Was vom Tage übrig blieb

von Kazuo Ishiguro 
4,1 Sterne bei171 Bewertungen
Was vom Tage übrig blieb
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Neue Kurzmeinungen

Positiv (135):
AnnBees avatar

Bedrückend, aber gut

Kritisch (10):
kerstin71s avatar

Ein gealterter Buttler blickt zurück auf sein Leben. An den Schreibstil musste ich mich erst gewöhnen, zum Teil sehr langatmig.

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Inhaltsangabe zu "Was vom Tage übrig blieb"

Stevens dient als Butler in Darlington Hall. Er sorgt für einen tadellosen Haushalt und ist die Verschwiegenheit in Person: Niemals würde er auch nur ein Wort über die merkwürdigen Vorgänge im Herrenhaus verlieren. Er stellt sein Leben voll und ganz in den Dienst seines Herrn. Auch die vorsichtigen Annäherungsversuche von Miss Kenton, der Haushälterin, weist er brüsk zurück. Viele Jahre lang lebt ergeben in seiner Welt, bis ihn eines Tages die Vergangenheit einholt. Das kritische Portrait einer von Klasse und Hierarchien geprägten Gesellschaft und eine bittersüße Liebesgeschichte, erzählt von einem, der seinen Stand nie hinterfragt und der nie auch nur geahnt hat, dass er liebte.
Zum Literaturnobelpreis 2017 jetzt als bibliophlie Sonderausgabe.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783453421608
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:288 Seiten
Verlag:Heyne
Erscheinungsdatum:14.11.2016
Das aktuelle Hörbuch ist am 18.12.2017 bei Random House Audio erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    dominonavor 11 Tagen
    Ein Buch wie eine Teezeremonie

    Wer einfach nur eine Geschichte will und mit einem besonderen Schreibstil nichts anfangen kann, greift hier eventuell zum falschen Buch. Ich habe oft die Übersetzung bewundert und für meine Verhältnisse lange gebraucht, weil ich das Buch genossen habe.

    Die Art und Weise der Hauptfigur kann man zurecht als würdevoll bezeichnen und man schmunzelt über ihn und bedauert seine Art manchmal. Für mich war dieses Buch ein Jahreshighlight.

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    B
    Bookishvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Fast keine Handlung, keine tiefgreifenden philosophischen Einsichten - dieses Buch überzeugt mich nicht
    Gesellschaftskritisches "Kammerspiel" in Buchform über ein ungelebtes Leben

    Kazu Ishiguros Roman "Was vom Tage übrigblieb" handelt von den Innenansichten des Butlers Stevens, der in dem herrschaftlichen englischen Anwesen Darlington Hall angestellt ist.

    Der gesamte Roman wird aus der Ich-Perspektive des Butlers erzählt und weist praktisch keine nennenswerte Handlung auf. Die einzige vorgebene Rahmenhandlung ist die Fahrt des Butlers durch England. Diese ist allerdings nicht funktional für die Geschichte, sondern scheint mir eher Stilelement zu sein.

    288 Seiten werden letztlich mit Stevens ziemlich unemotionalen Ansichten und Gefühlen gefüllt. Er erklärt, was einen sehr guten Butler ausmacht ("Würde"), was Würde im Butler'schen Sinne genau heißt, was für verschiedene Sorten von Butlern es gibt und welche mehr oder weniger erfolgreich sind und warum, wie sich ein Butler gegenüber seinen Herrschaften und dem ihm untergeordneten Personal (z. B. Haushälterin) zu verhalten hat usw.
    An dieser Stelle kommt dann auch die vermeintliche "Liebesgeschichte" ins Spiel, die man wirklich nur schwer als solche bezeichnen kann. Die Haushälterin Ms Benn ist nämlich in Stevens verliebt. Allerdings ist sie nicht in der Lage, ihm das zu sagen, sondern zeigt es - aus Butler'scher Perspektive - mit Grenzüberschreitungen (sie stellt Blumen in seine Räume). Aufgrund von Stevens Unemotionalität kann man nie sicher sagen, dass auch er in sie verliebt ist. Er selbst deutet es in den geschilderten Innenansichten allenfalls sehr, sehr zart an.

