Kees Beijnum

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Die Zerbrechlichkeit der Welt

Die Zerbrechlichkeit der Welt

 (8)
Erschienen am 03.10.2016

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Rezension zu "Die Zerbrechlichkeit der Welt" von Kees Beijnum

Hoffnungen sind zerbrechlich
Ein LovelyBooks-Nutzervor 2 Jahren

Die Geschichte spielt zur Zeit der Tokioter Prozesse nach dem 2. Weltkrieg und verwebt das Schicksal von drei sehr unterschiedlichen Protagonisten. Darunter den niederländischen Richter Brink, der als einer der 11 Richter in den Prozessen gegen die Verantwortlichen der japanischen Armee und Regierung fungiert, Michiko eine japanische Sängerin, die im Krieg ihre Eltern verlor und nun in den Ruinen ihrer Heimat ums Überleben und eine bessere Zukunft kämpft und zuletzt den versehrten japanischen Kriegsveteran Hideki, den die traumatischen Erlebnisse an der Front stark belasten und der aufgrund seiner Verletzung nur schwer einen Weg zurück ins Leben findet.

Mein Eindruck:
Der Autor fängt die sehr bedrückende Stimmung der Nachkriegszeit hervorragend ein. Tokio ist in weiten Teilen zerstört, viele haben ihre Familien und all ihr Eigentum verloren, sind obdach- und arbeitslos, insbesondere in den Städten leidet die Bevölkerung Hunger. Gleichzeitig ist das Land von den Siegermächten besetzt, die zwar beim Wiederaufbau helfen, ihre Machtposition aber auch oft genug gegenüber der mittellosen Bevölkerung ausnutzen. Insbesondere die Ansichten und Sorgen der Einheimischen konnte mir der Autor verständlich näherbringen. Die Angst, dass der Wideraufbau durch westliche Besatzungsmächte auch einen Verlust an japanischer Kultur zur Folge hat, der große Stolz der Japaner, der es sehr schwer macht, die Niederlage im Krieg überhaupt zu akzeptieren. Wie der Autor so schön sagte befindet sich die Bevölkerung im Krieg, nach dem Krieg, der auf ganz andere Weise grausam ist. Es werden dabei ganz tolle Gedanken zum Krieg im Allgemeinen und zu kulturellen Unterschieden aufgeworfen, sodass ich mir während des Lesens viele Passagen markieren konnte. 

Die Protagonisten waren mir alle drei sehr nah und ich habe ihr Schicksal mit viel Interesse verfolgt und vor allem ihr Leid geteilt. Insbesondere kulturell bedingte Missverständnisse durch Besonderheiten in der Kommunikation oder durch völlig unterschiedliche Wertvorstellungen waren sehr gut herausgearbeitet und die daraus resultierenden Konflikte ließen sich nicht einfach aus der Welt schaffen. Entsprechend empfand ich das Buch als gut recherchiert und erhielt den Eindruck, dass sich der Autor mit der japanischen Kultur auskennt.

Die Erzählweise ist sehr sanft und leise, was das zum Teil unerträgliche Leid der einzelnen Personen für mich noch bedrückender machte und dem Buch insgesamt eine sehr traurige Stimmung gibt, die man mögen muss. Trotz der grausamen Schicksalsschläge wird der Autor in seiner Erzählweise nie dramatisch oder effektheischend, sondern verbleibt in seiner klaren und ruhigen Sprache. Auch das Ende konnte mich überzeugen, weil es die Geschichte zu einem sehr passenden Abschluss bringt und nicht versucht den Leser glücklich zu machen. 

Durch dieses Buch habe ich außerdem etwas über den Japanisch-Chinesischen Krieg und die Tokioter Prozesse gelernt. Ein Thema von dem ich vorher kaum etwas wusste und mit dem ich mich nun weiter beschäftigen möchte. 

Eine Empfehlung an alle, die der Kriegsthematik nicht generell abgeneigt sind, ruhig erzählte Bücher mit einer traurigen Stimmung mögen und sich für die japanische Kultur interessieren. 

