Ken Krimstein

 4 Sterne bei 6 Bewertungen

Lebenslauf von Ken Krimstein

Ken Krimsteins Cartoons erscheinen im ›New Yorker‹, in ›Punch‹, dem ›Wall Street Journal‹ und vielen anderen. Er unterrichtet an der DePaul-Universität in Chicago und ist Kreativdirektor einer Werbeagentur.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Ken Krimstein

Cover des Buches Die drei Leben der Hannah Arendt (ISBN:9783423282086)

Die drei Leben der Hannah Arendt

 (6)
Erschienen am 15.11.2019

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Rezension zu "Die drei Leben der Hannah Arendt" von Ken Krimstein

Am Leben zu sein und zu denken ist ein und dasselbe...
pardenvor 4 Tagen

AM LEBEN ZU SEIN UND ZU DENKEN IST EIN UND DASSELBE...

Hannah Arendt: streitbare Jahrhundertdenkerin, zu früh, zu wütend, auf so einschüchternde Weise klug, zu jüdisch, nicht jüdisch genug. 1933 floh sie aus Nazi-Deutschland ins Exil, über Tschechien, Italien und die Schweiz zunächst nach Paris. Später dann in die USA. Von dort aus avancierte sie zu einer der großen Ikonen unserer Zeit. ›Die drei Leben der Hannah Arendt skizziert rasant und liebevoll ihren Lebensweg. 

Eine Biografie in der Darstellung einer Graphic Novel - dies schien mir ein reizvoller Ansatz, weshalb ich sehr gespannt war auf das Buch. Auf den ersten Blick war ich tatsächlich etwas enttäuscht, da die Zeichnungen wie rasch skizziert wirken, grob mal eben aufs Blatt geworfen, oberflächlich. Dann aber war ich erstaunt, wie aussagekräftig das ein oder andere Bild trotzdem ist - ein Eindruck, der sich im Laufe der Lektüre noch verschärfte.

Gehalten sind die Zeichnungen fast durchgehend in verschiedenen Grauschattierungen, als einziger Farbtupfer erscheint gelegentlich etwas Grün, fast immer die Person Hannah Arendt betreffend. Doch nicht nur Zeichnungen finden sich hier, sondern gelegentlich auch Fotos - teilweise als dezenter und fast ausgeblendeter Hintergrund für die darübergelegte zeichnerische Darstellung.

Ken Krimstein präsentiert das Leben, die Begegnungen, das Werk Hannah Arendts in der Chronologie des Geschehens, reißt dabei vieles jedoch nur an, was sich sicherlich zu vertiefen lohnen würde. Bis auf die wenigen Darstellungen als Kind erscheint Hannah Arendt auf jedem Bild mit der obligatorischen Zigarette - eigentlich ein Wunder, dass sie so alt wurde (1906-1975), dies aber mal nur so nebenher.

Bereits als Kind erscheint Hannah Arendt als intelligent, wissbergierig, neugierig, verstehen wollend, gleichzeitig aber auch als kompromisslos und konsequent. Ihr scheint es schon früh egal, was andere von ihr halten (außer vielleicht später ihre langjährige Liebe Martin Heidegger), sie geht ihren Weg, hat dabei aber auch das Glück, dass z.B. ihre Mutter ihr keine Vorwürfe macht, sondern die Konsequenzen solidarisch mitträgt.

Mit Martin Heidegger, dessen Vorlesungen sie besucht, verbindet Hannah Arendt eine tiefe langjährige und heimliche Liaison, die durch die Hinwendung Heideggers zum Nationalsozialismus und Hannah Arendts Flucht aus Deutschland ein Ende findet. Weitere Begegnungen sieht das Leben jedoch noch vor, und erst spät kann Hannah sich wirklich von der Liebe zu dem Philosophen losmachen, mit dem sie in philosophischer Hinsicht lange nach der einen Wahrheit gesucht hat.

Die Denkerin Hannah Arendt wird durch die Umstände des Krieges und der Verfolgung auch in der Praxis mit dem konfrontiert, was es heißt, Mensch zu sein, Entscheidungen zu treffen oder auch nicht, seinen Wertvorstellungen treu zu bleiben oder auch nicht, mit all den Grausamkeiten und Wahrheiten umgehen zu müssen. Ob im Internierungslager in Frankreich oder später im Exil in New York: die Folgen des Krieges lassen Hannah Arendt nicht los.

