und hat ihren Reiz: Fantastische Schauplätze, Elemente aus Sci-Fi, Fantasy, Märchen, alten Sagen und Legenden. Die Geschichten scheinen alle ihrem eigenen Weg zu folgen und nicht zusammen zu hängen, erst recht nicht mit der Geschichte von Jan und Marie. Der aufmerksame Leser allerdings zieht nach und nach seine Eigenen Schlüsse und verknüpft die einzelnen Kapitel zu einem Gesamtwerk.

    Dafür greift die Autorin zu sehr schönen Stilmitteln: Immer wieder auftauchende Schlüsselmotive und Emotionen, verschiedenen Stimmungen werden erzeugt, die immer wieder in die gleiche Richtung deuten, abwechselnde Erzählperspektiven, sodass der Leser von jeder Geschichte neu in ihre Bann gezogen wird. Dabei wird man entführt in ein Kuriositätenkabinett, in eisige Kälte, zum Ende der Welt und zurück in ein stürmisches, wolkenverhangenes Meer. Man lernt Ärzte, Fischer, Prinzessinnen und Geister kennen. Die Fantasie der Autorin scheint grenzenlos und sie lässt den Leser daran teilhaben.

    Der Schreibstil der Autorin ist ebenso poetisch und magisch wie die Geschichten selbst. Bildliche Sprache, viele außergewöhnliche und schöne Metaphern und Vergleiche machen die Geschichten noch abenteuerlicher und intensiver. Auch die Geschichte von Marie und Jan ist sehr intim, ohne dass erotische Handlungen beschrieben werden. Mit feinen Worten und schönen Umschreibungen schafft die Autorin es, Stimmungen und Gefühle sehr gut zu transportieren. Das Buch ist gefühlvoll und intensiv.

    Ich muss sagen, dass ich vergleichbares noch nie gelesen habe und es daher eine Art Experiment für mich war. Auch der Klappentext konnte mich nicht wirklich auf das Buch vorbereiten. Schon nach der zweiten Geschichte war ich aber Gefangen vom Buch, weil hier sehr sehr viel Kreativität und Sensibilität im Spiel ist, mit der Katharina Hartwell ihre Figuren und Schauplätze beschreibt und charakterisiert. Der Leser begibt sich auf eine Reise durch neun Dimensionen und kommt schließlich in der zehnten in der traurigen Realität an. Und diese Reise ist magisch.

    Ich wurde verzaubert von den tollen Geschichten, von Jan und Marie und von dem wunderschönen Schreibstil. Man muss sich darauf einlassen, auf etwas Neues, teilweise Verwirrendes und sehr stark Konstruierten (ich meine das hier im positiven Sinne), denn hinter den Geschichten steckt viel mehr, als man auf den ersten Blick vermuten kann. In dem Buch ist sehr viel Raum für Interpretationen. Der Leser muss mitdenken, um die Zusammenhänge zu verstehen und alles zu einen Bild zusammenfügen zu können. Aber es lohnt sich, weil man von der schönen Liebesgeschichte (die keinesfalls kitschig oder klischeehaft ist), grenzenloser Fantasie und dem poetischen Schreibstil verzaubert wird.

    Eine klare Leseempfehlung für jeden, der sich auf Neues einlassen kann und sich – wie ich – von poetischer Sprache und starken Gefühlen begeistern lassen kann! 

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    Estrelasvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Dies ist ein ganz besonderes Buch, ich bin absolut begeistert!
    Es waren zwei Königskinder

    In zehn Geschichten erzählt die Autorin von zwei Liebenden. Die Kapitel könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch gibt es einen roten Faden, Motive, die immer wieder auftauchen. Dies ist ein ganz besonderes Buch, gleichzeitig feinfühlig und hart, Gegenwart und Zukunftsvision, Alltag und Fantasiewelt. Katharina Hartwell bedient sich unterschiedlichster Genres - vom Märchen bis zu Science Fiction - und erfindet sie neu. So können z.B. im Märchen moderne Gedanken auftauchen und Mädchen Ritter werden. Thematisch geht es immer wieder um den Kampf für einen wichtigen Menschen, um Verlust, um das Meer, die Angst vor Fremdem und die große Liebe. Die Sprache trifft immer den richtigen Ton, überrascht, bringt den Leser zum Schmunzeln. Und so verwundert es nicht, dass die Rahmenhandlung dem Buch treu bleibend aufgelöst wurde. Ich bin absolut begeistert!