    Das, was Stevens als "Würde" definiert, ist letztlich nichts anderes als maximaler Gehorsam und maximale Selbstverleugnung. Butlersein ist nicht einfach ein Job, sondern die Person ist der Butler. Das Butlersein kann man also nicht einfach an- oder ablegen wie man will, nein, der Butler ist niemals etwas anderes als ein Butler. Ihm ist weder ein eigenes Leben noch eine eigene Persönlichkeit oder Meinung gestattet. Er lebt für und durch seine Herrschaft. Aufgrund der Tatsache, dass er selbst kein eigenes Leben führen darf, identifiziert er sich natürlich stärker mit dem seiner Herrschaft. Das, was der Herrschaft passiert, passiert auch ihm. Es ist eine kranke, fast schon symbiotische Beziehung.

    Stevens jedoch ist und bleibt stets das angepasste Chamäleon. Auch als sein Vater stirbt, beweist er "Würde". Er besucht ihn nur einmal, als dieser im Sterben liegt und bedient dann die Herrschaften weiter wie wenn nichts wäre. Die persönliche Seite des Butlers darf nicht durchdringen und dass er diese Sorte von "Würde" (Selbstverleugnung) besitzt, beweist er (sich und anderen) in solchen Momenten. Sein Vater ist in diesem Moment selbst recht emotional und will auf ihn bezüglich seines ungelebten Lebens einwirken, das der Vater selbst bereits hinter sich hat und bereut.
    Das ist allerdings ein Aspekt, der fast schon unglaubwürdig ist. Wie kann ein Butler überhaupt Kinder haben? Sicher, Stevens' Vater ist kein first-class Butler wie er, aber auch sein Vater hat ja seine Gefühle und sein Leben verleugnet.
    Wie auch immer, Stevens arbeitet scheinbar gefühllos wie ein Roboter einfach immer weiter, bereit, auf die kleinsten Anzeichen seines Herrn zu reagieren. Eiskalt reagiert Stevens auch, als Mr. Darlington aufgrund seiner Nähe zu Nazi-Deutschland und zu britischen Nazis die zwei jüdischen Hausmädchen entlassen will und dann auch tatsächlich entlässt. Stevens als Vorgesetzter ist für diese Entlassungen verantwortlich und zuckt dabei nicht mal mit der Wimper. Was die Herrschaft will, wird umgesetzt. Es gibt kein Hinterfragen, denn das steht einem Butler nicht zu.

    Seine Fahrt durch England, zu der ihn seiner neuer, US-amerikanischer Herr namens Farraday fast schon drängen muss und die sich Stevens mit dem Aufsuchen von der inzwischen Jahren verheirateten Miss Benn (Miss Kenton) als mögliche Lösung von Personalproblemen begründet, verläuft ebenfalls unspektakulär. Miss Benn rückt dann endlich mal damit raus, was Sache ist und Mr Stevens auch, allerdings bleibt dann alles wie es ist. Ein anderes Ende wäre für eine Figur wie Stevens auch extrem unwahrscheinlich gewesen.

    Der Roman ist interessant für alle, die sich für die Innenansichten eines Butlers interessieren und die sich für England und seine Spleens interessieren (wovon das Butlerwesen sicherlich ein sehr brutaler Spleen ist). Dennoch, und das ist der Grund, warum es nur zwei Sterne gibt, hätte der Autor dieses Buch locker auf die Hälfte eindampfen können, ohne dass inhaltlich etwas verloren gegangen wäre. Zweifelsohne ist das Werk beeindruckend in der Hinsicht, dass der Autor das traurige Leben eines Butlers konsequent festhält und durchhält, dennoch hätte ich hier deutlich mehr erwartet.

    Ein Buch dieser Sorte kann auch ohne Handlung auskommen - wenn es tiefgreifende biographisch-philosophische Einsichten bietet. Das ist bei "Was vom Tage übrigblieb" aber leider nicht der Fall. Letztlich hat das Buch einen stark beschreibenden Charakter (Vgl. Fontanes "Effi Briest", nur dass selbst das noch spannender zu lesen ist), wahrscheinlich, weil der Leser sich selbst seine Meinung bilden soll. Das ist auch in Ordnung, ich denke aber, dass man das auch mit weniger Seiten und mit mehr biographisch-philosophischem Input hinbekommen hätte. Die Thematik selbst hätte man auch nicht minder gesellschaftskritisch in einem Sachbuch behandeln können, dafür hätte der Autor aber stringenter vorgehen müssen - und ich denke, dass genau das auch ein Problem des Autors ist: Stringenz. Daher auch die weitschweifigen Erklärungen, das ziellos wirkende Herumfahren Stevens' etc.

