Katinka Ruffieux

 4,6 Sterne bei 5 Bewertungen
Autor*in von Zu wenig vom Guten.

Lebenslauf

Katinka Ruffieux, wurde 1968 in der Schweiz geboren und wuchs in einer ungarischen Familie auf. Sie lebt und arbeitet in der Nähe von Zürich. 2019 gewann sie mit ihrer Kurzgeschichte »Streuner« den Wettbewerb des Literaturhauses Zürich. Es folgten das Wanderbuch »Auf den Spuren der Literatur« und das SRF-Hörspiel »Kalter Kaffee«. 2023 war sie Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens am Literaturhaus München, wo sie an ihrem Romandebüt »Zu wenig vom Guten« arbeitete.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Katinka Ruffieux

Cover des Buches Zu wenig vom Guten (ISBN: 9783716000366)

Zu wenig vom Guten

(5)
Erschienen am 09.07.2025

Neue Rezensionen zu Katinka Ruffieux

Cover des Buches Zu wenig vom Guten (ISBN: 9783716000366)
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Rezension zu "Zu wenig vom Guten" von Katinka Ruffieux

hamburgerlesemaus
Berührend!


ZU WENIG VOM GUTENKatinka RuffieuxET: 09.07.2025

„Ich kann den Tod meiner Schwester nicht begreifen, aber ich habe ihn verstanden. Möglich, dass ich ihn irgendwann verzeihe, ihr und mir, aber auch jedem anderen“. (S. 246)

Katinka Ruffieux erzählt die Geschichte von zwei Schwestern, die mit ihrer ungarischstämmigen Familie in der Nähe von Zürich leben – zwischen Sehnsucht und Angst, Hoffnung und Verlust. Sie warten auf die Einbürgerung wie auf einen erlösenden Moment, bemühen sich, unsichtbar zu bleiben, angepasst zu wirken, ja keinen Fehler zu machen, der diesen Traum zerstören könnte.

Die Autorin führt uns in den „Fischbau“, ein großes Mehrfamilienhaus, das seit der Flucht aus Ungarn ihr Zuhause ist. Der Platz ist knapp – die Mädchen teilen sich ein Schlafzimmer mit dem Großvater, die Waschmaschine steht im Wohnzimmer. Wir riechen den Duft ungarischer Speisen, die die Mutter liebevoll auf den Tisch stellt. Und obwohl wir von der ersten Seite an wissen, dass die Schwester der namenlosen Ich-Erzählerin sterben wird, hoffen wir bis zuletzt, dass sich das Schicksal noch umstimmen lässt.

Doch nach dem Tod des Großvaters zerbricht das fragile Gleichgewicht. Der Vater verlässt die Familie, und ohne ihn fühlen sie sich nicht mehr vollständig. Die Schwester verliert den Halt, sucht Freiheit – und findet sie in der falschen Gesellschaft. Die Mutter, erschöpft und gezwungen, wieder zu arbeiten, hat keine Kraft mehr, sich zu kümmern. Die Abwärtsspirale beginnt: Drogen, falsche Freunde – und eines Abends kommt sie nicht mehr nach Hause.

Katinka Ruffieux hat mit zarter Sprache und feinem Gespür für Zwischentöne ein eindrucksvolles Debüt geschaffen. Besonders ihre kleinen, poetischen Wortspiele verleihen dem Text eine leise Schönheit.
Es ist ein Roman über Migration, Verlust, Zugehörigkeit und Sehnsucht – nach einer Heimat, die in der Fremde niemals ganz zu finden ist. All das verdichtet die Autorin zu einer Atmosphäre, die lange nachhallt.
5/5


Cover des Buches Zu wenig vom Guten (ISBN: 9783716000366)
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Rezension zu "Zu wenig vom Guten" von Katinka Ruffieux

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Über Verluste, Suche nach Identität und dem Raum zwischen den Wurzeln und dem Himmel

„Am Ende bleibt nicht viel, sogar erstaunlich wenig, und auch das Wenige darf irgendwann vergessen werden. Und das ist gut.“ S.10


Die namenlose Ich-Erzählerin verbringt ihre Kindheit mit ihrer ungarisch-stämmigen Familie im „Fischbauch“, einem beengten Haus in der Schweiz mit drei Etagen, wo sie sich eine Kammer mit dem Großvater und der älteren Schwester teilt und in dessen Keller die Geister der Vergangenheit rumoren. Der Großvater träumt von seiner Heimat Ungarn, die er in den 50er Jahren während des Ungarnaufstands verließ, und hadert anders als die Eltern mit der Kultur der Schweizer. Die Eltern, zumindest die Mutter, wollen lieber werden, was sie nicht sind: „echte“ Schweizer.


„Das Deutsch prallt hart auf unsere Wände, klingt immer nach Befehl, nie nach Bitte und tatsächlich spuren wir auf Deutsch viel schneller.“


Es ist eine Kindheit der Verluste. Der Großvater stirbt und wenig später verlässt der Vater die Familie. Die Mutter versucht stoisch das „übrig gebliebene“ zusammenzuhalten, während auch die große Schwester ihren eigenen Weg antritt und eines Tages ganz verschwunden ist. Mit diesem letzten Verlust beginnt die Geschichte und führt uns zu der Frage nach dem Platz im Leben und wie wir ihn finden, wenn uns alle Sicherheiten und Orientierungspunkte abhandenkommen.