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    Jenny1900vor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Eine eher bedrückende aber auch wirklich beeindruckende Geschichte!
    Wenn man die Richtung verliert....

    Klappentext:

    Eine Liebe, viel zu groß, um sie nur einmal zu erzählen, ein Buch, das wie eine Reise ist: in die Salpêtrière, die Pariser Psychiatrie, in der Sigmund Freud Schüler bei Charcot war; in den Winterwald, aus dem eine gelangweilte Prinzessin einen Prinzen retten will; in die Wechselstadt, in der ganze Häuser als "Mobilien" durch die Stadt wandern... Zehn Kapitel, zehn Mal die Geschichte von Marie und Jan.

     

    Meine Meinung:

    Als ich den klappentext zum ersten Mal gelesen habe war ich sofort neugierig. Am meisten hat mich die Umsetzung der Idee, mehrere Geschichten in eine zu packen, interessiert.

    Auch der Inhalt schien eher ungewöhnlich aber mit Fantasy ausgestaltet zu sein.

    Dieses hat sich auch bewahrheitet!

    Die verschiedenen Geschichten führen zur Hauptgeschichte hin. Aber nicht langweilig aus der Gegenwart erzählt, sondern sehr interessant und detailreich in zehn Kurzgeschichten verpackt. In Stil von Märchen und Sagen mit viel Fantasy aber auch einer Menge Emotionen.

    Man kann aber sagen, dass Angst egal in welcher Form immer das Hauptthema geblieben ist. Somit ist das nicht unbedingt ein Buch für schöne sonnige Sommertage sondern eher für einen veregneten Sonntagnachmittag.

    Zwar war ziemlich jedes Kapitel faszinierend aber hinterließ doch eher eine bedrückte Stimmung.

    Das Thema hat mich auch sehr berührt und hat mich mit der Hauptprotagonistin Marie mitfühlen lassen.

    Die Erzählperspektiven haben immer wieder gewechselt. An die Du-Version musste ich mich doch erst Mal gewöhnen und war teilweise etwas verwirrend für mich.

    Es ist auf jeden Fall ein Buch, für das man sich Zeit nehmen muss. Meistens habe ich pro Tag nur eine Geschichte gelesen, da sie einfach auch sehr viel Stoff zum Nachdenken geliefert hat.

    Am Ende passte jede Geschichte zusammen und es ergab sich ein beeindruckendes Gesamtbild!

    Cover:

    Das Cover und der Titel passen auf jeden Fall sehr gut zum Buch. Auch das Meer hat eine wichtige Rolle für die Personen und Geschichten gespielt.

    Auch der Kompass passt perfekt, da Marie die Richtung in die ihr Leben läuft verloren hat und nicht mehr weiterkommt sondern sich nur noch im Kreis zu drehen scheint.

    Es ist sehr gut aufeinander abgestimmt worden!

    Auf jeden Fall auch ein Eye-Catcher!

    Mein Fazit:

    Eine wirklich besondere Idee, für die man sich Zeit nehmen sollte! Es war eine tolle Erfahrung dieses Buch zu Lesen. Allerdings wird es, glaube ich, das einzige dieser Art bleiben, weil es einfach zu bedrückend für mich war.

    (Zumindest für einen schönen Sommertag ;)  

    Kommentare: 1
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    Gespräche aus der Community zum Buch

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    Schneekatzes avatar
    Hallo an alle Bibliophilen! (:

    Ich verlose zur Zeit auf meinem Blog wieder ein Buch, das ich bereits gelesen habe, und an jemanden weiterverschenken möchte, diesmal ist es "Das Fremde Meer" von Katharina Hartwell.