    Unglücklicherweise verfestigt das Buch auch das Klischee, dass anspruchsvolle Literatur oft sehr langweilig zu lesen ist. In einigen Fällen stimmt das sicher, aber längst nicht in allen. Leider gehört dieses Buch zu ersteren Sorte.

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    Yolandes avatar
    Yolandevor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Literarisch sicherlich wertvoll, für den Leser auf die Dauer leider langweilig :/
    Ereignislos

    Kazuo Ishiguro wurde am 8. November 1954 in Nagasaki, Japan geboren. Im Alter von 5 Jahren zog er mit seiner Familie nach  Großbritannien und wuchs in Surrey auf. Er studierte Englisch und Philosophie und besuchte anschließend einen Studiengang für Kreatives Schreiben an der University of East Anglia in Norwich, wo er 1980 seinen Master in Literatur erwarb. Bereits während dieser Zeit schrieb Ishiguro erste Kurzgeschichten, die allesamt veröffentlicht wurden. Für seinen Roman The Remains of the Day (Was vom Tage übrig blieb) erhielt er 1989 den Booker Preis. Im Jahr 2017 erhielt Kazuo Ishiguro den Nobelpreis für Literatur. Er lebt heute mit seiner Familie in London.


    Inhalt (Klappentext):
    Stevens dient als Butler in Darlington Hall. Er sorgt für einen tadellosen Haushalt und ist die Verschwiegenheit in Person. Niemals würde er auch nur ein Wort über die merkwürdigen Vorgänge im Herrenhaus verlieren. Er stellt sein Leben voll und ganz in den Dienst seines Herrn. Auch die vorsichtigen Annäherungsversuche von Miss Kenton, der Haushälterin, weist er zurück. Viele Jahre lebt Stevens ergeben in seiner Welt, bis ihn eines Tages die Vergangenheit einholt und er zum ersten Mal ausbricht aus seiner Welt...

    Zu Beginn des Buches war ich sehr angetan. Der Schreibstil von Ishiguro ist flüssig und gut zu lesen und seine Sprache ist wunderschön. Besonders gefiel mir der subtile Humor, der in den Erzählungen des Butlers Stevens mitschwang. Leider blieb die Geschichte durchweg ziemlich ereignislos. Da das Buch in der Ich-Form aus der Sicht des sehr beherrschten und emotionslosen Butlers geschrieben ist, war das literarisch sicherlich richtig, aber für den Leser wurde es leider langweilig. So erlebt man eine Woche im Leben dieses Mannes, während er seine Vergangenheit reflektiert, aber dadurch dass er seine Gefühle überhaupt nicht zulassen kann, wird auch nichts für den Leser transportiert. 

    Fazit: Literarisch gesehen ist dieses Buch sicherlich ein Meisterwerk, für den Leser ist es auf die Dauer leider langweilig. Naja, jetzt habe ich wenigstens auch ein Buch vom aktuellen Nobelpreisträger gelesen.


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    Hortensia13s avatar
    Hortensia13vor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Einblick ins Butlerdasein, keine seichte Literatur
    Butler sein oder nicht sein

    Mr. Stevens lebt seine Berufung Butler zu sein. In Darlington Hall sorgt er für einen reibungslosen Ablauf im Haushalt. Als sein Dienstherr Lord Darlington verstirbt, übernimmt ein Amerikaner das Anwesen und das Personal. Mr. Stevens versucht nun seinen Weg in den neuen Begebenheiten zu finden. Dabei kommt ein Brief der ehemaligen Haushälterin Ms. Kenton gerade recht. Verbunden mit einer Autoreise möchte er sie besuchen und sie wieder überzeugen zurückzukehren. Während der Fahrt sinniert Mr. Stevens über die Vergangenheit und sein Butlerdasein nach. Und fragt sich: Was blieb vom Tage übrig?