Nicht nur das Leben und die Begegnungen Hannah Arendts werden in dieser Graphic Novel skizziert - etwas überfordert fühlte ich mich da zuweilen vom nahezu infaltionären Gebrauch des Namedroppings, zumal mir viele der Namen tatsächlich nichts sagten - sondern es wird tatsächlich auch auf die philosophischen Ansätze Arendts eingegangen. Ich will jetzt nicht so weit gehen zu behaupten, diese nun umfassend verstanden zu haben, doch habe ich zumindest eine Idee davon bekommen, was damit gemeint sein könnte. Pluralität und Natalität vs. Totalitarismus und die 'Banalität des Bösen' sollen hier als Schlagworte genügen.

Insgesamt bietet diese Graphic Novel einen erstaunlich informativen Abriss - trotz des sicherlich geringeren Textanteils als in 'normalen' Biografien bilden für mich hier Text und Zeichnungen ein gelungenes und aufeinander abgestimmtes Ganzes, das tatsächlich ein recht umfassendes Bild vom Leben, Werk und den Ideen Hannah Arendts bietet.                        

In jedem Fall lädt die Graphic Novel ein, sich noch eingehender mit dieser interessanten Frau und ihren Denkansätzen auseinanderzusetzen...


© Parden  

Kommentare: 2
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Rezension zu "Die drei Leben der Hannah Arendt" von Ken Krimstein

Enttäuschend
Isabella_vor 8 Tagen

Das mit Arendt und mir war purer Zufall: Letztes Semester hatte ich ein Seminar, das sich mit Repräsentationen des Bösen auseinandersetzte, und für eine Stunde hatte der Dozent ein Kapitel aus Arendts Elementen und Ursprüngen totaler Herrschaft (1951; dt. 1955) vorgesehen. Der Text beeindruckte mich ungemein – die Präzision, mit der sie schrieb, die Aktualität ihrer Worte -, und noch vor Ende des Semesters hatte ich Die Freiheit, frei zu sein (ca. 1963; dt. 2018 posth.) gelesen und Über das Böse (1965; dt. 2006 posth.) noch dazu. (Für meine mündliche Prüfung war ich quasi übervorbereitet.) Arendt ließ mich nicht mehr los. Egal, was ich von ihr las, ich war immer wieder auf ein Neues überrascht, wie zugänglich ihre Worte doch waren. Dass sie sich nicht in Abstraktionen verloren, sondern ich tatsächlich etwas für meine Gegenwart daraus gewinnen konnte.

Lange Rede, kurzer Sinn: Als ich hörte, dass dtv eine Graphic Novel zu Hannah Arendt publizieren würde, war ich ziemlich aus dem Häuschen. Ich war gespannt, mehr über ihre biographischen Hintergründe zu lernen; gleichermaßen hoffte ich, dass sie dadurch neuen Leser_innen nahegebracht werden könnte. Ken Krimstein vermerkt in seinem Nachwort, er wollte „eine neue Leserschaft an Hannah Arendts bewegtes Leben heranführ[en]“ und sie dazu bringen, „sich direkt mit ihrem Denken auseinanderzusetzen.“ (Krimstein, Die drei Leben der Hannah Arendt, S. 234) Leider habe ich auch Tage nach Beenden der Graphic Novel immer noch nicht das Gefühl, dass er auch nur eines der beiden Ziele richtig erreicht hat.

Wenn ich ehrlich bin, erweckt ein Großteil der Graphic Novel den Eindruck, konsequent durch einen Male Gaze geschrieben und illustriert geworden zu sein. Krimstein erachtet es für erwähnenswert, dass Arendt nach ihrer Pubertät aus ihrem „Kokon“ (S. 25) schlüpft und stellt sie dementsprechend aufreizend dar. Auf derselben Seite muss er erwähnen und darstellen, mit wem und wann sie ihre Jungfräulichkeit verloren hat. Dass Arendt bei Jaspers studiert, wird in einem einzigen Panel erwähnt, was sehr verwunderlich ist, wo sie doch in ihrem berühmten vielzitierten Interview (1964) mit Günter Gaus damit schließt, dass Jaspers nicht nur ihren Zugang zu den Begriffen der Vernunft und der Freiheit entscheidend geprägt hat, sondern auch eine Art Vaterfigur für sie darstellte, nachdem ihr Vater früh gestorben war. Dass sie bei ihm ihre Dissertation zum Liebesbegriff bei Augustin schreibt – mit 22 Jahren! -, wird nicht thematisiert.

