Katja Lange-Müller Böse Schafe

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Inhaltsangabe zu „Böse Schafe“ von Katja Lange-Müller

Westberlin im Jahr 1987: Die leichtlebige DDR-Aussiedlerin Soja trifft den Westberliner Harry: groß, still-entschlossen, abgründige Vergangenheit, düstere Zukunft. Und fortan bestimmt sein Schicksal ihr Leben. Geblieben ist ein Schulheft mit undatierten Einträgen, in denen Harry festhielt, was ihn beschäftigte. Vieles kommt vor, eine fehlt: Soja. Jahre später macht sie sich daran, die gemeinsame Geschichte zu erzählen. Geist und Sinnlichkeit gehören bei Katja Lange-Müller zusammen wie Ein- und Ausatmen - eine Lesung, die Herz und Verstand erobert und noch lange im Hörer nachhallen wird.

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  • Rezension zu "Böse Schafe" von Katja Lange-Müller

    Böse Schafe
    HeikeG

    HeikeG

    12. August 2008 um 21:09

    Die guten Bösen Katja Lange-Müller hat einen Roman über eine Liebe in Berlin geschrieben, nicht schön und romantisch, sondern tiefschwarz, aber trotzdem eigentümlich optimistisch. Nun liest sie das Buch selbst vor. "Es gibt drei Wege, um klug zu werden: durch Nachdenken, das ist der Edelste, durch Nachahmung, das ist der Einfachste, durch Erfahrung, das ist der Bitterste." Diesen Satz von Konfuzius findet die Ich-Erzählerin des Romans "Böse Schafe" im Tagebuch ihres ehemaligen Freundes Harry. Soja, "weder -soße, noch -bohne" wie sie ihren ungewöhnlichen Namen, den sie ihrer Mutter, einer hohen SED-Funktionärin, und deren Verehrung einer russischen Partisanin, zu verdanken hat, sarkastisch erklärt, wird im Laufe dieses Hörbuches alle drei Wege beschreiten. Sie, ehemalige Setzerin und jetzige Gelegenheitsblumenverkäuferin, die 1986 von Ost- nach Westberlin ausgewandert ist, wird mit dem Bittersten beginnen: der Erfahrung. Diese sammelt die Enddreißigerin in Form von Harry, den sie am 17. April 1987 kennenlernt und aus der sich wider jeder Vernunft für die nächsten drei Jahre eine Liebes- und in vielerlei Hinsicht auch eine gegenseitige, schicksalhafte Abhängigkeitsgeschichte entwickelt. Ein Unglücks-Glück Soja ist von seiner subtilen Andersartigkeit fasziniert. Kurz entschlossen zieht er zu ihr. Doch schon bald blättert die schöne Fassade ihres großen, blonden und blauäugigen Westberliners ab. Was zuerst wie ein interessantes Geheimnis wirkte, stellt sich schon bald in seiner ganzen Nüchternheit dar. Nach und nach erfährt sie seine ganze Geschichte. Harry ist ein Ex-Häftling, Junkie und zudem noch HIV-positiv. Doch für die ehemalige Ostfrau, die "mit Westmännern aus halbwegs sortierten Verhältnissen" nicht klarkommt, wird Harry eine zunehmende Herausforderung: eine Aufgabe, ihr Unglücks-Glück. Sie hält zu ihm, auch wenn sie hilflos mit ansehen muss, wie er langsam zu Grunde geht. Am Ende wird sie sich, um selbst zu überleben, aus seinen Armen lösen. Zehn Jahre später findet Soja in seinen, ihr hinterlassenen, Sachen eben dieses kleine Tagebuch, in das Harry, während ihrer gemeinsamen Zeit, seine Gedanken, Gefühle und Lebenskommentare in genau 89 Sätzen schrieb. Und eben dieses Tagebuch regt sie an, nach-, vielleicht auch umzudenken, bevor sie sich ganz aufgibt. In den vergangenen Jahren lebte sie mit dem Toten und fing zunehmend an, ihn nachzuahmen. "Ich war dabei, mich aufzugeben, bis ich dein Heft las und entdeckte, dass ich ja mit dir reden, dir sogar schreiben kann." Harrys Lebensgedanken dienen ihr nun als Erinnerungsstütze, um die Leerstellen ihrer damaligen gemeinsamen Zeit zu füllen und zu ergänzen. Auch sie selbst ist eine derartige Leerstelle, denn Harry hat sie in diesem Heft mit keiner Silbe erwähnt. So hangelt sich Soja an diesen Sätzen im inneren Dialog mit Harry, der eigentlich ein Monolog ist, entlang und der Hörer mit ihr. Der Titel "Böse Schafe", das wird schnell klar, geht eindeutig an Harry. Aber er sei einer der "guten Bösen", so liest Soja, denn "die guten Bösen unterscheiden