    Alle Infos dazu und die Möglichkeit, das Buch zu gewinnen, findet ihr direkt im Blogbeitrag:
    http://www.buchelefanten.de/?p=1936

    Bis dahin liebe Grüße! (:
    Melanie
    Zur Buchverlosung
    Berlin_Verlags avatar

    Leserunde und Qualifikation für DER DIEB IN DER NACHT


    Liebe LovelyBooker,

    In wenigen Wochen erscheint Katharina Hartwells zweiter Roman DER DIEB IN DER NACHT, und um die Wartezeit zu verkürzen, wollen wir euch die Möglichkeit geben, Katharina Hartwells Debütroman DAS FREMDE MEER (nochmal) zu lesen. Wir stellen 20 Freiexemplare zur Verfügung – und (Achtung!) eine bieten eine mögliche Direktqualifikation für die Leserunde zum neuen Roman: Wer unter den Teilnehmern dieser Runde DAS FREMDE MEER vor dem 19. Juli bei Lovely Books rezensiert, erhält einen Startplatz bei der Leserunde DER DIEB IN DER NACHT – die Bewerbungsphase hierfür startet am 22. Juli.

    DAS FREMDE MEER – Eine Liebe, viel zu groß, um sie nur einmal zu erzählen

    Dieses Buch ist eine Reise: in die Salpêtrière, die Pariser Psychiatrie, in der Sigmund Freud Schüler bei Charcot war; in den Winterwald, aus dem eine gelangweilte Prinzessin einen Prinzen retten will; in die Wechselstadt, in der ganze Häuser als "Mobilien" durch die Stadt wandern; in die Geisterfabrik, wo Seelenfragmente zu Spiritografien verarbeitet werden… Zehn Kapitel, zehn mal die Geschichte von Marie und Jan.

    Marie gehört zu den Menschen, die glauben, dass Katastrophen immer nur die treffen, die nicht auf sie vorbereitet sind. Sie rechnet darum stets mit dem Schlimmsten - und behält recht: Sie ist eine Außenseiterin, ängstlich, verzweifelt, meist stumm und voller Sehnsüchte. Womit sie nicht rechnet? Gerettet zu werden, von Jan, der so anders als sie selbst scheint.

    Von ihm fühlt Marie sich gefunden. Doch ganz traut sie ihrem Glück nicht, denn sie weiß: »man kann alles trennen, teilen und spalten, sogar ein Atom«. Was haben Marie und ihre Geschichten dem Schicksal entgegen zu setzen? Kann die Literatur ein Leben retten? Kann sie erzählen, wofür es keine Worte gibt?

    Wenn du mitlesen willst, solltest du uns hier verraten, warum dich dieses Buch reizt, und warum du es endlich lesen willst. Oder auch, warum du es nochmal lesen willst.

    Wir freuen uns auf eure Bewerbungen – Euer Berlin Verlag

    ZeilenSprungs avatar
    Letzter Beitrag von  ZeilenSprungvor 3 Jahren
    Zur Leserunde
    Berlin_Verlags avatar
    Ihr Lieben,

    Auch heute gibt es über unseren "Adventskalender" #24BerlinerBuchhandlungen ein Buch zu gewinnen, Katharina Hartwells' Debütroman DAS FREMDE MEER, soeben auch als Taschenbuch erschienen:

    bit.ly/adventskalender-03

    Eine Liebe, viel zu groß, um sie nur einmal zu erzählen, ein Buch, das wie eine Reise ist: in die Salpêtrière, die Pariser Psychiatrie, in der Sigmund Freud Schüler bei Charcot war; in den Winterwald, aus dem eine gelangweilte Prinzessin einen Prinzen retten will; in die Wechselstadt, in der ganze Häuser als „Mobilien“ durch die Stadt wandern… Zehn Kapitel, zehn Mal die Geschichte von Marie und Jan. „Katharina Hartwell erzählt so gut, dass sie auf jeden Fall einen neuen Weltrekord im literarischen Zehnkampf aufgestellt haben dürfte.“ (Spiegel online) – ein magischer Roman.

    Ein zweites Exemplar verlosen wir wieder unter allen LovelyBookern, die obigen Link in einem ihrer sozialen Netzwerke teilen und dies hier belegen. (Screenshot, Link)
    Zur Buchverlosung

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