Katharina Triebner-Cabald

Lebenslauf

Katharina Triebner-Cabald studierte Romanistik und Germanistik und lebt als literarische Übersetzerin in Straßburg. Sie wurde 2023 für „Vertraulichkeiten“, ihre Übersetzung von Max Lobes Roman „Confidences“, für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Quelle: Verlag / vlb

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Neue Rezensionen zu Katharina Triebner-Cabald

Cover des Buches Der Schleuser (ISBN: 9783946687047)
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Rezension zu "Der Schleuser" von Stéphanie Coste

Wer ist Täter? Wer ist Opfer?
los_lesenvor 9 Monaten

Seyoum Ephrem wächst mit seiner Familie in Eritrea auf. Sein Vater arbeitet in der Regierung. Als die politische Lage zunehmend schwieriger wird, sich der Vater dennoch regimekritisch zeigt, wird die Familie deportiert. Seyoum und seine Freundin Madiha werden, getrennt voneinander in ein Lager gebracht.

Nach einer unglaublichen Odysee lebt Seyoum an der Küste in Libyen. Er weiß weder was aus seiner Familie geworden ist, noch wie es Madiha geht. Er hingegen ist inzwischen zu einem der wichtigsten Schleuser an der Küste avanciert. Seyoum und seine Helfer nehmen die Menschen, die es durch die Wüste geschafft haben, in Empfang und schicken sie mit einem Boot hinaus aufs offene Meer, auf eine Reise ins Ungewisse. Die Autorin Stéphanie Coste berichtet über das Leben von Seyoum Ephrem. Dies tut sie in klaren sowie beschreibenden Worten. Ihre Erzählweise ist weder geschönt, wertend, noch verurteilend. Sie beschreibt „lediglich“ die Gegebenheiten/ Situationen so wie sie sind. Coste berichtet aus Seyoums jugendlicher und späteren Erwachsensicht, das was er erlebt hat bzw. das was aktuell geschieht. Die Leserschaft erfährt z.B., dass nicht nur ein oder zwei Personen solche „Überfahrten“ organisieren, sondern dass es sich dabei um eine ganze „Schleuserindustrie“, eben um einen hart umkämpften „Markt“ des Schleusens handelt. Besonders gut gefallen hat mir, dass die Autorin es ihrer Leserschaft selbst überlässt welche Gedanken, Schlussfolgerungen oder Meinungen sie aus der Geschichte ziehen. Ein Buch über das man sich unbedingt mit anderen austauschen und diskutieren sollte. Nicht umsonst ist Stéphanie Costes Roman in Frankreich inzwischen Schullektüre.

Übersetzt wurde die Geschichte aus dem Französischen von Katharina Triebner-Cabald.

 

Fazit:

Ein Buch, das verschiedene Perspektiven beleuchtet, das man allerdings jederzeit schließen kann, wenn man es nicht mehr erträgt. Die Menschen vor Ort können dies nicht…

Cover des Buches Der Schleuser (ISBN: 9783946687047)
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Rezension zu "Der Schleuser" von Stéphanie Coste

ein schmales Buch, das man unbedingt lesen sollte!
Gwhynwhyfarvor 10 Monaten

Der erste Satz: «Ich habe die Hoffnung zu meiner Handelsware gemacht»


Ein schmales Buch, das mit großer Kraft einschlägt, bitterböser Noir! – Der Eritreer Seyoum ist einer der wichtigsten Schlepper an der Küste Libyens und er schickt verzweifelte Menschen, die den schweren Weg durch die Sahara geschafft haben, aufs offene Meer, mit dem Bewusstsein, dass von ihnen nur ein Teil die italienische Küste erreicht. 100.000 Dollar Gewinn verdienen sie pro Bootsüberfahrt nach Italien.


«Die Fischer aus der Gegend verhökern uns zu schwindelerregenden Preisen Boote, die nur für den Schrottplatz taugen. Mokhtar ist der Schlimmste … Dieser Typ sitzt auf einem Haufen Gold und Leichen.»


Stück für Stück erfahren wir durch eingeflochtene Rückblenden die Geschichte von Seyoum. Er stammt aus einer gebildeten Familie, ihnen ging es gut – bis die Machtverhältnisse in Eritrea kippten. Sein Vater, ein Journalist, der gegen die autoritäre Regierung protestiert, kommt ins Gefängnis – man hörte nie wieder etwas von ihm. Die Mutter und die Geschwister werden deportiert und verschwinden auf nimmer Wiedersehen. Seyoum wird ins Militärlager Sawa gesteckt, wo er und seine Verlobte mit anderen jungen Leuten schwer misshandelt werden. Seyoum schafft es, aus Eritrea zu fliehen. Auch auf der Flucht erlebt er immer wieder Demütigung und Misshandlung. In Libyen kämpft sich hoch, hat sich als Schlepper einen Namen gemacht. Dies soll seine letzte Fahrt werden. Dann ist Schluss, er hat genug Geld gespart. Das Geschäft wird immer schwieriger und gefährlicher, immer fragiler, es ist kaum noch an Boote heranzukommen. Die Konkurrenz wächst täglich und auch die Polizisten und die Küstenwache werden jeden Tag unverschämter mit ihren Forderungen. 


«Die Sudanesen und die Somalier, die dort seit sechs Tagen zusammengepfercht sind, haben seit gestern nichts mehr zu beißen. Wir geben ihnen nur ein bisschen Wasser, um sie am Leben zu halten. Einige zeigen in ihrer Visage die Vorzeichen der Revolte. Ich erkenne sie sofort. Ich lasse pro Tag drei oder vier von ihnen zusammenschlagen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten: Die Erschöpfung gewinnt immer, die Angst gibt ihnen den Rest. Sie sind schnell bezwungen.»