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Rezension zu "Die Zerbrechlichkeit der Welt" von Kees Beijnum

Zart und einfühlsam
raven1711vor 2 Jahren

Klappentext:
Tokio 1946: Der Richter Rem Brink ist vom niederländischen Außenministerium zu den sogenannten Tokioter Prozessen gesandt worden, um mit den Siegermächten die japanischen Kriegsverbrechen aufzuarbeiten. Brink ist sich seiner besonderen Verantwortung bewusst, sucht gleichzeitig aber auch Zerstreuung in einer Liaison mit der jungen Sängerin Michiko. Durch sie lernt er eine ganz andere, faszinierende Seite Japans kennen. Doch als Michiko ihn um einen Gefallen bittet, der seinen politischen und moralischen Grundsätzen widerspricht, wird die Beziehung auf eine harte Probe gestellt …

Meinung:
Im Jahre 1946 ist der 2. Weltkrieg vorbei und die Verlierer des großen Kriegs müssen sich in Prozessen ihren Taten stellen. So auch Japan, das einstige Kaiserreich, das sich nun einem neuen System unterordnen muss. Der Kaiser ist abgesetzt, die Demokratie soll Einzug halten. Unter den vor Ort gastierenden Richtern ist auch der Niederländer Rem Brink. Das fremde Land und seine fehlende Familie setzen dem Mann zu. Japans Kultur und die Wesenszüge der Einheimischen machen die Einsamkeit noch größer. Als er die Sängerin Michiko kennen lernt, erhält er einen Lichtblick am Horizont, der ihm auch den Blickwinkel auf die Ereignisse rund um die Japaner erweitert. Doch Empathie für die Verlierermacht ist nicht gerne gesehen am Richterhof und Brinks Karriere gerät ins Wanken. Aber auch für Michiko ändert sich das Leben radikal, als sie sich mit Brink einlässt.
Im Vordergrund der Geschichte stehen nicht nur Rem Brink und die Japanerin Michiko, sondern auch Michikos Cousin Hideki, der in China als Soldat der japanischen Armee gedient hat und versiert zurückgekehrt ist. Beeindruckend an den Figuren ist, dass sie sehr gut die japanischen Mentalitäten und Verhaltensweisen wiederspiegeln. So ist Michiko zwar eine großartige Sängerin, die unter westlicher Anleitung eine große Karriere anstrebt, auf der anderen Seite aber ist sie ihrer Erziehung und den Werten der japanischen Gesellschaft treu. So wirken die Japaner eher kühl und etwas undurchsichtig im Roman, agieren aber genau nach den ihnen wichtigen Normen und Regeln und sind somit sehr authentisch. Die Figuren polarisieren, stoßen den Leser aus seiner Komfortzone und wirken lange nach.
Auch die Geschichte selber vermittelt den japanischen Geist, ist eher ruhig, legt das Augenmerk auf die Handlung und stellt augenscheinlich die Gefühle zurück. Doch zwischen den Zeilen brodelt die Handlung und berührt mit ihrer Emotionalität. So bleibt der Roman sich treu, kann den japanischen Geist und die Gesellschaft perfekt wiederspiegeln und berührt den Leser. Der einnehmende Erzählstil, hier übersetzt von Hanni Ehlers, macht das Buch zu einem Pageturner und so habe ich mit Spannung den Weg von Brink, Michiko und Hideki verfolgt, habe mitgelitten, gefiebert, gehofft und gebangt. Die Kapitel sind moderat lang, das Buch selber in drei Teile unterteilt. Und neben den Schicksalen der drei Hauptfiguren erhält man hier einen neuen Blickwinkel auf die Ereignisse im 2. Weltkrieg, sowie Einblicke in eine Kultur, die von unserer so verschieden ist.

Fazit:
Die Zerbrechlichkeit der Welt ist ein zart erzählter, im ersten Eindruck eher kühler Roman, der einen spannenden Einblick in eine uns eher fremde Kultur gewährt, dabei doch hochemotional ist und gut recherchiert wurde. Die Schicksale bestürzen und berühren. Und es war überaus interessant und lehrreich, einen anderen Aspekt und Bereich des 2. Weltkriegs kennen zu lernen.
Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten.
Vielen Dank an den C. Bertelsmann Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Rezension zu "Die Zerbrechlichkeit der Welt" von Kees Beijnum

Ein zartes, zerbrechliches und doch ausdrucksstarkes Buch
Ein LovelyBooks-Nutzervor 2 Jahren

„Die Zerbrechlichkeit der Welt“ lautet der Titel des neuesten Romans von Kees van Beijnum, welcher zu den bekanntesten Autoren der Niederlande zählt und bisher elf Romane veröffentlicht hat. Für mich war es das erste Werk von ihm, wovon ich höchst angetan bin. Aber ich verrate schon zu viel.