    Dieser Roman des britischen Schriftstellers und Literatur-Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguro wurde im Jahre 1989 veröffentlicht. 2015 wurde das Buch zu einem der bedeutendsten britischen Romane gewählt. Und britisch ist es wirklich. Es strahlt eine ruhige und fast kühle Atmosphäre aus. Die Sprache ist mir erhaben und beinahe vornehm erschienen. Dabei ist es nicht einfach den vielen Nebensätzen zu folgen. Am besten beschreibt man die Geschichte sinnbildlich wie folgt: Geplauder eines alten Opas im Alterheim, der über sein Leben philosophiert. So schweift der Erzähler immer wieder ab. Erzählt mal dies, mal jenes, um wieder den Faden aufzunehmen.

    Grundsätzlich ein interessanter Einblick ins Butlerdasein in der Zwanziger- und Dreissigerjahren. Ich würde es aber eher als Hörbuch empfehlen.

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    Caro_Lesemauss avatar
    Caro_Lesemausvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Es ist keine spannende Geschichte, aber sie wurde in beachtenswertem Schreibstil verfasst - poetisch und sicherlich gewöhnungsbedürftig
    Poetisches Philosophieren über die Würde und das Leben eines englischen Butlers

    Mister Stevens ist ein englischer Butler der alten Schule. Sein Arbeitsleben wird auf den Kopf gestellt, als das Herrenhaus Darlington Hall von einem Amerikaner gekauft wird. Dieser bewegt Stevens schließlich dazu, seine Butlertätigkeit mal für einige Tage zu unterbrechen und eine Reise durch England zu unternehmen - zum ersten Mal im Leben. Stevens weiß nicht so recht, wohin mit sich und der freien Zeit und beschließt, dem Urlaub letztlich doch ein dienstliches Ziel zu geben. Er möchte die ehemalige Hausdame Miss Kenton (die er trotz ihrer Heirat weiterhin so nennt) in Cornwall besuchen und ihr die alte Stelle wieder anbieten, da ihre Briefe aus seiner Sicht Andeutungen zu einer gescheiterten Ehe enthalten.


    Ich brauchte einige Dutzend Seiten, um mich in den sprachlichen Stil einzufinden. Das Buch wird aus Stevens Ich-Perspektive hauptsächlich als eine Art innerer Monolog erzählt. Während seiner Fahrt durch England sinniert er über die letzten Jahrzehnte und den Dienst bei Lord Darlington nach. Die Sprache ist Stevens beruflicher Position und seiner Zeit angepasst (die hauptsächlichen Erinnerungen werden aus der Zeit der beiden Weltkriege erzählt). Besonders an die stark verschachtelten Sätze musste ich mich eine Weile gewöhnen. Die Beschreibungen sind zum Teil sehr detailverliebt.  Im Mittelpunkt steht die Frage, was einen "großen Butler" ausmacht und was die Würde des Berufes bedeutet.  Diese Themen werden immer wieder aufgegriffen, wodurch sich die Geschichte an manchen Stellen in die Länge zog. 
    Stevens Erinnerungen sind verwässert durch seine völlige Hingabe zu Lord Darlington und dem Selbstverbot zur Kritik an seinem ehemaligen Hausherren. Hier entstehen viele Interpretationsspielräume und ich gewann den Eindruck, dass Stevens viele Dinge nicht objektiv wahrgenommen hat bzw. dies auch retrospektiv nicht möchte. Schon allein, weil aus seiner Sicht einen "großen" Butler der Dienst an einem respektablen Herrn mit politischem Einfluss ausmacht. Jegliche Herabwürdigung Lord Darlingtons würde damit auch seine Selbstaufgabe in dessen Dienst in einem anderen Licht erscheinen lassen. 
    Dann ist da noch Miss Kenton - der Klappentext spricht von einer Liebesgeschichte. Wenn überhaupt, dann hat diese nur zaghaft und einseitig stattgefunden. In den Szenen zwischen den beiden kann man sich eine Zuneigung gut vorstellen, nur dass Stevens sich diese aus Pflichtbewusstsein niemals eingestehen könnte. Auch in seinen Erinnerungen kommt er nie zu dem Schluss, romantische Gefühle für Miss Kenton gehegt haben zu können oder eine Chance verpasst zu haben. Bei Miss Kenton hat man schon eher das Gefühl, dass sie auf ein Zeichen von ihm wartet. Auch dies wird dem Leser aber insgesamt zur Interpretation überlassen. Wie die beiden sich am Ende begegnen und ob Miss Kenton sein Stellenangebot annimmt, möchte ich hier nicht verraten.