Seyoum ist herzlos im Umgang mit den Flüchtlingen – denn er hat einen Panzer um sich geschlossen, der aber langsam Risse bekommt. Mit Schnappatmung liest man, wie die alten Flüchtlinge nun mit den neuen Flüchtlingen dicke Kohle machen, sie einsperren, nicht mal eine Flasche Wasser für ihre Ware erübrigen können. Dieses Leben und alles, was Seyoum ertragen musste, kann er nur mit Gin und Khatblättern betäuben. Diese letzte Fracht wird ihn jemanden begegnen lassen, der alles in Frage stellt und ihm seine Seele aus dem Herz reist. Man kann sich der dichten Story nicht entziehen. Ein Schleuser, ein herzloses Miststück – doch je weiter man liest, in das Seelenleben und die Lebensgeschichte von Seyoum eindringt, um so mehr kann er uns für sich einnehmen. Auf nur 130 Seiten präsentiert sich eine komplexe Geschichte. – Die ich am liebsten all denen aufzwingen möchte, die behaupten, Flüchtlinge kämen nach Europa rübergerudert, weil sie unser Sozialsystem ausrauben wollen. – Ein Roman, der dem Leser fast wie eine Axt ins Gemüt schlägt und auf der anderen Seite das Herz rührt. Am Ende gibt es Wendungen, mit denen man nicht rechnen kann. Und das letzte Kapitel ist ein Schlag in die Magenkuhle. Was für ein Roman! Bitte unbedingt lesen! Ein Gesellschaftsroman, der Bilder im Kopf aufgehen lässt, die man so schnell nicht wieder vergisst.


Cover des Buches Der Schleuser (ISBN: 9783946687047)
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Rezension zu "Der Schleuser" von Stéphanie Coste

Das Geschäft mit der Nor der Menschen
Lesewesenvor 10 Monaten

»Ich habe die Hoffnung zu meiner Handelsware gemacht. Solange es Verzweifelte gibt, werden auf meinem Strand Hühner aufkreuzen, die goldene Eier legen. Hühner, die blöd genug sind, von besseren Zeiten am gegenüberliegenden Ufer zu träumen.«

So beginnt die Geschichte des Schleusers Seyoum, der an der Küste Libyens seine Geschäfte mit Menschen macht, die die glühende Sahara durchquert haben und nun die andere Seite des Mittelmeers erreichen wollen. Keine dreißig Jahre alt zählt er zu den einflussreichsten Männern in seinem »Business«, doch innerlich ist er tot, so scheint es.
Es soll die letzte Fahrt des Jahres werden, von der er sich hunderttausend Dollar Gewinn verspricht. Das ist alles, was für ihn zählt, die Menschen bringt er unter unwürdigen Bedingungen wochenlang in einer stickigen Lagerhalle unter, Wasser bekommen sie nur ein Mal am Tag. Was aus ihnen wird, ist ihm egal, ihn ärgert nur, dass er sein Geld mit anderen teilen muss – die ihm die maroden Boote verkaufen, den Drogendealern, korrupten Bankern und Polizisten. Zehn Jahre ist er bereits im Geschäft und unzählige Leichen gehen auf sein Konto. Jetzt entdeckt er seine Jugendliebe Madiha auf der Liste und entscheidet sich, das Boot selbst durchs Mittelmeer zu steuern.

Das höchstaktuelle Thema wird aus einer anderen Perspektive erzählt, eines menschverachtenden Mannes, der skrupellos ist, zerfressen von einer inneren Wut, die er mit Khat und Gin betäubt. Coste lässt uns in Rückblenden in Seyoums Vergangenheit blicken, woher diese Wut und dieser Hass kommen. Seyoum stammt aus Eritrea, wo seit 1993 bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, Menschen aus dem Weg geräumt werden und verschwinden. Wir erfahren, dass er bereits 10 Jahre zuvor mit Madiha flüchten wollte und warum diese Flucht scheiterte.

Dieser Roman ist schonungslos, brutal und direkt. Auf nur knapp 130 Seiten gelingt es der Autorin, uns einen tiefen Einblick hinter das System von Schleusern und Menschenhändlern zu geben und das damit verbundene Leid der Flüchtenden. Sie zeigt aber auch auf, wie dieses Dilemma entsteht, dass Menschen zu so etwas grausamen fähig sind und ihre Menschlichkeit verlieren. Diese tiefe innere Zerrissenheit wird von Kapitel zu Kapitel spürbarer und schafft eine bedrückende Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. Coste will hier keine Taten entschuldigen oder rechtfertigen aber zeigen, dass hinter all dem auch eine leidvolle Vergangenheit steckt, die Wurzeln des Übels sozusagen.
Denn wenn mir diese Geschichte wieder einmal etwas zeigt, dann, dass wir das unsägliche Leid der Flüchtenden erst beenden können, wenn die Ursachen bekämpft werden.

Stellenweise liest sich das Buch spannender als ein Krimi und überrollt einen förmlich und die Wendung im letzten Kapitel hat es wirklich in sich. Dicht erzählt und sprachlich herausragend, dafür sorgt auch die tolle Übersetzung aus dem Französischen von Katharina Triebner-Cabald.

Ausgezeichnet wurde Costes Debütroman in Frankreich u.a. mit dem Prix de la Closerie des Lilas. Ich bin froh, dass ich wieder auf so einen kleinen feinen unabhängigen Verlag aufmerksam wurde, der mir mit diesem Buch fesselnde Lesestunden beschert hat. 

Ich weiß, es ist kein leichtes Thema, aber das Buch bekommt eine absolute Leseempfehlung von mir.

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