Überhaupt ist es faszinierend, wie wenig es in einer Graphic Novel über Arendts Leben tatsächlich um Arendt geht. Im Vordergrund steht neben einer beachtlichen Menge Namedropping all der ‚wichtigen‘ Männer, die ihr jemals begegnet sind, vor allem Martin Heidegger. Krimstein setzt sich dabei ausführlich mit Heideggers Philosophie auseinander (wenn auch so kryptisch, dass ich die Referenzen erst dann verstand, als ich in einem Seminar darüber lernte), vor allem aber mit der Beziehung zwischen Heidegger und Arendt. Neben zahlreichen Sexszenen – wo natürlich nur Arendt nackt gezeigt wird und Heidegger sittlich verhüllt bleibt – lenkt Krimstein vor allem das Augenmerk darauf, dass Arendt, egal, wann wie wo, nie von Heidegger loskommt, sich stets nach ihm sehnt, ihre Bedeutung von ihm abhängig macht. In demselben Panel, welches enthüllt, dass ihre Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft in über 40 Sprachen übersetzt wurden, wundert sie sich, nichts von Heidegger gehört zu haben, und fragt sich ernsthaft, ob ihr „Denken nicht weit, nicht tief genug“ (S. 171) ging. Dass Arendt lange mit ihrer Liebe zu Heidegger gerungen hat, ist richtig, aber warum sollte man ausgerechnet in diesem Moment den Fokus darauf legen? Damit wird das Bild einer Frau gezeichnet, die sich selbst in ihren größten Erfolgen einem Mann unterordnet, ihm hinterherweint – ein Bild, und das ist hier das ausschlaggebende Problem, das Krimsteins Interpretation und Fokussetzung entspringt und in seiner Häufigkeit und Nachdrücklichkeit ganz schön verzerrend wirkt und bei mir einfach nur einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen hat.

Arendt tritt damit in einem Buch, das vorrangig ihrem Leben gewidmet werden soll, größtenteils hinter den Männern in ihrem Leben zurück. Das geht so weit, dass Krimstein sogar mit der Ich-Perspektive bricht, um zu Heideggers Perspektive zu wechseln und darzustellen, wie sehr doch auch er sich nach Arendt sehnt. Zusammen mit einem Panel, in welchem Arendt sich Heidegger als Superheld imaginiert (vgl. S. 197), grenzt die Heidegger-Darstellung schon gefährlich nahe an eine Heroisierung. (Was nicht heißen soll, dass man Heideggers Werk aufgrund seines Bekenntnis zum NS nicht mehr rezipieren soll; aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Werk und der Person, und bei Krimstein sind die Darstellungen längst nicht mehr klar zuzuordnen.)

Was die Lektüre doppelt bitter macht, ist die Tatsache, dass Krimstein, wenn er sich denn mal Arendts Werk widmet, dies wirklich gut tut. Insbesondere von ihrer Vita activa (1958; dt. 1960) werden viele Kerngedanken aufgegriffen, aber auch der Eichmann-Prozess (1961), dem sie als Journalistin beiwohnte, wird präzise und kompetent erklärt. Dadurch liegt der Eindruck nahe, dass er sich bewusst dagegen entschieden hat, den Fokus stärker auf sie zu legen. Und das … ist traurig.

Krimsteins Zeichenstil gefällt mir grundsätzlich gut; er hat etwas Rustikales an sich, etwas Gehetztes, das gut zu der Geschichte passt. Leider sieht es manchmal so aus, als wären manche Zeichnungen mit copy und paste dupliziert worden, die dadurch etwas lieblos wirken. Krimstein schafft es jedoch, der Graphic Novel eine Atemlosigkeit zu verpassen, wodurch sie sich schnell lesen lässt. Und selbstverständlich gibt es die seltenen Momente, in denen Arendt im Vordergrund steht, wagemutige Fluchten auf sich nimmt und ihre eigenen philosophischen Ideen entwickelt, wo man als Leser_in daran erinnert wird, was für eine über die Maßen beeindruckende Denkerin Arendt doch war. In Anbetracht der anderen Kritikpunkte ist das jedoch ein schwacher Trost.

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