    Fazit:
    Entgegen des Klappentextes würde ich dieses Buch nicht in erster Linie als Liebesgeschichte bezeichnen. Vielmehr ist es ein Lebensresümee eines englischen Butlers, der gelernt hat, professionell zu sein und seine Gefühle niemals zu zeigen.  Die poetische, aber durch verschachtelte Sätze sehr komplizierte Ausdrucksweise habe ich als authentisch und gleichzeitig mühsam empfunden. Ich brauchte einige Zeit, um mich hineinzufinden. Die Geschichte lebt eher von den Interpretationen, die sie dem Leser überlässt, als von der Erzählung an sich. Dadurch entstehen immer wieder Längen, die mich nicht gerade zum Weiterlesen animierten. Ich habe relativ lange gebraucht, um dieses eigentlich nicht umfangreiche Buch zu beenden. 
    Ich vergebe 3,5 Sterne, die ich auf 4 aufrunde.

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    tinstamps avatar
    tinstampvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Ein sehr ruhiger, aber eindringlicher Roman über ein Leben der absoluten Hingabe an den Beruf und der Loyalität gegenüber seinen Hausherren.
    Ein excellenter Butler

    Bewertung: 3 1/2 Sterne

    Kazuo Ishiguro wurde 2017 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Somit war es endlich an der Zeit auch einmal ein Buch des Autors zu lesen. Mit "Was vom Tage übrig blieb" habe ich bereits vor Wochen meinen ersten Ishigura gelesen. Nun habe ich auch meine Rezension fertig...

    Die Roman erzählt die Geschichte des Butlers Stevens in einem englischen Adelhaus. Der Leser begleitet Mister Stevens auf seiner mehrtägigen Reise durch Südengland. Er ist auf dem Weg zur ehemaligen Hausdame Miss Kenton. Der neue Besitzer von Darlington Hall, der Amerikaner Mister Farraday, legt zwar nicht mehr so viel Wert auf gesellschaftliche Anlässe und Festivitäten wie sein Vorgänger, jedoch mangelt es an einer richtigen Hausdame. Für Mister Stevens gibt es keine Alternative zu Miss Kenton, die er gerne nach Darlington Hall zurückholen möchte.
    Wir begleiten Mister Stevens, dessen Vornamen der Leser nie erfährt, auf seinem Weg zu seiner ehemaligen Kollegin, die er sehr geschätzt hat und für die er auch einige Gefühle hegte. Auf der langen Autofahrt begegnen wir interessanten und vielschichtigen Personen. In Rückblenden finden wir mehr über seine Vergangenheit und seinen Arbeitsalltag als Butler, sowie über die Unterschiede zu seinem alten Hausherren Lord Darringotn gegenüber Mister Farraday heraus. Die straffen Benimmregeln und wie ein richtig guter Butler zu arbeiten hat, sind Mister Stevens sehr wichtig. Auch sein Vater war bereits Butler bei Lord Darrington und hat ihm gelehrt, dass Pflichterfüllung und Traditionen das Wichtigste im Leben sind.

    Stevens lebt für seinen Beruf und der Loyalität seinem Lord gegenüber, der viele Gesellschaften gab und politisch sehr interessiert war. Es erfüllt ihn mit Stolz, dass er einige wichtige Politiker auf Darlington Hall empfangen und bedienen durfte. Deutsche und Engländer geben sich genauso die Türklinke in die Hand, wie auch Amerikaner. Stevens ordnet sein Leben völlig seinem "Butler sein" unter, wie er es von seinem Vater gelernt hat. Persönliche Befindlichkeiten und Gefühle spielen dabei keine Rolle. Besonders schmerzlich empfand ich die Sterbeszene mit Stevens Vater, der noch auf Darlington Hall lebt und bis zum Ende nicht einsehen will, dass er seine Aufgaben nicht mehr vollwertig erfüllen kann. So viel Gefühlskälte, wie der Vater seinen Sohn auf dem Sterbebett vermittelt, ist sogar beim Lesen erschreckend. Das ganze Leben machte für Stevens und seinem Vater nur Sinn, wenn man sich wie ein perfekter Butler verhält. Das eigene Leben, die Liebe oder Gefühle werden vollkommen ignoriert. Selbstaufgabe und Verzicht bestimmen seinen Alltag. Doch die Zeiten ändern sich. Mit Wehmut blickt Stevens deswegen auf die Zeit mit seinem alten Dienstherren zurück, denn der Amerikaner, der nun sein neuer Chef ist, vertritt auch den Wandel der Zeit. Butler zu sein erscheint nicht mehr zeitgemäß und Stevens fühlt sich "aus der Zeit gefallen"... Man fragt sich als Leser, was das Leben ausmacht und ob die völlige Aufgabe für seine Arbeit sinnvoll ist.