sich von den bösen Bösen darin, dass sie nicht mehr einander Gewalt antun, sondern nur noch sich selbst." Dialog einer Liebenden mit einem Toten Große Gefangennahme erreicht die Autorin nicht nur durch die durchaus seltsame Liebe des Junkies und seiner, dem Alkohol nicht abgeneigten "Mausepuppe", sondern auch durch die gewählte sprachliche Form. Soja spricht mit Harry wie mit einem Lebenden. Aber "Böse Schafe" ist der Dialog einer Liebenden mit einem Toten. Die gewählte Erzählform ist über weite Strecken die zweite Person, kombiniert mit dem durchaus unüblichen und seltenen Imperfekt, "Du (...) döstest vor dich hin, lasest keine Fantasy-Romane, hörtest nicht The Doors, sprachst kaum." Das entzieht dem Text auf sanfte Weise die Intimität der Zwiesprache und erzeugt beim Hörer eine eigenartige, aber faszinierende Abgerücktheit. Lange-Müller nimmt dadurch aufkommender Rührseeligkeit sofort jeden Pathos. Auditiv ist das Hörbuch erst einmal recht gewöhnungsbedürftig. Liebhaber des Altberliner Slangs, der der vorlesenden Autorin deutlich anzumerken ist, werden entzückt sein. Wer jedoch das Berlinerische für kein sehr feinfühliges Ausdrucksmittel hält, hat zu Beginn mit einem gewissen Hörwiderstand zu kämpfen. Verstärkt wird dies noch durch die beinahe monotone, immer leicht distanzierte Vortragsweise der Autorin, bei der scheinbar willkürlich, manches Wort fast überbetont wird. Doch die Erzählung entwickelt einen derart starken Sog, der den anfänglichen akustischen Widerwillen recht schnell überwinden lässt. Und letztendlich ist es Katja Lange-Müllers tiefer, rauer Stimme zu verdanken, dass der im Buch vorherrschende volksmundig-schnoddrige, teilweise derb-ordinäre Gossenjargon "stilecht" vorgetragen wird und geradezu prädestiniert ist, für derartig milieuechtes Erzählen. Das narrative Ausloten tiefster menschlicher Sphären wirkt dadurch extrem authentisch. Ein Buch über deutsch-deutsche Vergangenheit Am Ende ist der Hörer berührt und erschüttert von Harry und Sojas ruhiger, unaufdringlicher, einfühlsamer, gar zärtlicher und dennoch mehr als trauriger, ja nahezu schmerzhafter großer Liebesgeschichte in kleinem Milieu. "Böse Schafe" bleibt bis zum Ende unprätentiös, unglaublich realistisch, frei von allen Klischees und ist vor allem weit davon entfernt auch nur an einer Stelle kitschig zu wirken. Erzählt wird jedoch nicht nur eine Liebes- und Lebensgeschichte auf dem harten Boden der Realität. "Böse Schafe" ist auch ein Buch über deutsch-deutsche Vergangenheit und die Disharmonien und Brüche der Geschichte einer Stadt, die es so nicht mehr gibt. Harry und Soja stehen dabei stellvertretend für das geteilte Berlin. Beide heißen zwar - zufällig - Krüger, doch jeder Krüger ist anders und es kommt eben nicht so leicht zusammen, was auf den ersten Blick zusammengehört. Großartig gelingt der Autorin die Entmystifizierung Berlins der unmittelbaren Vorwendezeit. Nicht das große glänzende Schlaraffenland stellt Lange-Müller dar, sondern eine kaputte und reizlose "Insel der Unseligen", in der sich Soja mehr schlecht als recht eingerichtet hat. Auch die Öffnung der Mauer, die Harry nur wenige Monate überlebt, skizziert die Autorin nicht als großen Befreiungsschlag. Für sie waren "die Ost-, West- oder Doppelberliner wie Asseln, die nach Asselart unter Steinen gelebt hatten." Als diese dann fortgenommen wurden, "irrten sie kopfscheu herum, die kleinen Wesen, oder stellten sich tot – und wünschten sich nur ihre Heimatsteine zurück; die Dunkelheit, die Ruhe, eben das, was sie gewohnt waren." Fazit: Katja Lange-Müller ist mit "Böse Schafe" ein wunderbar trauriger, berührender und sehr intensiver Roman über Glück und Unglück der Liebe, über das Berlin der Vor-Wende-Ära und über das Leben gelungen. Treffend formuliert es die "Süddeutsche Zeitung", "eine nackte Wahrheit, aber diese Nacktheit ist eine poetische Kraft." Sehr lesens- und auch sehr hörenswert.

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