„Blauschmuck“ beruht auf einer wahren Geschichte, die sich so oder so ähnlich in der Türkei und später in Österreich zugetragen hat. Für Leserinnen ohne Gewalterfahrung in Ehe und Partnerschaft ist das Erzählte kaum fassbar. Ein wichtiges Buch, fulminant geschrieben, atemlos in abgehakten Sätzen, denn wer so unterdrückt, gegängelt, verdroschen wird, kann nicht anders sprechen. Es geht um Ehre, die der Männer, denen ihre Frauen ganz gehören („Ich bin sein“, „Du darfst dich niemals gegen deinen Mann erheben“ ). Wegen Kleinigkeiten werden Frauen geprügelt. Sie tragen den titelgebenden Blauschmuck, d.h. die blauen Flecken und Blutergüsse, als Zeichen, wer in ihrem Haus das Sagen, das Zugriffsrecht hat. Sie haben zu Willen zu sein, die Ich-Erzählerin Filiz nicht nur ihrem Mann Yunus, sondern auch der Schwiegermutter (der „Spinne“), in deren Netz sie gefangen ist, denn für Yunus, den sie glaubte zu lieben, ist sie sogar von zu Hause ausgebüxt. Demnach hat sie die Ehre ihres Vaters besudelt und ist noch schutzloser, obwohl zu vermuten ist, dass der Vater, hätte er nicht mit der Tochter gebrochen, ihr kaum gegen den gewalttätigen Mann beigestanden wäre, denn auch der Vater verhält sich gegenüber der Mutter nicht anders.
Erst die Ankunft in Österreich und die langsame, nicht aus der Protagonistin rauszuprügelnde Erkenntnis, dass es ein Leben ohne brutalen Mann geben kann, ändert die Perspektive. Doch es dauert lange, bis Filiz es wagt, aus den tradierten Ehrvorstellungen und dieser Ehe auszubrechen, ein Ausbruch, der sie fast das Leben gekostet hätte.
Im Nachwort erfahren wir, dass Filiz mit Unterstützung (aufmerksamer Nachbarn, Krankenhaus, Jugendamt, Frauenhaus, Gericht) von Yunus loskam, geschieden wurde, eine Ausbildung absolvierte, dass auch ihre Kinder beruflich Fuß fassten und Yunus „nach Schwierigkeiten mit den österreichischen Behörden in die Türkei“ zurückkehrte.
Es ist zu fürchten, dass ein solcher Befreiungsschlag nicht jeder Frau gelingt, wie Femizide hierzulande und anderswo belegen.








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