    Der sehr ruhige Roman hat mich in eine längst vergangene Zeit in England versetzt. Er spiegelt die englische Kultur wider und entführt uns in die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotz der einfühlsamen Erzählung gab es für mich einige Längen, die mich das Buch hin und wieder zur Seite legen ließen.

    Schreibstil:
    Der Schreibstil ist sehr poetisch, der erahnen lässt, warum der Autor den Literaturnobelpreis erhalten hat. Es gibt lange verschachtelte Sätze und einige Szenen sind sehr ausschweifend und detailverliebt. Die Einblicke in Stevens Denken und Handeln werden sehr eindrucksvoll erzählt.

    Fazit:
    Ein sehr ruhiger, aber eindringlicher Roman über ein Leben der absoluten Hingabe an den Beruf und der Loyalität gegenüber seinen Hausherren. Für mich trotz der wunderschönen poetischen und detailverliebten Sprache etwas zu langatmig.

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    Literatur-Universums avatar
    Literatur-Universumvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Literaturnobelpreis 2017
    Reflexion eines Lebens

    Wie beginnt man eine Reise, wenn man nie gelernt hat zu reisen? Mit Tipps? Mit einer Reisebegleitung? Der 56-Jährige Stevens versucht es mit einem Buch. Sein neuer Dienstherr Farraday legt ihm ans Herz endlich einmal zu verreisen. Dazu überlässt er ihm sein Auto und übernimmt die Benzinkosten. Für den Butler ist es jedoch eine Reise in seine Vergangenheit. So weit er auch kommt, schwelgt er immer wieder in Erinnerungen an früher. Wer war er? Und was machte ihn als Butler aus? Was ist überhaupt ein perfekter Butler? Zudem berichtet er immer wieder über die Zeit bei seinem alten Dienstherren Darlington, der eine große Persönlichkeit war und viel Einfluss im 2. Weltkrieg hatte.

    Kazuo Ishiguro hat 2017 den Nobelpreis erhalten. Den meistdotierten und bedeutendsten Buchpreis weltweit. Mag sein, dass er mit diesem Buch nicht die größte Geschichte erzählt hat. Er hat aber unter Beweis gestellt, dass man mit einer guten Sprache und Schreibfertigkeit nicht den Stoff einer großen Geschichte benötigt, um einen Leser zu fesseln.

    Die Bildhaftigkeit in der Sprache und die filigrane Beschreibung der Figuren sind so speziell angefertigt worden, dass man sich jede Figur hautnah vorstellen kann. Man gewinnt eine Nähe zu der Geschichte, weil die Sprache und Artikulation der Figuren zu einer wahrhaftigen Melodie werden. Der Ich-Erzähler ist ein Butler in jeder Faser seines Körpers. Man merkt ihm an, wie wichtig ihm seine Arbeit, und alles was sich um seine Arbeit spielt, ist. Jedes Detail, welches aus der Norm springt, interessiert ihn nicht, weil er seinen Blick nur auf das Wesentliche fokussiert. Selten hat man so eine Hingabe für einen Job in der Literatur zu lesen bekommen. Ein raffinierter Schachzug, der ideenlosen Gesellschaft von heute zu zeigen, was in der alltäglichen Arbeitswelt tatsächlich von Bedeutung ist.

