Katharina Winkler

 4.6 Sterne bei 62 Bewertungen
Katharina Winkler

Lebenslauf von Katharina Winkler

Die österreichische Autorin Katharina Winkler wird 1979 in Wien geboren und studiert dort Germanistik und Theaterwissenschaft. In der Arztpraxis ihres Vaters trifft sie als Jugendliche auf eine Frau namens Filiz, deren Geschichte Winkler in ihrem Debütroman „Blauschmuck“ (2016) erzählt. Das Buch handelt von einer Kurdin, die sich aus der gewaltsamen Unterdrückung ihres Ehemannes befreit und basiert vollständig auf wahren Begebenheiten. Winkler lebt heute in Berlin.

Alle Bücher von Katharina Winkler

Blauschmuck

Blauschmuck

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Erschienen am 08.02.2016
Felix und Oh Felia

Felix und Oh Felia

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Erschienen am 01.09.2008

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leseleas avatar

Rezension zu "Blauschmuck" von Katharina Winkler

„Alles ist lebendig, außer mir.“ (S. 56)
leseleavor einem Monat

Blauschmuck. Schön klingt dieser Titel, eben richtig „schmuck“. Und schön sieht er auch aus, dieser knapp 200 Seiten umfassende Roman von Katharina Winkler. Man greift gerne zu in der Buchhandlung, ist neugierig auf diese Geschichte, die im Klappentext so düster und brutal wirkt und doch gar nicht so recht zur schicken Aufmachung passen will. Ja, Blauschmuck. Schon nach den ersten gelesenen Passagen wird deutlich, dass dieses so schön klingende Wort eine hässliche Wirklichkeit euphemistisch beschreibt: „Der Blauschmuck der Frauen trägt die Handschrift der Männer. Das Werkzeug, Holz, oder die Anzahl der Schläge bestimmen den Blauton.“ (S. 19)

So erzählt es die junge Filiz, der der Blauschmuck ihrer Mutter und anderen Frauen seit ihrer Kindheit in der Türkei vertraut ist. Filiz, die bald selber Blauschmuck trägt, nachdem sie heimlich mit 15 Jahren Yunus heiratet. Die von einem modernen Leben in Deutschland träumt und als Sklavin des eigenen Ehemanns endet. Sie wird geschlagen, vergewaltigt, gedemütigt. Sie putzt das Haus, kümmert sich um die Tiere, bedient ihren Mann, gebärt drei Kinder. Sie folgt Yunus nach Österreich, wird isoliert, eingesperrt, kleingehalten. Doch Filiz hinterfragt nicht beziehungsweise erst sehr spät. Denn sie weiß: Ihr Fall ist nichts Besonderes, sie ist wie alle anderen Frauen, die sie kennt.

Katharina Winkler erzählt in Blauschmuck eine Geschichte über Gewalt, Missbrauch und Abhängigkeit in der Ehe. Eine Geschichte, deren Lektüre über viele Seiten kaum auszuhalten ist und die umso mehr erschüttert und entsetzt, wenn man am Ende des Romans erfährt, dass das Erzählte auf einer wahren Begebenheit beruht. Winkler nimmt diesen wahren Kern und verpackt ihn in eine literarische Form und in eine metaphorische, dabei gleichzeitig klare und schnörkellose Sprache. Sie bannt das Schicksal von Filiz auf Papier, bringt Distanz zwischen Handlung, Figur und Leser, löscht alle Zwischentöne und lässt die Geschichte doch eidringlich auf den Leser einwirken, ja beinahe einschlagen. Man kann sich dieser Welt voller Gewalt und Leid, ohne Ausweg und Hoffnung nicht entziehen, fühlt sich macht- und hilflos und bleibt nach dem Lesen voller Wut und Hass, jedoch auch mit Ohnmacht zurück.

Ohne Zweifel ein hervorragend geschriebenes Buch mit einem wichtigen Thema. Ein notwendiges Buch, das einer Frau eine Stimme gibt, die lange Zeit keine hatte, und das für viele andere Frauen mit ähnlichem Schicksal spricht. Ohne Zweifel aber auch: Ein Buch, das irritiert. Denn was soll ich als Leserin anfangen mit dieser Geschichte, die mich niederringt, die doch ohne jede Erklärung und Einordnung daherkommt? Alle türkischen Männer und Frauen mit Kopftuch unter Generalverdacht stellen? Akzeptieren, das „die alle“ nun mal „so sind“? Vielleicht such ich vergeblich nach Differenzierungen, weil ich nicht akzeptieren will, dass es so eine Geschichte, die eigentlich ein Klischee sein könnte, wirklich gibt. Vielleicht verweigert das Buch aber auch jegliche Tiefe, weil es beginnt, schwierig zu werden, wenn wir uns einer fremden Kultur nähern. Vermutlich liegt die Wahrheit in der Mitte, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ein bitterer Geschmack zurückbleibt und die Frage, ob dieses Thema tatsächlich richtig behandelt wurde.

Blauschmuck ist sprachlich ausgereift, thematisch beklemmend und gesellschaftlich relevant. Es ist aber auch ein Buch, über das diskutiert werden sollte. Für mich kann es nur der Beginn einer ehrlichen und schonungslosen Debatte über Gewalt an Frauen in der Ehe und patriarchale Strukturen, die diese begünstigen sein – und zwar in unserer und in anderen Kulturen. Als alleiniges Statement ist es zu radikal, zu schwarz-weiß, zu final. Auf allein literarischer Ebene findet sich jedoch ein beeindruckender und (wenn man das in diesem Kontext sagen kann) lesenswerter Debütroman. 4 Sterne!