Mit „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ entführt uns van Beijnum ins Tokio der Nachkriegszeit, 1946. Japan ist zerrüttet, zerstört, die Menschen hungern, kämpfen um ihr Überleben und sind gleichzeitig mutig und voller Kraft und Tatendrang, ihr Land wiederaufzubauen. Mittendrin: Der Niederländer Rem Brink, der als Richter im internationalen Tribunal japanische Kriegsverbrecher verurteilen soll. Ihm geht es allerdings weniger um das Verurteilen selbst als um einen fairen Prozess, womit er bei seinen Kollegen auf Unverständnis stößt. Immer öfter sucht er Zerstreuung im Tokioter Nachtleben und trifft dort auf die junge Sängerin Michiko. Zwischen beiden entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte. Doch Brink befindet sich im Zwiespalt zwischen Michiko, die ihm ein völlig neues Gefühl seiner selbst gibt und seinem alten, geregelten Leben als Ehemann und Vater dreier Kinder in Europa. Er steckt in einer Art Identitätskrise zwischen den Werten seines europäischen Lebens und denen Japans fest. Auch Michiko hat zu kämpfen, denn als stolze und traditionsbewusste Japanerin fällt es ihr ebenfalls nicht leicht mit dem Widerstand, auf den ihre Affäre trifft, umzugehen. Als der Cousin Michikos, Hideki, der als Kriegsinvalide gleichermaßen eine Identitätskrise zu bewältigen hat, auf die Hilfe des Richters angewiesen ist, muss dieser eine Entscheidung zwischen seiner beruflichen Ehre und seinen Gefühlen zu Michiko treffen.


In drei Teilen erzählt die „Zerbrechlichkeit der Welt“ abwechselnd aus der Perspektive der drei Hauptpersonen, Brink, Michiko und Hideki. Die Geschichte wird ruhig und sehr atmosphärisch beschrieben und manchmal ist man als Leser erstaunt, was für wunderschöne, bildhafte und gleichzeitig hauchzarte Worte der Autor für zum Teil ganz einfache Begebenheiten findet.

In den einzelnen Kapiteln begleitet der Leser jeweils eine der Hauptfiguren und verfolgt so das Geschehen der Reihe nach, aber immer wieder aus einem anderen Blickwinkel heraus. Nicht allen Autoren gelingt der Übergang von einem Kapitel zum nächsten und einer Figur zur nächsten so fließend wie Kees van Beijnum. Denn auch wenn sich die Figuren an ganz anderen Orten und in ganz anderen Situationen befinden, schafft er es doch immer, eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen und oft fügen sich der jeweils letzte und erste Satz der aufeinanderfolgenden Kapitel so zusammen, dass sie an Übergange in einem Kinofilm denken lassen.


„Die Zerbrechlichkeit der Welt“ erzählt keine romantische, „verzärtelte“ Liebesgeschichte, sondern vielmehr von einem Land im Umbruch, in der die Personen aufgrund unterschiedlicher Schicksale und Erfahrungen mit ihrer eigenen Identität zu kämpfen haben. Fast jeder hat etwas oder jemanden verloren, es herrscht Unverständnis, Egoismus und Korruption und inmitten all dieser Wirrnisse und Missstände schreitet das Leben unbarmherzig voran. Der Roman schildert eindrücklich, was ein Mensch zu geben bereit ist, auch wenn er am Abgrund steht. Besonders Michiko und Hideki müssen einiges erdulden und zeigen dennoch bewundernswert viel Stärke und Mut.

Auch wenn „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ an ein paar Stellen Längen aufweist, in denen viel erzählt wird, was man sicher auch hätte kürzer verfassen können, hat mich das Buch sehr positiv überrascht. Besonders der Ton und die klare Eleganz mit denen der Autor auch trostlose Situationen auf wundersam schöne Art und Weise beschreibt, haben mich begeistert. „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ trägt den Leser bis zum letzten Satz durch das Japan der Nachkriegszeit und hinterlässt eine gewisse angenehme Melancholie diesen Ort und die Figuren verlassen zu müssen.

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