    Durch die Erzählung des Ich-Erzählers, der auch erwähnt, dass gewisse Dinge auch anders abgelaufen sein könnten, sie lange zurückliegen und seine Erinnerungen ihn auch täuschen könnten, gewinnt man viel Sympathie zu der starken Persönlichkeit des Erzählers. Außerdem erhält der Leser einen Blick auf eine Liebesgeschichte des Ich-Erzählers, die der Erzähler selbst nie begriffen hat. Diese Raffinesse in der Erzählung zeichnet den großen Meister Ishiguro aus.

    Was auf der Strecke bleibt, ist das Reiseerlebnis. Die Figur ist so sehr von der Vergangenheit ergriffen und gefesselt, dass sie die Dinge, die sich vor ihren Augen bilden und eröffnen nur vage und peripher wahrnimmt. Hier wäre eine Beschäftigung mit der Gegenwart interessant gewesen. Jedoch lässt diese Lücke im Text keinen allzu großen Raum für eine Diskussion, dass der vorliegende Roman ein wahres Meisterstück ist.

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    LaCivettas avatar
    LaCivettavor 7 Monaten
    Schöne Sprache

    Der Butler Stevens begibt sich, nachdem er jahrzehntelang in einem Herrenhaus gedient und dabei sein eigenes Leben komplett zurückgestellt hat, erstmals auf eine Reise durch England. Diese Reise wird zu einem Rückblick auf sein bisheriges Leben und regt Stevens viel zum Nachdenken an, so wird es auch eine Reise zu sich selbst.

    Sprachlich sehr schön geschrieben, gibt der Autor dem Leser einen tiefen Einblick in die Welt seines Protagonisten.
    Es ist ein Buch der eher leisen Töne, aber dennoch lebendig , atmosphärisch, eindrucksvoll und tiefgreifend.
    Die Geschichte stimmt mich nachdenklich und lässt mich auch nach Beendigung des Buches nicht mehr so schnell los.

    Es war mein erstes Buch von Kazuo Ishiguro und sein Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Ich werde auf jeden Fall noch weitere Bücher von ihm lesen!

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    Filzblumes avatar
    Filzblumevor 7 Monaten
    Ein großer Roman - erzählt die Geschichte eines Butlers, der alles gab

    „Ein Butler von einigem Format muss seine Rolle voll und ganz ausfüllen, muss gewissermaßen in ihr leben; er darf sich nicht dabei sehen lassen, wie er sie jetzt ablegt und im nächsten Augenblick wieder überstreift, als wäre sie nichts als das Kostüm eines Komödianten„. Der Butler Stevens, seinem Vornamen erfährt man nie, ist ein vorbildlicher, würdevoller, pflichtbewusster und sehr korrekter, um nicht zu sagen, pedantischer Butler. Er dient Lord Darlington, auf Darlingten Hall, mit seinem ganzen Wesen- tagein und tagaus. Er ist seit 30 Jahren der Butler. 1956 macht er auf Wunsch seines Dienstherren eine Reise nach Weymouth, um dort Miss Kenton, die ehemalige Haushälterin von Darlington Hall zu treffen. Unterwegs mit dem Auto des Lords,begegnen ihm Menschen, die ihn über die Vergangenheit nachdenken lassen. Das Buch hat 2 Erzählstränge. Die Zeit in den 1930iger Jahren, als er und Miss Kenton zum Personal von Darlington Hall gehören, dann 1956, wo er als alter Mann die sechstägige Reise antritt. Die Figur des Butlers Stevens ist tragisch. Er unterdrückt seine Gefühle in jeder Lebenslage, Miss Kenton bringt ihn mit ihrer normalen Art durcheinander. Er jedoch ist immer der korrekte Butler, hat stets eine Begründung für sein Handeln. Er verleugnet das Leben und die Liebe, verschließt seine Augen auch vor dem politischen Geschehen auf Darlington Hall, als seine Lordschaft den Herrn von Ribbentrop, den damaligen deutschen Botschafter in England, und andere Politiker aus der Zeit zu einer Konferenz bedient. Dem Autor gelingt es die damalige Zeit, die gesellschaftlichen Konventionen, politischen Ereignisse mit der Figur des Stevens zu seinem Dienstherren und den Personal auf tragische und teils traurige Weise zu verbinden. Stevens, der durch die Pflichterfüllung sein Leben opfert und auch die Liebe. „für sehr viele Menschen ist der Abend der erfreulichste Teil des Tages. Vielleicht hat dann auch sein Rat etwas für sich, dass ich aufhören soll, so viel zurückzuschauen, dass ich eine positivere Einstellung gewinnen und versuchen sollte, aus dem, was vom Tage übrig bleibt, noch das Beste zu machen. Was haben wir schließlich davon, wenn wir ständig zurückblicken und uns Vorwürfe machen, weil aus unserem Leben nicht das geworden ist, was wir uns vielleicht einmal vorgestellt „ Der Roman ist verfilmt worden. Ich sah den wunderbaren Anthony Hopkins in der Rolle des steifen Butlers und Emma Thompson als Miss Kenton. Die wunderbaren Dialoge zwischen den beiden haben mir im Buch sowie auch in der Literaturverfilmung sehr gefallen. Klare Leseempfehlung für Anspruchsvolle.