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sursulapitschis avatar

Rezension zu "Blauschmuck" von Katharina Winkler

Ganz große Kunst
sursulapitschivor 8 Monaten

„In unserem Tal leben hundert blaue Frauen. Es gibt hellblaue Frauen wie Neclas Mutter und dunkelblaue Frauen wie die Mutter von Fidan, es gibt blau-rote Frauen und blau-schwarze... Der Blauschmuck der Frauen trägt die Handschrift der Männer. Das Werkzeug, Holz oder Eisen, und die Anzahl der Schläge bestimmen den Blauton.“


Das erzählt Filiz, die in einem kurdischen Dorf aufwächst und etwa 12 Jahre alt ist. Ganz genau weiß sie ihr Alter nicht, ihr Vater kann ja nicht wegen jedem neuen Kind zum Amt gehen und eine Geburt eintragen lassen.

Dieses Buch beruht auf einer wahren Begebenheit und erzählt erschütternd und eindrucksvoll vom Leben kurdischer Frauen, die schlechter behandelt werden als die Tiere. Für Frauen und Kinder sind Prügel an der Tagesordnung. Und wenn ein Mädchen dann heiratet, ändert sich nicht viel, es prügelt jetzt eben der Ehemann an Stelle des Vaters.
Als Filiz mit 15 heiratet, denkt sie, das große Los gezogen zu haben. Yunus will mit ihr nach Deutschland auswandern, wo das Leben ganz anders ist, kein Krieg herrscht und alle Jeans tragen, statt sich zu verhüllen. Schnell merkt sie, dass eine Ehe kein Ausweg ist.

Die Sprache ist sehr poetisch. Vieles wird nur angedeutet, steht zwischen den Zeilen. Es liest sich wie ein Gedicht, ein langes, trauriges Gedicht, das fatalistisch vom Grauen erzählt.

„Das Kind in meinem Bauch ist mir fremd, eine Bedrohung. Es tritt mich und ernährt sich von mir. Es schweigt von innen wie sein Vater von außen.
Ich decke mich mit Worten zu. Alles wird gut. Alles wird gut.
Auch wenn ich mir nicht glaube.“

Man muss sich an diese Sprache gewöhnen, aber dann taucht man tief ein in eine bitterböse Geschichte, die man kaum glauben mag. Ich war nach kürzester Zeit gefangen von diesem Buch und habe es in einem Rutsch gelesen. Ganz große Kunst, erschütternd und ungewöhnlich. 

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Rezension zu "Blauschmuck" von Katharina Winkler

Katharina Winkler | BLAUSCHMUCK
Ein LovelyBooks-Nutzervor einem Jahr

INHALT: Die Kurdin Filiz ist dreizehn, als der nur wenig ältere Yunus sie sich aussucht wie ein Toastbrot im Supermarkt. »Du gehörst mir«, sagt er und sperrt sie weg. Wenig später die Hochzeit und der Umzug in Yunus‘ Haus, wo Filiz wie eine Sklavin gehalten wird, von der Schwiegermutter gehasst und erniedrigt, vom Mann brutal misshandelt. Schläge und Vergewaltigung stehen an der Tagesordnung, ein jahrelanges Martyrium. Der Ehe entspringen drei Kinder, keines der drei wird geliebt. Schon im Mutterleib wird auf sie eingedroschen, auch von Filiz, die den Kindern das Leben erparen will.

Später dann die Ausreise nach Österreich, wo Yunus mit dubiosen Geschäften viel Geld verdient. Aber auch der goldene Westen, das Land der Jeans und Turnschuhe, bringt keine Freiheit. Wenn Yunus weg ist, oft wochenlang, sperrt er Filiz und die Kinder ein. Das ist die Zeit des Hungers und der Einsamkeit, aber auch der Genesung – die geschundenen Knochen können heilen, die blauen Flecken, der titelgebende Blauschmuck kann vergehen. Und wenn Yunus wiederkommt, kann Filiz schon am Zuschlagen der Autotür erkennen, ob der Sturm sofort über sie hereinbricht oder ob er sie noch bis zur Nacht verschont.

FORM: Es klingt wie eine Geschichte aus dem Mittelalter, aber Leidenswege wie der Filiz‘ sind in manchen Gegenden der Welt keine Seltenheit. Der Satz, der den Roman so furchtbar eindringlich macht, steht gleich zu Beginn auf Seite 7: »Nach einer wahren Lebensgeschichte.«

Katharina Winkler (*1979) hat mit BLAUSCHMUCK einer Frau eine Stimme gegeben, eine versteckte Geschichte an die Öffentlichkeit gezerrt, die gehört werden muss. Dafür kann man ihr nicht genug danken und ich wünsche diesem Buch auch weiterhin eine große Leserschaft. Ich bin mir sicher, dieses Buch wird die Jahre überdauern.

Winklers Sprache ist unfassbar poetisch, jeder Satz ein kleines Meisterstück. Die Szenen der Gewalt sind dabei nur schwer zu ertragen und durch die schöne Sprache umso intensiver. Aber anders als die Fitzeks dieser Welt, benutzt Winkler die Gewalt nicht, um ihre Leser zu schockieren oder irgendwelche Ekelgrenzen zu überschreiten – das wäre plumper Voyeurismus und hätte mit Literatur soviel zu tun wie McDonald’s mit Esskultur. Nein, sie braucht die Gewalt, um der Geschichte eine Ebene hinzuzufügen, etwas, das man aus dem Leben der Hauptfigur nicht mehr wegdenken kann. Das ist Winkler mit Bravour gelungen – kaum zu glauben, dass es sich hierbei um einen Debüt handelt.

FAZIT: Eine furchtbare Geschichte – ein großartiger Roman. Fünf Sterne.

*** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich über Euren Besuch ***

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Katharina Winkler wurde am 01. Januar 1979 in Wien (Österreich) geboren.

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