„Mein Vater ist der Nordpol, Mutter der Südpol. Kalt ist mir oben und unten.“


Das Besondere an diesem Debüt der Schweizer Autorin mit ungarischen Wurzeln ist der Sound. Ich finde es oft schwierig, kindlichen Ich-Erzähler*innen zuhören zu müssen: entweder ist mir die Sprache zu naiv oder zu altklug und zu wenig authentisch. Doch Katinka Ruffieux hat einen Spagat geschafft, der mir sehr gut gefallen hat. Die Erzählerin ist mit kindlich naiver Offenheit, intuitiver Weisheit und feiner Beobachtungsgabe ausgestattet, was sympathisch und humorvoll daherkommt. Die Autorin versteht es, mit Worten zu spielen und ihre Doppeldeutigkeit zu zelebrieren. Dreht sie von links nach rechts und schafft damit eine leichte, verspielte, oft freche Poesie. Besonders die Dialoge der Erzählerin mit ihrer grundverschiedenen rebellischen Schwester, die ihren angepassten Tendenzen die Stirn bietet, sind amüsant und gleichzeitig anrührend. 


„Meine Schwester hat sich einmal mehr vorgedrängt, mir mit ihrem Mut den Mut genommen.“


Die Puzzlesteinchen der Geschichte fügen sich fragmentarisch zusammen und die Facetten der Protagonisten gewinnen nur langsam Schärfe. Aber warum sollte für mich leichter sein als für die Erzählerin, die selbst sagt, dass sie einen toten Russen [in dem Fall Rachmaninow] besser verstünde als ihre Familie? 


Eine zarte tiefgründige Erzählung vom Schweren, von Verlust und der schmerzhaften Suche nach Identität, vom Dazwischen – zwischen Herkunft und Zugehörigkeit, zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen den Polen der Familie, zwischen Nähe und Distanz.

Cover des Buches Zu wenig vom Guten (ISBN: 9783716000366)
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Rezension zu "Zu wenig vom Guten" von Katinka Ruffieux

Fee04
Beeindruckendes Debüt

„Zu wenig vom Guten“ von Katinka Ruffieux

Verlag: Arche 


Katinka Ruffieux erzählt in ihrem Debütroman von einer ungarischen Familie in der Schweiz, einem Land, das inzwischen zwar ihr Zuhause ist, aber nicht ihre Heimat. Und Ungarn? Ist es ebenso wenig.

Das Haus wie eine Forelle, im Sommer das Maul weit geöffnet, die Mauern voller Schuppen, das Innere ein riesiger Fischbauch.

Drei Abteile, drei Familien  und in den Abteilen Kammern, die man nie ganz für sich hat. Die namenlose Ich-Erzählerin lebt mit ihrer Familie beengt in einer Wohnung, teilt sich das Zimmer mit Schwester und Großvater. Ihr Wunsch nach Zugehörigkeit ist riesig, fast übermächtig. Sie versucht, sich anzupassen – mal schweizerisch, mal ungarisch.

Doch ihre ungarischen Wurzeln lassen eine schweizerische Zugehörigkeit nicht zu. Sobald sie die Sprache wechselt, immer bemüht, Deutsch zu sprechen, fühlt sie es: die Andersartigkeit, das Nicht-Dazugehören, das Fremde. Sie wünscht sich Gleichartigkeit und versteht nicht, warum ihre Familie nicht denselben Wunsch hat.

Auf Deutsch möchte sie gefallen, auf Ungarisch ist sie laut und fordernd. Doch selbst nach der Einbürgerung ändert sich wenig. Es ist nur ein Papier und wie ihre Schwester sagt:
Wir sind nichts weiter als Papierlischwiizer!

Als der Großvater stirbt, bricht die Familie auseinander.

Der Vater zieht aus, die Mutter macht sich als Heiratsvermittlerin selbständig, die Schwester rebelliert gegen alles. Sie schließt sich radikalen Bewegungen an, nimmt Drogen, richtet ihre Wut gegen Politik, Vater, Männer - gegen so vieles. Ihre Worte verletzen, und die Erzählerin versucht, das Negative der Schwester innerhalb der kleinen Restfamilie auszugleichen. Bis die Schwester verschwindet. Die Erleichterung der Erzählerin ist da , doch sie wiegt nicht so schwer wie die Angst der Mutter. Also macht sie sich auf die Suche.

Sie raucht Gras, schließt sich dem Krawall an – der schwimmenden Demo – doch ihre Schwester bleibt verschwunden.

Es gibt immer mehr als eine Zukunft! Ist das so? Und wie nennt man das? Zukünfte? Diese Frage stellt sich die Schwester. Ihre Gedanken sind anders, ungebändigter als die unserer angepassten Erzählerin. Aber eine muss ja anständig und normal sein, oder?

Und dann liegt sie in einem Sarg aus Glas, wird ausgestellt, alle ziehen an ihr vorbei  und die Erzählerin fragt sich immer wieder: Warum?

Poetisch und feinfühlig erzählt die Autorin ungeschönt von Grenzen, Verlusten und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit – nach Akzeptanz und Verständnis. Die innere Zerrissenheit der Ich-Erzählerin ist eindringlich beschrieben. Als Leser:in spürt man ihre Sehnsucht, die Tiefe dieser Geschichte über eine ungarische Familie in der Schweiz. Ruffieux zeigt, was es heißt, sein Land zu verlassen, neue Wurzeln zu schlagen  und wie viel Anpassung nötig ist, um nicht zu verzweifeln. 

Zwei Schwestern – zwei Wege.

Migration passiert nicht nur im Außen, sondern auch im Inneren – dort, wo sie unsichtbar bleibt.

Ein beeindruckendes Debüt.


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