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    Sognantes avatar
    Sognantevor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Ich fand es brilliant geschrieben - warmherzig, menschlich, ein besonderes Buch.
    Totale Begeisterung

    "Was vom Tage übrig blieb" ist Kazuo Ishiguros preisgekrönter Weltbestseller.
    In diesem Roman nimmt uns der Ich-Erzähler mit auf eine kleine Autofahrt durch England. Die sechstägige Fahrt ist der erste Urlaub, den sich unser Protagonist Stevens, wenn auch etwas widerwillig, erlaubt.
    Stevens ist Butler mit Leib und Seele und nutzt die ungewohnte freie Zeit zur Reflektion und zum Nachsinnen über sein Leben, seine Einstellungen zu Politik und Gesellschaft und über seine Beziehungen zu anderen Menschen.
    Hierbei bekommt er immer wieder Anregungen von den Orten und den Menschen, denen er begegnet.
    Letztendlich führen alle seine Gedanken immer wieder zu seinem Beruf zurück. Er widmet seiner Berufung sein Leben und ist stets bestrebt sich weiter zu entwickeln, denn er sieht in sich selbst das Potenzial zu einem "großen Butler", wie auch sein Vater einer war.

    Ishiguro trägt uns mit Stevens Erinnerungen in eine Welt mit klaren Hierarchien und unumstößlichen Prinzipien. Da der Wunsch ein "großer Butler" zu sein, Stevens immer daran festhalten lässt, nie aus der Rolle zu fallen und seine Gefühle unter der Maske der Professionalität zu verstecken, sind der Aufbau privater Beziehungen für Stevens beinahe unmöglich.
    Die dadurch verkomplizierte, obgleich so unaufhaltsam wirkende  Liebesgeschichte in Ishiguros Roman hat mich sehr berührt.
    Stevens wirkt nicht wirklich traurig über seine getroffenen Entscheidungen, höchstens ein wenig melancholisch, wenn er an vergangene Möglichkeiten denkt. Er interpretiert sie dabei auch nicht als vertane Chancen, da sein Platz in dieser Welt unzertrennbar mit seinem Berufsethos verbunden ist. Dieser Berufsethos fordert von ihm eine völlige Auflösung seiner Person in der Rolle des Butlers, die er niemals hinterfragen würde. Tut er es doch einmal, dann öffnet sich ihm kurzzeitig eine beängstigende Welt, die er schnell wieder verlässt, um sich in eine "mit seiner Position in Einklang stehende Würde" zurückzuziehen.
    Dadurch strahlt die Figur von Stevens den Gleichmut eines Menschen aus, der sich seiner Identität sicher ist. Die Rolle des Butlers schützt ihn vor allzu tiefen Emotionen und bewahrt ihn auch vor schmerzhaften Gefühlen.
    Als Leserin hatte ich den schmerzlichen Eindruck, dass dieser Mann sein Leben verpasst.

    Ishiguro schreibt wunderbar gekonnt und gibt Stevens die anmutige, leicht gestelzte Ausdrucksweise, die man von einem englischen Butler erwartet.
    Ich war vom Stil des Buches restlos begeistert. Ishiguro schreibt sehr warmherzig, menschlich und in leisen Tönen. Er zeigt uns die Seele seiner Figur, ohne sie bloßzustellen.
    Meiner Meinung nach ganz große Kunst und sicherlich ein Grund dafür, dass Kazuo Ishiguro 2017 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde.

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